Gabeln mit den Zinken nach unten
Annette, du hast die Gabeln schon wieder mit den Zinken nach oben hingelegt.
Annette antwortet nicht sofort. Sie steht gerade am Spülbecken und sieht auf die Teller im Seifenwasser. Draußen nieselt es, dieser graue Märzenregen, der so leise ist, dass man ihn von innen kaum wahrnimmt.
Bei uns werden die Gabeln immer mit den Zinken nach unten gelegt. Schon meine Mutter hat das so gemacht.
Annette trocknet sich die Hände am Küchentuch ab. Sie dreht sich um. In der Tür steht Frau Holle, kerzengerade, mit dem Ausdruck einer Frau, die soeben etwas Entscheidendes im Universum zurechtgerückt hat.
Natürlich, Frau Holle.
Das ist nicht nur so. Das ist eine Hausregel.
Annette ist sechsundzwanzig. Sie wohnt jetzt seit acht Monaten in diesem Haus. In dieser Zeit hat sie schon viel gelernt: Gabeln mit den Zinken nach unten, Tee wird ausschließlich im Porzellankännchen aufgebrüht, nie im Metallkännchen, Handtücher gehören immer an den linken Haken, nicht an den rechten, das Küchenfenster darf nur morgens und nur für fünf Minuten geöffnet werden, Brot wird quer, nie längs geschnitten und eine Tasche auf den Tisch zu legen bringt Unglück das macht man nicht.
Und das sind längst nicht alle Regeln. Aber Annette bemüht sich nicht mehr, alles zu merken. Sie beobachtet einfach und tut so, als ob sie zuhört.
Seit drei Jahren ist Annette mit Martin verheiratet. Geheiratet wurde schlicht, zwanzig Leute im Café Spatzennest am Stadtrand. Martin Holle ist ein ruhiger, verlässlicher Mann, acht Jahre älter als sie. Er arbeitet als Ingenieur im Planungsbüro, zeichnet Baupläne, liebt Ordnung und verehrt seine Mutter. Das hat Annette schon lange vor der Hochzeit kapiert. Damals fand sie: einen Mann, der seine Mutter liebt, das ist doch Vertrauen wert.
Im ersten Ehejahr wohnten sie zur Miete. Frau Holle kam sonntags vorbei zum Essen. Annette bemühte sich sehr, deckte den Tisch, kochte mit Mühe. Die Schwiegermutter aß still, dann folgte meist ein knappes: Der Eintopf ist etwas fad oder Der Kuchen hätte länger in den Ofen dürfen. Annette lächelte und dachte, das wird schon noch.
Irgendwann meinte Martin, seine Mutter sei oft einsam. Sie wohnte in einer guten Dreizimmerwohnung im selben Stadtteil, aber Martin sagte, sie fühle sich allein da sie könnten doch zu ihr ziehen. Annette fragte, ob das wirklich klug sei. Martin versicherte ihr, dass sich seine Mutter nicht einmischen werde, sie bekomme ihr Zimmer, sie würden ihr eigenes Leben führen. Annette stimmte zu.
Nun steht sie am Spülbecken und denkt an die Gabeln.
Am Abend kommt Martin nach Hause und geht als erstes rüber zu seiner Mutter. Annette hört ihre Stimmen Wetter, Nachbarn, irgendeine Sendung vom Vorabend. Dann kommt Martin, küsst Annette auf die Wange, fragt nach dem Abendessen.
Fischfilet aus dem Ofen, sagt Annette.
Gut. Mama isst gern Fisch.
Annette verteilt den Fisch auf die Teller, denkt beiläufig: Sie hat nie nach Frau Holles Vorlieben gefragt. Sie wollte einfach Fisch backen. Aber jetzt ist alles eine Sache der Mutter.
Beim Essen sagt Frau Holle: Fisch servieren wir übrigens immer mit Zitrone.
Das ist bei uns Sitte.
Ich hatte keine Zitrone gekauft.
Dann bitte nächstes Mal, Annette.
Annette sieht zu Martin. Der isst stumm, sein Blick bleibt auf dem Teller.
So vergeht das erste Jahr mit den Holles. Dann ein zweites. Dann ein drittes. Annette arbeitet in der Apotheke, fährt morgens um sieben Uhr fünfundvierzig los, ist um sechs zu Hause. Die Stunden in der Apotheke sind oft die besten des Tages da ist sie Annette Holle, die einfach ihre Arbeit kennt, keiner mischt sich ein, keiner gibt ungefragt Ratschläge.
Zu Hause ist alles anders.
Frau Holle ist achtundsechzig, war früher Buchhalterin. Eine belesene, nüchterne Frau, streng und auf ihre Systeme bedacht. Sie ist nicht boshaft, das weiß Annette, sondern einfach ein Mensch mit Ordnung. Das System lebt hier seit fünfzig Jahren. Frau Holles Ehemann, Herr Karl Holle, ist schon früh gestorben, Martin war vierzehn. Seitdem hält Frau Holle alles zusammen. Sie ist Mittelpunkt und Chef dieses Haushalts ganz klar.
Annette versteht das. Aber das macht die Gabeln nicht weniger absurd.
Glaubst du nicht, dass sie so etwas manchmal absichtlich macht? fragt Annette eines Abends Martin, während beide im Bett liegen. Annette sieht in die Decke.
Was denn?
Immer zurechtweisen. Jedes Mal.
Anni, sie hat halt ihr System. Das ist ihr Zuhause.
Und meins auch.
Martin schweigt.
Natürlich. Aber versteh sie, sie meint es nicht böse.
Ich weiß. Trotzdem ist es anstrengend.
Du nimmst es zu ernst.
Annette dreht sich zur Wand. Draußen die ruhige Hauptstraße Lindenstraße. Die Laterne strahlt gelblich durch die Vorhänge. Annette denkt, wie ruhig Martin das sagt. Zu ernst. Wie eine einfache Tatsache. Wie das Wetter. Wie Gabeln und Zinken nach unten.
Sie diskutiert nicht weiter. Sie kennt das Ergebnis. Martin wird sagen, wie schwer es für seine Mutter nach Vaters Tod war, wie sie alles allein gemacht hat. Man müsse Rücksicht nehmen. Und Annette nimmt Rücksicht. Immer.
Wenige Wochen nach diesem Gespräch trifft Annette ihre Freundin Jana im Café Brücke in der Nachbarschaft.
Und, wie läuft’s bei euch in der Festung?
Annette lacht.
Ganz okay.
Immer dieses ganz okay von dir, Anni. Da ziehts mir schon den Magen zusammen.
Bin einfach müde.
Wovon?
Annette umfasst die Tasse mit beiden Händen. Der Kaffee riecht nach Zimt.
Von den Regeln hier zuhause.
Jana sieht fragend, Annette erzählt. Von Gabeln, Zitronen, Handtüchern und der Sache mit der Tasche auf dem Tisch.
Wie lange schon?
Von Anfang an. Aber jetzt kommt’s mir akuter vor.
Warum jetzt?
Annette schweigt. Sie spricht nicht aus, was ihr eigentlich durch den Kopf geht: Seit drei Jahren versuchen sie und Martin, schwanger zu werden. Nicht mit Ärzten, nichts Offizielles, einfach so ohne Verhütung, mit Hoffnung. Nichts passiert. Annette war beim Gynäkologen alles ok. Bei Martin auch. Aber es klappt nicht.
Manchmal glaubt Annette, es ist nicht nur Körperliches. Vielleicht weiß der Körper, was der Kopf nicht sagt: In einem Haus, in dem jeder Schritt korrigiert wird, in dem sie nicht mal eine Gabel nach eigenem Geschmack hinlegen kann, will sie keinen kleinen, schutzlosen Menschen in diese Regeln hineinholen. Noch jemanden, den man von Anfang an zurechtweist.
Doch das sagt sie nicht.
Nur etwas müde, wiederholt sie. Geht vorbei.
Frau Holle liebt Martin so, wie eine Mutter ihren einzigen Sohn liebt, den sie allein großgezogen hat. Liebevoll, aber fast erstickend. Wie ein Wollpullover im Mai: zu warm, aber wegwerfen kann man ihn auch nicht.
Zu Annette ist sie korrekt. Nicht herzlich, nicht unfreundlich an Geburtstagen gibt es Borschtsch und einen Ratschlag fürs nächste Lebensjahr. Alltagsratschläge gibt sie sowieso immer ungefragt, Annette nimmt sie still hin.
Einmal, ganz am Anfang, sagte Frau Holle zu Annette etwas, was hängen geblieben ist.
Sie saßen allein in der Küche, Martin war dienstlich unterwegs. Annette trank Tee. Frau Holle sagte plötzlich:
Du bist ein kluges Mädchen. Das sehe ich.
Annette wusste nichts zu sagen.
Danke.
Aber für Kluge ist es schwerer. Sie spüren zu viel. Das macht das Leben mühsamer.
Annette schaut die Schwiegermutter an. Die sieht durchs Fenster, irgendwie sanfter als sonst.
Das Leben mühsamer? fragt Annette leise.
Schwerer auszuhalten, sagt Frau Holle. Und schweigt. Dann: Das muss man in einer Familie können. Sonst gehts nicht.
Damals dachte Annette: Wer muss denn wem aushalten? Aber sie sagte nichts.
Es vergehen zwei weitere Jahre. Annette wird einunddreißig. Fünf Jahre lebt sie nun in diesem Haus. Die Regeln sind geblieben: Gabeln immer nach unten, Zitrone zum Fisch, Handtuch links.
Doch etwas verändert sich, erst kaum merklich. Frau Holle scheint häufig müder. Fragt manchmal das Gleiche zweimal, sucht die Brille, die sie selbst auf dem Sideboard abgelegt hat. Einmal lässt sie den Teekessel auf der Flamme stehen und vergisst ihn.
Annette stellt das Gas ab, sagt kein Wort, räumt bloß den Kessel weg.
Eines Abends fragt Frau Holle: Hat Martin sich schon gemeldet? Der sitzt am Tisch neben ihr.
Mama, ich bin hier, antwortet Martin leise.
Frau Holle sieht ihn an. Eine Sekunde zu lang.
Ach ja. Klar. Ganz vergessen.
Martin sagt danach, das sei das Alter, und seine Mutter müsse sich mehr ausruhen. Annette nickt. Aber sie merkt, dass Frau Holle ihn einen Augenblick ansieht wie jemand, der vergessen hat, wer da sitzt.
Sie fahren gemeinsam zum Neurologen. Die Ärztin erklärt sachlich: Es ist ein schleichender Prozess. Beobachtung, Gedächtnistraining, geregelter Alltag, viel Zuwendung das sei jetzt wichtig.
Auf der Rückfahrt sagt Martin kein Wort. Frau Holle schimpft, Ärzte hätten immer nur Pillen im Sinn.
Daheim kocht Annette das Abendessen. Sie setzen sich gemeinsam. Frau Holle nimmt die Gabel, blickt darauf, dreht sie um Zinken nach unten. Wie immer.
Aber Annette weiß: Es hat sich was verändert.
Seitdem übernimmt Annette mehr und mehr: Tabletten morgens und abends, einen Medikamenten-Organizer besorgen, an Arzttermine erinnern, frei nehmen, Frau Holle jede Woche zur Seniorengymnastik begleiten, weil Bewegung hilft.
Martin unterstützt, aber anders. Er verbringt Abende mit seiner Mutter im Wohnzimmer, sieht Serien. Er geht einkaufen, wenn Annette es sagt. Aber er bemerkt vieles nicht: Dass Frau Holle gelegentlich nicht weiß, ob sie schon gegessen hat, dass sie zu jemandem spricht, der nicht da ist, dass sie nachts manchmal lautlos weint.
Annette sieht das.
Eines Nachts steht Annette auf und hört leises Schluchzen. Sie geht an die Tür von Frau Holle. Klopft.
Frau Holle sitzt auf dem Bett und hält ein altes Foto. Wer darauf ist, erkennt Annette nicht.
Frau Holle, fragt Annette leise.
Was ist?
Ich hab Sie nur gehört.
Geh schlafen. Alles gut.
Annette bleibt.
Möchten Sie Tee?
Frau Holle wartet. Dann nickt sie.
Sie sitzen zu zweit um zwei Uhr nachts in der Küche. Annette kocht Tee im Porzellankännchen. Frau Holle sitzt gerade wie immer, aber mit weniger Härte. Ruhiger.
Das ist Karl, sagt sie zum Foto, am Strand, 78, Martin war zwei. Für einmal waren wir ohne ihn unterwegs. Mit seiner Oma zu Hause.
Annette sieht das Foto: Ein junges Paar am hellen Wasser, lachend.
Schönes Bild.
Ja, sagt Frau Holle und steckt es weg. War ein guter Sommer.
Dann:
Du schläfst oft schlecht.
Annette ist überrascht.
Ich hör dich, sagt Frau Holle ruhig. Du bist oft wach.
Ich bin müde, sagt Annette nur.
Wegen Arbeit?
Auch.
Frau Holle sieht sie an, wieder aufrichtig und ein bisschen zur Seite.
Ich weiß, dass ich schwierig bin, sagt sie einfach.
Annette schweigt.
War ich immer. Karl hat das ausgehalten. Martin kennt es. Aber du. Du bist anders. Nicht gewöhnt.
Ich bemühe mich, antwortet Annette vorsichtig.
Ich weiß.
Mehr wird nicht gesagt. Sie trinken Tee. Frau Holle schläft dann ein. Annette bleibt noch sitzen, betrachtet das Porzellankännchen mit den blauen Blumen. Sie denkt: Das war der ehrlichste Austausch der letzten fünf Jahre mitten in der Nacht, einfach so.
Die Krankheit schreitet weiter, langsam aber beständig. Im Herbst will Frau Holle nicht mehr allein zur Gymnastik, zu groß die Angst, sich zu verlaufen. Annette fährt sie. Im Winter wird es schlechter. Manchmal erkennt Frau Holle Annette morgens nicht. Sie fragt: Wer sind Sie? Annette antwortet ruhig: Ich bin Annette, Martins Frau. Frau Holle sagt nur Aha und geht.
Martin nimmt das wahr und schweigt oft den Rest des Tages. Annette weiß, das tut ihm weh es ist ja seine Mutter. Aber auch Annette leidet auf andere Weise.
Sie ist nun öfter zu Hause, arbeitet morgens nur noch bis Mittag, die Chefin hat Verständnis. Finanzielle Lücken gleicht Martins Gehalt aus, es reicht. Sie kocht nach Plan, achtet auf jeden Bissen, der gegessen wird. Sagt Frau Holle nein, räumt sie ruhig ab und versucht es später wieder.
Martin kommt abends heim, fragt nach seiner Mutter, geht dann zu ihr und isst schließlich mit Annette zu Abend.
Einmal sagt Annette:
Martin, ich brauche ein Gespräch.
Was denn?
Annette setzt sich ihm gegenüber. Vor ihr steht der Teller mit der Suppe, die längst kalt ist, weil Frau Holle vorhin ein Glas umwarf, sich erschreckte und Annette erst mal bei ihr blieb.
Ich arbeite nur noch zur Hälfte, du weißt das. Ich verbringe fast den ganzen Tag mit deiner Mutter: Tabletten, Termine, Speiseplan, Nachtwachen. Ich beschwere mich nicht, aber ich will, dass du das wirklich weißt.
Martin sieht auf den Tisch.
Ich weiß es. Ich schätze das sehr.
Ich brauche nicht deinen Dank, Martin. Ich brauche, dass du einbezogen bist.
Annette, ich arbeite Vollzeit. Ich sorge für uns.
Ich arbeite auch.
Nicht Vollzeit.
Annette spürt einen Stich. Kein Schmerz mehr ein Zerren.
Martin. Das ist kein Vorwurf. Ich habe reduziert, weil der Alltag mit deiner Mutter mir keine andere Wahl ließ.
Ja. Aber du kannst das besser als ich.
Das zählt gerade nicht.
Was willst du? Dass ich zu Hause bleibe?
Annette steht auf, kippt die kalte Suppe weg und dreht ihm den Rücken zu.
Ich möchte, dass du begreifst, was ich täglich leiste. Wirklich begreifst. Nicht einfach sie schafft das schon.
Er schweigt. Sie wäscht ab. Beide gehen später schweigend ins Bett. Die Laterne von der Lindenstraße scheint ins Schlafzimmer. Annette denkt: Ich bin müde. Nicht von Frau Holle. Von dieser Unsichtbarkeit.
Sie kommt sich vor wie Möbel nützlich, funktional, bemerkt nur, wenn sie defekt ist.
Der März bringt die unerwartete Wende keine Diagnose, keine Krise, sondern Gabeln.
Es ist ein ganz normaler Abend. Annette deckt den Tisch. Frau Holle ist guter Dinge, redet über alte Zeiten, Nachbarin Klara, Krautkuchen. Annette hört zu, Martin isst.
Dann nimmt Frau Holle die Gabel, blickt darauf und sagt:
Annette, du hast die Gabeln heute wieder falsch, die Zinken nach oben.
Annette hält inne.
Das ist exakt derselbe Satz wie vor acht Jahren, als alles anfing sie erinnert sich an den ersten Märzenregen, das Spülbecken.
Frau Holle, sagt Annette ruhig. Ich habe sie so eingelegt, wie Sie es wünschen.
Frau Holle sieht auf die Gabel. Dann zu Annette. Dann zurück.
Na dann, ists gut, sagt sie und beginnt zu essen.
Aber Martin sagt:
Annette, komm schon, es ist doch egal.
Und diese drei Worte »es ist doch egal« gehen nicht nur um Gabeln. Annette spürt es. Es betrifft alles: Acht Jahre, »nicht so empfindlich«, kalte Suppe, »sie schafft das schon«.
Annette legt ihre Gabel hin, steht auf, verlässt die Küche, geht ins Schlafzimmer und zieht leise die Tür zu.
Sie sitzt auf dem Bett, schaut zum Fenster, sieht das Licht der Lindenstraße und die ruhige, nasse Straße. Jemand sieht irgendwo fern in der Nachbarwohnung.
Sie bleibt lange dort sitzen. Eine Stunde vielleicht vielleicht länger.
Schließlich nimmt sie ihr Handy und schreibt Jana: Bist du Samstag frei?
Jana antwortet sofort: Klar. Was ist?
Nichts Bestimmtes. Ich brauche jemanden zum Reden.
Treffen im Brücke. Annette kommt pünktlich, zum ersten Mal seit langem.
Du siehst anders aus, sagt Jana.
Wie meinst du das?
Schwer zu sagen irgendwie verändert.
Annette bestellt Kaffee, starrt auf die Tischplatte.
Ich denke daran, auszuziehen. Nicht von Martin zu trennen einfach nur eine eigene Wohnung für eine Weile. Schauen, wie es läuft.
Jana bleibt still.
Das heißt, er bleibt dann allein mit seiner Mutter?
Ja.
Glaubst du, er schafft das?
Nein, nicht wirklich. Aber vielleicht muss es sein.
Für dich oder für ihn?
Für ihn. Und für mich auch. Aber vor allem für ihn.
Jana nickt.
Hast du Angst, dass das das Ende ist?
Ja. Aber noch mehr fürchte ich, so weiterzumachen.
Abends zuhause. Martin sitzt mit Buch in der Küche, Frau Holle schläft. Annette setzt Wasser auf. Es dauert.
Martin, sagt sie. Ich möchte probeweise eine eigene Wohnung nehmen. Nur für eine Weile. Ich muss allein sein.
Martin blickt auf.
Was?
Nicht für immer. Aber ich muss das tun. Ich bin erschöpft.
Du bist müde und willst uns hängen lassen?
Ich lasse euch nicht im Stich. Ich schreibe alles auf. Jede Tablette, jeden Plan. Was sie isst, wann die Termine sind, Notfallnummern alles.
Martin schaut sie an.
Annette. Du meinst das ernst?
Ja.
Und wann ist dir das eingefallen?
Seit längerem. Aber jetzt weiß ich, dass es sein muss.
Und ich? Soll alles an mir hängen bleiben?
Du wirst sehen, was das heißt. Es wird dir helfen.
Martin läuft auf und ab. Dann bleibt er still.
Das ist hart.
Hart war acht Jahre »stell dich nicht so an« und »sie schafft das schon«.
Stille. Das Wasser kocht. Annette gießt sich nur eine Tasse auf, nicht im Porzellankännchen, sondern in der Tasse. Das erste Mal seit Jahren. Stellt sie vor sich hin.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll, murmelt er.
Musst du auch nicht jetzt. Ich gehe am nächsten Wochenende, bleibe eine Woche weg.
Und dann?
Wir sehen weiter.
Die nächsten Tage sind sonderbar. Annette arbeitet, macht daheim alles wie gewohnt. Innerlich ist sie nicht mehr dieselbe. Sie hat beschlossen und fühlt etwas Neues: Klarheit, leise und fest.
Sie findet die Wohnung über Bekannte. Eine Einzimmerwohnung in der Sonnenstraße, zwanzig Minuten entfernt. Schlicht, aber ordentlich. Eine Monatsmiete 850 Euro. Bezahlt aus den eigenen Ersparnissen.
Drei Tage vor dem Auszug schreibt sie Martin den Haushaltsplan. Vier Seiten: Tabletten, Dosierungen, Uhrzeiten, Ärzte und Telefonnummern. Essensplan, was zu tun ist, wenn Frau Holle ihn früh nicht erkennt, wenn sie stürzt, wenn sie nachts weint. Wie reden, was sagen.
Martin liest stumm. Sagt dann:
All das behältst du im Kopf?
Jeden Tag.
Jeden Tag?
Ja.
Noch ein paar Schweigesekunden.
Am Freitag packt Annette ihren Koffer. Kleidung, Papiere, ein paar Bücher. Kein Ballast. Sie hängt den Plan mit dem Magneten Nordsee an den Kühlschrank.
Frau Holle sitzt am Fenster und blickt hinaus. Annette tritt ins Zimmer.
Frau Holle, ich bin ein paar Tage fort.
Sie dreht sich um.
Wohin?
Ich habe zu tun. Martin ist da, Sie brauchen nur rufen.
Frau Holle sieht Annette lange an. Annette denkt, vielleicht versteht sie das gar nicht. Aber Frau Holle sagt:
Du warst lange nicht weg.
Ja.
Geh ruhig.
Annette geht hinaus. Martin steht im Flur, sieht ihren Koffer.
Annette.
Ich melde mich. Und bei Problemen rufst du durch. Zu jeder Zeit.
Sie geht hinaus. Es ist kühl, Anfang April, fast noch kein richtiger Frühling. Sie legt den Koffer ins Auto, setzt sich. Wartet, bevor sie den Motor startet.
Dann fährt sie los.
Die Wohnung in der Sonnenstraße ist klein, leer, riecht nach Farbe und Fremdem. Annette öffnet das Fenster, stellt die Tasche ab, legt sich noch in der Jacke aufs Bett und sieht die Decke an.
Sie erwartet Schuldgefühle. Oder Angst. Oder Erleichterung. Was kommt, ist etwas anderes: Stille, wie ein Zimmer, das endlich wieder gelüftet wird.
Zwei Tage lang meldet sich Martin nicht, und Annette ruft auch nicht an. Sie arbeitet wieder voll, kocht, wann sie will, schläft so lange sie will, stellt die Tasse hin, wo sie möchte.
Am dritten Tag schreibt Martin: Mama mochte das Mittagessen nicht. Was nun?
Annette antwortet: Punkt sieben im Plan, nach einer Stunde in kleinen Portionen neu anbieten.
Nach einer halben Stunde: Sie hat es gegessen.
Annette: Sehr gut.
Am vierten Tag: Sie hat mich heute früh nicht erkannt. Das war schlimmer als gedacht. Ich war ratlos.
Annette liest dreimal, antwortet dann: Im Plan steht es. Ruhig bleiben, deinen Namen sagen, erklären, wo sie ist. Nicht diskutieren. Einfach da sein.
Und du machst das täglich?
Jeden Tag.
Lange Pause.
Annette. Ich habe das nie richtig verstanden.
Sie antwortet nicht gleich. Dann: Ich weiß.
Am sechsten Tag abends ruft Martin an.
Wie gehts dir?
Gut. Und deiner Mutter?
Heute war ihr Tag gut. Sie erzählte wieder von Klara und Krautkuchen. Ich habe einfach nur zugehört.
So ist das gut, wenn sie erzählt.
Ja. Annette.
Ja?
Kannst du kommen? Nicht, weil ich allein nicht klarkomme. Aber weil ich will, dass du da bist.
Annette sitzt am Fenster der Sonnenstraße. Draußen wird es blau, wie es nur im April wird.
Ich komme morgen. Wir reden.
Am Samstagmittag steht Annette vor der Tür. Martin macht auf. Er sieht verändert aus. Nicht schlechter, nur anders.
Mama schläft, sagt er. Komm in die Küche.
Sie setzen sich. Auf dem Tisch steht ein Porzellankännchen. Martin kann also auch Tee aufgießen, Annette wusste das nicht.
Ich habe den Plan jeden Morgen gelesen. Wie eine Anleitung.
Und?
Und verstanden: Das war nie nur eine Anleitung. Das war dein Alltag. Jeden Tag.
Annette nimmt sich eine Tasse. Der Tee ist stärker, als sie ihn mag. Sie sagt nichts.
Ich möchte um Entschuldigung bitten, sagt Martin.
Wofür genau?
Er sucht nach Worten.
Für »du übertreibst«, für »sie schafft das schon«, für »ich hab es nicht gesehen«. Sehr lange nicht.
Annette nickt.
Gut.
Gut?
Gut, dass du es sagst.
Aus dem Schlafzimmer kommt ein Geräusch. Frau Holle ist wach. Annette geht hinein. Sie sitzt auf dem Bett, nach dem Schlaf wie immer ein wenig verloren.
Guten Morgen, sagt Annette.
Frau Holle schaut sie an.
Annette? Bist du zurück?
Ja.
Wo warst du?
Ich musste raus, ein wenig Pause.
Schweigen. Dann sagt Frau Holle unvermittelt:
Schön, dass du wieder da bist. Ich habe dich vermisst.
Annette sieht die Schwiegermutter an. Frau Holle blickt wie immer ein wenig daneben. Aber sie hat das gesagt. Einfach so.
Ich auch, sagt Annette.
Sie hilft ihr beim Aufstehen, beim Anziehen, alles wie früher. Doch es fühlt sich doch anders an. Die Hände schwächer als sonst. Oder Annette sieht es jetzt erst.
Mittagessen, alle drei am Tisch. Annette verteilt das Essen. Die Gabeln liegen. Mit Zinken nach unten der Automatismus.
Frau Holle nimmt die Gabel, sieht darauf. Annette wartet fast.
Bei uns macht man das so, sagt Frau Holle. Aber leise. Fast zu sich. Wie ein Erinnern.
Ja, sagt Annette.
Sie sehen sich an. Frau Holle nickt. Beginnt zu essen.
Martin schaut beiden zu.
Nach dem Essen, Frau Holle ruht wieder. Martin spült ab, Annette trocknet.
Bleibst du? fragt Martin.
Ich weiß es noch nicht, sagt Annette. Die Wohnung behalte ich erstmal.
Warum?
Die Möglichkeit zu wissen, ich kann jederzeit das ist wichtig. Für mich, nicht gegen dich.
Martin nickt.
Annette hängt das Handtuch an den rechten Haken. Martin sieht es, sagt nichts.
Sie stellt sich ans Fenster. Es regnet wieder, ein leiser, fast freundlicher Aprilschauer. Wie damals im März.
Sie weiß: Nichts ist endgültig gelöst. Frau Holle wird weiter Regeln machen, Martin wird manches weiter nicht merken. Die Krankheit wird voranschreiten. Die Wohnung in der Sonnenstraße kostet weiter Miete.
Aber etwas hat sich verschoben. Nicht im Haus, sondern in ihr.
Vielleicht auch in Martin.
Ob das reicht, kann sie nicht wissen. Noch nicht.
Abends sitzt sie in der Küche, Frau Holle schaut einen alten Film, Martin lehnt im Flur.
Annette, bleibst du heute?
Annette schaut zur Wohnzimmertür, dann zu Martin.
Ich bleibe.
Er nickt. Keine Umarmung, keine großen Worte. Einfach nur ein Nicken.
Annette kocht Tee. Im Porzellankännchen. Weil sie will. Nicht, weil sie muss.
Der Unterschied ist klein. Aber er ist da.
Vor dem Schlaf schaut sie zu Frau Holle rein. Die liegt schon, Fernseher aus.
Gute Nacht, sagt Annette.
Gute Nacht. Pause. Annette.
Ja?
Die Gabeln liegen heute richtig.
Annette bleibt im Türrahmen stehen.
Ja, sagt sie. So machen wir das hier.
Frau Holle nickt leicht. Schließt die Augen.
Annette geht raus. Im Flur ist es still. Martin ist im Schlafzimmer. Draußen regnet es leise.
Annette legt sich ins Bett. Die Laterne auf der Lindenstraße leuchtet gelblich, verschwommen durch das nasse Glas.
Sie denkt an die Wohnung in der Sonnenstraße, an die Schlüssel in ihrer Tasche, daran, dass sie jederzeit gehen könnte.
Das ist kein Plan. Das ist einfach nur Wissen.
Und dieses Wissen fühlt sich wie Ruhe an.
Martin liegt daneben, wacht noch.
Denkst du nach? fragt er.
Ja.
Worüber?
Über vieles.
Er schweigt.
Ich denke, ich wünsche mir immer noch ein Kind mit dir. Was ist mit dir?
Annette antwortet nicht sofort. Decke, Stille, Dunkelheit.
Manchmal, sagt sie schließlich.
Manchmal ist das gut oder schlecht?
Ich weiß es noch nicht.
Martin fragt nicht weiter. Sie liegen schweigend und hören den Regen. Die Laterne leuchtet.
Aus dem Nebenzimmer kommt manchmal das leise Murmeln oder Seufzen von Frau Holle. Annette hört es, wie immer.
Nur: Sie steht nicht mehr auf. Sie hört einfach nur zu.
Auch das ist neu.
Am Morgen steht Annette als Erste auf, stellt den Wasserkocher an, geht auf den Balkon. Aprilmorgen, es riecht nach nassem Asphalt und etwas, das sie nur als Kind kannte: Gummistiefel und Pfützen.
Sie sieht auf die Lindenstraße hinaus. Die Bäume werden grün, ganz vorsichtig. Fast unsichtbar. Wenn man lang genug hinschaut, merkt man es doch.
Drinnen stehen Hausschuhe im Flur, Frau Holle ist wach. Sie steht am leeren Küchentisch, blickt in den Raum, als müsste sie sich erinnern.
Frau Holle, kommt Annette leise, setzen Sie sich, ich mache Tee.
Frau Holle dreht sich um. Ihr Blick hält an Annette.
Annette.
Ja.
Schön, dass du da bist.
Annette schiebt ihr den Stuhl hin. Gießt Tee in eine Porzellantasse.
Wir trinken aus Porzellan, sagt Frau Holle nicht bestimmend, einfach so.
Ja, ich weiß, sagt Annette.
Sie nimmt sich die schlichte weiße Tasse. Sagt:
Ich habe verstanden, dass »bei uns macht man das so« Verschiedenes bedeuten kann.
Frau Holle schaut Annette an.
Was denn?
Manchmal Regel, manchmal Erinnerung. Daran, wie es mal war.
Die Schwiegermutter schweigt. Dann: Wohl wahr.
Sie trinken Tee, jede aus ihrer Tasse. Draußen wird es heller.
Da kommt Martin, verschlafen, im alten Pulli.
Guten Morgen, sagt er.
Morgen, sagt Frau Holle.
Morgen, sagt Annette.
Martin füllt sich Tee aus dem Porzellankännchen. Nimmt eine Gabel vom Tisch, sieht sie an.
Zinken nach unten, sagt er.
Ja, sagt Annette.
So machen wir das hier, sagt Martin. Sieht Annette an, als frage oder antworte er auf etwas.
Annette nimmt ihre Gabel.
So machen wir das.
Diesmal klingt das nicht wie eine Regel. Nicht wie eine Anweisung. Nicht wie Macht.
Es klingt wie etwas, wofür es noch keinen Namen gibt. Aber vielleicht beginnen sie alle drei, es zu begreifen.





