Ein Junge namens Sebastian ist verschwunden…
Na, was soll ich dir im neuen Jahr wünschen, meine Tochter? Gesundeit natürlich. Und dass dir das neue Jahr endlich einen guten Bräutigam beschert!
Ach Mama, das wünschst du doch jedes Jahr, winkte Anneliese gelangweilt ab.
Um ehrlich zu sein, hatten sie sich zum Silvester gar nicht erst schick gemacht. Wozu auch? Sie saßen sowieso nur zu zweit daheim.
Dabei hatten sie gekocht, als würde das halbe Viertel kommen!
So ist das immer: man schuftet stundenlang in der Küche, dann sitzt man zu zweit am opulent gedeckten Tisch und fragt sich für wen eigentlich all das? Die Antwort ist simpel: für sich selbst.
Auf dem Tisch brannten Kerzen, die Lichterkette glitzerte am Plastikbaum, draußen hörte man schon vereinzelt Raketen und Böller, und die Geschenke in Glanzpapier warteten unter den Nadeln darauf, um Mitternacht ausgepackt zu werden.
Die Mutter stocherte vorsichtig im Essen, während Anneliese beherzt zugriff. Zufrieden war sie mit ihrer Figur nie, aber Silvester ist Silvester! Und die Salate waren diesmal besonders gelungen: Traum, Tausendundeine Nacht, Kaiser.
Im Sechzehnstöcker wurden überall Partys gefeiert. Manche Fenster blinkten diskret, hinter anderen sah man Schatten vor dem blauen Licht des Fernsehers. Manche Fenster blieben dunkel entweder waren die Leute unterwegs oder hatten einfach keine Lust auf Silvester-Show.
Privatsache eben.
Es gab Wohnungen, in denen die Feierlaune überkochte. Dort knallten Balkontüren, Musik lief laut, ein Prosit jagte das andere, Gelächter erfüllte das Treppenhaus, der Sekt perlte, Kleider raschelten, und es roch nach Hoffnung, Tanne und Frost.
Einzig: Die Leute waren sich in diesem Haus komplett fremd. Schicksalsgemeinschaft, mehr nicht. Maximal kannte jemand die Nachbarn auf demselben Flur, aber einen Stock darüber oder darunter? Kaum.
Alle feierten denselben Silvester, aber jede Wohnung für sich jede nach ihrem eigenen Drehbuch.
Mutter und Tochter hattens bescheiden.
Na, was wünsch ich dir? Einen soliden Bräutigam sollst du finden, Tochter! Und Gesundheit!
Ach Mama, das hast du wirklich im Abo …, Anneliese schob sich schon wieder Salat in den Mund.
Mütterliche Wünsche sind halt die zuverlässigsten. Es ist einfach noch nicht so weit.
Anneliese aß Tausendundeine Nacht und schob sich ein paar Champignons rüber …
Oje …
In Wahrheit tat sie nur so, als sei das Essen Mittelpunkt des Abends um Mama und sich selbst aufzuheitern. Eigentlich grübelte sie gerade: Was wirkt wohl besser ein heimlich gemurmelter Mitternachtswunsch oder der ausgesprochene Segen einer Mutter? Denn gerade mal vor zehn Minuten hatte sie sich genau das gleiche gewünscht, was ihre Mutter ihr ratio-traditionell in Aussicht stellte.
Ach, wie viele Jahre schon!
Quatsch! Wünsche gehen eh nicht in Erfüllung. Wären Silvesterwünsche effektiv, würden alle vor Glück schäumen. Einer will im April einen Porsche, die andere eine Zinswende, der Nächste wünscht ein Fahrrad. Manche träumen von der Hochzeit, andere vom Untermietvertrag, wieder andere davon, einer bestimmten Person zu entkommen. Und dann gibts die, die sich einfach Gesundheit wünschen.
So viele Hoffnungen und Sehnsüchte nicht einmal die Hälfte erfüllt sich.
Anneliese wollte endlich jemanden treffen. Einfach erkennen, dass er DER Eine war. Im Idealfall heiraten. Seit Jahren schon wiederholt sie den Wunsch, aber bisher: Fehlanzeige.
Irgendwie ist das Ganze doch ein Fest der enttäuschten Erwartungen.
Noch nicht die Zeit …, hatte Mama gesagt.
Klar, die Uhr tickt! Sie war doch schon siebenundzwanzig und die Klassenkameradin hatte schon ein Kind auf der Grundschule. Tja, und der Gedanke am heutigen Silvesterabend: Ist das hier überhaupt noch Feiern?
Nicht mal hübsch gemacht. So lang gekocht und am Ende sitzt man da, startet synchron ins TV-Programm. Sogar die Trinksprüche kennt jeder auswendig. Und danach, kurz nach der Geschenkübergabe (die sowieso vorher abgesprochen war), sagt Mama wie immer Ich bin so müde und zieht sich in ihr Zimmer zurück, während Anneliese noch ein, zwei Stunden auf den berühmten blauen Bildschirm starrt, bis ihr auch die Augen zufallen.
Wie du ins neue Jahr gehst, so wird dein Jahr. Na danke.
Komm, lass uns wenigstens das Feuerwerk anschauen, schlug Anneliese vor.
Zieh dich warm an! Ich sehe es mir lieber ausm Fenster an. Die Leute ballern ihr Geld auch nur in die Luft
Anneliese warf sich ihren Daunenmantel über, trat raus auf den Balkon 8. Stock. Unten vorm Hauseingang: die Jugend, dabei jemand im Nikolaus-Kostüm, Tumult. Im Hof schossen Raketen los, von anderen Balkonen Musik und Stimmen.
Sie stand noch ein wenig, schaute die bunten Explosionen, dann zog es sie zurück in die warme Wohnung.
Damals, in unserem alten Haus, da haben wir alle gemeinsam gefeiert. Das waren noch Zeiten! Da hat man sich gekannt, ausgelassen getanzt! Musik aus offenen Fenstern, Akkordeon! DAS war Silvester! Und jetzt? winkte Mama Richtung menschenleeren Hof.
Die Nacht ging nach Plan nix Unvorhergesehenes. Mama verschwand früh ins Bett, Anneliese versprach, das restliche Essen später in den Kühlschrank zu räumen, mampfte ein paar Mandarinen und zappt durch Fernseh-Künstler und Instagram-Stories ihrer Freunde: Pärchen, Reisen, Familienfeste…
Irgendwie verging die Zeit diesmal ruckzuck. Gegen halb drei stand sie auf, räumte die Reste durch die Wohnung Richtung Küche. Abwasch verschob sie Mama würde morgen eh alles umsortieren.
Da, mitten im Flur mit einer Schüssel in der Hand, klopfte es vorsichtig an der Tür.
Sie spähte durch den Spion draußen ein Mann im weißen Hemd.
Wer ist da? flüsterte sie.
Ich äh, Sebastian, drehte seinen Kopf suchend, Anneliese glotzte vorsichtshalber noch mal.
Sebastian WER?
Er lehnte sich so dicht an die Tür, dass sie kaum noch etwas sah. Seine Stimme klang mitten durch das Schlüsselloch.
Sagen Sie, habe ich Silvester nicht hier gefeiert? Nein?
Nein, definitiv nicht hier! sagte sie bestimmt. Betrunkene Touristen fehlten ihr grade noch.
Oh, tut mir leid!
Er wirkte allerdings nicht übelst angetrunken; er klopfte noch an weitere Türen, nur einer der Nachbarn öffnete und wies ihn nach kurzem Gespräch wieder ab.
Er stand noch eine Weile hilflos im Flur, drückte sich an die Wand, wärmte sich mit verschränkten Armen, dann schlurfte er langsam die Treppe rauf.
Weniger trinken …, fiel ihr der Spruch aus einem alten Loriot-Sketch ein.
Doch die Neugier blieb. Anneliese schleppte das letzte Geschirr ins Wohnzimmer, hörte beim Vorbeilaufen, wie der Aufzug klingelte, spähte immer wieder hinaus wo steckt der Typ?
Wie kommt man so durcheinander, dass man nicht mehr weiß, in welcher Wohnung man Silvester verbracht hat? Und warum ohne Jacke? Mal eben zum Rauchen raus und prompt verirrt?
Völliger Quatsch
Wahrscheinlich hatte sich das längst erledigt. Und trotzdem: Ihr innerer Ermittler war geweckt. Sie machte sich auf, dem Flur Richtung obere Etagen zu folgen.
Nach ein paar Treppenabsätzen wollte sie schon umkehren und stieß plötzlich auf ihn. Er hockte zwischen 12. und 13. Stock in der Ecke, leicht zitternd und nur im Hemd
Ähm, haben Sie Ihre Leute gefunden?
Er fuhr erschrocken hoch.
Nein, leider nicht
Wen suchen Sie denn?
Weiß ich im Grunde selbst nicht …
Wie bitte?
Er rieb sich die Oberarme fror.
Also: Mein Kumpel hat mich eingeladen, also genau genommen seine Kollegen. Ich hab nicht mal gefragt, wie sie alle heißen. Dann hab ich die Nikitins noch zum Auto gebracht, musste deren Geschenkkarton helfen tragen. Familie, viele Kinder … Und dann sind sie einfach alle losgefahren!
Und dann?
Weg waren sie. Ich drehe mich um und kann mich partout nicht mehr erinnern: Weder an Stockwerk noch Wohnung noch Aufgang. Bin ich vielleicht sogar im falschen Hausflur?
Sie können doch bestimmt jemanden anrufen?
Handy hab ich liegen lassen. Sag ja, ich bin nur kurz raus da stand ich schon im Flur. Und dann mein Handy ist im Mantel, Mantel in der Garderobe. Alles in der Tasche. Tja.
Und die Nummer von Ihrem Freund wissen Sie nicht?
Er schüttelte den Kopf. Wäre sie ihm eingefallen, hätte er längst jemanden gebeten, das Telefon zu leihen.
Nur die Nummer meiner Mutter, aber die wohnt in Oberfranken.
Tja, jetzt stand sie da mit dem frierenden Kerl kein Serienmörder, eher ungeschickt-charmanter Pechvogel. Groß, sportlich, offenes Gesicht, ein bisschen naiv. Schlanker Schnitt, helle Augen, Grübchen im Kinn.
Okay. Kommen Sie doch erst mal mit rein, dann können Sie sich aufwärmen.
Sind Ihre Leute nicht böse?
Die schlafen längst extra in der Mehrzahl, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt.
Drinnen schälte er sich die Winterschuhe ab und glotzte erstmal auf den von Salaten vollgestellten Tisch.
Ich bin gerade am Aufräumen. Wollen Sie etwas essen?
Echt? Das wär nett
Er zitterte, während Anneliese den Wasserkocher anschmiss. Da fiel ihr etwas ein.
Ihren eigenen Handynummer wissen Sie sicher, oder?
Ja! Super Idee!
Sie rief seinen Anschluss an, aber kein Klingeln.
Klar. Akku alle. Hatte einen stressigen Tag, habs gar nicht geladen. Und das Handy mit dem Mantel im Flur bei der Party vergessen. Dumm.
Essen Sie einfach erst mal. Keine Hemmungen.
Offensichtlich ausgehungert, machte er sich über die Ente her. Währenddessen überlegte sie schon, wie sie helfen könnte.
Wissen Sie noch, wie viele Zimmer die Wohnung hatte?
Ja Drei Stück. Ganz sicher, war ein Dreizimmer.
Das schränkt die Suche ein! Nur 16 Dreizimmer-Wohnungen gibts im Aufgang auf der linken Seite. Wenns überhaupt der richtige Aufgang war …
Es tut mir auch echt leid. Klar hab ich was getrunken, aber mehr durchgefroren hat mich wieder nüchtern gemacht. Ich weiß wirklich nicht mal, auf welchem Parkplatz das Auto stand. Ich hab einfach nur geholfen, mit dem Nikitin-Kind gescherzt, das Geschenk abgestellt und naja jetzt steh ich hier.
Haben Sie denn einen Notfallplan?
Nicht wirklich. Ich kenn mich hier nicht aus. Sie könnten mir vielleicht noch Geld leihen für ein Taxi. Aber damit steh ich dann vor meiner eigenen Tür alle Schlüssel im Mantel, keine Telefonnummer, niemand macht am 1. Januar die Tür auf, ums Schloss zu reparieren. Und mein Handy hab ich ja wie gesagt vergessen
Anneliese überlegte. Für ihn wäre es am besten, die Feierwohnung zu finden.
Warten Sie unser Haus hat einen Chat für alle Nachbarn! Ja, nur nicht auf meinem Handy, das ist auf Mamas. Vielleicht können wir es dort versuchen, Ihre Leute zu finden.
Sie wohnen mit der Mutter?
Ja klar.
Ich dachte schon, das sind Ehemann und Kinder, die da schlafen. Nachher kommt ein wütender Gatte , jetzt, gut durchgeheizt, wurde er gesprächig.
Ich bin Single. Haben Sie keine Frau, die sich fragt, wo Sie bleiben?
Hatte mal. Hat sich vor vier Jahren erledigt. Und zwar gegenseitig. Jetzt lebe ich zur Miete.
Also, sitzenbleiben, Sebastian. Ich hole das Handy meiner Mutter.
Anneliese schlich auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer; klar, die Mutter wurde trotzdem wach.
Anna, was machst du bloß so spät noch? Geh endlich schlafen!
Ja Mama, nur noch schnell was, Anneliese schnappte sich das Handy heimlich.
Sebastian spülte in der Küche ab nun musste sie wohl mitmachen, um ihm abzusagen. Also Essen endlich weggeräumt, zusammen ins Wohnzimmer.
Im Chat gähnende Leere. Heute sind selbst die Deutschen in Gruppenchats nüchtern: man schreibt nur, wenn es wirklich sein muss. Nicht mal ein einziges Frohes Neues hatte bislang die Runde gemacht.
Und was nun ? Keine Ahnung, was ich schreiben soll.
Oh, sind Sie das da auf dem Bild? Sebastian entdeckte ein Porträt von Anneliese an der Wand.
Ich , sie wurde rot.
Hübsch … Aber was schreiben wir ins Chatfenster ? Der pure Unsinn fällt mir da ein.
Und die beiden denken sich Sprüche am laufenden Band aus, einer bescheuerter als der andere, lachen sich bald halbtot, versuchen die dümmsten Formulierungen bis Anneliese aus Versehen auf Senden drückt!
Frohes Neues zusammen! Achtung: Unser Haus hat einen vermissten Jungen, 29 Jahre, heißt Sebastian. Sucht die Leute, mit denen er Silvester gefeiert hat. Er erinnert sich an keine Wohnung und keine Telefonnummer. HILFE!
Mist!!!, jauchzte Anneliese hysterisch, Ich hab das echt geschickt!
Und wie! Sebastian starrte auf den Monitor.
Schnell löschen! Gib her!
Gerade, als sie greift, ploppt die erste Nachricht auf:
Sebastian-Schatz, das ist Wohnung 87, zweiter Aufgang, sechster Stock. Wir machen Mädelsabend, wir brauchen dringend einen Sebastian!
Leite die Nachricht an den ganzen Hauschat weiter. Sebastian, Kopf hoch! Nachbar*innen helfen!
Und schon ist der Aufruf bei allen Bewohnern der vier Aufgänge gelandet.
Es hagelt Nachrichten:
Sebastian, bring wenigstens Wodka mit, in 121 geht noch was!
Bin allein, hab Sekt, traurig Sebastian, willst du Gesellschaft?
Unruhe im Haus: Dritter Stunde keine Ruhe. Sogar der Aufzug rockt. Ladet mich doch ein!
Komm in Wohnung vier, Sebastian! Oma Ute.
Prosit, Hausgemeinschaft! Lang lebe Sebastian! Treffen uns im Hof und helfen beim Suchen!
Ich auch dabei! Wohnung 72.
Natürlich helfen wir gemeinsam!
Das ist mal ein Silvester! Auf in den Hof, gemeinsam suchen!
Sebastian, komm lieber zu uns 87, Mädelsabend!
Sie starrten bloß noch auf das Geschehen. Das ganze Haus schmilzt dahin vor Begeisterung, dem Unbekannten helfen zu dürfen. Jetzt ist das Chaos nicht mehr aufzuhalten: Ein Strom von Einladungen, Balkonrufe, Hofrufe, Lachen.
Sieht aus, als würden sich unten immer mehr Leute versammeln, lugt Anneliese auf den Hof.
Sebastian, raus mit dir!, ruft jemand.
Ich schätze, es ist Zeit. Oder?
Ja. Aber ohne daunen Jacke lasse ich dich nicht gehen! Zieh die von Mama an!
Irgendwann sind die beiden beim du angekommen, ganz selbstverständlich.
Sie fahren mit dem Fahrstuhl nach unten, blicken verlegen in den Spiegel. Anneliese im beigefarbenen Mantel, schwarze Mütze. Hinter ihr Sebastian im knallgrünen Mantel ihrer Mutter, etwas zu kurz an den Schultern.
Sie begegnen sich mit einem schnellen, funkelnden Blick. Anneliese wendet den Kopf ab und atmet tief durch, Sebastian ergreift ihre Hand, drückt sie kurz.
Da geht die Tür auf.
Seid ihr jetzt auch auf Sebastian-Suche? lacht eine Frau mittleren Alters mit Plastik-Krone auf dem Kopf.
Ich bin der verschollene Sebastian, stellt er sich brav vor.
Oh, 87 hätte dich bestimmt gern als Gast gehabt
Im Hof stellt die Frau ihn prompt als Star vor.
Leute, DAS ist Sebastian! Los, organisieren wir die Suche!
Aber im beschwipsten Trubel klappt Organisation nur mäßig: Einer schiebt Sebastian Sekt in die Hand, jemand bringt Bluetooth-Boxen, Musik knallt durch die Nachbarschaft. Plötzlich schneit noch ein Nikolaus mit Schneekönigin vorbei.
Sebastian wird umpingelt, Sekt und Schnäpse fließen. Kinder pesen im Hof. Auch die Hausbewohner der Nachbarblocks schnuppern rein.
Ab und zu versucht Sebastian, zu Anneliese durchzukommen, aber immer wieder wird er in neue Gespräch verwickelt, ihr zugeprostet, ignoriert. Anneliese steht lächelnd am Rande des Chaos.
Man glaubt es kaum! Der Hof leerte sich vor drei Stunden, jetzt feiert hier alles was Beine hat. Irgendwer greift ihren Arm, zieht sie in den Tanzkreis.
Sebastian! Hee! Sebastian!! ruft einer.
Viktor! Ich bin hier!
Sie kämpfen sich durch die Leute.
Gefunden! Gefunden! Hurra!! skandiert die Menge.
Anneliese sieht, wie Sebastian den Mutter-Mantel auszieht, seine Jacke wieder anzieht. Jetzt ist er Mittelpunkt, der Star der Party. Es war wirklich der falsche Aufgang gewesen; gefeiert hat er im dritten.
Die Mädels aus der 87 übertreffen sich in Flirtversuchen; alle bestens gelaunt Silvester halt…
Er hält den Mantel ihrer Mutter in der Hand, blickt suchend offensichtlich nach ihr. Sie will zu ihm, aber um ihn bildet sich sofort wieder ein Kreis Leute.
Sebastian! ruft sie, er lächelt und reicht ihr den Mantel über Köpfe hinweg. Er wollte ihr wohl etwas sagen, doch ein Typ mit Gitarre schirmt sie ab und stimmt zum Skandal im Sperrbezirk an.
Tja… Immerhin: Sebastian ist wieder bei seinen Freunden. Anneliese, immer noch halb durchgefroren, schleicht sich zurück in die Wohnung. Mama darf ruhig weiter schlafen.
Zuhause als erstes: alle Nachrichten in Mamas Handy löschen besser, sie weiß nichts von dem Aufruhr.
Später noch mal auf dem Balkon: Der Innenhof gleicht einem Volksfest. Sie glaubt, Sebastian sucht noch irgendwen mit Blicken…
Wen? Sie? Ach, Unsinn! Er hat jetzt zwanzig neue Freunde.
Da kommt Mama im Bademantel, über die Schulter ein Fleecedecke geworfen, auf den Balkon.
Ach, schlafst du noch nicht, Mama?
Ich dachte, ich hörte die Tür, bist du nochmal raus? sie blickt runter, Donnerwetter! Was für eine Sause! Wie früher. Wer das wohl organisiert hat?
Anneliese zuckt mit den Schultern.
Keine Ahnung.
Vielleicht haben die Leute nur einen Schubs gebraucht. Am Ende zählt das Gemeinschaftsgefühl. Gut, dass alles glimpflich ausgegangen ist ein bisschen Wehmut bleibt doch…
**
Am 1. Januar wacht Anneliese erst um elf Uhr auf. Mit einem Lächeln denkt sie an die vergangene Nacht. Vielleicht war dieses Silvester ein kleines bisschen besser als das letzte.
Mama macht sich schick für den jährlichen Besuch bei Freundin Doris. Tradition seit sie denken kann. Anneliese hilft beim Outfit: Mama will strahlen, braucht aber die Anneliese-Hand für den letzten Schliff.
Am 2. Januar steht Anneliese bei Uni-Freundin Anne draußen in deren halbfertigem Häuschen: Ehemann, zwei Kids, die Jüngste gerade zwei.
Als sie im Wohnzimmer einen kleinen Weihnachtsmann aus dem Mülleimer fischt, fragt sie erstaunt:
Was hat der Weihnachtsmann denn verbrochen?
Wo kommt der denn her? Anne hält den geschundenen Mann hoch, Der stand doch unterm Baum
War Milena, sagt Egon, der ältere Bruder, knapp.
Milena, zwei Jahre alt, hatte beim diesjährigen Kinderfest panisch Schreien bekommen, als ein leibhaftiger Weihnachtsmann dort auftauchte. Wieder zu Hause beförderte sie demonstrativ den Deko-Weihnachtsmann aus Plastikhütte in die Tonne Nachtrag!
Von solchen Familienbesuchen kehrt Anneliese stets erschöpft heim, kinderüberfrachtet, sehnsüchtig nach Ruhe aber immer auch mit etwas Neid: Anne hat das alles, Mann, Kind, Haus. Sie selbst?
Daheim erzählt sie Mama alle Neuigkeiten, zeigt Videos. Dann sinken sie auf die Couch, gucken einen ganz passablen Film.
Mamas Handy bimmelt unentwegt.
Das gibts doch nicht seit zwei Tagen keine Ruhe! jammert sie.
Noch Glückwünsche? gähnt Anneliese.
Ach was! Die Nachbarn flippen weiter aus. Wär fast geneigt, die Gruppe zu verlassen!
Ich kanns lautlos stellen.
Nee, dann krieg ich andere Nachrichten nicht mit. Dieser Aufruhr wegen irgendeines vermissten Mädchens
Was für ein Mädchen? Die Werbung ist vorbei, Anneliese schaltet wieder Ton ein.
Mama nuschelt bereits abwesend Richtung Fernseher:
Irgendeine war in der Silvesternacht verschwunden. Jetzt sucht der ganze Block nach ihr. Sebastian, irgendein Sebastian … schien ganz verzweifelt … dabei lacht sie gerade über den Film: Schau mal, sie haben sich endlich gefunden!
Anneliese dreht langsam den Kopf, dann greift sie zu Mamas Handy. Der Film ist vergessen. Sie scrollt hoch und findet die erste Nachricht von gestern.
Liebe Nachbarn! Sebastian, der an Silvester verloren ging, sucht nun das Mädchen, das ihn gerettet hat er fand sie ganz bezaubernd. Sie wohnt mit ihrer Mutter in einer Dreizimmerwohnung, Aufgang und Etage keine Ahnung, aber mittlere Etage, eindeutig hübsch und dunkelhaarig. Bitte helft ihm!
Es folgt ein humorvolles Durcheinander: Manche versuchen, die Nachricht noch mal nach oben zu schieben, andere tun so, als seien sie das rettende Mädchen, wieder andere schlagen eine Wohnungssuche per Megafon vor.
Die meisten nehmen’s witzig: Fragen frei nach Cinderella, ob das Mädchen eine Schuhgröße hinterlassen hätte, und wann die nächste Hof-Party sei.
Anna! Schau doch gleich kommts spannend, ruft Mama.
Ja, Mama … Ich glaube … ich bin das Mädchen, das gesucht wird.
Wie bitte? Wer sucht dich? Komm, gleich ist der Film zu Ende! Mama hört es schon gar nicht mehr.
Mit ratlosem Gesicht sieht sie ihre Tochter an.
Was ist los?
Vielleicht bin ich das gesuchte Mädchen …, murmelt Anneliese, ohne es zu glauben.
Ach Quatsch! Da wird eine gesucht, die nachts jemanden gerettet hat. Das warst du doch nicht Wir sind doch ganz normal hier, brav auf dem Sofa und dann, als sie Annes Gesicht sieht: Anna? Jetzt machst du mir aber Sorgen
Guck du deinen Film zu Ende, Mama … Erzähl mir später das Ende.
Anneliese schnappt Handy, hechtet ins eigene Zimmer. Von ihrem Handy aus hatten sie Sebastian angerufen der Anruf müsste zu finden sein …
Schnell schaut sie nach tatsächlich, ein Anruf von letzter Nacht. Herzklopfen.
Hallo?
Oh! Du? Dich haben wir gefunden! Ich war schon drauf und dran, wieder von Tür zu Tür zu wandern. Euer Haus ist verhext! Wie heißt du wirklich, schöne Unbekannte?
Anneliese.
Frohes neues Jahr, Anneliese! Und du kannst sicher sein diesmal geh ich nicht mehr verloren. Ich komm gleich vorbei.
Direkt … zu mir?
Genau. Und damit endlich Ruhe einkehrt im Haus-Chat!
Anneliese lacht.
Bist du sicher, dass du das willst? Ich glaube, den Nachbarn macht das Suchen richtig Spaß …
Beide lachen. Ja, die Leute freuen sich, endlich wieder gemeinschaftlich etwas großes zu machen.
Gespräch beendet Sebastian ist auf dem Weg.
Da taucht auch schon Mutter auf.
Film ist aus. Du hast das Beste verpasst! Was ist passiert?
Mama, du hast mir doch dieses Jahr einen Bräutigam gewünscht. Und ich glaube, das fängt schon ziemlich gut an.
Einen … Bräutigam? Ich versteh gerade gar nichts
Wer weiß schon, warum Wünsche wahr werden wegen dem Mitternachtsgeflüster oder dem mütterlichen Segen? Oder weil das Leben manchmal einfach so spielt?
Oder wars ein Wunder? Silvester ist schließlich das Fest der Wünsche und der Hoffnung, dass sie wirklich in Erfüllung gehen.



