Mama wartet nicht mehr
Johanna legte den Hörer auf, bevor ihre Mutter überhaupt zu Ende sprechen konnte. Es war Freitagabend, sie kam gerade von der Arbeit zurück und hatte noch nicht einmal die Schuhe ausgezogen. Das Telefon lag auf der Kommode im Flur, und die Stimme der Mutter klang, als käme sie aus einem anderen Zimmer, aus einem anderen Leben.
Hannelore, ich wollte nur sagen, mir ist heute wieder naja, nicht besonders. Der Blutdruck, vermutlich, oder
Mama, sagte Johanna sachlich, ich bin gerade erst von der Arbeit gekommen. Ich bin müde. Können wir morgen reden?
Ich wollte doch nur
Morgen, Mama. Tschüss.
Dann drückte sie auf Auflegen.
Sie setzte sich auf die kleine Bank neben der Tür, zog den linken Schuh aus und starrte ins Leere. Gedanken kreisten um die missglückte Teamsitzung, darüber, dass Thomas wieder alles in der Küche stehen gelassen hatte, und dass sie ihre Tochter Annike anrufen musste, um zu erfahren, wie es mit der Studienbewerbung läuft. Mama und ihr Blutdruck rutschten an den Rand ihrer Gedanken, wie das leise Quietschen an der alten Heizung etwas, das man hört und nicht hört, gleichzeitig.
Am nächsten Morgen rief Frau Kramer, die Nachbarin, an.
Frau Schuster, kommen Sie her? Also der Notarzt war schon da. Ihrer Mutter gings nachts schlecht, sie haben sie abgeholt. Ich ruf Sie an, weil sie drum gebeten hat, für den Fall, Sie wissen schon.
Johanna hörte zu und sah gleichzeitig den Küchentisch vor sich: die Tasse mit dem kalten Kaffee, Thomas mit der Zeitung. Sehr nah, ganz real. Frau Kramers Worte drangen wie durch sie hindurch.
In welches Krankenhaus? fragte sie ruhig, sachlich.
Dass sie so ruhig war, wunderte sie später noch selbst.
Ihre Mutter. Irene Schuster. Achtundsechzig, wohnte allein in einer Zweizimmerwohnung in der Lindenstraße, einer Kleinstadt namens Grabenheim, drei Stunden von München entfernt. Johanna war vor fünfundzwanzig Jahren weggezogen, und seitdem war Grabenheim für sie irgendetwas zwischen Vergangenheit und Pflicht. Keine Heimat. Kein Zuhause. Ein Ort, an den man zu Feiertagen fährt, weil das so sein muss.
Vater starb früh. Da war Johanna elf. Mutter arbeitete erst bei der Post, dann in der Schulkantine, später im Kindergarten als Helferin. Sie zählten das Geld, aber hungern mussten sie nicht. Ihre Mutter war die Sorte Mensch, die aus drei Kartoffeln und einem Bund Petersilie ein Mittagessen zaubern konnte.
Johanna wuchs auf und ging weg. Für sie war das der einzig richtige Schritt. Sie wurde an der Münchner Uni angenommen, traf dort Thomas und blieb. Erst ein Zimmer, dann eine Wohnung, schließlich ein Kredit fürs Eigenheim. Das Leben ging stetig voran, es blieb kein Platz für Rückblicke.
Anfangs meldete sich Mutter selten. Dann immer öfter. Bald täglich.
Genau das war das Problem, fand Johanna.
Nicht, dass Mutter krank war oder sich viel beklagte. Sie rief einfach so an. Hanni, heute hab ich Krautsuppe gekocht, Hanni, wie ist denn das Wetter bei euch?, Hanni, du weißt schon, im März hat Tante Lore Geburtstag. Gespräche ohne Inhalt, sie raubten Zeit. Johanna gewöhnte sich daran, sie abzukürzen, kurz zu antworten und zuerst aufzulegen.
Vor etwa zehn Jahren stellte sie für sich klar: Mama manipuliert. Das Wort reichte, um kein schlechtes Gewissen zu haben. Anruf zur falschen Zeit Manipulation. Ein Seufzer darüber, dass sie allein sei Manipulation. Ein Hinweis, sie habe Annike lange nicht gesehen natürlich Manipulation. Was sonst.
Ihre Freundin Petra, seit dem Studium, hatte einmal vorsichtig gefragt:
Hanni, hast du nicht mal dran gedacht, dass sie vielleicht einfach einsam ist?
Petra, die ist dreimal am Tag einsam. Das ist ihr Hobby. Ich kann doch nicht ständig alles stehen und liegen lassen und hinfahren, damit sie sich weniger einsam fühlt.
Petra schwieg. Sie stritten selten.
Am nächsten Tag fuhr Johanna mittags los. Zwei einhalb Stunden, sie nahm das Auto, Thomas blieb wegen eigener Termine. Grabenheim empfing sie mit grauem Himmel und feuchtem Laubgeruch, obwohl es eigentlich schon Mitte Oktober war. Johanna parkte vor dem Krankenhaus, blieb noch einen Moment im Wagen sitzen. Sie konnte nicht sagen, warum sie zögerte. Sie brauchte einfach noch eine Minute in ihrer eigenen, kontrollierten Welt.
Im Gang der Inneren roch es nach Desinfektionsmittel und leicht säuerlich. Die Schwester am Tresen erklärte, Irene Schuster, Zimmer drei, Zustand stabil, sie könne direkt rein.
Mutter lag am Fenster. Ihr Gesicht sah so aus, dass Johanna im Türrahmen stehenblieb. Nicht weil es beängstigend war eher im Gegenteil. Sie wirkte klein. Sehr klein, unter der Krankenhausdecke mit dem blauweißen Karomuster, Infusion im Arm, die Haare ungekämmt.
Hanni, sagte die Mutter ohne Vorwurf, ohne Erleichterung. Nur der Name.
Hallo Mama. Johanna legte die Tasche auf den Stuhl, küsste sie auf die Stirn. Wie gehts dir?
Schon gut. Sie sagen, die Gefäße. Irgendwas leiten nicht richtig durch. Die Mutter machte eine vage Handbewegung. Schwindelig, und dann kam ich nicht hoch.
Seit wann ist das so?
Ich merke das schon länger. Drei Monate vielleicht.
Drei Monate? Johanna sah auf. Warum hast du nichts gesagt?
Mutter blickte zum Fenster hinaus.
Habe ich. Du warst beschäftigt.
Da war es. Johanna spürte das alte, vertraute Genervtsein, das sie mit neutralem Tonfall versteckte.
Mama, du redest immer vom Blutdruck. Ich dachte nicht, dass das ernst ist.
Ich auch nicht.
Das Gespräch versiegte. Draußen Himmel in milchigem Weiß und kahlen Ästen.
Drei Tage blieb Johanna. Morgens ins Krankenhaus, abends in die Wohnung der Mutter. Es roch dort nach altem Holz und Geranien. Sie schlief auf dem alten Sofa wie als Kind. Im Kühlschrank lag noch, was Mutter vorbereitet hatte: gekochte Eier im Topf, Quark in einer Schale mit Unterteller, Sauerkraut im Glas. Alles beschriftet, alles abgepackt. Für Hanni, stand auf dem Sauerkrautglas. Offenbar war Mutter davon ausgegangen, dass die Tochter wiederkommt.
Am dritten Tag saß Johanna am Bett, las den Medikamentenplan, den der Arzt geschrieben hatte. Dr. Andreas Stark, jung, mit wachen Augen, erklärte alles klar und ohne Umschweife: Stenose der Hirnarterien, nichts ganz Neues, kontrollierte Medikamente nötig, alles ruhig, aber nicht auf die leichte Schulter nehmen.
Mama, hast du überhaupt was genommen?
Blutdrucktabletten. Die, die Berta empfohlen hat.
Berta das ist die Nachbarin, kein Arzt, sagte Johanna schärfer als beabsichtigt.
Ich weiß, dass sie keine Ärztin ist, antwortete Mutter leise. Aber du warst ja nicht da
Du hättest den Hausarzt rufen können, du weißt wie das geht.
Weiß ich, Hanni.
Wieder diese Stille.
Am vierten Tag fuhr Johanna früh ab. Legte Geld auf den Tisch, einen Zettel mit Medikamentenplan und Notiznummer von Dr. Stark. Das Blatt beschwerte sie mit einem Glas.
Im Auto dachte sie: Eigentlich hätte ich noch einen Tag bleiben sollen. Nein, Thomas wartet und bei der Arbeit stapelt sich alles.
Dann fuhr sie.
Der Herbst zog sich der November war nass, grau, das Licht niedrig. Johanna arbeitete viel: Lehrerin an einer Münchner Privatschule, Englisch und Deutsch, Konferenzen, Elterngespräche, Orga-Kram. Sie kam müde heim, schaltete den Fernseher ein, um einfach abzustellen.
Ihre Mutter rief weiter an. Johanna nahm ab, redete kurz, legte zuerst auf. Mutter erzählte jetzt mehr von Tabletten: die habe sie genommen, die vergessen, die sind zu teuer. Johanna überwies monatlich mehr als früher.
Einmal fragte die Mutter:
Hanni, kommst du mal am Wochenende? Einfach so, ohne Anlass.
Mama, Annike kommt aus Hamburg.
Umso schöner, dann seh ich sie auch mal.
Ein andermal, Mama.
Pause.
Gut, Hanni. Bleib gesund.
Im Februar rief Dr. Stark persönlich an. Ungewöhnlich.
Frau Schuster, ich habe Ihre Nummer im Handy Ihrer Mutter gefunden, sie war einverstanden. Ich wollte Sie mal direkt sprechen, wenn Sie erlauben.
Ja, bitte.
Wir haben nochmals untersucht. Es ist ernster als im Oktober. Es gibt Veränderungen am Herzmuskel. Nicht akut, aber behandlungsbedürftig. Es ist wichtig, dass jemand Medikamente kontrolliert und sie nicht allein ist.
Sie nimmt ihre Tabletten, sagte Johanna.
Nicht immer. Sie vergisst es, sagt sie. Und sie ist insgesamt stiller geworden. Solche Patienten machen mir Sorgen.
Johanna schwieg kurz.
Was heißt stiller?
Früher sprach sie öfter von Ihnen, Tochter kommt, Enkelin ruft an. Jetzt: Alle sind beschäftigt, jeder hat sein Leben. Verstehen Sie, was ich meine?
Ja, sie verstand. Genau so, wie man Dinge versteht, die man längst weiß, aber nie ausspricht.
Ich versuche zu kommen, sagte Johanna.
Sehr gut, sagte Dr. Stark. Ihre Mutter ist eine feine Frau. Ruhig. Hat immer gefragt, ob sie nicht stört.
Nach dem Gespräch saß Johanna lange am Fenster. Draußen der Februargarten, karge Bäume, schmutziger Schnee, Straßenlaterne. Sie dachte daran, dass Mutter wirklich weniger telefonierte. Anfangs als Fortschritt empfunden endlich nicht mehr so viel Aufhebens. Jetzt klang diese Stille anders.
Sie rief an.
Mama, wie gehts?
Gut, Hanni, trinke gerade Tee.
Nimmst du die Tabletten?
Nimm ich, nimm ich.
Mama, Dr. Stark hat mich angerufen.
Pause.
Das hätte er nicht tun sollen. Ich hab ihm gesagt, er soll dich in Ruhe lassen.
Das ist sein Beruf, Mama. Er sagt, das Herz
Ach, Unsinn. Übertreibt doch.
Übertreibe ich nicht. Warum sagst du mir denn nichts?
Hanni, du hast genug zu tun. Warum dich noch damit belasten?
Das Wort belasten war fremd. Wahrscheinlich hatte sie es irgendwo aufgeschnappt. Johanna lächelte kurz.
Du bist keine Last, Mama.
Weiß ich. Du bist ein gutes Kind, Hanni. Mach dir keine Sorgen.
Im März fuhr Johanna. Langes Wochenende, allein. Thomas blieb, seine Eltern kamen aus Regensburg, das war halt so.
Mutter öffnete die Tür. Sah etwas schmaler aus, oder es lag am zu großen Hausmantel. Lächelte, erfreut, ohne Aufheben.
Zieh dich aus, ich mach dir Tee.
In der Küche war alles ordentlich. Drei Töpfe Geranien am Fensterbrett, eine blühte zartrosa. Johanna setzte sich, spürte eine Müdigkeit, die nicht vom Fahren kam. Wie wenn man lange nicht an einem Ort war, dann zurückkehrt und merkt, dass es noch da ist.
Wie gehts Annike? Mutter stellte die Tassen hin.
Gut. Sie ist jetzt im Praxissemester.
Eine schöne junge Frau. Sie sieht dir ähnlich.
Sagen viele, sie sei wie Thomas.
Nein, Mutter schüttelte überzeugt den Kopf, deine Nase, und dein Charakter.
Johanna lachte. Ganz von selbst.
Sie sprachen lange. Über Nachbarin Frau Kramer, deren Enkel heiraten wollte, dass es nun endlich besseren Quark im Supermarkt gibt, und der Frühling schon früh ist. Mutter erzählte ohne diese frühere Anhänglichkeit, die Johanna genervt hatte. Sie hielt den Gesprächsfaden nicht fest. Sie erzählte einfach.
Nachts lag Johanna auf dem Sofa und starrte die Decke an. Es war sehr still. Sie hörte den ruhigen Atem der Mutter nebenan.
Johanna dachte: Mama ist alt geworden. Nicht Falten oder Langsamkeit eher, als fehle etwas. Die Beharrlichkeit, die oft im Weg stand, war verschwunden.
Sie ist müde, dachte Johanna. Und das war eine schlichte Feststellung, aber dahinter lauerte etwas, das unbequem war.
Am Morgen frühstückten sie zusammen, Mama ruhte danach, und Johanna sortierte die Hausapotheke. Chaos: verschiedene Pillen, manche abgelaufen, manche angerissen, teils ohne Packungsbeilage. Johanna legte alles in Beutel, schrieb mit dickem Filzstift drauf, stellte einen Plan auf kariertem Papier auf. Ein Zettel an den Kühlschrank, einer ans Nachtkästchen.
Mutter schaute leise zu, etwas verlegen.
Musst du da so viel Zeit investieren, Hanni?
Muss man. Sonst weißt du nicht, was was ist.
Hin und wieder war ich schon durcheinander.
Also jetzt nicht mehr.
Mutter blickte auf ihre kleine, ordentliche Handschrift.
Dein Schriftbild war immer schön.
Du hast mich in der dritten Klasse das ganze Heft abschreiben lassen. Weißt du noch?
Weiß ich, Mutter lächelte. Du hast geschimpft, es sei langweilig.
Aber genützt hats.
Das war vielleicht das beste Gespräch seit Jahren. Unwichtig, aber warm.
Sonntags fuhr Johanna wieder. Mutter blieb an der Haustür stehen, winkte im kalten Wind, bis das Auto um die Ecke verschwand.
Die folgenden zwei Monate telefonierte Johanna öfter. Nicht täglich, aber fast. Fragte nach Tabletten, nach Blutdruck, ob sie bei Dr. Stark war. Mutter antwortete kurz und freundlich, ohne lang zu reden. Auch das war neu.
Ende Mai rief Frau Kramer an.
Frau Schuster, ich will Sie ja nicht beunruhigen, aber die letzten paar Tage wirkte Ihre Mutter schwach. Hab ihr Essen gebracht, sie hat wenig gegessen.
Sie hat mir nichts gesagt.
Sie wird nichts sagen. Sie hats nicht so mit Klagen.
Ja, das wusste Johanna. Dachte sie zumindest. Nun war das Wissen anders.
Sie rief sofort an.
Mama, was ist los?
Ach, nicht viel, Hanni. Kopfweh, das geht schon weg.
Du liegst im Bett?
Ein bisschen.
Seit wann schon?
Pause.
Zweiter Tag.
Mama. Warum hast du nicht angerufen?
Du bist so eingespannt. Ende Schuljahr, ich wusste, was bei dir jetzt los ist.
Mama! Johanna spürte, wie sich etwas in ihr regte, wie Ärger, aber anders. Du kannst nicht zwei Tage im Bett liegen und mir nichts sagen.
Ich dachte, es geht vorbei.
Ruf Dr. Stark an. Sofort, wenn wir aufgelegt haben, verstanden?
Ja, mach ich.
Danach rufst du mich zurück.
Nach einer Stunde meldete sich Mutter wieder. Sagte, Dr. Stark komme morgen. Sie klang erschöpft, aber gefasst.
Alles in Ordnung, Hanni. Kein Grund zur Sorge.
Ich komme am Freitag.
Nein, brauchst du doch nicht
Mama. Ich komme.
Freitag fuhr sie. Dr. Stark war schon da gewesen und hatte Medikamente umgestellt. Sagte ihr vertraulich im Treppenhaus:
Gut, dass Sie da sind. Für sie ist wichtig, dass jemand in der Nähe bleibt. Aus medizinischer Sicht ist es erstmal im Griff, aber Einsamkeit das macht auch etwas. Aufs Herz, auf die Gefäße. Kein Bild, das ist Biologie.
Johanna nickte.
Wir überlegen, ob sie vielleicht zu uns nach München ziehen sollte, sagte sie, ganz spontan.
Dr. Stark sah sie ernst an.
Das wäre gut. Aber nur, wenn sie es will. Für alte Menschen ist Umzug schwer. Alles ist vertraut hier. Sprechen Sie mit ihr.
Johanna ging ins Zimmer. Mutter lag mit Buch, Augen geschlossen. Johanna setzte sich.
Hanni? Hab gar nicht gehört, dass du reingekommen bist.
Hast du geschlafen?
Nein, lag nur da.
Johanna nahm ihre Hand. Warm, durchschnitten von Venen, mit dem goldenen Ehering, den sie seit Vaters Tod trug.
Mama, komm doch mit nach München.
Stille.
Wir haben Platz. Annikes Zimmer ist frei, sie ist in Hamburg. Da könntest du wohnen.
Warte sagte Mutter. Gib mir Bedenkzeit. Einfach so kann ich das nicht entscheiden.
Wieder Stille.
Willst du das überhaupt? fragte Mutter.
Ganz sachlich, ohne Wertung.
Ja, Mama. Ich will dich bei mir wissen.
Das ist nicht dasselbe wie wollen, sagte sie leise.
Stimmt. Aber ich will es auch. Ich sprechs nur schlecht aus.
Mutter drückte ihre Hand.
Gut, Hanni. Ich überlege es mir.
Zwei Monate überlegte sie. Sie rief Johanna an, fragte nach: Wie weit ist die Klinik? Gibts einen Park in der Nähe? Darf ich die Geranien mitbringen? Johanna beantwortete alles. Thomas nahms gelassen. Soll sie kommen, sagte er einfach, und Johanna war dafür sehr dankbar.
Im Juli rief Mutter an:
Gut, ich machs. Aber lass mich meine Sachen selber packen.
Beeil dich nur nicht, Mama.
Ende Juli fuhren sie, Johanna und Thomas. Die Wohnung in der Lindenstraße behielten sie erstmal. Frau Kramer wollte ein Auge draufhaben. Mutter strich durch die Zimmer, streichelte die Wände, schaute aus dem Fenster. Weinte nicht, aber Johanna sah, wie schwer es ihr fiel.
Willst du wirklich? fragte Johanna an der Tür.
Ja. Es reicht mit dem Alleinsein.
In den Wagen luden sie wenig: ein paar Kartons mit Geschirr, einen Stapel Bücher, Bettwäsche, drei Töpfe Geranien in Zeitung, ein Kruzifix im Holzrahmen, ein großes Foto vom Vater.
Johanna fuhr. Mutter saß daneben, schaute nach draußen. Grabenheim blieb zurück.
Hast du Angst? fragte Johanna.
Nein, sagte die Mutter. Es ist eher seltsam. Aber keine Angst.
Die ersten Wochen waren ungewohnt. Mutter mischte sich nicht ein, doch ihre Gegenwart veränderte alles. Ihr Cremegeruch abends, nächtliche Schritte in den Flur, das leise Geräusch des Fernsehers im Gästezimmer, das nun ihr Zimmer war.
Thomas kam damit gut zurecht. Manchmal saß er mit Mutter abends in der Küche, hörte ihr zu. Johanna merkte, dass sie sich mochten.
Im September kam Annike. Umarmte die Oma lang, zog Johanna auf den Balkon und fragte leise:
Mama, sieht sie nicht blass aus?
Wie meinst du?
Ich weiß nicht dünner und in den Augen irgendwas.
Vielleicht ist sie müde. Oder Das Alleinsein hat was mit ihr gemacht.
Annike schien das zu sehen, was Johanna lang nicht hatte wahrnehmen wollen. Denn irgendetwas war anders an Mutter. Nicht die Krankheit. Mehr so, wie Menschen werden, die lange allein waren.
Dr. Stark gab sie an eine Kollegin in München ab. Dr. Feldmann war jung, klar, sie verordnete weitere Untersuchungen. Die Ergebnisse kamen im Oktober.
Johanna begleitete Mutter in die Praxis. Frau Dr. Feldmann sprach sachlich: Die Gefäßveränderungen schreiten langsam, aber stetig. Das Herz braucht Unterstützung. Medikamente, Regelmäßigkeit, Einschränkungen.
Wie ernst ist das? fragte Johanna.
Ein chronischer Zustand. Mit Kontrolle und Therapie ist Lebensqualität möglich. Feldmann sah die Mutter an. Aber keine Eigenbehandlung mehr, alles bitte wie besprochen.
Mach ich, sagte Mutter leise.
Draußen nahm Johanna ihren Arm. Oktober war trocken, kalt, Laub raschelte.
Wie gehts? fragte Johanna.
Gut. Alles nicht so schlimm, hat sie gesagt, oder?
Nein. Halte dich nur an den Plan.
Mach ich.
Sie gingen langsam. Mutter hielt sich am Arm, nicht wie jemand, der begleitet wird, sondern wie jemand, der einen Halt sucht.
Irgendwo auf dieser Münchner Straße spürte Johanna etwas, das sie nicht kannte. Keine Schuld, kein Mitleid. Tiefgründiger, als würde sie ein Bild, das sie früher aus einem Schritt Entfernung betrachtet hatte, plötzlich als Ganzes sehen.
Mutter war da. Sie hielt ihre Hand. Und Johanna wusste plötzlich: All diese Jahre, in denen sie Gespräche abwürgte und zuerst auflegte, hielt sich die Mutter nur. Keine Tricks. Sie hielt einfach nur durch.
Abends rief Johanna Petra an.
Ich muss dir was sagen.
Sag.
Weißt du noch, als du gefragt hast, ob Mama vielleicht einfach nur einsam ist?
Ja.
Du hattest recht.
Pause.
Hanni, sagte Petra vorsichtig.
Warte. Ich muss das nur mal sagen: Ich lag falsch. Ich dachte, ich wüsste genau Bescheid. Aber ich lag falsch.
Das kann jedem passieren.
Ja. Trotzdem. Ich war so überzeugt, ihr Verhalten zu durchschauen. Dabei wohnte sie allein und wollte mich einfach nicht stören.
Jetzt bist du bei ihr. Das ist entscheidend.
Ja Vielleicht. Aber das Vergangene bleibt eben.
Petra sagte nicht, es sei alles gut so. Johanna war ihr dafür dankbar.
Der Winter war ruhig. Mutter fügte sich ein in die Münchner Wohnung als gehöre sie dazu. Sie freundete sich mit Frau Schmitt vom fünften Stock an, ging mit ihr manchmal auf den Markt. Sie las viel, schaute abends gern Fernsehen, aber nicht lange. Tabletten nahm sie nach Plan.
Dennoch bemerkte Johanna, Mutter sprach kaum noch vom Früheren. Früher erzählte sie oft vom Vater, Nachbarn, Geschichten aus früheren Zeiten. Jetzt kam das selten. Als hätte sie ein Kapitel abgeschlossen.
Eines Nachts, im Januar, fand Johanna Mutter in der Küche. Sie saß still am Tisch, draußen leuchteten die Laternen, vor sich eine leere Tasse.
Mama, was ist?
Nichts, Hanni. Schlaflos. Geh, leg dich wieder hin.
Ich bleib. Johanna machte das Licht über dem Herd an, setzte Wasser auf, holte Tassen. Erzähl was.
Mutter sah sie lange an. Ihr Blick war tief, Johanna wusste nicht, was darin lag.
Was soll ich erzählen, Hanni?
Was du magst. Was dich wachhält.
Schweigen, dann:
Manchmal denke ich, ich wär besser dort geblieben. Nicht, weil es schlecht ist, es ist alles gut. Nur ich bin hier ein bisschen Gast, weißt du?
Du bist kein Gast.
Ich weiß, was du meinst. Aber das Gefühl bleibt.
Mama
Ist egal, Hanni. Das ist so ein Nachtgedanke, morgen siehts anders aus.
Der Tee war fertig. Sie tranken zusammen, schweigend. Und Johanna dachte: Diese Gespräche hätten sie schon viel früher führen sollen, nicht nur jetzt. Beziehungen zur Mutter, das ist nichts, was von allein geschieht. Das ist etwas, das man gestaltet wie Arbeit, das Aufmerksamkeit braucht.
Aber sie sprach das nicht aus. Sie blieb einfach sitzen, trank Tee und hörte die Stille.
Erzähl mir was von Papa, bat Johanna.
Mutter schaute zur Seite.
Papa?
Ja. Irgendwas, was ich nicht weiß. Du erinnerst dich doch an alles.
Und sie begann. Von der ersten Begegnung im Tanzlokal der Eisenbahner, wie er sich vor ihrem Vater fürchtete und nur Gartenblumen mitbrachte. Einmal fuhren sie mit der Bahn an den Bodensee und verpassten den Zug zurück, mussten auf der Bank schlafen, lachten die ganze Nacht.
Johanna hörte zu und dachte, sie wusste das alles eben doch nicht. Sie hatte gar nicht gefragt.
Im Frühjahr war Untersuchung. Frau Dr. Feldmann sagte: Entwicklung ist neutral nicht verschlechtert, das ist gut.
Mutter nahms gelassen.
Na, Gott sei Dank, sagte sie.
Johanna war erleichtert. Es war, als würde eine alte Spannung in ihrer Brust kleiner werden. Und zugleich brannte da das Bewusstsein: Sie hatte sich lange vorgemacht, die Mutter zu kennen. Glaubte, all ihre Spielchen durchschauen zu können. Das hatte sie Jahre gekostet, Jahre, die sie hätte bei ihrer Mutter sein können. Es nennt sich späte Reue zurückholen kann man das nicht. Nur jetzt da sein.
Johanna bemühte sich, gegen die alte Hast anzugehen. Wenn Mutter redete, legte sie nicht gleich auf. Es war kein Automatismus, es fiel ihr manchmal schwer, aber es wurde zur Routine.
Sie kochten abends auch mal gemeinsam. Mutter zeigte ihr das Rezept für Sauerampfersuppe, das Johanna nie so hinbekommen hatte. Das Geheimnis: Ein Löffel Tomatenmark am Ende.
Das ist alles?
Ja, grinste Mutter. Du hast immer zu schnell gemacht, nie richtig geschaut.
Das war kein Vorwurf einfach eine Tatsache.
Johanna nickte.
Jetzt schau ich.
Annike blieb den Sommer über einen Monat. Ihr Freund Paul kam mit. Mutter war gleich herzlich zu ihm, befragte ihn zu seinen Eltern, bewirtete ihn mit Gebäck. Paul war unkompliziert mit Mutter, und Johanna sah, wie ihr das guttat einfach Mensch zu sein, nicht Patientin.
Einmal im Sommer fuhren sie zu Petras Wochenendhaus. Mutter saß lang im Garten, betrachtete die Beete, bat dann um einen Spaten.
Mama, das ist doch nichts für dich
Ein bisschen geht, bestimmte sie.
Sie pflanzte ein paar Phlox-Pflänzchen an den Zaun. Langsam, aber allein. Dann richtete sie sich auf, betrachtete das Ergebnis.
Schön, sagte sie.
In solchen Momenten sah Johanna die Mutter, wie sie früher war. Nicht krank, nicht einsam, einfach sie.
Der Herbst kam rasch und mit ihm ein paar schwache Tage, etwas Fieber. Nichts Schlimmes, meinte Feldmann, nur Herbst. Mutter bat Johanna dann einmal, eine alte Kiste vom Schrank zu holen mit Briefen, Fotos, Dokumenten.
Gemeinsam nahmen sie alles durch. Vaters Briefe, vergilbt, mit Bleistift geschrieben. Kindheitsfotos von Johanna, die sie nicht kannte. Ein alter Kindergartenbeleg von 1979. Ein getrocknetes Maiglöckchen. Das hast du mir mit vier gepflückt, sagte Mutter, weil ich schön war.
Johanna hielt es lange in der Hand, legte es wieder zurück.
Mama, sagte sie leise,
Ja?
Du warst lange allein. Dafür bin ich schuld.
Mutter sah sie an.
Hanni, du bist nicht schuld. Du hast gelebt.
Ich sehs trotzdem so. Eins schließt das andere nicht aus.
Mutter schwieg kurz.
Weißt du, was mich am meisten gekränkt hat? Nicht, dass du selten kamst. Nicht, dass du so kurz angebunden warst. Mich tat weh, dass du mir nicht geglaubt hast. Du dachtest, ich bilde mir alles ein.
Ja. Das habe ich begriffen. Spät, aber doch.
Mutter nickte. Nahm einen Brief vom Vater, betrachtete ihn.
Er konnte schön schreiben. Hat das alles sich selbst beigebracht.
Ich weiß.
Du bist sehr wie er. Stolz.
Johanna antwortete nicht. Sie dachte, dass es bei Mutter und Tochter nie um Schuld oder Opfer geht. Zwei Menschen leben nebeneinander, jeder beschäftigt mit seiner eigenen Vorstellung vom anderen.
Mutter sah die Tochter, die so viel Leben wollte, dass kein Platz blieb für sie. Die Tochter sah die Mutter, die zu viel fragte. Beide irrten, beide hatten recht. So ist das unter Vertrauten, da kann kein Wort alles regeln.
Im November kam Schnee, blieb liegen. Mutter stand oft am Fenster und sagte, in Grabenheim sei der Schnee anders gewesen. Schwerer. Mehr davon.
Im Dezember kam Annike mit Paul zu Besuch. Sie schmückten gemeinsam den Baum. Mutter saß im Sessel, dirigierte die Kugeln. Johanna hörte das Lachen von Tochter, Schwiegersohn, Mutter das war ihre Familie, ganz und lebendig. Und es brauchte so wenig, um diese Fülle zu spüren und so viel, sie zu zerstören.
Sie feierten ruhig Silvester. Thomas machte Kartoffelsalat, Mutter buk ihre Walnussplätzchen. Um Mitternacht erhoben sie die Gläser. Mutter trank einen halben Sekt mit.
Auf uns. Dass wir beieinander sind.
Alle stießen an. Mutter blickte zur Lichterkette am Baum, und Johanna sah ihr an: sie ist zufrieden. Vielleicht kein Glück, aber für jetzt ist es gut.
Im Januar war Mutter erkältet, lag eine Woche im Bett. Johanna nahm frei, machte Tee mit Holler, las ihr aus einem alten Reisebuch vor, das sie im Regal entdeckt hatte. Mutter lag mit geschlossenen Augen.
Du hörst zu?
Ich höre. Weiter, les von Bayern.
Johanna las, wie der Winter über den zugefrorenen Ammersee zieht, wie Fischer das Knacken im Eis erfahren.
Klingt unheimlich.
Gewöhnungssache.
Man gewöhnt sich an vieles, sagte Mutter. Das ist gut, aber auch schade.
Johanna hätte darüber länger sprechen wollen, aber Mutter schlief ein.
Ende Januar wurde Mutter wieder fit. Ging in die Küche, schaute abends fern. Einmal bummelte sie mit Frau Schmitt durch das Einkaufszentrum. Kam zufrieden wieder.
Da gibts einen netten Woll-Laden, sagte sie. Vielleicht fange ich wieder an zu stricken.
Tu das doch.
Vielleicht.
Sie fing im Februar an. Strickte abends etwas in himmelblau.
Im März war es ein Schal für Annike. Sie schickte ihn mit Johanna nach Hamburg.
Annike rief abends an, gerührt.
Mama, er ist so weich und warm. Wie kann sie nur so was?
Sie kanns halt.
Grüß sie und sag, dass ich mich freue.
Mach ich.
Johanna ging zu Mutter.
Annike hat angerufen. Sie freut sich sehr über den Schal.
Mutter sah auf, ein leises Lächeln.
Schön.
Der April war mild. Sie gingen spazieren, langsam, aber mühelos, durch den Park. Mutter blieb mal stehen und sah einem Dreijährigen zu, wie er Tauben fütterte.
So warst du auch mal, sagte Mutter. Immer Brot verlangt.
Erinner ich mich nicht.
Aber ich. Sehr gut sogar.
Eine Kleinigkeit, aber Johanna behielt das.
Im Mai wollte Mutter nach Grabenheim fahren. Nur mal die Wohnung sehen.
Allein?
Nein. Kommst du mit?
Natürlich.
Sie fuhren sonnabends, Mutter neben Johanna am Steuer. In Grabenheim schwieg Mutter. Schaute auf die alten Häuser.
Da war früher die Bäckerei. Gibts die noch?
Da ist jetzt die Apotheke.
Aha.
Die Wohnung roch nach geschlossenem Zimmer, etwas Staub. Frau Kramer lüftete zwar, aber trotzdem. Mutter ging durch die Räume, sah aus dem Fenster auf den Hof mit dem Ahorn.
Erinnerst du dich? Da bist du mal hochgeklettert.
Ich war sieben.
Sechs. Du bist runtergefallen, Knie aufgeschlagen, geschrien wie am Spieß.
Hast du geschimpft?
Nein, ich hab geweint. Mehr als du. Du hast nur gemeint: Mama, tuts dir denn weh?
Sie musste lachen.
Erinner ich nicht.
Ich aber.
Auf dem Rückweg sprachen sie wenig. Kurz vor München sagte Mutter:
Hanni, ich bin froh, dass ich umgezogen bin. Es war schön in Grabenheim, aber hier ist besser.
Wieso?
Weil du da bist. Das ist wichtiger, als ich sagen kann.
Johanna fuhr und schwieg. Dann:
Ich muss dich was fragen. Sei ehrlich.
Ehrlich war ich immer.
Als ich auflegte, dich abwimmelte warst du sauer?
Mutter dachte nach.
Sauer ja. Aber nicht böse. Du warst halt geschafft. Ich habs gewusst.
Das ist keine Entschuldigung.
Ich will nichts entschuldigen. Es ist nur so.
Warum hast du es mir nie direkt gesagt?
Hab ich doch. Oft. Nur nicht so geradeaus. Ich hab angerufen. Gebeten zu kommen. Gesagt, mir gehts nicht gut. Das war mein Sags dir. Du hast es nur anders verstanden.
Johanna schwieg. Fuhr weiter.
Mutterliebe und Verletzung, dachte sie. Das eine schließt das andere nicht aus, sie laufen nebeneinander.
Im Sommer kam Annike mit Neuigkeiten. Sie und Paul wollten heiraten. Still im Herbst, keine große Feier. Mutter reagierte ruhiger als Johanna erwartet hatte. Fragte sachlich nach Wohnsituation, Kinderwunsch, ob Paul gern koche.
Paul mochte kochen das verband ihn endgültig mit Mutter.
Hochzeit im Oktober, kleiner Kreis, ein Lokal. Mutter trug ihr dunkelblaues Kleid, das Johannas Hilfe ausgesucht hatte. Sah gut aus, saß mit Petra, beide redeten ganze Abende.
Später sagte Petra zu Johanna:
Deine Mutter ist bemerkenswert. Klug. Sie sieht alles.
War sie schon immer. Aber vielleicht hab ich sie früher nicht gesehen.
Der Herbst wurde kalt. Mutter kränkelte erneut, halb so schlimm. Frau Dr. Feldmann war zufrieden. Mutter spazierte mit Frau Schmitt, strickte nun Handschuhe für Annike.
Eines Abends fand Johanna sie bei alten Fotos. Mutter zeigte die Bilder, erzählte Namen, Geschichten. Johanna schrieb einiges im Handy mit.
Warum schreibst du das?
Damit ich nichts vergesse.
Mutter blickte sie an.
Das hast du früher nie.
Früher hab ich auch nicht zugehört.
Dieser Satz war so wahr, dass Johanna nicht nachbesserte. Mutter auch nicht. Sie reichte das nächste Bild.
Hier sind wir und Papa. Erstes gemeinsames Jahr. Er wollte mich mit dem Fahrrad fahren und wir wären fast im Graben gelandet.
Warum Graben?
Er konnte das nicht mit Gepäckträger. Aber er wollte eben.
Sie lachten beide.
Wie überlebt man den Verlust der Mutter, dachte Johanna, keiner redet darüber, wie man Jahre mit der eigenen Mutter verbringt und sie nicht sieht. Das ist ein stiller Verlust, der nicht laut betrauert wird.
Wieder kam Winter. Mutter legte sich extra Decken bereit, bestellte Wollsocken. Bereitete sich vor, sachlich, wie immer.
Im Februar, an einem dieser Abende, als Thomas noch arbeitete und sie allein waren, sagte Mutter:
Hanni, ich möchte, dass du eins weißt.
Was denn?
Ich bedaure nichts. Vielleicht denkst du manchmal, ich wäre verbittert dass es so und nicht anders kam. Nein. Ich habe mein Leben gelebt, du deins. Das ist richtig. Mutter sein heißt auch, loslassen. Ich habe losgelassen. Ich habe dich nur sehr vermisst.
Mama
Lass gut sein. Ich sage das nicht, damit du Schuld spürst. Nur, weil ich möchte, dass du weißt: Ich habe dich immer geliebt. Auch als du aufgelegt hast.
So einfach. Ohne Pathos.
Johanna nahm ihre Hand, wie an jenem Oktobertag, drückte sie.
Ich weiß es, Mama. Ich auch. Immer.
Mutter nickte. Als wäre nie Zweifel dagewesen, sie wollte es einmal ausgesprochen haben.
Sie stand auf, setzte Wasser auf. Eine Alltagsbewegung, ganz gewöhnlich. Johanna sah ihr nach, dachte: So funktioniert es. Die großen Sätze fallen zwischendurch. Danach geht es einfach weiter, mit Tee und Alltag.
Veränderung gibt es innen. Da, wo von außen niemand etwas merkt.
Einige Monate vergingen. Mutter hielt sich gut. Frau Dr. Feldmann zufrieden. Annike erwartete ein Kind, das erste. Mutter strickte wie nie: Schühchen, Mützchen, eine kleine Weste.
Einmal im April kam Johanna von der Arbeit und fand eine Notiz auf dem Küchentisch: Mutters Schrift, leicht schräg. Bin bei Nadja. Komm um fünf. Kohlsuppe steht auf dem Herd.
Johanna lächelte beim Lesen. Nicht, weil es besonders war. Sondern weil es einfach Alltag war. Mutter war unterwegs, ließ einen Zettel, hatte gekocht. Das Leben lief, und Mutter war mittendrin.
Um fünf kam Mutter nach Hause, zog die Schuhe aus, ging in die Küche.
Schon gegessen?
Nein, hab auf dich gewartet.
Richtig so. Setz dich.
Sie aßen gemeinsam, wie immer. Mutter erzählte, Nadjas Enkel sei zu Besuch, kluger Junge, Ingenieur. Johanna hörte zu. Draußen zeigte sich der milde Aprilabend.
Nach dem Essen strickte Mutter weiter, Johanna las. Thomas schaute was im Internet. Es war still in der Wohnung, ganz und gar gut.
Und dann merkte Johanna plötzlich klar und einfach: Ich weiß nicht, wie viel Zeit wir noch haben. Niemand weiß das. Aber sie ist hier. Ich bin hier. Und das ist kein Naturgesetz, sondern eine Entscheidung.
Sie legte das Buch beiseite.
Mama, sagte sie.
Ja? Mutter blickte nicht auf.
Nichts. Nur so.
Mutter hob den Kopf, sah Johanna an, lächelte wissend.
Gut, sagte Mutter. Nur so ist manchmal am wichtigsten.
Und strickte weiter.
Johanna dachte: Vielleicht ist das die Antwort. Nicht, was war, nicht Schuld und nicht Verzeihen. Sondern dass man zusammensitzt, in der Stille, ohne Erklärungen, und dass man einfach bleibt.
Sie nahm das Buch noch einmal zur Hand, las nicht weiter, sondern sah in den dunklen Frühlingsabend.
Geschichte von Mama, die zu Tränen rührt, nennen das manche. Vielleicht. Aber Johanna weinte nicht. Was sie fühlte, war anders: schwer und warm zugleich, wie eine alte Decke, die alles weiß.
Draußen leuchteten die Straßenlaternen.
Mutter strickte.
Und Johanna saß einfach nur da, ganz nah.
Mama, flüsterte sie, ohne vom Fenster aufzusehen.
Hm?
Hast du je bereut, dass ich so bin, wie ich bin?
Kurze Pause, Nadeln ruhen.
Hanni, sagte Mutter, und in ihrer Stimme lag alles Müdigkeit, Zärtlichkeit, und noch etwas anderes, wofür Johanna kein Wort hatte, ich habe nichts, aber auch gar nichts an dir je bereut. Begreifst du das irgendwann?
Johanna schwieg.
Die Nadeln klapperten leise weiter.
Und das Gespräch blieb offen, unvollendet, lebendig.





