Mamas Zeichnungen
Na, Felix, wurdest du abgeschoben? fragte Opa Georg von unten, die Augen schützend gegen die blendende Julisonne und musterte den Enkel, der stumm an die Hauswand gelehnt in seiner verwaschenen grauen TShirt und den ausgeleierten Jeans stand.
Ohne auf eine Antwort zu warten, rückte Georg sein schmerzendes Bein zurecht, streichelte über die Oberschenkelmuskulatur und betrachtete weiterhin den hageren Jungen mit den wirren Haaren.
Felix für neue Sachen zu begeistern, die Garderobe zu wechseln oder sich endlich ordentlich zu kämmen das war eine schier unmögliche Aufgabe. Seine Mutter, Johanna, war längst erschöpft davon.
…Sie, junger Mann, nach dem Duschen bitte direkt den Kamm benutzen. Das Haar ist kräftig und dicht, das steht in allen Richtungen so sieht das doch viel schöner aus!, predigte Friseurin Frau Schäfer und strich ewig mit dem Kamm über Felix Schopf, schaute zufrieden ins Spiegelbild so ein schöner Junge.
Aber sobald Johanna für den Haarschnitt zahlte (eine Schmach, als könnte er das nicht selbst?!), strubbelte Felix sofort sein Haar, kaum waren sie draußen.
Wie siehst du denn aus? Sofort zurückstreichen, hier hast du meinen Kamm das mache ich!, schimpfte Johanna und wühlte in der Handtasche.
Lass doch. Ich laufe nicht mit deiner komischen Frisur herum! Das mache ich nie!, knurrte Felix und ging mit langen Schritten voraus, wartete ewig am U-Bahn-Abgang.
Überweite, abgetretene Jeans, aufgeschlagene Knie, kariertes Hemd halb in die Hose, halb heraushängend alles selbstgekauft vom Geburtstagsgeld; damit brachte er Johanna auf die Palme. Der Vater, Matthias, lachte nur und zuckte die Schultern. Jugendliche müssen sich halt ausprobieren.
Und dann noch diese Haare, bunte Schnürsenkel in den Boots, Ketten an allen möglichen Ösen, herausfordernder Blick irgendwann merkte Johanna, dass Felix sie in allem nervte. Wirklich in allem.
Weder die klugen Tipps zu Pubertät und Selbstverwirklichung, noch die Tatsache, dass Felix eigentlich ganz gut in der Schule war, konnten sie beruhigen.
Er ist dein Sohn, Fleisch und Blut! Du kannst das nicht wegdrücken! erhob Schwiegermutter Karla Steinmann die Hände zum Himmel. Lass das Kind, er bessert sich schon. Je mehr du drängst, desto mehr wehrt er sich. Und glaube mir, das willst du nicht!
Du hast gut reden! Ihr seht ihn nur zu Weihnachten, aber ich muss jeden Tag mit so einem in der S-Bahn sitzen. Das ist eine Katastrophe! Johanna suchte Unterstützung beim Mann. Wollt ihr wirklich, dass er so aufwächst?
Matthias hob die Schultern und schwieg.
So kämpfte Johanna allein gegen den Sohn. Die restliche Familie schien eher Verständnis für Felix zu haben.
Felix stand irgendwann am Müllcontainer und bespuckte demonstrativ den Deckel er sah, dass Mutter es mitbekam.
Da stieß ihn plötzlich jemand grob an.
Mach dich weg, du Affe!, brummte der Hausmeister Herr Nowak. Richtig peinlich, so was!
Felix wollte etwas entgegnen, doch Johanna hatte ihn schon am Arm und zog ihn resolut weg.
Es reicht! Im Sommer fährst du zu Opa Georg aufs Land. Ich habe keine Kraft mehr! Dort kannst du dich ausleben, ich lese in der Zeit Erziehungsratgeber. Das flüsterte sie ihm auf dem Rolltreppenaufgang gehässig ins Ohr. Morgen gehts los. Wag es nicht, Oma Karla alles vollzujammern! Verteidiger hast du genug, aber groß wirst du trotzdem nicht, wenn du so weitermachst.
Felix presste die Lippen aufeinander, betrachtete missmutig die Gesichter, die Lampen, die grellen Farben der T-Shirts und Sommerkleider.
Am liebsten hätte er sich weggeschlichen, für immer. Nie wieder zurück, Mami! Weiter weg von deiner nörgelnden Stimme, deinem Parfüm, deinen enttäuschten Augen.
Na, dann fahr ich eben! Da nervt wenigstens niemand! schnaufte Felix.
Gerade wollte er noch etwas Bitteres nachschieben, da wurde sein Blick auf ein Durcheinander auf der Rolltreppe gelenkt: Ein dünnes Mädchen in langem Kleid, mit Teppichtasche, den Armen voller Bücher. Sie war gestolpert, wurde von Passanten gestützt, die nun die Bücher aufsammelten, während sie sich wieder und wieder die Brille zurechtrückte.
Dürfen wir bitte durch? Hier kann man nicht stehen bleiben. Johanna boxte das Mädchen an die Seite, zog Felix mit. Er riss sich los, schaute nochmal zurück und ihre Blicke kreuzten sich.
Das Mädchen errötete, entschuldigte sich pausenlos, verlor wieder ein Buch. Eine Mitarbeiterin half ihr, alles einzusammeln.
Wissen Sie, die Bibliothek meiner Nachbarin schließt, wir retten die Bücher sagte sie mit brüchiger Stimme.
Hübsch, aber bestimmt eine Streberin trotzdem Warum nur ist Mama so grob mit ihr? dachte Felix und verdrückte sich Richtung U-Bahn.
Soll Mutter ruhig alleine nach Hause fahren! Er war weder Puppe noch Vieh zum Hüten sie schadet sich und ihm. Es reicht.
Er kam erst am Abend nach Hause. Johanna hatte zigmal angerufen, Nachrichten geschrieben Felix ignorierte sie. Wieso sollte er sich mit sechzehn rechtfertigen?
Wo warst du? Antworte mir! stürzte sich Johanna auf ihn, geschminkte Wangen voller Tränen. Matthias, du sagst gar nichts, wie immer! Ich weiß nicht, was aus ihm wird! Felix, hast du je ein Buch gelesen? Nie liest du! Was wird bloß aus dir?
Nach zehn Minuten Jammer ging Felix ins Bad, verriegelte die Tür, färbte sich vorne die Haare knallig gelb. Auswaschen, Grimassen ziehen, raus zum Abendbrot.
Was hast du gemacht?! Felix, bitte! Alles ruiniert, jetzt reichts! Johanna schrie plötzlich so laut, das ganze Haus stand unter Strom:
Pack deine Sachen! Morgen aufs Land zu Opa Georg ich will dich hier nicht mehr sehen!
Felix wurde plötzlich ganz ruhig und blickte der kleinen Mutter streng in die Augen. Sie war wirklich winzig einssechzig vielleicht, er einsachtzig. Trotzdem hasste er sie in diesem Moment abgrundtief.
Sehr gern. Ich wollte eh gehen. Bleib alleine, wird bestimmt alles besser. Dann kannst du so leben, wie du es willst. Sogar Papa verschwindest du noch. Ich hab keine Lust, dabei zuzusehen. grinste Felix und verschanzte sich in seinem Zimmer.
Abends kam sein Vater und versuchte zu schlichten: Mama weint Mir egal, sie hat mich rausgeworfen!
Felix war überzeugt: Zwischen ihm und seiner Mutter gab es seit jeher Spannungen. Schon bei seiner Geburt wollte Johanna ein Mädchen. Puppen, Lieder, hübsche Schuhe, all das, was Johannas Eltern ihr nicht schenkten, wollte sie der Tochter geben. Geld war früher knapp, und ihre Mutter, Liselotte, fand schöne Kleider sowieso überflüssig.
Wäre es eine Tochter, hätte Johanna sie auf Musik, Tanz, Eiskunstlauf, Kunst zu allem geschickt.
Aber es kam ein Sohn. Sie hatte keine Ahnung von Jungen und wollte es auch nicht wissen. Aus der Traum. Aber sie führte ihre Erziehung mit Eifer durch.
Jungen muss man streng halten, sonst werden sie Gauner!, Jungen denken eh nur an Unsinn, spätestens ab 14! sie sammelte die schlimmsten Sprüche.
Matthias widersprach manchmal: Ich bin auch nicht im Knast gelandet, und Felix wird anständig. Lass los, Johanna!
Andere Zeiten! Bei dir war alles anders, konterte sie.
Matthias brachte Felix praktische Dinge bei, erklärte die Welt. Johanna konnte nicht anders, als permanent zu kommentieren.
Dann überließ sie ihm doch die Hausaufgabenhilfe, das klappte besser, aber bei den Noten war sie streng. Auch bei Kleidung, Verhalten, und wie Felix das Leben zu führen hatte.
Und sie? Wer war sie? Einfach eine Frau, irgendwo mittendrin.
Felix polterte in der Diele: Ich schulde niemandem was! Ich fahr zu Opa und werde Traktorfahrer, fange an zu rauchen und fluche! Kümmert euch nicht mehr!
Tür zu, runter die Treppe. Aber Mutter ließ nicht locker. Sie würde ihn bis nach Schorndorf bringen, ihn persönlich Opa und Oma übergeben.
Dort standen sie schon, Opa Georg und Oma Liselotte, breiteten die Arme aus: Hättet ihr doch Bescheid gesagt
Er bleibt bei euch. Ton mir den letzten Nerv gezogen! Und sieh mal, was er aus sich gemacht hat! Sie wollte Felix in die Haare greifen, aber der war schon zu groß. Alles nur, um mich zu ärgern! Ich kann nicht mehr.
Na, wenn du willst, Kind, dann ruh dich aus. Felix, komm, deine Oma hat erst Pfannkuchen gemacht und Sahne gibts auch. Oma Liselotte zog den maulenden Enkel ins Haus.
Georg klopfte Johanna auf den Arm: Keine Sorge, Kind. Das gibt sich. Junge, temperamentvoll ist er, unser Felix. Lass es lockerer angehen!
Und wenn er morgen säuft? Wer holt ihn aus dem Knast? Johanna war nicht zu beruhigen.
Jetzt hör schon auf! Kümmere dich mal um dich. Wie siehst du überhaupt aus?!
Johanna fuhr zwei Stunden später wieder nach Stuttgart zurück. Felix verabschiedete sich nicht, verzog sich direkt aufs Dachbodenstübchen, drehte die Musik auf, sodass das alte Holz vibrierte. Sollte Mutter sich mal schämen. Er wartete sogar darauf, dass sie sich vielleicht nochmal umdrehte und ihm zuwinkte aber es passierte nicht. Das machte ihn noch wütender.
Frustriert räumte er am Ende doch ein wenig. Beim Kicken gegen einen alten Koffer fiel eine rote Sammelmappe auf. Felix zog sie zu sich, zerriss die Bändchen. Sorgsam legte er die Fetzen zur Seite, als wären sie wertvoll.
Er öffnete das Fenster, schob das T-Shirt aus, ließ den Wind von draußen herein. Neugierig stöberte er in der Mappe.
Sie war gefüllt mit Zeichnungen in ausgeblichenem Buntstift vor allem von Prinzessinnen in wallenden Kleidern, feinen Schuhen, mit Diademen und Ringen. Unten die Unterschrift: Johanna
Na, da malt sie sich schon als zukünftige Königin zog Felix die Augenbrauen hoch.
Mamas Zeichnungen. Felix selbst mochte nie zu zeichnen. Aber sie Als Kind, bei Regen, saß sie immer zu Hause, malte stundenlang.
Schön hast du das gemalt, Johanna!, lobte ihre Mutter.
Mama, kannst du mir so ein Kleid nähen? Guck, mit Schleife und Schuhen? Wir haben die im Kaufhaus gesehen!, strahlte das kleine Mädchen.
Später, liebes Kind. Wenn wir wieder etwas Geld haben Doch das Geld war nie da. Liselotte nähte zu Weihnachten Kleider aus alten Vorhängen, schmückte sie mit Glitzer und Papier. Aber…
Die sehen doch ganz anders aus, Mama, war Johannas Meinung.
Die anderen Mädchen trugen sündhaft teure Satinkleider und glänzende Schuhe. Johanna wurde wegen ihrer Einlagen für die Füße ohnehin gehänselt. Es blieben also nur die Zeichnungen als schöner Ersatz.
Felix streichelte einen der Entwürfe. Komisch, zu denken, dass Mama auch mal klein war, träumte, mit baumelnden Füßen auf Hockern saß und als Kind schön sein wollte. Die Träume wurden nicht erfüllt.
Vorsichtig legte er das Papier zurück, wischte Staub ab, schob die Mappe unters Bett. Er wollte plötzlich Ruhe.
Mittag. Felix schlich raus, stand vor der Haustür. Opa Georg winkte von der Bank: Komm, setz dich!
Felix schüttelte den Kopf. Ach, du, das gibt sich, brummte Georg. Die Mama ist halt fertig. Das Leben ist sehr anstrengend, vor allem heute. Sie ist es gewohnt, alles zu kontrollieren, und du willst nicht. War bei mir auch so.
Sie liebt mich einfach nicht. Ich störe sie nur. Es wird sich auch nichts ändern.
Felix schaute aufs Handy, dann trottete er über den Feldweg.
Wohin? rief Oma Liselotte. Essen gibts gleich!
Nur ne Runde spazieren…, winkte Felix. Unter dem Arm aus Versehen Mamas Zeichnungen.
Auf dem Land war ihm so langweilig wie Mutter. Die Erdbeeren schmeckten sauer, der Sommer war zäh, das Haus roch nach Omas Schaffell alles nervig.
Erst Jahre später, nach Georgs Tod, wird Felix das Fell vom Haken nehmen, das Gesicht hineindrücken und schwer atmend das Weinen unterdrücken. Viele Worte hätte er noch für Opa gehabt, aber nichts mehr gesagt…
Jetzt ist aber alles weit weg. Jetzt mag Felix lieber schimpfen und sich bemitleiden. Das ermüdet, aber es ist das, was gerade fehlt.
Langweilig. Er fühlt die Blicke von Nachbarn, sitzt am Teich, angelt mit Stöckchen, beobachtet, wie hinter dem Wäldchen S-Bahnen vorbeirattern. In seinem Alter sind keine jungen Leute im Dorf er passt nirgendwohin. Die Zeichnungen wehen ständig im Wind umher.
Nach einer Weile schlurft Felix zu einer alten, moosigen Baumwurzel am Wasser. Beim Hinaufklettern reißt er fast die Jeans, seine Sneaker werden klatschnass. Er flucht ein paar derbe Worte, Mutter hätte sich geschämt, aber es tat gut.
Die Wurzel ist rutschig, Ameisen wuseln umher. Eine beißt Felix, landet aber prompt im Wasser wo sie von einer Spinne gepackt wird. Felix erkennt nicht, dass seine Mutter Angst hat, genau DAS könnte ihm im Leben passieren.
Er lädt coole Musik aufs Handy, stöpselt Kopfhörer rein. Ungehörtes Zeug! würde Mutter sagen zu schlicht, zu aggressiv. Sie hört lieber Opernarien Hauptsache, sie versteht es nicht.
Felix aber will genau das: Knallharte Texte, mitten ins Herz, ohne Kompromisse.
Mit baumelndem Bein lehnt er an der Wurzel, schließt die Augen, kratzt sich an der Bissstelle. Der Teich riecht dumpf, Enten lärmen, eine Möwe probt das Jagen alles ist Sommer.
Dann kippt Felix plötzlich nach vorn, platscht ins Wasser. Es ist glitschig. Gelächter dringt an sein Ohr.
Peinlich und wütend rappelt er sich auf. Ein Mädchen steht am Ufer und lacht mit geschlossenen Augen in die Sonne, schlank und voller Sommersprossen, das gelbe Kleid leuchtet. Felix zickt sie an.
Sie hört sofort auf und fragt leise: Kann ich Ihnen vielleicht helfen?
Er ist grob. Mach, dass du wegkommst. Ich bin extra reingesprungen!
Wenn Sie schwimmen wollen drüben gibt es eine Strickleiter zum Reinspringen Hier ist das Wasser zu seicht…
Danke, ich schaff das selbst! Verschwinde einfach! faucht er.
Sie will zurückweichen, sagt noch: Deine Zeichnungen sind runtergefallen. Die sind hübsch! Von deiner Schwester?
Felix knurrt. Immer diese neugierigen Leute.
Von meiner Mutter. Und du hast wohl nie gelernt, dass man fremde Sachen nicht nimmt?
Entschuldigung, die Mappe ist runtergefallen. Deine Mama muss ein sehr warmherziger Mensch sein. Ihr wohnt neu bei Hackls, oder?
Felix setzt sich in nasser Unterhose auf die Bank. Erst merkt er, dass er sie aus der U-Bahn gestern kennt es ist das Mädchen mit den Büchern.
Und du? fragt er zurück.
Ich wohne mit meiner Mutter bei Familie Keller. Sie muss aufs Land, sie hat Asthma. Ich heiße Miriam.
Felix. Ich hab dich gestern in der U-Bahn gesehen mit den Büchern und dem Durcheinander…
Miriam errötet.
Das war peinlich genug… Die Schnur riss, die Mitarbeiterin hat eine neue gegeben. Sie war so nett nicht die Schnur, sondern die Dame…, schließt sie unnötig an.
Beide lachen plötzlich.
Später sitzen sie gemeinsam am Teich, Miriam bewundert die Zeichnungen. Felix mustert sie unauffällig.
Meine Mama näht manchmal solche Kleider. Nicht ganz so, aber ähnlich. Was macht ihr so?
Sie redet, als sei sein Äußeres ihr völlig egal.
Wir? Na ja, eben Ferien genießen. Baden, wie du siehst…
Ist das Wasser kalt?
Nein, nur nass.
Sie lachen.
Abends lädt Miriam Felix zum Tee ein. Ihre Mutter, Veronika, ist herzlich und ungekünstelt. Sie reden über Sommer, Schule und dass Miriam Schneiderin werden will.
Ich wollte KfZMechaniker machen, durfte aber nicht. Mutter weiß alles besser…
Mütter meinen es gut, seufzt Veronika. Sei nicht so streng.
Sollen sie mich einfach in Ruhe lassen, meint Felix und verabschiedet sich.
Über Mutter zu reden, liegt ihm fern. Nun würden die Standpauken wieder losgehen…
Wie heißt deine Mama? fragt Veronika noch.
Johanna. Tschüss Miriam! Felix winkt und geht.
Johanna Behringer? Du bist ihr Sohn?, ruft Veronika plötzlich. Miriam reicht ihr leise den Inhalator.
Keine Sorge. Felix bringt sie schon mal mit zu uns. Nicht wahr?, sagt Miriam leise.
Mal sehen. Sie ist weg. Vielleicht irgendwann.
Johanna und Matthias kommen am Wochenende, bringen einen neuen Fahrrad mit. Vater kramt ihn aus dem Auto, ruft Felix.
Für wen ist das?
Für Opa! Sieben Gänge, Rücktritt, Körbchen Naja, eigentlich für dich! Deine Mutter hat ihn bestellt und wochenlang gewartet.
Felix fährt eine Runde, rast die Landstraße entlang, fast in Miriams Einfahrt.
Sie kann nicht Rad fahren Felix bringt es ihr bei, schimpft anfangs, dann nimmt er Rücksicht.
Abends nimmt Felix die Mutter zu den Nachbarn mit.
Veronika? Du hier? freut sich Johanna unsicher. Sie kommt sich in ihrem alten Kleid und abgelaufenen Sandalen fehl am Platz vor, während Veronika im hübschen Sommeroutfit strahlt.
Johanna hätte sowas längst haben können genug verdient sie aber kauft immer zuletzt für sich ein, zuerst Felix, dann Matthias und für sie bleibt nie was übrig.
Die Frauen quatschen in Ruhe. Johanna klagt: Alles macht Felix ihr zum Trotz. Deshalb schickte sie ihn aufs Land.
Aufm Dorf passiert oft das Beste, Johanna! Ich bin mit Miriam hier, stadtklima geht nicht Ach, weißt du, dein Sohn hat deine alten Zeichnungen gefunden! Erinnerst du dich? Prinzessinnen! Lass uns Maß nehmen und ich nähe dir so ein Kleid. Ich weiß schon, wie es aussehen soll!
Veronika kritzelt einen Entwurf, holt bunte Kreiden, malt aus.
Ach Quatsch, wozu das? wehrt Johanna ab. Ich brauche keine auffälligen Kleider.
Doch, ich will es dir einfach so schenken. Weißt du, als ich mit Asthma im Krankenhaus lag, dachte ich: Vielleicht bleibt mir nicht mehr viel Zeit und Miriam wird mich nie richtig schön sehen Früher hab ich nur für Kundinnen und meine Tochter genäht, jetzt mache ich was für mich. Am Ende sind wir beide in selbstgemachten Kleidern aufs Konzert gegangen und haben getanzt. Weißt du, wie gut das tat? Ach, trink mit mir ein Likörchen…
Johanna nickt zögernd.
Zwei Wochen später läuft Johanna in einem neuen, hellgrünen Sommerkleid durch die Nachbarschaft. Felix bleibt stehen und staunt. Dann lächelt er.
Gefällt’s dir, Felix? fragt sie schüchtern.
Äh ja. Warum hast du?
Einfach so. Veronika hat es genäht. Siehts gut aus?
Super!, kommt Matthias ihr zuvor. Dich so zu verstecken, wäre eine Sünde!
Felix murmelt: Wow
Er bleibt lieber daheim, überlässt den Eltern das Restaurant, grillt stattdessen mit Opa und Miriams Familie im Garten. Männer, diesmal auf gleicher Augenhöhe, stehen um den Grill, drehen Spieße, trinken Apfelsaft, reden und freuen sich. Felix versengt ein Loch in seine Jeans, Opa kippt die Essiggurken aus keiner schimpft. Es ist einfach schön.
Johanna verändert sich langsam, lässt Felix mehr Freiraum, beginnt sich selbst zu entdecken, sie blüht auf. Matthias betrachtet sie neu verliebt. Oder hat er das immer und sie bemerkte es nur nie?
Später schenkt ihnen das Leben tatsächlich noch eine Tochter. Felix mustert skeptisch das rosa Bündel in Mamas Armen und fragt, ganz Kind: Mama, warum ist sie so rot? Ist sie krank? War ich auch so? Ach du meine Güte… und schlägt die Hände vors Gesicht.
Ach was, sie ist wunderschön!, sagt Oma Karla.
Johanna wiegt das Baby. Oma Liselotte wuschelt durch Felix jetzt knallgrünen Schopf.
Komm mal runter, mein Großer, sagt sie und flüstert: Du kamst schon erwachsen und klug auf die Welt. Genau wie dein Papa.
Und Felix lächelt.





