– Sag mal ehrlich, Ingeborg Schulze sprach mit dieser beeindruckenden norddeutschen Sachlichkeit, die immer dann besonders gefährlich wurde, wenn sie so monoton blieb, weißt du eigentlich, wie viel wir in dich investiert haben?
Anja stand am Küchenfenster und blickte in den Innenhof. Dort hing eine alte Schaukel, schon etwas angerostet, bewegte sich im Wind. Sie drehte sich mit Absicht nicht um.
Ingeborg, ich weiß das schon.
Nichts weißt du. Schwiegermutter marschierte am Kühlschrank vorbei, öffnete die Tür, schloss sie direkt wieder, öffnete erneut. Typisch: Hände beschäftigen, während der Kopf angreifen kann. Die Wohnung läuft auf euch. Renovierung haben wir bezahlt. Möbel wir. Die Waschmaschine war schweineteuer. Und? Hast du überhaupt mal einen Kochtopf ins Haus gebracht?
Ich arbeite. Ich bringe Geld in die Familie.
Ich arbeite! Ingeborg schnaubte. Ich hab auch gearbeitet. Und mit dreißig hatte ich schon zwei Kinder. Und du? Drei Jahre verheiratet und null. Keine Pläne, kein Bauch, aber Karriere.
Anja drehte sich langsam um. Ihr Handy lag auf dem Küchentisch, Display nach unten. Die Aufnahme lief schon sie hatte auf Record gedrückt, kaum dass Ingeborg durch die Wohnungstür kam. Sonntagsbesuche hatten es in sich.
Stefan und ich regeln das mit den Kindern selbst.
Ihr regelt das. Ingeborg ließ sich auf den Stuhl plumpsen, verschränkte die Arme auf dem Tisch. Breite Frau mit stahlgrauem Blick, einer, der vermutlich schon in jungen Jahren alles durchbohrt hatte. Jetzt lag darin diese Selbstverständlichkeit: Das letzte Wort ist meins. Dir ist schon klar, dass ich die Wohnung auch wieder allein auf Stefan umschreiben lassen kann, wenn das mit Nachwuchs nichts wird?
Das ist Ihr gutes Recht.
Gut erkannt. Mein Recht. Und ich nutze das, wenn ich merke, dass du es nicht ernst meinst und nur hier hockst, um es dir nett zu machen.
Anja zählte innerlich, wie ihre Therapeutin es seit Wochen empfahl. Eins. Zwei. Drei.
Ingeborg, ich bin wegen Stefan in diese Familie gekommen. Ich liebe ihn.
Liebe, Ingeborg kaute das Wort wie ein trockenes Brötchen. Die vergeht. Was bleibt, sind Verpflichtungen. Du hast gefälligst was zurückzugeben, so läuft das.
Und was, genau?
Alles, wischte sie über den Tisch, Krümelphantome entfernend. Die Wohnung. Dass mein Sohn dich am Leben hält. Dass ich dich in unsere Familie gelassen hab, obwohl ich hätte Nein sagen können. Drei Jahre habe ich alles geschluckt.
Was geschluckt?
Du weißt doch genau, was ich meine. Früher kam er jede Woche, jetzt einmal im Monat, und du hockst dabei immer mit diesem Gesichtsausdruck. Denk nicht, ich merk das nicht.
Anja stellte sich aufrecht hin, nicht zu nah an Ingeborgs Radius.
Stefan ist erwachsen. Er entscheidet selbst, wie oft er Sie sehen möchte.
Weil du ihn aufhetzt.
Nein.
Lüg nicht. Die Stimme war jetzt nicht mehr monoton, sondern eiskalt. Ich kenne deinesgleichen. Nach außen leise, aber schön alles kalkuliert. Denkst du, ich weiß nicht, warum du Stefan geheiratet hast? Wir bieten eine Ferienwohnung im Allgäu, ein Netzwerk an Kontakten. Du aus so einem Kaff wie Stade, kommst mit leeren Händen und bist jetzt fein untergebracht.
Anja fühlte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Nicht schmerzhaft, eher wie eine geballte Faust im Innern.
Sie glauben also, ich hab Stefan nur wegen der Wohnung geheiratet?
Ich finde, du bist eine überaus clevere junge Frau.
Weiß Stefan, dass Sie so von mir denken?
Stefan weiß gar nichts. Mein Junge sieht halt nur das Gute in Menschen. Ich muss für ihn mitdenken.
Ingeborg, Anja versuchte, ruhig zu bleiben, Sie haben gerade gesagt, ich schulde Ihnen alles, Sie haben mich aus Eigeninteresse in die Familie geholt und halten mich für ausgerechnet. Meinen Sie das ernst?
Absolut. Und noch was: Wenn du so weitermachst, dann kenne ich auch Leute in deiner Agentur. Ich nenne keine Namen aber ich kann schon was drehen, falls du verstehst.
Anja schaute sie an. Unverwandt, in diese hellen, festen Augen.
Sie drohen mir.
Ich warne dich nur. Das ist ein Unterschied.
Draußen quietschte die Schaukel im Wind.
Gut, sagte Anja leise. Ich habs verstanden.
Ingeborg erhob sich, zupfte am Pulli.
Du bist ja vernünftig. Denk mal drüber nach. Und Stefan sagen wir besser nichts sonst ist er traurig, das brauchen wir nicht. Das bleibt zwischen uns.
Sie marschierte ab, Türe zu, nicht laut, aber so, dass klar wurde: Ich habs geregelt. Anja blieb noch einen Moment am Tisch stehen, nahm ihr Handy, stoppte die Aufnahme. 47 Minuten.
Sie steckte das Handy in die Tasche, stellte den Wasserkessel auf. Die Hände zitterten nicht. Komisch, denn innerlich war alles elektrisiert. Sie lauschte dem Brummen des Wasserkessels, wie es langsam anschwillte.
Stefan kam gegen acht. Er war Bauingenieur bei einer Baufirma und blieb in letzter Zeit immer länger. Sie war es gewohnt: Er kam erschöpft, sie wärmte das Abendessen, sie aßen still, dann TV oder Buch. Eigenartig normale Ehe, aber irgendwie nie ganz friedlich.
Kaputt? fragte sie.
Wie immer. Er hängte den Mantel hin, schlüpfte aus den Schuhen, kam in die Küche. Mama meinte, sie war hier.
Ja, war sie.
Er schaute sie an. Die paar Jahre Ehe hatten ihn gelehrt, ihre Stimmungen zu lesen. Problem: Bei Anspannung fragte er selten nach, wartete lieber, dass sich alles löste.
Alles okay? fragte er dennoch.
Nein, sagte Anja. Setz dich mal.
Er tats, sie legte das Handy vor ihm auf den Tisch, öffnete die Aufnahme.
Ich will, dass du das hörst. Komplett. Keine Kommentare.
Was ist das?
Dein Gespräch mit deiner Mutter von heute. Ich habs aufgenommen.
Sein Blick war eine Mischung aus Erstaunen und leisem Vorwurf.
Du hast sie aufgenommen?
Stefan, ich habs dir so oft erzählt. Du hast immer nur gesagt, ich seh das zu kritisch. Dass deine Mutter halt speziell ist, aber doch ein Herz hat. Ich will das so nicht mehr erklären. Hörs dir einfach an.
Er nickte, nach kurzem Zögern.
Sie startete die Aufnahme und ging ins Wohnzimmer. Konnte ihm nicht ins Gesicht schauen, während er beide Stimmen hörte ihre und Ingeborgs. In der Stille der Wohnung klang es fremd, schneidend, irgendwie flach und fast zu klar.
Stefan kam eine halbe Stunde später zu ihr, setzte sich aufs Bett, schwieg erst mal.
Anja, sagte er dann.
Ja.
Ich wusste nicht, dass sie solche Dinge redet.
Hab ich dir gesagt. Deshalb die Beweise.
Er rieb sich das Gesicht. Das tat er immer, wenn ihm alles zu viel wurde.
Wegen der Arbeit. Die Drohungen meint sie ernst?
Keine Ahnung. Vielleicht nur heiße Luft. Aber ich wills nie testen.
Sie kennt da tatsächlich jemanden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das durchziehen würde.
Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass sie so direkt zu mir sagt, ich sei berechnend und hab dich nur wegen der Wohnung geheiratet.
Er hob den Kopf.
Das hat sie gesagt?
Du hast es gehört.
Ich dachte, ich hätte mich verhört.
Anja sah ihn direkt an.
Stefan, so gehts nicht weiter. Ich klage nicht, ich erklär dir, dass ich so nicht leben will. Sie kommt zu uns, sagt mir, was ich angeblich schulde, dass sie die Wohnung nehmen kann, meine Karriere in der Hand hat… Das ist nicht normal. Irgendwas muss sich ändern.
Was schlägst du vor? fragte er. Ohne Verteidigung, nur neugierig.
Ein gutes Zeichen.
Ich habe nachgedacht. Erster Punkt: Anwalt für die Papiere. Ich will nicht, dass diese Wohnung immer als Druckmittel über uns schwebt. Zweitens: Wir reden mit ihr gemeinsam, ruhig, aber klar. Keine Drohungen mehr, keine Kinderdiskussion, keine Schuldzuweisungen. Drittens: Hält sie sich nicht dran, reduzieren wir den Kontakt. Kein Kontaktabbruch, aber Abstand.
Stefan schwieg.
Das ist kein Ultimatum, ergänzte Anja. Ich will sie nicht aus unserem Leben kicken, aber ich will atmen können. Und ich will, dass du diesmal wirklich mit mir gemeinsam da durchgehst.
Ich bin dabei, sagte er. Leise, aber ohne jedes Vielleicht.
Sie atmete durch. Zum ersten Mal an diesem Tag richtig.
Die nächsten Tage waren vollgepackt. Anja werkelte in ihrer kleinen Werbeagentur; pünktlich stand ein großes Projekt an. Stefan vereinbarte für Freitag einen Anwalts-Termin. Anja las im Internet, wie das mit Wohnungseigentum rechtlich wirklich aussieht. Ergebnis: Alles war längst korrekt geregelt, nur hatte Ingeborg sich ein bisschen auf Unwissen verlassen. Der Anwalt bestätigte: Die Wohnung ist offiziell Stefans Ingeborg kann viel erzählen, zurückholen kann sie nichts.
Sie hat geblufft, sagte Stefan auf dem Weg nach draußen.
Ich weiß. Machts aber nicht leichter. Ahntest du, wie ich drei Jahre hier gehaust habe?
Er nahm ihre Hand.
Jetzt schon. Tut mir leid, dass ichs nicht früher gesehen habe.
Anja drückte kurz zu. Es musste nicht immer ein großes Wort sein.
Am Sonntag fuhren sie gemeinsam zu Ingeborg. Sie entschieden, bei ihr zu reden gewohnte Umgebung, weniger Dramaturgie.
Ingeborg öffnete, als sei absolut nichts los. Tee gekocht, Streuselkuchen serviert, neugierige Blicke zwischen Sohn und Schwiegertochter.
Mama, begann Stefan, wir müssen reden.
Dann mal los.
Ich hab die Aufnahme gehört. Vom letzten Mal.
Ingeborgs Gesicht war undurchdringlich, nur ihre Augen wurden schmal.
Welche Aufnahme?
Anja hat alles aufgenommen. Ich weiß jetzt, was du gesagt hast.
Mitgehört hat sie, aha, Ingeborg warf Anja einen Blick zu, beinahe zufrieden. Nicht so harmlos, wie sie tut.
Mama, Stefans Ton wurde härter das zählt jetzt nicht. Du hast ihr vorgeworfen, sie würde dir was schulden, hast mit ihrer Arbeit gedroht, sie berechnet genannt. Stimmt das?
Ich habe gesagt, was ich denke.
Gut. Jetzt komm ich dran: Anja ist meine Frau, sie lebt mit mir. Du kannst über sie denken, was du willst. Aber in unserem Haus lässt du solche Sachen künftig einfach. Keine Drohungen. Keine Kinderdebatten. Wir machen das, wenn es uns passt.
Ingeborg schwieg, starrte ihn an.
Ich sage nicht, dass ich dich nicht mehr sehen will, ergänzte Stefan. Aber wenn das wieder vorfällt, sehen wir uns seltener. Keine Drohung, reine Tatsache.
Das sind Anjas Worte, sagte sie leise. Ganz anders als sonst.
Nein, meine.
Steffi… Sie legte die Hand auf den Küchentisch. Ich hab alles für dich gemacht. Wohnung, Renovierung…
Mama, er fiel ihr sanft ins Wort, ich weiß das. Bin dankbar. Aber das bedeutet nicht, dass du unser Leben bestimmst. Wir sind erwachsen.
Sie sagte lange nichts. Draußen rollte ein VW vorbei, irgendwo tickte eine Wanduhr.
Wars das? fragte sie schließlich.
Ja, sagte Stefan.
Sie stand langsam auf, die Hand blieb einen Moment weiß auf der Tischkante. Sie ging, Richtung Fenster. Plötzlich wankte sie.
Mama? Stefan sprang auf.
Ingeborg öffnete den Mund, brachte aber nichts anderes als ein seltsames Murmeln hervor, sackte zusammen. Stefan fing sie gerade noch so.
Anja war gleich bei ihr. Seltsam ruhig, als wäre alles klar. Legte Ingeborg auf den Boden, drehte den Kopf zur Seite, checkte Atmung und Puls unregelmäßig, aber da.
Notarzt, befahl sie Stefan.
Er telefonierte schon. Klar und knapp: Sprachverlust, Koordination gestört, Puls und Atmung vorhanden, Adresse…!
Er nannte alles, Anja hielt Ingeborgs Hand. Schwiegermutter starrte die Decke an. Panik in diesen sonst so scharfen Augen, keine Kälte mehr, kein Durchblick nur Unsicherheit.
Es wird alles gut, sagte Anja, denn es musste etwas gesagt werden.
Neun Minuten später: Rettungswagen. Die Sanitäter arbeiteten fix, fuhren Ingeborg ab. Stefan und Anja im Auto hinterher. Stille.
Im Krankenhaus: warten. Zwei Stunden Kunststoffstühle, Handhalten verkehrt herum Stefan klammerte diesmal an ihr.
Dann kam der Arzt. Jung, mit Brille, erschöpft aber freundlich.
Ischämischer Schlaganfall. Stabilisiert. Prognose vorsichtig aber nicht schlecht. Alter spielt für die Heilung, zum Glück 63.
Stefan nickte. Anja starrte auf ihre Hände.
Kommt sie wieder zurück? Stefan.
Wahrscheinlich ja. Es braucht aber Zeit.
Die Nacht blieben beide wach. Stefan wanderte rastlos durch die Wohnung. Anja schaffte es nicht zu schlafen. Noch vier Stunden zuvor war alles planbar jetzt nur noch Krankenhaus und Warteraumgestank.
Am Morgen rief sie bei der Arbeit an, kündigte ein paar Tage Auszeit an.
Die nächsten drei Wochen liefen außerhalb des Normalen. Ingeborg lag im Krankenhaus. Rechte Körperhälfte schwach, fast keine Sprache anfangs, nur einzelne Laute. Anja kam jeden Tag, Stefan nach Feierabend.
Anfangs wusste Anja selbst nicht, warum sie fuhr. Nicht aus Pflichtgefühl. Auch nicht wegen Schuld. Vielleicht einfach, weil sonst keiner mehr kam. Ingeborgs Schwester war krank und alt, Freundinnen waren einmal dagewesen das wars.
Am ersten Tag saß Anja nur da. Ingeborg musterte sie aus der Ferne. Die rechte Hand bewegungslos auf der Decke.
Hören Sie mich? Anja.
Ingeborg blinzelte. Immerhin.
Ich komme morgen wieder. Alles okay.
Tag zwei: Ingeborg versuchte ein Wort es wurde ein mm und dann Stille. Anja brachte Apfelsaft mit Strohhalm, half beim Trinken. Wieder dieser suchende Blick. Die linke Hand tastete langsam an den Rand der Decke, als würde sie hoffen, etwas zu finden.
Anja legte ihre Hand darüber.
Ingeborg zog sie nicht weg.
Tag fünf: Aus einzelnen Worten wurde langsam Sprache. Trinken. Kalt. Wo? Anja notierte fürs Team mit dem Handy, welche Worte klappten und welche nicht. Die Logopädin kam einmal am Tag zu wenig, Anja übte extra mit ihr.
Sagen Sie Ja.
J-ja, kam es stockend.
Super, noch mal.
Ja.
Perfekt.
An…ja, flüsterte Ingeborg.
Ja, ich. Anja.
Ingeborg schloss die Augen, wirkte ein kleines bisschen gelöst.
Am Ende der ersten Woche sagte Stefan:
Ich kapier nicht, wie du das machst.
Was?
Du bist jeden Tag da. Nach allem, was war.
Sie ist deine Mutter, Stefan.
Das ist keine Antwort.
Okay, ehrlich: Keine Ahnung. Ich sitze da, halte ihre Hand, und dann zählt nur noch das.
Stefan schaute sie lange an. Ich liebe dich, weißt du das?
Ja.
Woche zwei: Ingeborg durfte schon im Sessel sitzen. Anja brachte selbstgekochtes Essen: weiche Suppe, Auflauf, alles, was leicht geht. Schwiegermutter aß langsam mit der linken Hand, die rechte schwächelte. Einmal glitt der Löffel weg, Suppe auf die Bluse, Ingeborg erstarrte. Anja wischte wortlos, zog die Bluse aus. Da entdeckte sie eine einzelne Träne auf des Schwiegermutters Wange.
Ist nicht schlimm. Passiert jedem.
N-n… Ingeborg N-n… gewöhnt…
Sie werden sich wieder dran gewöhnen. Es ist nur vorübergehend.
Du… Ingeborg musterte sie … warum… hier.
Wie, warum?
Nach… allem.
Anja wartete kurz.
Weil ich es will, sagte sie schlicht.
Langes Schweigen. Dann starrte Ingeborg aus dem Fenster.
Woche drei: deutlich mehr Sprache, manchmal noch Wörter durcheinander, aber inzwischen kamen schon Fragen: Wie läufts im Büro, was macht die Stadt, obs jetzt warm ist. Anja antwortete stets nüchtern.
Eines Tages, ohne sie anzusehen, sagte Ingeborg:
Ich… war nicht nett zu dir. Früher.
Anja schwieg.
Hast du… gehört?
Hab ich.
Erinnerst du dich?
Ja.
Entschuldige.
Zwei Wörter stockend gesprochen, ohne viel Tonfall, aber voller Gewicht.
Okay, sagte Anja. Nicht Ich verzeihe oder alles vergessen. Einfach: okay.
Logopädin: sehr gute Fortschritte. Arzt: In 10 Tagen vielleicht Entlassung. Stefan recherchierte Reha-Zentren, Anja organisierte schon mal Physiotherapeuten.
Abends fragte Stefan.
Und, weißt du, wie es weitergeht?
Was meinst du?
Wenn sie raus ist, muss jemand helfen.
Ich hab schon überlegt, sagte Anja. Wir holen eine Pflegehilfe. Ich helfe, so gut ich kann, aber sie zieht nicht bei uns ein.
Stille.
Bist du dagegen?
Nein. Ich wollte nur wissen, wie du denkst.
Jemanden unterstützen und ihm das eigene Leben schenken sind zwei Paar Schuhe.
Sein Gesicht erinnerte an jemanden, dem gerade ein Licht aufgeht, das eigentlich schon längst hätte brennen sollen.
Die Reha lag eine halbe Stunde vor der Stadt. Neuer Schritt, das klang fast schon zu optimistisch für Anjas Geschmack. Fachlich aber alles top. Ingeborg kam drei Wochen nach dem Krankenhaus dorthin. Anja besuchte sie zweimal die Woche, Stefan öfters.
Als Ingeborg erstmals mit dem Rollator lief, drehte sie sich nach Anja um, und etwas an dem Blick rührte Anja so sehr, dass sie sich zum Handy umdrehte, als würde sie sms-en, nur um nicht zu zeigen, wie die Augen brannten.
Nach zwei Monaten ging Ingeborg schon mit Stock. Sprache zurück, drei Viertel normal, nur ein paar Stolperer.
An einem Tag brachte Anja selbstgebackenen Apfelkuchen ins Zentrum.
Schmeckt gut, meinte Ingeborg. Selbst gemacht?
Klar.
Wusste nicht, dass du das kannst.
Haben Sie nie gefragt.
Sie hielt inne. Wahrscheinlich wusste ich vieles nicht.
Wahrscheinlich.
Machst du den Kuchen schon lang?
Von meiner Mutter gelernt. Ich komme ja aus Stade, Sie wissen schon.
Stimmt. Ingeborg blickte aus dem Fenster. Lebt deine Mutter noch?
In Stade. Wir telefonieren ab und zu.
Weiß sie, dass du hier bist?
Klar.
Und?
Anja lächelte ein bisschen.
Sie sagt immer: Halt durch.
Da zuckte was um Ingeborgs Mundwinkel. Keine echte Freude, aber immerhin.
Gute Frau, deine Mutter, sagte sie leise.
Die Pflegekraft, die Ingeborg nun unterstützte, hieß Claudia. Fünfzig, ruhig, zuverlässig. Kam jeden Tag vier Stunden, kochte, räumte, setzte sich auch mal dazu. Anfangs skeptisch beäugt, hatte sich Ingeborg schnell an sie gewöhnt.
Gut ausgesucht, sagte sie mal zu Anja.
Glück gehabt.
Nein. Genau gesucht. Ist was anderes.
Anja wunderte sich über diesen Satz und merkte dann, dass sie sich gar nicht wunderte.
Im Spätherbst fuhren Stefan und Anja ein Wochenende alleine auf die alte Familienhütte. Zwei Stunden raus, mitten im herbstnassen Birkenwald. Holzofen, viel Tee, Spaziergänge durchs Laub.
Am zweiten Tag fragte Stefan:
Die Aufnahme, hast du die noch?
Klar, im Handy.
Behalten?
Anja hatte schon oft dran gedacht.
Wofür? Die war damals nötig, jetzt nicht mehr.
Sie suchte die Datei. Und löschte. Punkt.
Alles weg? fragte Stefan.
Alles.
Sie saßen noch schweigend da. Aber ein angenehmes Schauen-schweigen.
Der Dezember kam mit frühem Schnee. Anja bemerkte Veränderungen erst spät sie fühlte sich anders, wartete ab, kaufte schließlich zwei Tests in der Apotheke. Beide klar: schwanger.
Sie zeigte es Stefan abends, wortlos.
Er starrte erst auf den Test, dann auf Anja.
Ernsthaft?
Beide eindeutig.
Er nahm sie in die Arme. Fest. Mucksmäuschen.
Ingeborg erfuhr es beim nächsten Besuch. Anja hatte gesagt, Stefan solle es sagen, aber Ingeborg schaute nur sie an, als Stefan alles erklärte.
Danach schwieg sie erst einmal.
Gute Nachricht, sagte sie dann ganz langsam, bedächtig.
Wir freuen uns, Stefan.
Ich Ingeborg sah zu Anja. Ich helfe. Wenn ihr wollt.
Mal sehen, blieb Anja nüchtern. Ist ja noch früh.
Ja. Noch früh. Ingeborg nickte, fügte dann hinzu: Danke, dass ihr es mir sagt.
Dieses Danke hatte sie früher nie gesagt Anja war sich sicher. Jetzt war es da, selten, aber ehrlich.
Im Januar wurde Anja morgens übel. Sie stand vor Stefan auf, trank Tee in kleinen Schlucken am Fenster, der Himmel graute erst spät. Manchmal stand sie da und dachte an das vergangene Jahr, an die Schaukel im Hof, an die Aufnahme-Taste am Handy.
Neues Leben. Gleiche Küche, gleiche Schaukel.
Eines Morgens klingelte Ingeborg. Ungewöhnlich früh.
Bist du wach?
Ja. Sitze am Fenster.
Ich auch. Schlaflose Nacht. Viel nachgedacht.
Woran?
Pause.
An allem Möglichen. Dich geweckt?
Nein.
Gut. Und wie gehts dir?
Ok. Bisschen Übelkeit morgens. Aber normal.
Hatte ich auch. Damals. Hilft Stefan dir?
Ja.
Schweigen. Aber kein schlechtes.
Anja, begann Ingeborg.
Ja?
Damals hab ich gesagt, du schuldest mir was. Erinnerst du dich?
Ja.
Stimmt nicht. Du schuldest mir gar nichts.
Anja blickte weiter hinaus. Die Schaukel war verschneit.
Weiß ich, sagte sie schlicht.
Ich hatte Angst, gestand Ingeborg, Wort für Wort langsam. Dass Stefan mich verlässt. Dass du ihn nimmst, ich allein bleibe. Deshalb versuchte ich, dich festzuhalten, mit Angst.
Mit Angst festhalten?
Ja. Blöd, ich weiß.
Ja. Blöd.
Bist du noch böse?
Nein. Nicht mehr.
Warum nicht?
Dieses Mal musste Anja überlegen.
Ärger ändert doch nichts. Mir ist gerade anderes wichtiger.
Draußen wurde es langsam hell, der erste graue Schein stieg auf.
Was ist wichtiger? fragte Ingeborg.
In Ruhe leben. Das Kind bekommen. Menschen um mich wissen, denen ich vertrauen kann.
Auch mir?
Erst jetzt, nach diesem Jahr, fand Anja eine ehrliche Antwort.
Ich weiß es noch nicht. Aber ich beobachte.
Ingeborg schwieg lange.
Ist fair.
Noch ein Weilchen saßen beide still an ihren Fenstern.
Trinkst du Kaffee? plötzlich Ingeborg.
Nein, nur Tee darf ich jetzt nicht.
Richtig so. Ich hab auch aufgehört. Nach dem Krankenhaus nur noch Kamille.
Kamille? Ich bringe Ihnen mal einen anderen Kräutertee vorbei, mit Minze. Apothekerin-Tipp.
Sehr gerne.
Pause.
Gute Nacht, Anja äh, guten Morgen.
Ihnen auch, Ingeborg.
Anja legte das Handy auf den Tisch, stand auf und lehnte den Kopf ans Fensterglas. Unten, wie immer, die verschneite, leere Schaukel. Hinter den Dächern ein Hauch Rosa in den Wolken.
Sie stand so, dachte weder ans Damals noch an die Unwägbarkeiten von morgen. Sie war da, hier, in dieser Wohnung, mit dieser Entscheidung heute nicht aus Pflicht, sondern mit sich selbst im Reinen.
Aus dem Schlafzimmer rief Stefan, schlaftrunken:
Anja, wo bist du?
Hier, sagte sie. Ich komme.



