Das Erwachen an jenem Morgen fiel ihr schwer. Gisela hatte eine schlaflose Nacht in ihrem gemütlichen, warmen Schlafzimmer verbracht. Der heftige und ungerechte Streit mit ihrem Mann am Abend zuvor hatte sie zutiefst erschüttert. Es ging um seine Forderung, die Wohnung zu verkaufen und das Geld in ein windiges Geschäft zu stecken.
Sie stand auf, trank eine Tasse starken Kaffee und begann, die Sachen ihres Mannes in einen großen Reisekoffer zu packen. Erst dann bemerkte sie, dass sein Pass fehlte.
Also ist er tatsächlich allein gegangen. Umso besser, flüsterte sie, und heiße Tränen rollten unaufhaltsam über ihre Wangen.
Schon früher hatte ihr Mann nach jedem Streit gedroht, sie zu verlassen. Doch irgendwie hatte sich alles wieder beruhigt, und sie waren weiter ihren Wegen gegangen. Sie war inzwischen leitende Verkäuferin in einem Einkaufszentrum, während Heinrich sich mit zweifelhaften Gelegenheitsjobs durchschlug, immer auf der Suche nach dem großen Glück.
Dann war er mit seinem neuesten Plan gekommen: Sie sollten in ein Geschäft mit Weinbrand investieren, der angeblich in großen Fässern aus Georgien geliefert und in einer örtlichen Schnapsbrennerei abgefüll werden sollte. Er versicherte ihr, es gäbe bereits Absprachen, und die Brennerei würde mitmachen. Trotz seiner beteuerten Expertise weigerte sich Gisela strikt, in dieses dubiose Unternehmen einzusteigen, das jeder Logik widersprach.
Hinzu kam die enorme Summe, die für den Weinbrand gezahlt werden musste angeblich würde sich das Geld verdreifachen. Doch natürlich hatten sie das nicht, also sollte die Wohnung verkauft werden. Darüber war der Streit eskaliert.
Die Wohnung hatte Gisela von ihren Eltern geerbt. Selbstverständlich weigerte sie sich, sie zu verkaufen und am Ende obdachlos dazustehen. Heinrich nannte sie eine geizige Spielverderberin, sie stritten heftig, und er ging. Gisela wusste sogar, wohin. Zu seiner Ex-Frau Brigitte.
Brigitte hatte sich einst von Heinrich getrennt, war dann aber plötzlich wieder aufgetaucht, nachdem sie sich von ihrem reichen neuen Mann und den beiden gemeinsamen Kindern hatte scheiden lassen. Sie hatte Heinrich angerufen, ihn zu sich eingeladen. Er ging hin, angeblich aus alter Verbundenheit. Gisela hatte immer das Gefühl, wären da nicht die Kinder gewesen, wäre er längst zu Brigitte gezogen.
Doch jetzt empfand sie weder Eifersucht noch Wut. Nur stumpfe Gleichgültigkeit. Heinrich war weder als Ehemann noch als Mann zu etwas gekommen. Immer gab er vor, sich aufzuopfern, doch in Wirklichkeit suchte er nur nach einer Möglichkeit, schnell Kohle zu machen, wie er es selbst nannte. Nun gut dann gute Reise. Sollte sich seine Ex-Frau doch an seinem windigen Geschäft beteiligen.
Gisela wischte sich die Tränen ab, atmete tief durch und beschloss, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie würde keine Energie mehr für Heinrich und seine verrückten Ideen verschwenden. Die Wohnung blieb ihr, und ihre Zukunft lag in ihren eigenen Händen. Sie griff zum Telefon und rief ihre langjährige Freundin Monika an, die in einer großen Anwaltskanzlei arbeitete.
Monika, ich brauche Hilfe, sagte Gisela entschlossen. Heinrich ist gegangen, und ich möchte die Scheidung einreichen. Außerdem müssen wir prüfen, ob er mich in irgendwelche Schulden oder Betrügereien verwickelt hat.
Monika nahm sich sofort der Sache an. Innerhalb weniger Tage fand sie heraus, dass Heinrich tatsächlich versucht hatte, seinen Weinbrand-Schwindel durchzuziehen. Er hatte bereits fragwürdige Papiere mit Geschäftspartnern aus Georgien unterzeichnet und die Wohnung beleihen wollen. Doch ohne Giselas Unterschrift und Zustimmung hatten diese keinerlei rechtliche Gültigkeit.
Noch schlimmer: Monika entdeckte, dass Heinrich das Auto seines Vaters verpfändet hatte, um eine Anzahlung für das Geschäft zu erhalten. Wie er diesen strengen und hartnäckigen Mann dazu überredet hatte, blieb Gisela ein Rätsel. Ihr Schwiegervater, ein ehemaliger Militär, war verschlossen und wenig gesprächig. Was dieser Schlaumeier ihm wohl vorgelogen hatte, um an seinen BMW zu kommen?
Inzwischen hatte Heinrich, überzeugt von seinem genialen Plan, tatsächlich bei Brigitte Unterschlupf gefunden. Geschmeichelt von seiner Aufmerksamkeit, willigte sie ein, ihn zu unterstützen, und investierte sogar ihre Ersparnisse, die sie ihrem Ex-Mann abgerungen hatte.
Die Kinder schickte sie zu ihren Eltern, damit sie ihr nicht im Weg standen, während sie den Status quo wiederherstellte. Die Großmutter liebte die Enkel über alles mochte sie sich also vorerst um sie kümmern. Mal sehen, was daraus würde.
Heinrich versprach dieser Frau mit trüben Augen goldene Berge und begann eifrig, sein Geschäft oder besser gesagt: seinen Betrug voranzutreiben, um binnen weniger Monate reich zu werden. Für den Einkauf des Weinbrands lieh er sich Geld von verschiedenen leichtgläubigen Bekannten, die ebenfalls auf schnellen Erfolg hofften. Er zahlte eine beträchtliche Summe und wartete auf die Lieferung.
Doch bald stellte sich heraus, dass es keine Weinbrand-Fässer gab. Die georgischen Partner waren spurlos verschwunden, das Geld weg, und die Schnapsbrennerei tat so, als habe sie von nichts gewusst. Heinrich stand vor dem leeren Lagerhaus, das er angemietet hatte, und starrte auf den Betonboden, als könnte er dort die Antworten finden. Seine Hände zitterten, sein Blick war leer. Brigitte rief ihn an, verlangte ihr Geld zurück, schrie, flehte, drohte doch er hatte nichts. Die Kinder weigerten sich, mit ihm zu sprechen. Selbst sein Vater lehnte es ab, ihm ins Gesicht zu sehen.
Ein halbes Jahr später saß Heinrich in einer winzigen Wohnung am Stadtrand, jobbte gelegentlich als Kurierfahrer und trank billigen Schnaps, den er sich kaum leisten konnte. Gisela hörte durch eine gemeinsame Bekannte von seinem Schicksal doch sie spürte weder Mitleid noch Genugtuung. Nur Stille.
Sie hatte die Scheidung durchgesetzt, die Wohnung behalten, ihr Leben neu geordnet. Mit Monikas Hilfe investierte sie klug, kaufte ein kleines Geschäft, begann, sich weiterzubilden. Manchmal, bei klarem Morgenlicht, stand sie am Fenster, trank ihren Kaffee und atmete tief durch.
Es war vorbei. Und es war gut so.





