Mein echtes Leben
Ich ging nach Hause, wütend auf die ganze Welt. Außerdem tat mir die Hand weh heute war sie auf das Kinn dieses Schönlings Roman Klee gestoßen. Das Kinn hat gehalten, die Hand auch, aber die Nerven unserer Direktorin, Frau Dr. Erna Peters, nun, die wohl eher nicht. Die starrte entsetzt auf den jaulenden Klee im Schneehaufen, schrie und drohte, mich von der Berufsschule zu werfen.
Mir doch egal! Hört ihr? Mir ist das alles egal! Rita meine Freundin, die, die mich zum ersten Mal im Leben geküsst hat, bei deren Anblick ich immer Gänsehaut bekomme, bei der mir fast die Luft wegbleibt, wenn sie in meiner Nähe steht ausgerechnet Rita hat plötzlich etwas mit diesem Klee angefangen, und zwar so, dass ich es auf jeden Fall sehen musste. Wollte sie mich ärgern? Provozieren? Wartet sie auf mehr? Aber ich bin dafür einfach noch nicht bereit! So Schritt für Schritt, ich muss doch erst eine Wohnung finden, mich innerlich darauf vorbereiten Und Klee, der ist bestimmt immer bereit!
Diese schmierigen Gedanken ekelten mich selber an, ich spuckte aus leider auf meinen eigenen Sneaker. Super!
Das war, als hätte mir die Welt ins Gesicht gespuckt: Erst lockt sie, tanzt ein bisschen vor dir herum, reizt dich, und dann gibt sie dir eine schallende Ohrfeige, dass dir noch die Zähne wehtun. Oder schmerzen die vom Schlag von Klee? Egal.
Schluss jetzt! Es reicht! Es reicht!..
“Was was reicht?”, hörte ich plötzlich von der Seite, zuckte zusammen. Wahrscheinlich hatte ich die ganze Zeit schon vor mich hingemurmelt, denn unser Nachbar, Onkel Jürgen, sah mich ganz schön schief an. Da stand ich also plötzlich Zuhause. Dabei wollte ich erst wiederkommen, wenn ich halb erfroren bin, wie früher als Kind, wenn ich eine Sechs geschrieben hatte und dachte, mein Vater würde schimpfen. Ich schlurfte dann oft ewig durch die Kälte und als ich dann nach Hause kam, waren meine Eltern gar nicht da, sie waren im Theater. Ich hatte es vergessen. Umsonst fast erfroren…
“Wovon reichts denn eigentlich? Max, du bist heute durch den Wind, was?”, Onkel Jürgen stellte die riesige orangefarbene Schneeschaufel wie einen Wanderstab vor sich auf. Er schippt gerade seinen schwarzen SUV aus. Ich habe gehört, er hat eine Datscha im Taunus, Holzhaus, Sauna, Gästehäuschen, sogar ein Pool.
Aber das war nur Gerede so richtig wusste keiner, was er eigentlich hat. Jürgen Wolf, Single, immer busy, hat nie aus dem Nähkästchen geplaudert, lud niemanden nach Hause ein.
“Alles in Ordnung!”, knurrte ich und trat mit dem Fuß gegen einen Eisbrocken, verzog das Gesicht vor Schmerz. Der Brocken war stärker als ich, mein Fuß pochte, die Zehen taten weh, als hätte jemand mit Nadeln hineingestochen. Warum bin ich überhaupt in Sneakers los? Wie meine Mutter sagen würde: Ich hab keinen Kopf auf den Schultern. Da ist wirklich keiner mehr, schon seit Langem. Stattdessen ein brodelnder Kessel voller Gedanken an Rita, offen und heiß, mit solchen Details, wie ich sie nicht mal Rita selbst erzählen würde.
Eine Gruppe Touristen schob sich an uns vorbei, stolperte auf dem engen Gehweg. Rentner und Ehepaare aus Berlin auf der Suche nach den Sehenswürdigkeiten unseres beschaulichen Städtchens Taubenfeld. Die kommen sonntags im Bus, werden überall durchgeschleust und landen immer in der beliebten Kantine “Eiszeit, wo es saure Kartoffelsuppe und Gulasch aus dem Tontopf, danach heißen, berühmten Taubenfelder Tee gibt, nach unserem Städtchen benannt, schwimmend mit Johannisbeeren und Himbeeren im Glas. Dazu Piroggen und Plunder.
Und danach, wenn die Besucher ganz schläfrig sind und der Bauch rund, marschieren sie weiter zur Villa das einzige prächtige Gebäude hier, angeblich ein Überbleibsel der Gründerfamilie Taubenfeld, die damals um die Textilfabrik eine Siedlung gegründet hat. Genau hinter unserem Fünfgeschosser, im Hain.
Zwei Seitenflügel, ein Haupthaus mit drei Stockwerken, große Fenster, Kronleuchter, Spiegel, mit Samt bezogene Sessel, überall goldgefasste Ornamente, Gemälde eines bekannten Heimatmalers, Vasen auf Marmorsockeln, Parkett im Stil von anno dazumal das sehe ich jeden Tag von meinem Zimmerfenster aus, ganz umsonst.
Die Hauptstadtgäste dürfen ihren Eintritt zahlen und in Filzpantoffeln die Museumsaufsicht besteht drauf damit sie das teure Parkett nicht ruinieren…
“Vorsicht, junger Mann!”, sagte eine Dame im Pelzmantel mit rotem Fähnchen. Ihre Stimme piepsig ganz die Dozentin, vernarrt in alte Ornamente. Ich musste beinahe lachen. “Wie können Sie nur so an einem Baudenkmal vorbeilaufen, ohne Ehrfurcht? Die Mauern haben Grafen und Gräfinnen gesehen, das Pflaster hat das Hufgetrappel ihrer Pferde getragen na, ihrer Pferde natürlich, wissen Sie!”, sie holte Luft für den nächsten Redeanfall.
“Diese Mauern haben außer Flüchen der Bauarbeiter und Zigarettenkippen nichts gesehen!”, platzte es aus mir heraus. “Ihr ‘Erbe’ wurde vor fünf Jahren hochgezogen, davor stand hier nur ein Supermarkt, den Peter Spatz angezündet hat. Jetzt steht hier ‘Familienvilla’. Sie werden angeschwindelt und glauben das dann auch noch!”
Ich war mächtig stolz auf mich, der coole Wahrheitsverbreiter, doch die Frau starrte mich erschrocken an, zuckte, die Leute in ihrer Gruppe schmunzelten.
“Na, so was! Das ist ja eine Sehenswürdigkeit vielleicht ist hier alles in Taubenfeld nur Theater?!”, sagte einer. “Erzähl weiter, Junge!”
Doch da merkte ich, dass die Führerin plötzlich Tränen in den Augen hatte.
“Was tust du da, Max?!”, rief Onkel Jürgen und zog die Augenbrauen zusammen. “Das ist immerhin von der Stiftung Ach! Dir würd man gern mal den Hintern versohlen”
Er schwang die Hand, kehrte mir den Rücken zu und fegte Schnee vom SUV.
Damals wusste ich von Stiftungen, Fördergeldern und so nichts. Ich hatte den Kopf nur noch bei Rita. Die flirtete plötzlich mit Roman, dem Mädchenschwarm, ein Jahr älter, kann mit Mädchen umgehen, weiß, wann sie was hören wollen.
Ich nicht. Bei uns zuhause: Mein Vater hat meine Mutter nie besonders beachtet, nie umarmt, nie geküsst. Ich dachte immer, das sei normal, dass ich mal auch so werde, wenn Rita und ich in zwanzig Jahren noch zusammen sind. Aber dafür müsste ich ja mit ihr richtig umgehen, und ich bin hilflos, eher grob. Rita mag das nicht oder tut so.
So drehte ich mich in Gedanken um Rita, nicht um Stiftungen oder beleidigte Besucher.
Die Führerin schwenkte wütend ihr Fähnchen, trieb die murmelnden Touristen weiter. Wahrscheinlich erzählt sie denen jetzt irgendeine absurde Geschichte über mich. Na und!
“Ihr redet euch alles schön!”, rief ich ihnen noch hinterher. “Icke Berliner Kultur!”
Ich stapfte ins Haus. Onkel Jürgen schob weiter Schnee.
Im Flur standen plötzlich unsere beiden alten Koffer. Die, mit denen wir mal ans Meer gefahren waren.
“Mama! Fahren wir weg?”, brüllte ich ungehalten, warf Sneaker und triefende Socken auf den Boden. “Ich hab grad Wichtigeres als Socken-Zeremonien!”
“Ach, Max… du bists”, schaute meine Mutter zerstreut und kam auf mich zu. Ich hielt die Wange hin; sie küsste mich aber nicht. Sie wich mir aus, stopfte Mützen und Schals in den Koffer.
“Wohin willst du?”, fragte ich.
“Ich fahre weg, Max. Es reicht. Es ist aus. Siehst du das nicht? Ich hab genug!”, ihre Stimme schrillte wie die der Dame von vorhin.
“Genug von was?”
“Genug davon, dich und deinen Vater zu schonen, so tun, als wären wir eine Familie”, sie band sich den Schal zu.
“Waren wir das denn nicht?”, fragte ich leise.
“Bist du blind? Du und dein Vater habt ja immer euer eigenes Süppchen gekocht”, sie lachte bitter auf. “Ich sollte immer Verständnis haben, mich zurückhalten, nicht nerven… Ach, Schwamm drüber, mein Junge! Viktor und ich haben nur wegen seiner blöden Überzeugung zusammengelebt, das sei das Beste für dich. Volle Familie, Traditionen und so Mir war das alles egal! Ich hab nur gelitten meine besten Jahre verloren.”
“Sylvia!”, mein Vater kam aus dem Wohnzimmer, schaute mich an, nicht sie. “Du machst einen Fehler, Sylvia. Es lässt sich nicht zurückdrehen Lass uns tun, als gäbs die Koffer nicht, Max hilft mir beim Abendessen.”
“Macht, was ihr wollt!”, sie explodierte fast. “Lebt wie ihr könnt, aber ich werde endlich glücklich.” Eine Pause. “Nie wieder zu deiner Mutter fahren, so tun, als würde ich ihren ‘Zuckersüßen’ mögen! Nie wieder über deine Freunde lächeln und die blöden Witze nicken, das Gequatsche übers perfekte Gulasch hören!”
“Dann kommen halt neue Freunde, neue Vorträge. Du wechselst nur die Tapete, der Rest bleibt”, sagte mein Vater ruhig. “Und Gulasch wirst du nie können.”
Sie antwortete nicht, schleuderte ihm den Besen nach, verfehlte, zog sich die Wintermütze übers Gesicht und zerrte die Koffer raus.
“Mama…” Ich wollte noch was sagen, aber mein Vater packte meine Schulter.
Ich sah ihr hinterher sie bugsierte die Koffer rüber zum Wagen von Onkel Jürgen.
Ich: “Ich bring ihr die Handschuhe noch!”, meinte zu Papa, rannte raus und sah, wie Mama die Koffer in Onkel Jürgens SUV stapelte.
“Sorry, Junge… so ist es eben passiert”, murmelte Jürgen, sah mich nicht an, knallte den Kofferraum zu und stieg rein.
Ich warf die Handschuhe in den Schnee, Mama sammelte sie kniend auf.
Am liebsten hätte ich sie gestoßen, richtig reingedrückt in das Schlamassel, dass sie mal spürt, wie weh das tut. Ich vergaß sogar Rita…
Ich brachte es nicht fertig. Wahrscheinlich so erzogen…
Ich taumelte zurück, setzte mich in den Flur. Papa setzte sich zu mir, reichte mir eine offene Packung Chips.
“Wusstest du das? Wie lange schon? Warum hast du Jürgen nicht verprügelt? Warum hast du Mama nicht gehalten?”
“Schon länger. Ich wusste es. Und du weißt, ich schlage nicht gern. Wollte ich nicht.”
Er beantwortete alles einzeln, machte es aber nur undurchsichtiger. Dann, nach einem Seufzer:
“Anna Peters von der Schule hat angerufen du hast Ärger. Sie meinte, du wirst rausgeworfen. Stimmts?”
Ich schnaubte. Unsere Direktorin, die Frau Peters, ist einfach sehr nervös. Einfache Prügelei bedeutet für sie Weltuntergang, Kratzer am Ruf der Berufsschule. Bei uns gibts nur zwei Berufswege: Friseur oder ITler. Na toll. In der Hauptstadt, mehr als eine Stunde entfernt, gäbs Alternativen.
“Stimmt”, murmelte ich. “Wirft sie mich echt?”
Ich starrte auf meine zu großen, löchrigen Baggy-Jeans. Die wollte ich plötzlich verbrennen. In denen hab ich erfahren, dass Mama zum Nachbarn verschwindet. Ekelhaft.
“Sie möchte, dass ich mitkomme morgen, damit wir reden”, meinte Papa.
“Wohin sind sie eigentlich?”, fragte ich und zog mir die Hose runter, griff nach Jogginghosen.
“Mama? Keine Ahnung. Jürgen hat doch, glaube ich, irgendwo ein Haus? Aber was war denn überhaupt mit der Prügelei?”
“Ach, das war wegen Rita”, zuckte ich. “Die war doch immer meine, und heute blödelt sie mit Klee herum. Absichtlich. Ich hab sie angeschnauzt, sie meinte, ich wäre ein ‘Muttersöhnchen’, von mir komme nichts. Klee aber wäre der Typ, der was wagt. Ich hab ihn dann verprügelt. Und jetzt, ehrlich gesagt, will ich Rita gar nicht mehr. Überhaupt keine. Lebt man mit jemandem Jahre, und der verschwindet zu Nachbarn. Und du… Papa, du bist schwach! Ein anderer hätte wenigstens gekämpft! Oder es versucht! Lass mich in Ruhe ich ess nichts!”
Ich rauschte in mein Zimmer, knallte die Tür. Papa blieb mit den Chips da.
Abends roch die Wohnung nach Rührei und Wurst. Mein Magen knurrte.
“Max, komm essen”, klopfte Papa. “Hab gekocht”
Schön. Jetzt hat er ‘gekocht’. Was soll ich da jetzt?! Ich schlich nach Mitternacht, als alles im Haus still war, in die Küche. Dunkel. Ich trat gegen irgendwas Hartes (sein Schuh). Gewohnheit. Überall Chaos.
Auf dem Herd stand noch die Pfanne mit kaltem Rührei und erstarrtem Wurstfett Papa hatte mir extra was übrig gelassen. Erwartet, dass ich doch noch esse.
Ich aß direkt aus der Pfanne.
Im Flur ging das Licht an, Papa trottete ins Bad. Er wirkte wie ein alter Mann dabei ist er noch nicht mal fünfzig!
“Störe ich? Schlaflosigkeit…”, suchte er Gläser im Schrank. “Weißt du, wo Mama die Schnapsgläser hingetan hat?”
“Darfst du doch eh nicht”, runzelte ich die Stirn.
“Jetzt ist eh alles egal, Max. Wirklich alles jetzt.” Er zuckte resigniert.
“Nenn mich nicht Maxl. Wer hat sich dieses blöde Max überhaupt ausgedacht?!”
“Was ist daran schlimm?”, zuckte Papa die Schultern, fand sein Glas, schenkte sich zwei Fingerbreit ein, wie Opa es gemacht hat. “Bei mir Viktor. Seriös, offiziell. Wenn man will: Vickie, Viti, Viktorchen. Aber Max? Immer nur Kind.”
“Bei dir wollte Mama das so, dass der Name immer liebevoll klingt. Ich hatte nichts dagegen. Deine Mutter liebt dich sehr, was jetzt passiert, ist nur zwischen uns beiden”, sagte er plötzlich sehr eindringlich und wollte mich über den Kopf tätscheln. Ich wich aus.
“Ja klar! Deshalb hat sie ja so geweint beim Abschied!”, ätzte ich. “Dann schenk mir auch was ein.”
“Du überlebst das schon”, schnitt er ab.
“Wieso? Für dich ist das alles wohl leicht? Ich bin eure Ausrede. Mama ist mit dem Nachbarn abgehauen, und ihr tut so, als ginge mich das nichts an!”
“Keine Geheimnisse!”, schrie Papa und lief auf der engen Küche auf und ab.
“Mama hat dich”, wollte ich sagen, aber dann blieb ich still.
“Sie Es ist so: Deine Mama kannte Jürgen lange bevor ich überhaupt in Taubenfeld auftauchte. Er war ihr Freund, du weißt das. Ich kam nach dem Studium. Sylvia gefiel mir, noch immer eine schöne Frau, aber damals…! Ich wusste nicht, dass sie schon jemanden hatte, aber ich baggerte, stellte Treffen ‘zufällig’ her. Sie schmiss mich oft raus, war eiskalt. Dann musste Jürgen längere Zeit weg. Sylvia hatte ein Tief, und ich war einfach da. Das Wort ‘unterhalten’ klingt falsch. Ich war einfach da. Nach zwanzig Mal ging sie mit mir ins Kino, dann spazieren. Wir lachten, redeten schon anders als ihr heute, trotzdem keine Küsse im Kino. Das war damals anders.”
“Wieso?”, feixte ich.
“Damals war das einfach nicht drin, war Erziehungssache. Aber ich habe sie dann geküsst, an Silvester, auf der Ecke Nikolausstraße/Hauptstraße. Sie war leicht angeheitert, kam von Freunden nach Hause, ich begleitete sie. Und dann”
Ich goss mir Tee ein, so wie Mama es immer gemacht hatte.
“Und?”
“Wir gingen zu mir. Du bist alt genug. Irgendwann war Sylvia schwanger. Jürgen kam zurück, sie redeten, ich hatte Angst, sie würde dich Ich hab mit Jürgen sogar Prügel bekommen. Ich war mal nicht nur braver Viktor. Und Mama entschied sich für mich… Warum, weiß ich nicht. Vielleicht weil ich der Stärkere war? Deine Rita ist dann wohl auch nur ein Weibchen, such sich den Stärkeren aus? Oder ist der Klee stärker?”
Und Papa schenkte sich noch einen ein, presste die Hand an die Leber er darf nicht trinken. Mama hat ihn immer davon abgehalten.
“Mir ist Rita egal.”
“Mir war deine Mutter nicht egal. Ich hab wirklich versucht, dass sie vielleicht irgendwann mal glücklich wird. Sie hat gar nicht mehr zurückgeliebt. Aber: Wir wollten, dass du in einer heilen Familie groß wirst. Jürgen verschwand dann wieder. Für dich sollte alles normal sein. Du solltest dich nicht schämen…”
“Wofür schämen?! Mama ist zum Nachbarn abgehauen! Das ist euer Privatproblem. Ihr habt mir was vorgespielt, Familie gespielt! Bravo, Papa!”, klatschte ich zynisch aber mir war nicht nach Lachen. Es war als hätte jemand das gesamte Gewohnte zerfetzt und alles neu zusammengesetzt. Und nun?
“Heutzutage leben viele in Scheidung, schleppen die Kinder hin und her. Warum nicht ihr? Wäre doch ehrlicher gewesen!”
“Das wollte Jürgen nicht, und Mama wollte dich nicht bei mir lassen”.
Und plötzlich war es mir klar: In jedem von uns ist eine Spiralfeder. Manche dick und stabil, die halten den Druck der Welt aus. Andere sind dünner, werden zusammengedrückt und am Ende schnellen sie einfach los.
Bei Mama war die Spirale jetzt losgeschnappt. Es war ihr egal. Oder doch nicht? Sie hätte mich ja abtreiben können dann…
“Also bin ich schuld?”, mein Echo hallte in der viel zu großen Küche wider. Immer, wenn ich nervös war, klang meine Stimme piepsig. “Meinetwegen? Dann lasst mich auch in Ruhe! Ich hau ab dann müsst ihr keine Familie mehr spielen!”
Ich rannte in den Flur, schmiss die Jacke über, rein in die nassen Sneaker und raus.
Mein Vater rief noch, hing sogar im Fenster, aber ich drehte mich nicht um. Soll er doch! Die ganze Vergangenheit war gelogen! Ich dachte, da war Liebe alles nur Maskerade. Wegen mir.
Um mich herum nur Lügen! Selbst die Villa, die Frau mit dem Fahne, der scheinheilige Jürgen. Immer nett gegrüßt, aber als er dran war, wollte er mich nicht mal. Sind wilde Löwen eigentlich sanfter als Menschen?
Plötzlich stand ich vor Ritas Haus. Ich war nie drinnen, wir wohnten zwei Straßen weiter, aber so kam es nie dazu echte Liebe, was?
Am liebsten hätte ich sie angerufen: Mach, was du willst, ich bin raus! Es gibt keine Liebe, keine Familie, nur Wohngemeinschaften. Man lebt, damit irgendwer da ist: “Allein ist keiner glücklich” das sagte meine Oma immer, als Opa starb und sie zur Schwester nach Freiburg zog, die sie über Jahrzehnte kaum angerufen hatte.
Oder wie meine Eltern eben, die für mich zusammengeblieben sind. Ich war sechzehn, all die Jahre, nur Show.
Wahrscheinlich, wenn sie sagten “Wir gehen ins Theater”, gingen sie jeweils in ein anderes. Als ich im Ferienlager war und sie gemeinsam ans Meer fuhren, lag jeder irgendwo anders am Strand.
Ich wählte Ritas Nummer.
“Hallo! Rita, ich sags dir jetzt: Mach, was du willst, ist mir voll egal, verstanden? Von mir aus viel Spaß mit Klee! Ist mir wurscht! Kapiert?!”
Ich glaube, ich schrie. Rita sagte ganz leise, ich solle zu ihnen hochkommen.
“Was? Es ist drei Uhr morgens! Ich ”
“Max, meine Mutter ist krank… bitte, hilf mir…”, sie nannte den Code und die Wohnungsnummer.
Ich ging. Rita sonst so schick stand im Türrahmen, blass, in einer alten T-Shirt-Shorts, die Füße in uralten Pantoffeln mit Loch am großen Zeh.
“Was ist los?”, bellte ich. “Ruf einen Arzt! Was soll ich hier? Oder wart auf deinen Klee…”
“Die Ärzte waren schon da. Ich hab Angst, allein mit ihr. Bitte, entschuldige dich für heute”
“Für gestern. Ist mir alles egal! Was soll ich tun?”
Ich blieb kalt, damit Rita ja keine falschen Erwartungen bekam.
“Bleib einfach etwas hier. Ich gehe Medikamente holen habe Angst, sie jetzt allein zu lassen. Die Ärzte wollten sie ins Krankenhaus bringen, aber Mama wollte nicht. Max, warum warst du um diese Uhrzeit draußen?”
Rita schob mich ins Zimmer.
“Das ist meine Mama, Frau Vera Klein”
Ich blickte auf die Frau unter der Decke, die mich finster ansah.
“Rita! Warum bringst du DEN… DEN”
Wir erkannten uns die Dame mit der Fahne von neulich.
“Ach du meine Güte! Das Schicksal!”, meinte Vera Klein, lächelte plötzlich. “Gib Max doch mal einen Tee, Rita. Er ist durchgefroren.”
Zuhause war Rita ein bisschen anders weicher, verlegen, spielte an ihren Haaren.
“Okay. Mama, Max bleibt einen Moment, ich geh schnell in die Apotheke, ja? Max, wartest du?”
Ich riss ihr das Rezept grob aus der Hand, drängte sie beiseite.
“Ich mach das schon!”
Später erklärte Rita mir, warum sie hatte Angst, die Mutter könnte sie wäre fast gestorben.
Ich brachte die Medikamente zurück. Frau Klein bemerkte, dass ich sie nicht ansah.
“Schon gut! Sie hatten ja recht damals, ich habe die Leute in die Irre geführt. Die Berliner Besucher lieben diese märchenhaften Geschichten, kaufen Souvenirs und schwärmen. Es ist ein Geschäft. Ich bin eine Schummlerin. Ohne die Touristen könnten wir das Büro dichtmachen…”
“Entschuldigung”, murmelte ich. “Ich war unhöflich. Mussten Sie Ärger meinetwegen haben?”
Rita starrte mich an wie ein Uhu.
“DU? Wegen dir wurde meine Mutter gekündigt, sie hat Herzprobleme bekommen! Du bist echt der Letzte, Max! Hau ab! Danke für die Medizin, aber”
“Schluss jetzt, mein Schatz. Ich bin selbst schuld, immer so emotional. Max war in vielem ehrlich. Ihr Jungen könnt kompromisslos sein, schwarz-weiß. Mit den Jahren lernt man aber, Grautöne zu finden. Nicht richtig, nicht falsch. So ist es nun mal. Manchmal muss man lügen, um zu leben.”
“Ha! Schwindeln könnt ihr alle bestens. Rita! Warum heulst du denn gleich? Ach, lass mich “, mir fehlten die Worte.
Was tun, wenn Mädchen weinen? Papa tröstete Mama nie sie schmiegte sich in sich selbst zurück. Alles schwierig. Ich hatte Mist gebaut, jetzt gehts allen schlecht.
“Rita, ich war ein Idiot. Aber willst du wenigstens mit mir reden?”
Frau Klein nickte unauffällig. Rita verschwand in die Küche, klapperte mit Geschirr, zerbrach eine Tasse, ich fegte stumm die Scherben weg.
Wir tranken schweigend Tee. Ich verschluckte mich, Rita klopfte mir derb auf den Rücken.
“Das hat sie von ihrem Vater. Der war immer wie ein Bär zart ging bei ihm nie”, lächelte Frau Klein.
“Papa ist schon tot, seit drei Jahren. Jetzt sind wir allein. Und du glaub bloß nicht, dass ich dich brauche, kapiert?! Heute hast du einmal geholfen, das reicht!”
Ich ließ sie reden, zog meine nassen Kicks wieder an.
Rita begleitete mich nach draußen.
“Max, ist irgendwas passiert?”, fragte sie endlich.
“Mama ist weg, sie und Papa haben nur wegen mir zusammengelebt. Ich war ein Unfall. Jetzt ist sie beim Nachbarn”, erzählte ich. Was soll’s Rita kann ruhig denken, dass ich bestraft wurde vom Leben.
“Beim Nachbarn? Max, magst du vielleicht bleiben?” Rita lief rot an. “Schlaf im Zimmer von meinem Vater.”
Ich blieb tatsächlich. Ließ mich in sein Bett fallen, starrte an die Decke. Fremde Wohnung, fremder Raum. Gut so. Ich wusste eh nicht mehr, wo mein Leben war Vielleicht hatte ich nie ein wirkliches?
Papa rief ein paar Mal an, ich schrieb nur “alles okay, bin bei Freunden”. Langsam gewöhnte ich mich dran alles ist jetzt anders…
Dann lebten wir wie Automatik. Morgens Frühstück, jeder ging seiner Wege, abends Kartoffeln oder Nudeln, dann schlafen. Keine Dramen, keine Tränenreden. Das braucht keiner. Papa redete mit Frau Peters, brachte ihr sogar eine Flasche Sekt sie war milde.
Manchmal besuchte ich Rita, brachte ihrer Mutter Apfelsinen oder Tee-Gebäck mit. Reuegeschenke. Frau Klein war nie lange böse sie war wirklich warmherzig, erzählte viel über Städte und Bücher, das Leben. Ihre Führungen im Museum müssen toll sein. Rita hatte Glück mit dieser Mutter, echt! Ich auch mit Rita.
Nach zwei Monaten stand Mama wieder da. Zog ihre Koffer rein, warf den Schal aufs Regal.
“Ach, Max, bist du daheim? Hilf mir bitte mal mit dem Koffer.”
Ich runzelte die Stirn, ging aber weg.
“MAX! Ich hab was gesagt”
“Ruf deinen Jürgen. Frag den!”, konterte ich.
“Junge! So redest du nicht mit mir! Ich bin deine Mutter!”, beleidigt stampfte sie.
Mutter. Biologisch, laut Urkunde. Mehr nicht
Abends stritten sie und Papa auf der Küche ohne Ende. Mama heulte, bettelte, lästerte, nannte Papa einen Loser.
“Und, wie lief’s mit Jürgen? Nicht so der Traum, was?”, fragte Papa.
“Wir sind grundverschieden. Sein Haus ist zu groß, ich werd nicht fertig mit Putzen. Drei Hunde, ein Alabai, überall stinkts! Und dieser Intellektuelle! Das war ein Fehler, versteh doch! Zwischen uns Das war abgeflaut. Aber als Frau ich hab halt Gefühle Hab mich einfach getäuscht. Euch Männern verzeiht man das doch! Lass uns neu anfangen, Max weiß ja nix, oder?”
“Ich habs ihm erzählt. Er ist alt genug, Sylvia.”
“Du bist verrückt! Wie kannst du nur?!”, Mama tobte, schimpfte, holte aus, aber Papa hielt ihre Hand.
“Ich hab eine Wohnung gefunden. Ich ziehe aus. Du pack das hier allein”
Ich beschloss, mit Papa zu gehen.
Mama weinte, bettelte. Aber ich wollte nicht mit zu ihr. Einer muss der Schuldige sein. Vielleicht war Papa schuld eigentlich hatte er ja auch nur sein Glück gesucht. Doch am Ende ist das halt das Leben. Ich blieb bei ihm…
Als Rita und ich beschlossen zu heiraten, wollte ich eines: absolute Ehrlichkeit.
“Sobald du denkst, es reicht, sag es einfach. Versprochen?”
“Versprochen!”, antwortet sie.
Wir haben zwei Kinder. Und bis heute sagen wir nicht “Jetzt reichts”.
Ich bin dankbar dafür. Unser Leben ist das beste weil es echt ist.
Frau Klein arbeitet jetzt im Heimatmuseum, leitet einen Kurs zu Handwerkstraditionen und fährt im Sommer immer auf der Donau mit dem Schiff. Damals, mit sechzehn, habe ich ihr Leben ziemlich durcheinander gebracht. Jetzt mache ich das wieder gut. Neuerdings hat sie da einen Verehrer, Friedrich Müller, der mag Schifffahren und liest gerne Fontane. Hoffentlich klappt es mit ihm und Vera Klein Rita und ich wären froh.
Meine Mutter besuche ich ab und zu. Man kann sie nicht ausradieren, vergessen. Sie ist mein Ursprung. Ich habe kein Recht, sie fallen zu lassen. Verzeihen kann ich ihr noch nicht. Ich bin achtunddreißig…




