Omas Pferd
Auf den Besuch von Helga Paulsen wurde sich immer ganz besonders vorbereitet. Also, eigentlich war es Marion, die putzte, wienerte, und fegte, während ihr Mann Ben nur alles falsch machte oder gar nichts tat, weil er einfach erschöpft war.
Wovon eigentlich, Ben? Wovon bist du denn schon wieder müde? stöhnte Marion, während sie das Staubtuch fallenließ, danach energisch den Rücken beugte, einen Ellbogen am Schrank anschlug, die Zähne zusammenbiss, aber tapfer weiterschrubbelte. Am schlimmsten war das Abstauben der Porzellanfiguren und vor allem hinter ihnen, denn Helga Paulsen würde beim Familienbesuch garantiert jede einzelne in die Hand nehmen Schäferinnen, Hunde, Pferdchen, Ballerinas, Rehe und verliebte Amorfiguren und mit leuchtenden Augen ihren halbstündigen Vortrag zu diesem kuriosen Fundstück halten.
Helga liebte alles aus Porzellan, tingelte früher durch Flohmärkte, sammelte, feilschte, kannte jeden Händler schon am Geruch und natürlich den Wert jedes Teils.
Papa, was ist eigentlich los mit Mama? fragte der zwölfjährige Lukas seinen Vater. Hat sie schon wieder so Zeug angeschleppt? Ich stell das nicht in mein Zimmer, hörst du! Stapelt euch das in euer Schlafzimmer oder im Klo, aber bei mir bleibt Platz!
Dann knallte er die Tür.
Die kleine Schar Porzellanfiguren Schäferinnen, Ballerinas, Jagdherren mit windschiefen Dackeln, das Bleiglaspilzchen mit abgeplatztem Hut seufzten wortlos mit Helga.
Ben, schraub doch bitte noch n Regal an die Wand, ja? bat sie und klimperte verzweifelt mit den Fingern. Ich kann die Schätze doch nicht auf dem Boden stapeln!
Die Sammlung war inzwischen ein Magnet für gewisse Spezialisten, von Ben als Porzellan-Onkel getauft, weil sie monotone Konservenvorträge über Keramik lagerten, beim Sprechen schmatzten, manchmal sogar simultan in ihre karierten Einweg-Taschentücher schneuzten.
Sag, Mama, wo gräbst du diese alten Typen aus? Was willst du mit denen? Lass doch das Porzellan, lass es eben rumstehen, warum muss das immer so eine Schau werden?
Ach, Kind! Ihr seid halt Banause! Euch sind Motorräder wichtiger als Kunst! Aber das hier, mit dick behängter Hand deutete sie aufs Regal, das ist das Erbe der Menschheit! Wenn du das Physikstudium versemmelst und du bist genau so ein Luftikus wie dein Vater verkaufen wir eben die Sammlung. Die Kenner werden sich schon die Hände reiben, und du bist trotzdem gut aufgehoben. Schluss mit der Diskussion! Dann stöhnte sie, Ben eilte ihr mit Baldriantee zu Hilfe, Lukas beobachtete die Szene noch eine Minute, ehe er zum Lernen entschwand.
Das mit dem Studium klappte dann auch. Lukas bekam mehr Punkte als nötig fürs Maschinenbaustudium. Durchs Studium kam er auch halbwegs rutschfrei, und bekam am Schluss sogar den roten Abschluss. Erst arbeitete er am Band bei den BMW-Werken, dann vermittelte ihm Bens alter Kumpel einen Job bei einer kleinen IT-Firma; jetzt, so prahlte Helga, schaufelte er Euros um so gut es eben nach der Euro-Umstellung ging.
Er kommt fast nie, wohnt in Schwabing, lädt auch nicht zum Kaffee ein. Wahrscheinlich hat er schon längst eine Freundin naja, ich hoffe nur, meine Sammlung bleibt in der Familie, wenn Lukas hier mal einzieht. Zum Schluss seufzte sie und blickte schwermütig auf den Esstisch.
Dass Lukas mitsamt Ehefrau später in die helle Eigentumswohnung am Sendlinger Tor ziehen würde, war längst abgemacht und Helga wartete täglich auf die große Ankündigung.
Und tatsächlich, eines Nachmittags brachte Lukas eine junge Frau mit nach Hause zum Kuchen.
Ben, wer ist das denn? raunte Helga, während Lukas seiner Freundin die Sammlung zeigte.
Wie soll ich das wissen? Er sagte, sie heißt Marion. Marion also. Lass los, ich geh mal Hallo sagen. Mit den haaren ist das ein natürlicher Rosaton oder Chemie?
Ben tauchte in die Wohnstube, wo Marion, neugierig wie eine Katze, die Schäferinnen drehte.
Und, was machen Sie beruflich, Marion? fragte er galant. Vorsicht, dieses Pferd stammt von der Straßenecke– kleiner Scherz, meine Frau hats beim Betriebsjubiläum bekommen. Ich mag die Geschichte nicht, und den Schwanz hat übrigens ein Kollege beim Betriebsfest abgetreten
Ben wurde nachdenklich und dachte an Helgas früheren Chef, Herrn Wagner, immer etwas schwitzig und fluffig, kam einst vorbei, nur um seinen geschenkten Porzellangaul zu mustern.
Helga, gib ihm doch endlich das Pferd! Der muss doch nicht ständig bei uns rumlümmeln! grummelte Ben.
Solange ich in die Chefetage will, muss ich mitspielen, winkte Helga ab. Ja, Ben, das ist furchtbar, aber mei. Dich mag ich trotzdem am liebsten!
Herr Wagner kam, trank Tee, erzählte schlechte Witze und wurde freundlich hinauskomplimentiert. Danach musste gelüftet werden. Wagner paffte Pfeife.
Marion, gerade noch vertieft in die anatomischen Feinheiten des Porzellangauls, zuckte, ließ ihn fast fallen.
Wie bitte? Ja, ja, ich stelle ihn schnell zurück. Dieser Hengst hatte sicher eine schwere Karriere schauen Sie mal die Beine! Ich bin Tierärztin, hatte aber leider selten Pferde. Eher Meerschweinchen, Hunde, Katzen. Trotzdem, ein paar Pferdchen waren schon dabei
Und da brachte Helga Paulsen schon Hühnchenschenkel aus dem Herd Kommt, sonst wirds kalt!
Gemeinsam wurde getafelt, glatt wurde sogar Sekt aufgemacht. Marion erzählte von der Zeit auf dem Reiterhof die vielen Stutengeburten, Koppelabenteuer und so weiter.
Euer Pferd hier ist offensichtlich nach einem original leidenden Arthrose-Modell gefertigt, urteilte Marion.
Lukas rempelte sie leicht an, sie revanchierte sich, trat aber leider Helga Paulsen ans Bein statt ihrem Verlobten. Die verdrehte die Augen und seufzte.
Upps! Entschuldigung!, wurde Marion feuerrot.
Hier ist keine Koppel, also, Hufe stillhalten, erklärte Helga und zog Marion in die Küche zum Teekochen.
Kaum waren sie außer Sicht, grinste Ben und rubbelte Lukas über den Kopf.
Soll ich mir die Haare jetzt auch rosa färben? überlegte er.
Lieber nicht, brummte Lukas.
Dann gab es Kuchen, Eclairs und die guten Kuhbonbons für die Damen. Alles war gezwungen-heitere Gemütlichkeit.
Was hast du mit deiner Mutter geklüngelt? Sie guckt ziemlich leidend, fragte Lukas Marion später.
Ach sie ist schon nett. Respekt, so sicher, wie ein Felsen! Nur warum hat sie so eine Porzellan-Leidenschaft? Ich kenn das sonst nur aus dem Museum!
Sie steht halt drauf, zuckte Lukas die Achseln. Aber das mit dem Pferd da hättest du lieber still sein sollen. Ist ein altes Streitthema.
Aber der Gaul ist doch eindeutig marode! Soll ich das etwa verschweigen?
Für Mama ist er ein Heiligtum aus der Kaiserzeit bitte, keine weiteren Details
Marion fügte sich. Heiratete Lukas, die Eltern überließen den beiden mit großem Pathos die Wohnung und zogen selbst in Bens schnuckelige Altbauwohnung am Rande von Nymphenburg.
Brauchen wir das wirklich? Wir kommen schon klar!, zierte sich Marion.
Marion, als ich schwanger mit Lukas in Bens Elternhaus gezogen bin, hat auch keiner gefragt. So ist das eben mit Familien. Aber bitte: Hüte die Sammlung wie deinen Augapfel. Ich kann sie in der kleinen Wohnung nicht unterbringen vielleicht wenn das Haus auf dem Land fertig ist, dann zieht meine Kollektion dorthin. Das Pferd kriege ich auch wieder, sagte Helga mit gespieltem Ernst.
Also zogen sie aus. Helga saß natürlich am Steuer, Ben neben ihr, beide leise grübelnd. Wie soll’s jetzt bloß weitergehen?
Der Großmut Helgas überraschte Ben Marion aber war ihr zu empfindlich, zu beschwingt mit ihren Meerschweinchen und zu wenig geerdet.
Sie ist ein ganz normales Mädchen, Helga!, winkte Ben ab.
Schon. Aber ich hätte mir halt etwas Akademischeres gewünscht und diese rosa Haare
Sei froh, dass sie niemand ins Büro schubst und Ellenbogen benutzt!, hielt Ben dagegen.
Eher tritt sie die Leute. Na gut, reden wir nicht drüber, zwinkerte Helga und eilte Kaffee kochen, während sie verträumt am Fenster stand, seufzend die alten guten Studi-Zeiten vermisste, als alles eng, aber frei war. Damals gab es eine kleine Bude mit Posterwand und Mini-Fenster, Helga schminkte sich, sang und war furchtlos. Nach der Schwangerschaft wurde es zu eng; sie mussten umziehen.
Bei Bens Eltern war es anstrengend: Die legendären Schwiegervater-Kochduelle, Missverständnisse, das Wettrennen zu Kühlschrank und Herd, die Konfektschneisen in der Vorratskammer. Und dann kam die eigene Eigentumswohnung, mit Kronleuchter, Balkongarten und stetig wachsender Porzellansammlung.
Wann hat Helga damit angefangen? Sie wollte eben mal etwas Edleres erst gab es nur drei Stücke: Ein Pilz-Ensemble, eine Ballerina und einen Tiger.
Die wurden im Glastresen gehortet bis eines Abends ein paar Kollegen von Ben vorbeikamen. Einer fragte, ob sie Keramikfan sei. Helga errötete, dachte an etwas Anrüchiges, stellte aber fest, dass alle ihre Ballerina bewunderten. Von da an sammelte sie, eifriges Lesen, feilschen, und zu ihrer eigenen Überraschung auch Erfolg. Bis nach der Wende da war Porzellan dann plötzlich sündhaft teuer, und für Lukas gab es nicht einmal neue Hosen.
Gelegentlich wurde ein Teil eingetauscht gegen dringend benötigte Ware. Aber darüber sprach Helga ungern.
Und jetzt verlassen Helga und Ben die Wohnung voller Erinnerungen und Figürchen, damit die neue Ehe ihre Triebe in Form von Enkeln ausstrecken kann.
Enkel Max griff ständig nach Ballerina und Pilzen, Marion bremste:
Was machst du da, Max?! Das ist Omas! Omas!
Einmal rutschte Max die dicke Händlerfigur aus der Hand; Sammlerin auf Kuhtrieb und reicher Handelsherr gingen zu Bruch.
Wieso ist das eigentlich ausgerechnet eine Kuhhirtin? wunderte sich Marion.
Weil Mamas gekauft hat, weil sie ihr erzählt hat, das Mädchen sei die berühmteste Kuhhirtin der Rhön gewesen. Wahrscheinlich wars erfunden.
Schade! Aber wir brauchen eine Vitrine, dringend!
Also wurde eine gebaut. Glastüren, mit Schloss. Max klopfte, suchte, aber nichts klappte.
Fast wie im Grünen Gewölbe!, schwärmten die Freundinnen, sobald sie Marion besuchten, erzählten dann von Ohren und Schwänzen ihrer Tierpatienten.
Marion, jetzt ohne rosa Haare, lächelte und überlegte, was sie Helga wohl erzählen würde, sobald diese das Fehlen der Hirtin bemerkte. Am Ende nahm Helga die Verluste tapfer.
Wenn Max das so wollte ich schimpf nicht!, sagte sie und goss sich noch eine Tasse Tee nach.
Tja, bis heute. Marion wischte Staub am berühmten Chef-Pferd und Krach! Es fiel zu Boden und zerbrach.
Ben, ich weiß gar nicht, wies passiert ist das Ding ist mir einfach durch die Finger! Ich wollte das ganz sicher nicht! Was mache ich jetzt? Das kann ich nicht kleben, das ist kein Gipsbein
Marion sammelte die Scherben; Max half eifrig.
Mist Mama sagt, das Pferd nimmt sie wieder mit, ist ja ein Familienerbstück!, stichelte Ben, während Marion versuchte, ein Puzzle aus den Resten zu machen. Vergeblich.
Soll ich in die Kaufhof laufen, vielleicht finde ich Ersatz? Vielleicht merkt sies nicht! Pass du bitte auf Max auf!
Und dann klingelte es.
Helga Paulsen stand nie einfach so mit dem Schlüssel vor der Tür, auch wenn sie einen besaß.
Jetzt geh schon, flüsterte Marion. Sie wartet doch. Und heute ist sie verdächtig früh
Ben ging zur Tür. Es folgte das übliche Geräusch das Knarren, das Klappern der Handtaschenkette auf dem Glastisch, Küsstraum, Tütengeknister. Aber diesmal alles anders. Kein Stöhnen übers Parken, kein Tratsch von den Nachbarn.
Hallo, mein Junge Marion, guten Abend, hauchte die Besucherin. Max, ja, komm zu Oma!
Der Kleine rannte in ihre Arme.
Ist hier nicht etwas kühl? Bei uns im Reihenhaus ist die Heizung schon an ihr könnt ja mal ein paar Tage rauskommen, Urlaub machen? Marion, wie wärs?, seufzte sie und ließ sich aufs Sofa fallen.
Marion hatte Helga noch nie so erschöpft gesehen. Sonst voller Energie, heute totale Flaute.
Mama, was hast du? Ist was passiert? Oder hast du es schon gesehen? Mama, es ist so Das Pferd
Frau Paulsen, ich war schuld!, platzte Marion raus. Ich habe wie gewünscht abgestaubt, ganz vorsichtig, aber dieses Pferd mit den krummen Beinen es ist mir weggeglitten. Ich, ich hole Ersatz, ich verspreche es, das ist doch kein Unikat Ich wollte nicht!
Das Pferd?, winkte Helga müde ab. Da wird kein ganzer Stall hinter stecken, Marion Weißt du was lass einfach, lass laufen!
Und Marion war total geknickt. Helga war eigentlich die perfekte Schwiegermutter nie nörgelt sie, nie indiskret, immer hilfsbereit. Und jetzt Scherben.
Mit dem Pferd hatte Helga früher manchmal sogar gesprochen. Mit den anderen, nie. Nur mit dem Pferd.
Wir suchen Ersatz, einen besseren!, flötete Marion, als hätte Max sein Spielzeug verloren. Ist doch kein Grund, so niedergeschlagen zu sein es war doch nur ein Gaul! Das Schild ist noch da, wir findens doch sicherlich
Ach Marion, ich hätte das Mistvieh nie aufheben sollen Mein Chef hat mir das Vieh aufgequatscht, und ich konnte es nicht entsorgen, weil er ja kontrollierte, ob es noch da ist. Zerbrochen? Wunderbar! Aber wisst ihr was, Helga ließ die Hände sinken.
Ben und Marion sahen sich erschrocken an. Irgendwas war passiert Schlimmeres als zerbrochenes Porzellan!
Mama, was ist denn? Papa krank? Kredit? Betrüger? Red schon!, drängte Ben und Helga schaute kleinlaut von unten.
Ben, entschuldige ich habe dein neues Auto angekratzt. Wirklich, der Parkplatz war fies, ich wollte ausweichen, habs im Rücken gespürt, und Na ja, die Schramme ist dick und fett. Aber bitte, ich schimpf nicht wegen des Pferdes! Und Max kann den ganzen Sommer aufs Land! Und
Ben hörte schon nichts mehr; er rannte wie von der Tarantel gestochen die Treppe hinunter.
Er hatte sein Auto erst letzte Woche gekauft, roch noch immer den Neuwagenduft. Abends wie morgens bewunderte er seinen Schatz.
Die Nachbarinnen starrten ihm nach.
Ja, gehts noch flotter?, raunte die eine.
Bestimmt hat er sein Portemonnaie vergessen. Mir ist das auch mal passiert!, sagte die andere.
Du? Gelaufen? Träum weiter!
Antonia zuckte mit den Schultern.
Na ja, nicht schnell, aber gelaufen bin ich schon. Am Ende lag das Portemonnaie in meinem Mantel.
Drunten kauerte Ben um sein Auto, inspizierte, schnüffelte, leuchtete mit dem Smartphone da, die Schramme! Braunrot und dick. Er schimpfte, streichelte seinen Flitzer besorgt Doch dann blätterte die Schramme plötzlich ab Matsch. Kein Kratzer, die Farbe noch frisch.
Ben kam zurück. Im Wohnzimmer war alles friedlich, Max spielte mit Autos, Helga und Marion tranken Tee.
Na? Entscheidung gefallen? Verkaufen wir jetzt Omas Schätze?, fragte Ben in gespielter Strenge.
Ben, Süßer, ich verkaufe alles. Nur das Pilzmädchen, den Löwen, Hahn und Bären behalte ich. Ach, und diesen Hund da, schon stand Helga vor dem Regal, erklärte noch einmal zu jeder Figur, wo und bei wem sie sie ergattert hatte. Und ich steig nie wieder selbst ins Auto. Nie!
Nicht ärgern? Erinnerst du dich, als ich deine rosa Vase zerdeppert hab? Da gabs Hausarrest. Und als ich die Tinte über dein Kleid gekippt hab, Ben knurrte theatralisch.
Weiß ich noch. Hast recht, das war nicht nett. Entschuldigung.
Und ich, Ben holte tief Luft Marion winkte wild ab, Helgas Hände waren schon klamm Ich
Helga stand auf, tat ein wenig, als ginge es zum Galgen.
Soll ich gehen?
Ben! rief Marion.
Oma! rief Max.
Alle schauten Ben an.
Der setzte sich, löffelte drei Zucker ins Glas und verkündete:
Ach, das war eh nur Dreck. Willst du die Figuren mitnehmen? Ins Auto packen? Setzt euch, wie in einer normalen Familie! Marion, dein Kuchen ist klasse. Ich hätt gern noch Marmelade…
Marion boxte ihn in die Seite, bot Helga erstmals Herztabletten an, schenkte noch Tee ein und gemeinsam wickelten sie den Porzellan-Schatz in Zeitung und Schnur. Ben hatte endlich das Landhaus ausgebaut, für Helgas Sammlung wurde ein Vitrinenraum unter der Treppe eingerichtet, mit LED-Lämpchen und allem Drum und Dran. Sogar für den Gaul wurde ein Ehrenplatz reserviert.
Ben, der Gaul kommt nicht, stellte Helga später fest. Marion hat ihn gekillt.
Und? Hast du sie geröstet? murmelte Ben schlaftrunken.
Ich habs gut sein lassen. Das Pferd war irgendwie immer falsch. Da kommt jetzt die Ballerina hin. Och, ich bin k.o. und schon wieder keinen Parkplatz gefunden, und jemand hat Bens Auto zerkratzt, aber dann wars nur Dreck und, redete Helga.
Ich verhäng ein Strafkonzert, Helga! Am Samstag gehen wir in die Philharmonie!, schnitt Ben ihr das Wort ab.
Aber ich hab nix Passendes!
Das ist ein Strafe. Zieh an, was du willst!, gähnte Ben und trollte ins Bett.
Beim Konzert tappste plötzlich jemand Helga am Rücken. Durchs Opernglas sah sie direkt ihren Ex-Chef.
Helga! Immer noch so bezaubernd! Sagen Sie lebt mein Pferd eigentlich noch? Ich hab es damals für Sie gefunden! Wäre ja nett, wieder mal vorbeizuschauen…, schnurrte er in ihr Ohr.
Ach nein, Herr Wagner das Pferd ist Geschichte. Sie brauchen nicht traurig sein, es war eh nie ein Unikat. Kommen Sie lieber nicht, wir lassen uns überraschen!, freundlich, aber bestimmt.
Was für ein Glück, dass Marion den Gaul geschrottet hat. Jetzt war der letzte Faden zu Herrn Wagner gerissen, und Helga spürte: Freiheit! Neue Ära! Der Gaul: auf dem Müll.
Eigentlich egal… Hab das Ding im Baumarkt fürn Appel und Ei gekauft. Sie haben tatsächlich gedacht, das war antik?, lachte Wagner, patschte auf die Schulter und verschwand schnell, als Ben mit festem Händedruck erschien.
Kaum mal eine Minute allein gelassen schon tummeln sich hier die Typen!, brummte Ben und reichte ihr Studentenfutter. Hier, ess mal. Los gehts! Ruhig! Jetzt fängts an.
Ben setzte sich, das Licht ging aus, das Orchester fiedelte los, und Helga hielt es tapfer aus. Jeder hat eben seinen Spleen, und sie wollte Ben auch nicht von seinen Konzertplänen abhalten.
Ben, sollen wir eigentlich auch Teeservices sammeln? Ich hab so ein hübsches gesehen…, flüsterte Helga.
Ben winkte nur müde ab. Erst mal Konzert, danach das Leben, dann Services. Und ja, sie kann sammeln, was sie will er wird ihr die Regale anschrauben. Das, dachte Marion im Stillen, ist wohl Liebe. Sie hofft, bei ihr und Lukas läuft es irgendwann auch soDraußen rauschte der Verkehr, drinnen war es friedlich wie selten. Ben nahm Helgas Hand, drückte sie, als würde er diese Geste nie wieder loslassen wollen. Helga bemerkte es, lächelte erschöpft und endlich frei. In diesem Moment verstand sie: All der Staub, all das Porzellan, alle kleinen Verluste waren gar nichts gegen das, was blieb. Familie. Geschichten. Lachen, das aus dem Flur schallte.
Marion summte leise, während sie am nächsten Morgen Max Kakao umrührte und das Licht in der neuen Vitrine bestaunte. Sie merkte nun selbst: Die Sammlung war nicht nur Erinnerung, sondern das, was alle miteinander verband. Kein Stück musste vollkommen sein Schrammen und Sprünge machten das Leben erst wirklich schön.
Später, auf dem Land, balancierte Max vorsichtig einen Pilz von der Vitrine zum Küchentisch. Mama, die Kuhhirtin fehlt noch! Darf ich sie suchen?
Frag mal nach bei Oma, antwortete Marion und reichte Helga zwinkernd die Zeitung.
Helga tupfte sich die Augen und rief: Wer weiß, mein Junge vielleicht finden wir noch viel mehr!
Draußen wieherten irgendwo Pferde, drinnen prosteten sich drei Generationen mit Tee und Kakao zu und niemand achtete mehr auf Makel im Porzellan. Im Schein der neuen LED-Lampen funkelten nicht teure Raritäten, sondern lauter kleine Beweise dafür, wie liebevoll und unperfekt Familie eben ist.
Und als Max in einer Kiste einen verbogenen Porzellanschwan fand, grinste Helga verschmitzt: Das ist jetzt unser Glückstier. Nicht das Pferd. Glück hat immer Flügel.
Es wurde gelacht, Pläne geschmiedet, Kuchen gebacken und irgendwo zwischen Marmelade und Milch, Schäferinnen und Schrammen, fing für alle ein neues Kapitel an.





