Darf ich auf dich warten?
Der Weg zum Glück von Johann Huber, und ehrlich gesagt nicht nur zu seinem, führte direkt durch seinen Magen, der regelmäßig durch Gastritis gequält wurde.
Johann Huber leitete tagtäglich sein kleines, für so einen großen Mann fast zwergenhaftes Büro in München, immer perfekt gekleidet Anzug, ein frisches, gestärktes Hemd aus der Reinigung. Klar, das macht bei einem alleinlebenden Mann die Reinigung. Tag für Tag schwitzte er unter seinem Wolljacket, zupfte den Gürtel zurecht, der seinen Bauch abschnürte, nestelte am Krawattenknoten, schimpfte, hämmerte mit der Faust auf den Schreibtisch, wurde rot im Gesicht, fuhr sich ans Kinn, rieb nervös einen imaginären Bart, unterschrieb Papiere, telefonierte hektisch, murmelte ins Telefon, hörte zu, murmelte wieder, schluckte trocken, stand auf dem Teppich vor seinen Vorgesetzten und bekam letzten Endes wie gewohnt Bauchschmerzen.
Um sich halbwegs zusammenzureißen, ließ sich Huber zweimal im Jahr zur “Vorsorge” in die Uniklinik einweisen, schluckte Tabletten, ließ schlau grinsende Ärzte Scherze machen, während sie ihm die Magensonde legten und seine Schleimhaut begutachteten. Und wieder Tabletten, das Gesicht verzogen, Unmut gemurmelt. Im Krankenhaus aß er stets strikt diätisch abends kamen die Freunde zu Besuch ins Zimmer, tranken zusammen Tee, philosophierten über das Leben und den Kosmos, Huber zwinkerte den hübschen Krankenschwestern zu, die dann verschämt erröteten und ihm die angebotenen Schokoladen ablehnten.
Ach nehmen Sie doch! Mögen Sie keine Süßigkeiten?, beschwerte sich Huber leicht beleidigt. Nur so, verstehen Sie, Frauen bewirte ich eben gerne.
Nach ein paar Tagen trauten sich die Krankenschwestern doch, die Schokolade anzunehmen, tranken dann später zusammen im Pausenraum Tee, redeten über die Liebe und Huber, und litten mit ihm, dem armen, einsamen Mann wünschten ihm echt nur das Beste.
Außer diesen unschuldigen Vergnügen hatte Johann Huber auch regelmäßig seine Auseinandersetzungen mit Dr. Anneliese Vogel, die ihn immer auf dem Balkon beim Rauchen erwischte.
Schon wieder?! Herr Huber, ich habe Ihnen gesagt, bei uns wird nicht geraucht! Wenn Sie so weitermachen, werde ich morgen Ihre Entlassung einleiten, und dann kommen Sie hier nie mehr rein!, schimpfte Frau Dr. Vogel, klein und resolut, funkelte ihn mit ihren grau-grünen Augen von unten an.
Ach, hören Sie auf, Frau Doktor. Sie selbst habe ich doch auch schon rauchen sehen. Aber mir verbieten Sie’s, was? Und draußen regnet es! Was soll ich machen, nass werden?, verteidigte sich Johann, blies genüsslich ein, zwei Züge und warf dann die Kippe mit einem letzten zielgerichteten Schwung in die bereitstehende leere Joghurtbecher samt anderen Zigarettenstummeln. Dann schritt er, stolz und in seinen viel zu großen roten Bademantel eingewickelt (Geschenk von Schwester Hannelore), zurück auf die Station.
Frau Dr. Vogel wich ihm keinen Zentimeter aus, sodass er sich förmlich an ihr vorbeizwängen musste und einen Hauch ihres Duftes wahrnahm Sauberkeit, Chlor, Waschpulver, und irgendein blumiges Parfüm.
Hier ist kein Sanatorium, Herr Huber! Sie kommen hier morgen raus!, wetterte sie, ganz klein und himmelweit entfernt von diesem Hüne.
Manchmal fragte sie sich, warum sie sich über Huber so aufregte. Sie, die Ärztin, für gewöhnlich abgeklärt, bis er in ihr Leben gepoltert kam davor war alles eintönig gewesen, jetzt hatte sie einen Huber am Hals.
Lassen Sie mich durch! Ich habe noch Visiten! Wirklich, Sie Frau vom Service! Dann vergiften Sie sich doch selbst hier, so schlechte Laune wie Sie verbreiten! Und übrigens, Frau Doktor, Gastritis ist eine Nervensache Sie provozieren mich doch hier dauernd, und sollen Arzt sein, grummelte Huber; einmal trat er der Ärztin sogar auf den Zeh, sie zog schnell den Fuß zurück. Sorry, murmelte Johann.
Schon okay Ihre Behandlung stelle ich bald ein! Von wegen Patient!, zischt sie zurück und verschwand. Später, wenn es auf Station ruhiger wurde, schlich sie selbst noch mal auf den Balkon, rauchte eine Zigarette, sah dem Münchener Nieselregen zu.
Ich müsste endlich umziehen, wirklich alles hinter mir lassen, durchatmen!, murmelte sie halblaut zu den Ärzten auf dem Poster, alle mit weißen Häubchen wie aus der Kochschule. Ihr glaubt nicht an mich? Ich schaffe das! Ich werde auch glücklich, seufzte sie dann, setzte sich auf einen alten Stuhl und zählte in Gedanken ihre Patienten durch. Herr Weber muss noch fertigbehandelt werden, Frau Fuchs auch, der arme, liebe alte Mann, und Herr Richter ist auch schon wieder zurück lauter Sorgenkinder.
Und so blieb Anneliese doch wieder ein, zwei Jahre länger, bis ihre Patienten erledigt waren, oder bis Schwester Lisa zurückkam. Doch Patienten sind nie fertig. Immer wieder neue Gesichter, alte Bekannte auf der Straße, ein Nicken, ein freundliches Hallo, manchmal aber auch ein ausweichender Blick auf den Gehweg meist Angehörige, die auf ein Wunder gehofft hatten, das ausblieb.
Sie nahm das nicht übel, daran gewöhnte sich Anneliese Vogel längst. Man ist ja schließlich kein Bonbon, jeder mag einen eben nicht, tröstete sie sich. Es war trotzdem kein schönes Gefühl.
Nachdem sie sich eine Zigarette gegönnt und die Haare gerichtet hatte kurz, aschblond, auf einer Seite länger, diese Asymmetrie hatte sie neulich beim Friseur in Schwabing ausprobiert ging sie zurück in den Krankenhausflur, schaute prüfend in einen kleinen Spiegel an der Wand, den die Schwestern zum Herrichten aufgehängt hatten, angeblich für die Patienten, aber sie selbst standen öfter davor.
Sie betrachtete sich kritisch: Steht ihr diese Frisur? Irgendwie schon, sie hebt ihre feinen Züge, die großen, ausdrucksstarken Augen und die schönen Wangenknochen hervor Oder wirkt sie nicht doch zu burschikos? Sie trug eh meistens Flanellhemden, Jeans, Bikerjacken und ihre alten Turnschuhe. Und eine schwarze Beanie-Mütze immer dieselbe.
Kauf dir doch mal eine schöne Mütze, die gibt’s heutzutage in allen Varianten!, lachte Frau Trautmann, die gute Seele der Station, eine typische Märchengroßmutter. Mit der alten laufst du rum wie ein Ganove!
Nein, Tante Traudl, die ist von Lisa. knapper Kommentar, die Mütze wandert in die Jackentasche.
Leg sie wenigstens ordentlich hin, die tropft ja du bist wirklich eine Chaotin! schmunzelte Trautmann, richtete die Mütze auf dem Regal, während Anneliese lautlos weiter die Station entlang tappte in ihren hellblauen Crocs.
Wird schon werden, Mädel. Es wird schon, murmelte Trautmann hinterher und vertiefte sich wieder in ihr Kreuzworträtsel-Heft. Sie hatte immer eines parat.
Heute, Feierabend, Mütze auf, Jacke zu, raus in die Münchner Nacht.
Anni, soll ich dich heimfahren?, schleicht sich der Stationsarzt Jonas Scholz heran, Münchens Kleinkaliber-Casanova, und legt wie selbstverständlich den Arm um sie.
Lass mich, Jonas. Ich komm schon klar, deine Gabi von der Radiologie wartet eh draußen bring die lieber nach Hause. Bis morgen, ciao, Olli!, winkte sie noch dem Kollegen und verschwand samt Rucksack im Laufschritt zur Bushaltestelle.
Sie MUSSTE vor zehn zu Hause sein. Gerade hatte sie das Schloss getauscht Lisa hatte noch keinen neuen Schlüssel. Und wieder diese Angst: Lisa würde ewig vor der verschlossenen Tür sitzen, sich ärgern und dann verschwinden, und Anneliese würde nie rausfinden, dass sie da war. Nie.
Im Spurt rannte sie zur Haltestelle, warf sich den Rucksack über die Schulter, trat prompt in eine Pfütze Sneaker samt Socken klatschnass.
Mist, fluchte sie, sah, wie ihr Bus gerade um die Ecke bog, stapfte los, den bunten Fahrtausweis mit Katze Geschenk von Lisa zum Weltfrauentag im Manteltaschenversteck. Lisa hatte ihn in der Kioskbude gekauft, hübsch verpackt, Schleifchen drum. Das war richtig süß damals.
Na, Jonas, wieder alleine?, grinste jetzt Trautmann im Aufenthaltsraum. Nina ist eben eine Nummer zu groß für dich, such dir was leichteres.
Och, Frau Trautmann, Sie wissen auch immer alles Vielleicht bin ich wirklich verliebt was dann? Jonas rang mit dem Ärmel seiner Jacke, kriegte wegen seiner Schulterschmerzen den Arm nicht rein.
Herrje! Aber los jetzt, keine Zeit für private Abenteuer!, zog sie ihm die Jacke an, klopfte ihm auf die Schulter. Und ab marsch. Sonst hast du auch keine Freizeit mehr.
Jonas zuckte die Schultern, fragte sich noch, ob er Anneliese erwischt, aber als er zur Bushaltestelle kam, war sie längst weg dann eben auf zum nächsten Rendezvous.
Frau Trautmann dagegen hatte keine Eile, trank gemütlich Tee mit den Schwestern Lotte und Helga im engen Pausenraum mit blauen Polkapunkt-Vorhängen und dem grellen weißgelben Licht. Teekessel zischte, belegte Brote wurden träge gekaut.
Guten Appetit!, nickte sie, fuhr unbeirrt im Gespräch fort: Unser Jonas ist ja ganz narrisch hinter Anni her, hat sich neulich sogar rasiert, weil sie angeblich keine Bärte mag sieht jetzt aus wie ein Teenager! Hat ihr ne Schokolade gebracht, aber sie, stolz wie immer, lehnt ab. Passt eh nicht zu ihr. Die würden sich dauernd zanken
Helga spülte ihren Brotdosen-Deckel, goss Tee ein, stellte für alle mit Zucker bereit.
Anni ist das völlig egal, Bart oder nicht sie wirkt wie jemand, der vor allem wartet. Entweder wischt sie Papiere durch oder checkt das Handy, raucht draußen und streitet sich mit Huber Der, der immer so breitbeinig im Korridor steht!, sagte Helga mit verzogenem Mund.
Ja, dieser Huber! Macht allen jungen Schwestern schöne Augen, benimmt sich, als gehöre das Haus ihm, bloß weil er ein Einzelzimmer hat und private Zusatzversicherung. Und das Beste Anni regt sich wirklich jedes Mal auf!, schüttelte Lotte den Kopf.
Er kommt eh nur wegen ihr!, behauptete Trautmann und genehmigte sich einen kräftigen Schluck Tee.
Ach Quatsch!, winkte Lotte ab.
Doch, ich spür das. Schon seit er wieder da ist. Männer, die auf charmant machen bei Anni beißt er sich die Zähne aus Sie müsste einfach mal loslassen, nach vorne schauen, nicht immer nur warten. Aber so wie meine Oma damals. Wartet und wartet und wartet Und stillstand, seufzte Trautmann. Ach Lisa Du hast alles durcheinandergebracht, dir und deiner Schwester
Sie meinen, draußen im Flur hustete jemand absolute Stille trat ein.
Was war das damals eigentlich mit Lisa? Ich hab das nie ganz kapiert, war ja im Mutterschutz, fragte Lotte.
Also, Anni kam direkt nach dem Tod der Eltern mit Lisa hierher sie war zehn Jahre jünger als Anni, eher ruhig, aber sehr eigen. Ich fand sie immer merkwürdig, mit ihren lila Haaren und dem Nasenpiercing. Also, Lotte, du musst dich erinnern!
Alle nickten. Das Bild: eine Kopie von Anni, nur eben mit knalligen Haaren!
Jedenfalls ist Lisa irgendwann abgehauen, obwohl sie eigentlich aufs Studium wollte. Anni suchte sie überall, Polizeistation, Clubs, sogar im Krankenhaus hatte man sie gesehen. Aber irgendwann war sie ganz weg. Einfach verschwunden. Seitdem wartet Anni Tag für Tag.
Es gibt eben solche Kinder denken nur an sich, seufzte Helga leise. Anni sollte wirklich wegziehen
Sie schafft es einfach nicht. Jeden Abend rennt sie nach Hause, falls Lisa doch auftaucht! Letzten Monat wurde eingebrochen, alles ausgetauscht, jetzt überlegt sie, wie Lisa ohne Schlüssel reinkommt. Vielleicht hält sie sie schon für tot, aber loslassen kann sie nicht. Deswegen zieht sie auch nicht zur Klinik.
Schweigen, Rascheln von Bonbonpapier.
Wenn es deine Schwester ist Du trägst die Verantwortung für sie!, sagte Lotte dann. Wieder hustete jemand draußen die Pausenraumtür blieb zu.
Johann Huber legte sich ins Klinikbett, Hände unters Kopf, starrte an die Decke.
Es ist, als hätte sie sich selber festgenagelt, dachte er, sie könnte frei und glücklich sein, aber hält sich mit alten Ketten am Boden.
Er erinnerte sich an Annelieses riesige Augen, die kecke Kurzhaarfrisur, die schmale, jugendliche Figur, die kleinen Knien unter der Skinny Jeans, die kühlen Hände beim Abtasten seines Bauchs Und wurde plötzlich traurig. Sie raucht zu viel, viel zu viel!, schüttelte er den Kopf.
Diese Nacht schlief Huber kaum. Die Erinnerungen und sein schlechtes Gewissen wegen der Balkonszene ließen ihn nicht los. Immer diese Rolle: überlegen sein, Schokolade verteilen, den Gönner spielen, und doch auch nur einsam.
Dabei weiß Anneliese doch, dass Privatpatienten naja, seien wir ehrlich, eine besondere Klasse sind. Und sie? Frostige Hände und direkt auf den Bauch!
Er setzte sich auf, suchte seine Pantoffeln, tapste durch den Flur. In der Nachbarkabine wehklagte jemand.
Entschuldigung, darf ich kurz? Johann steckte den Kopf ins Zimmer. Muffig, stickig Doch das Stöhnen war unerträglich traurig.
Soll ich eine Ärztin holen?, murmelte er unsicher. Ich mach mal das Fenster auf
Eigentlich waren immer andere für ihn da: Kissen richten, Tee bringen, Mantel aufhängen um andere kümmern fiel ihm schwer. Nach dem Tod der Eltern war er das Kind König und auch die, die zeitweise mit ihm lebten, waren eher Pflegerinnen als Partnerinnen.
Er tastete den Lichtschalter. Gedämpftes, bläuliches Licht flutete das kleine Zimmer: violette Vorhänge, ein halbgegessenes Abendbrot, ein Bademantel am Boden. Im Bett ein alter, ausgemergelter Mann mit eingefallenem Gesicht, das im Licht wie eine Maske wirkte.
Könnte ich bitte Wasser bekommen?, bewegte sich die Maske kaum sichtbar.
Johann brachte ein Glas vom Flur wieder, der Mann hatte sich bereits mühsam aufgerichtet.
Soll ich doch einen Arzt rufen?, fragte Huber vorsichtig.
Nein, danke, die Schwestern schlafen schon. Ich mache das alles alleine, der Mann zuckte resigniert. Danke, Sie können gehen. Das ist der Magen, meine Strafe fürs Leben. Ach, man war mal so jung und das Leben wunderbar Er lächelte verbittert.
Ja, jung sein ist immer schön, antwortete Huber mitfühlend und spürte einen Schauer bei der Erinnerung an seine wilden Jahre.
Nicht bei allen ist es so schön, wie es scheint, der alte Mann ächzte, krümmte sich wie ein Kind, seufzte erbärmlich.
So hatte Huber noch niemanden klagen gehört. Er wollte helfen, wenigstens einen Arzt holen. Sie sind doch Privatpatient! Das Personal muss doch für Sie da sein!
Privat, haha, grinste der Mann. Mein Sohn hat mich einfach abgeschoben. Damit ich nicht störe. Vielleicht kommt er mal vorbei, wenn ich entlassen werde. Bis dahin warten.
Was für ein undankbarer Mensch!, murmelte Johann auch er hatte seine Fehler gemacht.
Na ja, so ist das Leben, die Jungen wollen leben, wir gehen… Sie wissen doch selbst, wie das ist. Sie haben für sich gelebt das sieht man. Anneliese ist nicht hier? Sie musste nach Hause, wartet bestimmt auf Lisa. Ach, meine kleine Anni.
Es geht gerade nicht um mich oder Ihre Anneliese! Ich hol jetzt wirklich einen Arzt. Sie sind total blass! Johann bekam Angst, sein Zimmernachbar könnte ihm direkt vor seinen Augen sterben und er wusste noch nicht mal seinen Namen.
Er weckte die Nachtschwester, Tamara, die aus ihrem Halbtraum hochschreckte. Nicht für mich, für meinen Nachbarn drüben gehts dem richtig schlecht.
Danke Ihnen. Gehen Sie auf Ihr Zimmer, und Tamara eilte hinein, wenig später kam ein junger, verschlafener Arzt dazu…
Huber stand noch kurz, schaute über die Münchner Lichter. Ein merkwürdiges, schweres Gefühl im Bauch nach Zimtsemmel und süßem Tee wie bei seiner Oma damals auf der kleinen Küche mit Plastikdecke, Blumentopf und den Holzlöffeln an der Wand. Nach Sternstunden im Jugendheim. Oma hat immer gesagt: Bub, jetzt musst du erstmal was Richtiges essen nach dem ganzen Lernen!. Und dann gabs duftende Semmeln und Tee aus der großen, bunten Tasse.
Er wollte so sehr noch mal dahin zurück.
Er schlief erst spät ein, auch weil drüben viel los war.
Am Morgen war das Nachbarzimmer schon leer und frisch geputzt. Wo ist denn mein Nachbar?, fragte Johann enttäuscht die übermüdete Tamara. Weg, zuckte diese nur die Schultern. Johann verstand und es schauderte ihn. Er war der Letzte, der mit dem Alten gesprochen hatte und sie hatten sich nicht einmal vorgestellt So läuft das: nie rechtzeitig, immer zu spät. Jeder fährt sein Ticket im Einbahnzug nur in anderen Abteilen.
Johann wollte schon zurückgehen, da prallte er direkt in Dr. Anneliese Vogel, die, klein wie immer, zitternd und mit umarmten Armen dastand und weinte.
Ich hätte gestern noch zu ihm gehen müssen, aber ich musste dringend heim bis zehn sollte ich zu Hause sein, falls Naja, egal. Und jetzt, Herr Weber Vielleicht hat er auf mich gewartet und ich hab mich nicht verabschiedet
Anneliese schluchzte, rieb sich wie ein Kind die Nase am Ärmel. Johann Huber hatte plötzlich das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, trösten, wiegen, beruhigen, ihr süßen Tee und eine Semmel zu reichen. Doch er zögerte.
Er ist nicht böse. Er hat gemeint, sie sollen ihr Leben leben, sagte Johann leise, hob die Hand doch hielt inne.
Anneliese schaute ihn mit ihren großen, verlaufenen Augen an, drehte sich dann um und lief davon, rempelte noch Jonas Scholz an, suchte draußen hechelnd in den Manteltaschen nach Zigaretten, fand das Feuerzeug nicht, fluchte leise. Da hielt ihr Huber ein Streichholz vor die Nase.
Er stand da, trotzig, wartend, und Anneliese zischte los: Sie haben hier nichts verloren! Zurück ins Zimmer! Wie oft hab ich gesagt, dass der Balkon nur für Mitarbeiter ist?! Sollen wir ein Gitter hier anbringen? Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!
Ich tu ja nichts nur Feuer gereicht. Und im Vertrag steht auch nichts, dass ich den Balkon nicht benutzen dürfte. Keine Schilder, kein Tabu.
Sie, mit Ihrem Vertrag, schnaufte sie, aber setzte sich neben ihn, streckte die Beine aus, pullerte an ihrer Zigarette.
Sehen Sie, heute Nacht hats geschneit. Wann das denn? Schön ruhig. Ihr Park sieht toll aus. Da drüben sitzt nein, nur ein Schneemann., murmelte Johann, nur um sie abzulenken. Anneliese verfolgte ihn mit dem Blick, warf die Zigarette weg.
Ich kannte ihn seit der Zeit, als Lisa weg als ich allein lebte. Herr Weber spielte immer im Park Geige, flüsterte sie.
Geige? Der alte Mann?, er bot ihr die Zigarette an, sie lehnte ab.
Ja. Immer mit Hut und Schal. Der Schal war knallrot und grob gestrickt hätte Lisa gemocht Aber sie ist weg. Und Herr Weber hat sie zuletzt gesehen. Jetzt ist er auch fort, ich bleibe alleine.
Jonas Scholz platzte in das Gespräch, zog Anneliese zum Dienst.
Was macht der Patient hier?! Komm Jonas, wir müssen weiter, sagte Anneliese, und ließ Huber am noch kalten Balkon stehen, der Schneemann schmolz schon dahin.
Kurz darauf drehte jemand den Schlüssel und sperrte Johann Huber samt Bademantel und Streifenpyjama auf dem Balkon ein.
Tja Bis ihn wer fand.




