– Und wenn ich zurückkomme, soll die Wohnung sauber sein! rief Frau Olga Baumgartner, stürmte auf den Treppenabsatz und schlug die Tür so heftig zu, dass sogar die Fenster im Treppenhaus klirrten.
Ich Thomas Rehfeld war gerade auf dem Weg nach unten, als das passierte, und zuckte erschrocken zusammen. Dann blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich hoffte, Frau Baumgartner bemerkt mich nicht, aber darauf hätte ich wohl nicht hoffen sollen.
– Ach, Tommi Guten Morgen!
Mit auffällig hastigen Bewegungen stellte sie einen leeren Karton von einem Reiskocher ab und begann, die letzten Knöpfe ihres Mantels zu schließen. Ganz offensichtlich hatte sie es eilig.
– Guten Morgen, Frau Baumgartner, erwiderte ich und versuchte ein Lächeln. Haben Ihre Kinder wieder etwas ausgefressen?
– Und wie! Ich fass es einfach nicht mehr… schimpfte sie, während sie sich immer noch mit ihrem Mantel abmühte.
Jetzt bewegte sich der Karton am Boden.
Mir fuhr der Schreck in die Glieder, obwohl ich doch in sicherer Entfernung stand. Nicht, dass ich besonders ängstlich wäre, aber dass sich darin etwas Lebendiges befinden könnte, darauf war ich nicht gefasst
Was da wohl drin ist?
In meiner Fantasie sah ich sofort ein rebellisches Küchengerät, das mit Gemüse um sich warf und auf diese Weise zur Entsorgung verdammt wurde. Aber Frau Baumgartner hob den Karton kurz hoch, um mir den Inhalt zu zeigen.
Ich trat näher heran und schaute vorsichtig hinein.
Natürlich wusste ich, dass keine lebendige Küchenhilfe darin sein konnte. Aber was ich sah, überraschte mich trotzdem und zwar angenehm.
Vom Boden des Kartons aus schauten mir zwei neugierige Augen entgegen. Sie gehörten einem kleinen Kätzchen.
Ach du meine Güte, wie süß! entfuhr es mir.
Findest du? Na, ich nicht mehr, murrte Frau Baumgartner und verschloss rasch die Kiste wieder.
Wo haben Sie den Kleinen denn her?
Meine Kinder haben ihn angeschleppt Ich bereue es mittlerweile, ihn überhaupt reingelassen zu haben. So viel Theater, das kann sich keiner vorstellen. Anfangs fand ich ihn auch putzig. Aber wie sagt man so schön: nicht alles, was glänzt, ist Gold. Er ist zwar niedlich, aber hat einen Dickkopf wie mein Ex-Mann.
Ach, Frau Baumgartner, der wird schon ruhiger, wenn er älter wird, versuchte ich, sie zu trösten. Sie bringen ihn doch sicher zum Tierarzt jetzt, oder? Impfen lassen?
Ach, Quatsch! Tierarzt? Impfungen? Nee, Tommi, ich hab die Nase voll. Ich bring ihn jetzt zur Schrebergartenkolonie. Sollen die Mäuse dort mit ihm klarkommen.
Ich war perplex. Das konnte sie doch nicht ernst meinen.
Den Kleinen im November zur Laube bringen?
Was denn, willst du bis zum Frühling warten? Kälte ist nun mal Kälte! Ob jetzt oder später, ist doch egal. Wenns nach mir ginge, hätte ich ihn gleich wieder rausgesetzt.
Vor lauter Aufregung schnappte Frau Baumgartner nach Luft.
Als sie sich wieder gefangen hatte, fuhr sie fort:
Du hättest sehen sollen, was der Kleine alles anstellt! Ich hab mehr Baldrian geschluckt als nach der Scheidung! Die Entscheidung steht fest. Keine Diskussion.
Warten Sie doch mal
Oder soll ich ihn wieder im Hof lassen? Da haben ihn die Kinder auch gefunden. Aber das endet wieder nur damit, dass sie ihn reinschmuggeln!
Sie griff nach ihrem Handy, schüttelte leicht den Kopf:
Jetzt hast du mich schon so abgelenkt, Tommi. Ich muss los, sonst verpasse ich noch den Bus.
Sie wandte sich ab und stieg mit der Kiste die Treppe hinunter. Ich blickte ihr nach fassungslos, wie jemand so mit einem kleinen Lebewesen umgehen konnte. ‘
Frau Baumgartner, bitte warten Sie!
Was denn noch? Ich sags doch: Ich komm zu spät!
Geben Sie mir das Kätzchen. Ich versuche, ein Zuhause für ihn zu finden. Bitte, ich kümmere mich darum.
Sie blieb stehen und drehte sich langsam um.
Ein gutes Zuhause? Willst du damit sagen, ich hätte kein gutes Zuhause geboten? schnappte sie. Mit diesen Händen hab ich zwei Kinder großgezogen!
Nein, ich will nur helfen. Draußen überlebt er den Winter doch nicht.
Wer es schaffen will, schafft es. Wenn nicht Pech gehabt. Das ist eben das Leben
Das können Sie doch nicht meinen.
Was kann ich dafür? Der Kleine passt einfach nicht ins Haus! Der hat einfach keinen Anstand.
Er ist doch noch ein Baby! warf ich ein. Bei Ihren Kindern schreien Sie doch auch ständig, aber Sie würden sie trotzdem nicht einfach rausschmeißen.
Meine Kinder sind eben meine Kinder. Das ist was ganz Anderes. Aber gut nimm ihn ruhig.
Sie stellte den Karton ab.
Mir solls recht sein. Spart mir das Geld fürs Bus- und Bahnticket.
Dann verschwand sie wieder in ihre Wohnung, die Tür knallte zu, und ihr Schimpfen gegen ihre Kinder konnte man bis auf den Flur hören.
Was dann noch vor sich ging, bekam ich gar nicht mehr mit. Ich nahm den Karton samt Kätzchen vorsichtig hoch und stieg zu meiner Wohnung hoch.
So kam es, dass ich zum stolzen Besitzer eines Reiskocherkartons und eines kleinen Katers wurde.
Ganz ehrlich; ich hatte nicht im Traum daran gedacht, einen haarigen Untermieter zu bekommen. Heute schon gar nicht. Eigentlich wollte ich doch bloß Kaffee holen und bin dann mehr oder weniger zufällig reingeraten.
Tieren gegenüber war ich immer eher gleichgültig. Ich war keiner von denen, die stundenlang davon schwärmen, wie sehr sie ihre Katze oder ihren Hund lieben.
Aber zulassen, dass so ein kleiner Kerl in der Kälte ausgesetzt wird das ging für mich einfach nicht. So ist Gleichgültigkeit keine Herzlosigkeit. Das konnte ich nicht verantworten.
Und so ein süßer Kater wird bestimmt jemanden finden, dachte ich mir. Ich war mir da ganz sicher.
Ein paar schöne Fotos aus verschiedenen Perspektiven, einen Aushang im Internet und schon stehen die Leute bei mir Schlange.
*****
Ich wollte nichts aufschieben und fotografierte den Kater sofort, lud Bilder in die üblichen Kleinanzeigen und Tierschutzforen hoch.
Dann konnte ich guten Gewissens einkaufen gehen Kaffee und Katzenfutter natürlich (irgendwas musste das Kerlchen ja fressen, solange er bei mir blieb).
Mit dem Futter kaufte ich auch gleich ein Plastikklo und Streu ein. Ungeplante Ausgaben, aber nötig.
Den Kram gebe ich dann einfach dem neuen Besitzer weiter, dachte ich und musste grinsen weil ich was Gutes tat. Das bisschen Geld, das war mir egal.
Laut Frau Baumgartner hieß der Kater Kringel. Aber er reagierte nicht auf den Namen, also gab ich ihm einen neuen.
Nach langer Überlegung Nummer 132 auf der Namensliste fiel die Entscheidung: Jetzt bist du Fritzi!
Fritzi, was meinst du, gefällts dir? fragte ich ihn.
Miau! rief er und stürmte los. Seine erste Aufgabe: die flauschigen Hausschuhe auseinandernehmen. Schließlich gibts nichts Flauschigeres und Schöneres als ihn.
Ich musste lachen und beobachtete seine Eskapaden, ehe ich mich an die Arbeit machte.
Ich bin als freiberuflicher Fotograf unterwegs, habe regelmäßig Kundenaufträge und mag meinen Job. Er bringt auch ganz gut Geld.
Aber heute brauchte ich dringend Zeit, um aktuelle Kundenbilder zu bearbeiten. Also setzte ich mich an den PC, Photoshop an, und los.
Aber Ruhe bekam ich keine.
Fritzi jagte wie ein Blitz durch die Wohnung, rutschte um jede Ecke, polterte durch die Zimmer der Krach war unfassbar.
He, Kleiner! rief ich und drohte ihm halbherzig mit dem Finger.
Er blieb stehen, sah mich fragend an: Nerv nicht, Chef ich hab zu spielen.
Ich versteh ja, dir ist langweilig. Aber denk dran: Das hier ist nur auf Zeit.
Miau!
Und nun sei bitte brav und lass mich arbeiten.
Das hätte ich mir sparen können.
Der Kleine setzte kurz einen Schmollblick auf, dann blickte er so traurig, dass mir direkt das schlechte Gewissen kam.
Wie kann man jemanden so winziges schimpfen?, dachte ich.
Na gut, spiel ruhig aber bitte leise, gab ich nach.
Er miaute begeistert und tobte direkt weiter. Kein Hindernis zu groß das war sein Credo.
Um dem Lärm zu entgehen, setzte ich Kopfhörer auf und machte weiter Fotos fertig.
Doch nur wenige Minuten später hörte ich einen dumpfen Knall, dann war der Computer aus. Fritzi hatte das Netzkabel herausgerissen, als er unter den Schreibtisch gerast war und war verschwunden.
Na toll! konnte ich gerade noch seufzen.
Die nächste halbe Stunde rannten wir beide kreuz und quer durch die Wohnung: Ich, um ihn einzufangen verschrammte mir dabei ein paar Zehen er, um sich zu verstecken.
Als ich alles wieder im Griff hatte, prüfte ich die Forenbeiträge.
Viele Herzen hier, Lob da aber keine einzige Nachricht von einem Interessenten.
Die Leute schrieben nur:
Oh, wie süß!, So einen hätte ich auch gern!, Was für ein Schatz!
Aber keiner wollte meinen Fritzi wirklich zu sich holen.
Also schrieb ich überall dazu: Ich bringe das Kätzchen persönlich vorbei, egal wohin!
Das musste ja helfen, dachte ich.
Inzwischen war Fritzi erschöpft und kuschelte sich aufs Sofa. Ich setzte mich dazu, kraulte sein Bäuchlein, bis er einschlief und schlief auch prompt ein.
An dem Tag wurde logischerweise nichts mehr gearbeitet.
*****
Eine Woche später war klar: Es war schwieriger als gedacht, das Kätzchen zu vermitteln.
Viele Likes, viele liebe Worte aber keine konkreten Anfragen. Nach noch ein paar Tagen fragte ich mich ernsthaft: Was, wenn ihn einfach niemand nimmt? Muss er dann bei mir bleiben? Na, das fehlt mir gerade noch!, murmelte ich automatisch und tadelte mich sofort.
Fritzi schlief friedlich neben der Tastatur, die Computermaus in seinen Pfoten. Und während ich mich lauthals beklagte, öffnete er nur schläfrig ein Auge und maunzte empört.
Ich seufzte schweren Herzens und scrollte durch die Kommentare.
Es war immer das Gleiche: Wie süß! aber keine Hand, die sich ausstreckte.
Plötzlich erinnerte ich mich an die kürzliche Sitzung beim Therapeuten, bei dem ich verstehen wollte, warum ich stets das Gefühl hatte, das irgendetwas fehlte.
Den Job mochte ich, Geld war kein Problem, und sogar die Wohnung war mein Eigentum (dank der Eltern). Eigentlich hatte ich alles.
Aber da war immer diese Leere. Es lag nicht an Frauen, ich hatte extra eine Beziehungspause eingelegt.
Woran dann?
Ich hoffte, der Therapeut würde helfen. Reden Sie mal mit sich selbst, hatte er empfohlen. Das endete bei mir allerdings nur mit einem Glas Wasser und einer Kopfschmerztablette. Und die innere Leere blieb.
Frustriert sagte ich zu Freunden, was mich beschäftigte.
Ach, Tommi, du hast einfach einen an der Waffel, weils bei dir so rund läuft! meinte Alex, der ein kleines bisschen neidisch auf meine Situation war.
Unsinn. Ich arbeite genauso viel wie du. Warum soll ich mich beklagen!
Vielleicht fehlt dir einfach na ja, was? meinte Micha, während er an seinem Kuchen knabberte.
Wie bitte?
Nicht wer, sondern was. Vielleicht fehlt dir einfach ein kleines bisschen Gemütlichkeit. Du bist ja so schlank, als hättest du nie Kuchen bekommen.
Das Gespräch brachte mich auch nicht weiter; ich beschloss, die Sache einfach ruhen zu lassen.
Vielleicht ist es wirklich so, dachte ich manchmal. Vielleicht ist es genau das, was mir gefehlt hat Fritzi.
*****
Seitdem Fritzi bei mir war, war ein Monat vergangen wie im Flug.
Niemand hatte den Kleinen abgeholt. Ich fragte mich langsam: Von über 1200 Likes, warum wollte denn niemand einen Kater?
Inzwischen verstand ich warum.
So viel war passiert! Über jede Einzelheit könnte man ein ganzes Buch schreiben.
Fritzi war ein schlauer Kater, verstand mich aufs erste Wort auch, wenn ich ihn schon zum zehnten Mal bat, das Sofa heil zu lassen.
Er versuchte sich in verschiedenen Rollen, von Inneneinrichter bis Chefkoch (wobei ihm der Geschmack von Essiggurken oder Salzkartoffeln offenbar nicht zusagte). Eigentlich kam er doch am liebsten zu mir, um meine Laune zu heben.
Die Vorstellung von Freude und Glück unterschied sich bei uns leicht: Ich hätte gerne einfach in Ruhe gearbeitet oder mal ausgeschlafen. Aber mit Kater in der Wohnung war das schwierig.
Jedes Mal, wenn ich mich setzte, kam er angeschlichen, schaute mich an und fragte stumm: Spielst du mit mir?
Er stellte meine Geduld auf die Probe, aber trotzdem hätte ich ihn niemals einfach ausgesetzt. Ich kannte nun sogar Frau Baumgartners Überforderung aber ihren Plan würde ich nie für richtig halten.
Es gab aber auch viele Vorteile: Ich fragte mich nicht mehr, was mir im Leben fehlt. Und das Aufräumen ging schneller immerhin wollte ich vor dem nächsten Kater-Action-Marathon alles erledigt haben.
Die schönsten Momente waren jedoch, wenn ich echte Fortschritte sah. Wie stolz war ich, als Fritzi endlich eigenständig aufs Klo ging! Früher musste ich ihn nachts herumtragen das konnte sich niemand vorstellen! Ich hätte vor Freude heulen können.
Natürlich hatte er auch andere Marotten: Er spielte nachts mit dem Nachtlicht, knipste es an und aus. Ich musste es schließlich abschrauben, so wie ich es mit den Gardinen gemacht hatte ohne war die Wohnung irgendwie freundlicher.
Nach und nach gewöhnte ich mich an das neue Leben. Es fühlte sich sogar so an, als würde ich bei ihm zu Gast wohnen: Tagsüber war ich selten da, und abends empfing mich der stolze kleine Hausherr an der Tür.
Schließlich kam der Tag, an dem ich merkte, dass ich gar kein neues Zuhause für Fritzi mehr suchte ich selbst war das gute Zuhause, das ich ihm gewünscht hätte!
Ich war bereit, für jedes Fußball- oder Versteckspiel mitten in der Nacht aufzustehen.
Ich war bereit, ihm jeden Abend das Bäuchlein zu kraulen egal wie breit er sich aufs Bett legte und jeden freien Platz beanspruchte.
Ja, ich war bereit. Und ich bereue nichts weil ich liebe. Denn man kann diesen Kater einfach nicht nicht lieben.
Und Fritzi liebt mich wohl auch. Jetzt lässt er mich morgens schlafen, damit ich ausgeruht zur Arbeit kann. Er legt sich einfach leise zu mir und wartet geduldig, bis ich wach bin.
Schweigend wartet er. Manchmal sehe ich ihm an, wie er denkt: Na, wie lang willst du noch schlafen, Chef? Ich vermiss dich doch…
Manchmal finden die richtigen Dinge einfach auf Umwegen zu uns. Das ist die große Lektion, die mir dieses kleine Kätzchen geschenkt hat.




