Ich mache, was ich will!

Mach, was du willst

Plötzlich hatte Niko, Karins Ehemann, den unbändigen Wunsch, sich eine Schrebergarten-Parzelle zu kaufen und zwar nicht nur davon zu träumen, sondern es wirklich zu tun!

Wozu brauchst du das überhaupt, Papa?! schimpfte ihr Sohn Moritz und ließ dabei seine blonden, ausgedünnten Dreadlocks über den Esstisch baumeln, während er versuchte, die ständig rutschende, abgewetzte Jeans mit den riesigen Löchern an den Knien festzuhalten. Die hageren, blassen Beine blitzten durch die aufgeplatzten Knie. Niko mochte diese Hosen gar nicht, aber er sagte nichts dazu. Das ist doch reine Geld- und Zeitverschwendung. Fahr doch einfach wieder in Urlaub wie sonst immer! Überleg mal, wie oft du für das gleiche Geld nach Mallorca fliegen könntest!

Ich fliege nirgends hin. Weißt du doch, ich habe schon Angst, Flugzeuge nur anzusehen! Lass mich, Moritz, das ist meine Sache. Halt es für ein Spinnerei eines alten Mannes oder einen Spleen, aber ich will eben einen Schrebergarten!, polterte Niko und knallte mit der Faust auf den Tisch. Ein Schuppen, in dem ich an meinem alten Käfer basteln kann, einen Grillplatz neben dem Pavillon, Schaufel und Harke an der Wand und Freunde einladen! Ach, ihr versteht das einfach nicht! Er machte eine abwehrende Handbewegung.

Karin, Nikos Frau, eine elegante Frau zierlich wie die Ballerina aus Porzellan, die im Wohnzimmerregal hinter Glas stand, nur mit kurzen Haaren und warmem Teint saß gegenüber, nippte seelenruhig an ihrem Kaffee und ließ sich nichts anmerken. Als ob es sie nicht interessierte, dass ein paar Hunderttausend Euro womöglich ein Fass ohne Boden! bald weg sein könnten.

Mama! Sag doch was! Das bleibt doch eh alles an dir hängen!, rief Moritz ungehalten aus. Er hatte insgeheim darauf gehofft, zum 18. Geburtstag ein Motorrad zu bekommen, doch jetzt schien plötzlich alles um einen Schrebergarten zu gehen.

Karin nahm noch einen Schluck, stellte die Tasse leise ab und faltete entspannt die Hände.

Moritz, Liebling, warum bist du so nervös? Dein Vater und ich, wir kommen in ein Alter, in dem wir uns auch mal einen größeren Wunsch erfüllen dürfen. Und außerdem, irgendwann gehst du ja auch mal deine eigenen Wege, oder?, sagte Karin mit einer Mischung aus Hoffnung, Zweifel und einem leichten Lächeln. Moritz wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte wegziehen wollte er jedenfalls nicht und fürchtete schon fast, bald die Koffer packen zu müssen.

Ich? Keine Ahnung… Aber darum gehts doch nicht!, grummelte Moritz.

Doch, genau darum. Jeder bekommt langsam sein eigenes Leben: Du wirst bald studieren, dein Vater buddelt im Garten, wird von Mücken geplagt und ich Ich starte endlich meinen Fallschirmsprungkurs. Es wird Zeit, unsere Träume wahrzumachen. Jetzt ist es möglich, seufzte Karin und sah aus dem Fenster, den Blick träumerisch in die Ferne gerichtet ganz wie in einem Roman von Fontane, nur dass Moritz sowieso nie verstand, was diese Blicke zu bedeuten hatten.

Niko war seiner Frau dankbar. Eine Goldfrau, wirklich! Jede andere hätte sich auf die Seite des Sohnes geschlagen und gejammert, wie viel Arbeit ein Garten mache und dass doch die Nägel, Massagen und Friseurbesuche wichtiger seien. Aber Karin? Klug und verständnisvoll zum Glück hatte er sie damals geheiratet, trotz aller Eigenarten!

Zufrieden schmunzelte Niko in sich hinein.

Na gut! Dann macht, was ihr wollt! Aber ich zieh nicht aus!, meinte Moritz schließlich, die Dreads auf dem Hinterkopf wie die Stacheln eines jungen Igels gereizt aufgerichtet.

Du gehst also aufs Studium?, fragte Karin.

Ja aber …

Aber wohnen bleibst du bei uns, schon klar. Also, Niko, dann reicht auch eine kleine Parzelle, oder?, lächelte Karin in die Runde, spülte schnell ihre Tasse und machte sich zur Arbeit auf den Weg.

Moritz tappte wie verloren durch die Küche, fand endlich den Ausgang, stapfte mit den dünnen Beinchen in sein Zimmer und trauerte dem Motorrad- und Smartphone-Traum hinterher.

Das ist absurd! Die Eltern sind echt verrückt geworden!, fauchte er ins Headset und beschwerte sich bei seinem Schulfreund Kevin Utz. Der mampfte etwas und pflichtete murmelnd bei. Papa will ne Parzelle, Mama will Fallschirmspringen! Und ich? Mich wollen sie schon rausschmeißen, stell dir das mal vor! Sagen: jeder soll seine Träume leben! Welche Träume mit ihrem Alter überhaupt?! Und du sagst nix dazu!

Kevin brummte noch ins Mikrofon, dann brach die Verbindung ab. Moritz starrte frustriert aus dem Fenster. Eltern sind halt alt. Fast schon wie Dinos. Die sollten sich ums Höhere kümmern, Seriöses eben und Träume, ja, die hatte doch wohl höchstens Moritz. Was soll man bloß tun, um nichts zu verpassen? Moritz wusste es nicht

Niko band in der Diele die Schuhe, grinste noch immer in sich hinein.

Ich muss Schwiegermama anrufen! Die freut sich bestimmt!, dachte er. Solche Neuigkeiten muss man teilen! Seinen eigenen Eltern hatte er bereits lang und breit von den Plänen erzählt sie waren begeistert, boten sogar finanzielle Hilfe an.

Karin Mutter, Helga, war schnell Feuer und Flamme.

Ich habs doch immer gesagt, Nikolein! Ihr braucht einen Garten! Alles selbst gemacht, Tomaten vom eigenen Beet für den Moritz und frische Luft so wie früher, als wir immer draußen bei der Oma in Hamburg waren!

Diese Erinnerungen riefen bei Karin gemischte Gefühle hervor. Helga bestand darauf, die Parzelle am Stadtrand von Hamburg zu mieten und nicht einfach irgendwo in Brandenburg nahe Berlin. Die Anreise immer mit halbem Haushalt als ginge es ins Exil, nicht bloß aufs Land. Helga trank ungern aus fremden Tassen oder aß von anderen Tellern, also schleppte Karins Papa, Klaus, das eigene Porzellangeschirr und Besteck mit, genauso wie die Bettwäsche, Bücher, Helgas Lieblingsfußbank, Taschen mit Pflegeprodukten, Kleidung, Picknickzubehör und Gummistiefel dabei nahm niemand ein Bad oder angelte Fische, das war Helga viel zu gefährlich oder grausam, fand sie.

Die Tage verbrachte man bei Tee, Apfelschnitzen und Kirschen auf der Terrasse, mit dem obligatorischen Stoß Gedichte von Fontane oder Storm. Karin durfte weder am Zaun im Wald spielen (Viel zu viele Zecken, bleib lieber am Haus!) noch Straßenfußball mit Nachbarskindern. Beeren mussten erst gewaschen werden, bevor sie in den Mund kamen. Pilze sammelte man nicht, Walderdbeeren wurden am Bahnhof gekauft. Für Experimente im Garten oder auf der Wiese war kein Platz.

Helga bestimmte alles sehr genau nur Spitzenkleider, Sandalen, Zöpfe, Sonnenschirme, Decken und endlose Poetenabende mit Helga, während Klaus im Liegestuhl vor sich hin schnarchte. Das blieb für Karin als Bild ihrer Sommer.

Als Karin aufs Gymnasium kam, zog sie kurzerhand in ein WG-Zimmer, schnitt sich die Haare ab, kaufte sich Jeans, Comic-Pullover, weite Mäntel und komfortable Sneaker. Helga war entsetzt, aber Karin wollte einfach ihr Leben leben. Basta.

Sie heiratete Niko aus Überzeugung, bekam einen Jungen, nannte ihn Moritz, obwohl Helga meinte, er sehe aus wie ein kleiner Wilhelm von Humboldt und einen würdigeren Namen verdiene. Sie radelte mit Moritz durch den Volkspark, planschte im See und schaute mit ihm Wolkenbilder; egal, wie Helga die Hände ringend zu gefährlich rief.

Ganz früh, gleich um die Ecke vom Garten, hatte es einen Fallschirmspringerverein gegeben, in dem alle Nachbarkinder waren. Karin wollte auch. Nie ließ Helga das zu: Wieso? Aus einem Flugzeug springen? Wie albern! Schluss, aus!

Eines Tages fuhren Helga und Klaus mit Karin nach Hamburg. Klaus, der Papa kannte einen Mechaniker, der Karin mal auf das Flugfeld mitnahm. Sie durfte alles ausprobieren im Cockpit sitzen, einen Sprunganzug anprobieren. Sie war Feuer und Flamme, aber es kam der Wind, Flüge gestrichen. Ein Gewitter zog auf, und so blieb alles beim Alten.

Bald darauf erfuhr Klaus von Helgas heimlicher Affäre. Der Garten blieb fortan leer. Die große Lüge hatte alles verändert. Karin widersetzte sich nun allen mütterlichen Ansprüchen, schmiss Musikschule und Zeichenkurs.

Helga schimpfte: Wie kannst Du das aufgeben, du bist eine Frau, das gehört sich! Karin aber blieb stur: Ich will nicht mehr nach deiner Pfeife tanzen! Und meine Haare schneide ich auch noch kürzer! Sie ließ sich von ihrer Freundin einen flotten Kurzhaarschnitt verpassen.

Später, als Karin älter wurde, ergriff sie stets Partei für sich selbst, hörte nur auf ihren Vater, erklärte, dass sie nicht leben wolle, um jemandem etwas zu beweisen, sondern für ihr eigenes Glück. Sie fand es gleichzeitig einfach und töricht, immer gegen Helga zu rebellieren aber niemand erklärte ihr das.

Als Karin mit Niko zusammenkam, schwor sie sich, in ihrer Familie solle es keine falschen Fassaden geben. Ehrlichkeit, Offenheit! Vor der Hochzeit weinte sie plötzlich, zog Niko am Pullover und sagte: Wenn wir uns nicht mehr lieben, gehen wir ehrlich getrennte Wege. Keine Opfer, kein Versteckspiel!

Niko war erschrocken, drückte ihre stoppeligen Haare, roch das Sommergefühl, das sie ausstrahlte, und versprach, immer ehrlich zu sein.

Moritz wurde zwei Jahre nach der Hochzeit geboren. Nikos Eltern, Annegret und Jürgen, sorgten sich, der kleine Bursche sei doch zu schmächtig, besser gleich zum Arzt. Helga rollte die Augen, empfahl einen Homöopathen, Kräuter und Kügelchen, schon allein wegen Karins grenzenloser Freiheit. Eine sinnlose Ehe, schimpfte sie.

Karins Herz blutete, doch als sie Moritz im Arm hatte, wusste sie: Das war nun ihre Familie und sie selbst die Mutter. Dennoch hatte sie Angst, dabei Fehler zu machen ob zu streng oder zu nachlässig, ob sie wichtige Momente übersehen könnte.

Nachts weckte sie Niko, fragte mit zitternder Stimme: Und wenn ich eine schlechte Mutter bin? Wenn Moritz mich mal genauso verachtet wie ich Helga?

Niko schob sich ins Halbdunkel, nahm sie in den Arm: Karin, du wirst alles gut machen. Ich liebe dich für deine Ehrlichkeit. Und Moritz liebt dich auch, der kann schon jetzt nicht mehr ohne dich. Schlaf…

Karin kuschelte sich an ihn und schlief ein, während draußen der Regen gegen das Fenster trommelte. Niko lag lange wach und überlegte, wie sicher Karin in ihm war und ob er überhaupt selbst ein perfekter Vater und Ehemann sein konnte.

Sie heirateten jung, Kind nach dem Studium, und schnell entschlossen: Jeder solle tun dürfen, was er wolle, so Karins Credo. Aber dann kam der Alltag das Baby beanspruchte alle Zeit, der Haushalt machte sich nicht allein. An Kinoabende, Spiele, Entspannung war nicht zu denken.

Karin fühlte sich gefangen, als würde ihre eigene Geschichte wiederholt Wünsche gegen Pflichten und Anforderungen getauscht, und das erschien ihr zutiefst unfair und unbefriedigend.

Niko! Ich kann nicht mehr! Mein ganzes Leben wurde mir vorgeschrieben, und jetzt gehts wieder los!, klagte Karin, ausgelaugt vom nächtlichen Stillen und Zahnen. Sie beneidete ihre Freundinnen, die zum Wandern nach Bayern fuhren und ihr Fotos aus Berchtesgaden schickten …

Was hatte Karin dagegen zu berichten? Windeln wechseln, Stillprobleme lösen, Babynahrung einkaufen. Wieder schien ihr Leben zu enden, kaum hatte es begonnen.

Karin, halt noch durch. Es ist nicht für immer. Ich geh einkaufen, koche, gehe mit Moritz zum Arzt, wenn du mal einen Tag Pause brauchst.

An einem Samstag verabredete sich Karin spontan mit alten Freundinnen, bummelte durch die Schildergasse, aß Torte im Café und obwohl sie eigentlich lieber ins Theater gegangen wären landeten sie auf einer Ü30-Party.

Es wurde wild, ein bisschen zu wild: Plötzlich zog sie ein Fremder aufs Tanzparkett, wollte sie küssen. In ihrem Kopf schrie Helga, der Vater winkte mit Blumen, beides entfernt und unerreichbar. Sie ließ sich nach Hause bringen, die Freundinnen setzten sie mitten in der Nacht vor der Tür ab.

Niko stand im Flur mit Moritz auf dem Arm, dazu Annegret, die stundenlang versuchte, den Jungen zu beruhigen. Karin, voller Schuldgefühle, schloss die Tür zum Schlafzimmer, weinte und drückte Moritz an sich.

Wo war ihr Leben in die falsche Richtung gelaufen? Damals, im Garten, als sie zum ersten Mal beschloss: Ich mache, was ich will. Niemand setzt mir Grenzen. Und doch: Jetzt wünschte sie sich nichts als Halt.

Niko kam leise herein. Karin, erschreck uns bitte nie wieder so. Wir können ohne dich nicht. Noch nicht.

Karin vergrub sich an seiner Schulter, suchte seine Wange und erreichte sie doch nicht. Er blieb standhaft, hatte Recht.

Es war schwer, das eigene Wollen hintanzustellen, die Träume als später zu verbuchen. Aber Niko war ein kluger Ehemann, half durch die schwierigen Jahre.

Als Moritz größer wurde, begriff Karin: Jetzt beginnt langsam die Zeit, in der eigene Träume wieder Platz finden. Niko suchte nach Schrebergarten-Grundstücken, Karin meldete sich tatsächlich beim Fallschirmspringen an.

Was soll daran schwierig sein?, stichelte Niko. Er selbst war einmal gesprungen, war dabei fast gestorben vor Angst, aber das wollte er Karin lieber nicht verraten.

Dieses Mal sprangen sie gemeinsam schrien, lachten, spürten das Wunder, hoch oben unter freiem Himmel. Unten, auf der Wiese, filmte Moritz alles mit dem Handy, als rotes Punktchen im weiten Grün.

Das Glücksmoment war so intensiv, dass Karin dachte: Für diesen Augenblick hätte sie alles noch einmal durchgestanden. Alles kommt zur richtigen Zeit, wenn man bereit ist, es zu würdigen.

Ein Jahr später kaufte Niko dem Freund den Schrebergarten ab und veranstaltete Grillfeste für Freunde und Familie. Moritz brachte irgendwann seine Freundin mit: Tabea, temperamentvoll und voller Pläne fürs Leben.

Und ihr seid wirklich Fallschirm gesprungen?, fragte Tabea neugierig.

Ja, lächelte Karin, Wir haben unser Leben lang darauf hingearbeitet.

So lange warten könnte ich nicht. Ich will immer alles gleich! Ich werde meine Träume nie wegen anderer Leute aufgeben, sagte Tabea.

Karin lächelte wissend: Das dachte ich früher auch. Aber dann will man manchmal plötzlich etwas anderes. Sie setzte sich ins Gras und streichelte Tabea über den Rücken. Du zeichnest wirklich schön, Moritz hat mir deine Skizzen gezeigt. Mach weiter!

Ach Das habe ich früher gemacht und dann aus Trotz gegen meine Mutter aufgehört. Jetzt bereue ich es ein wenig. Oh, Moritz ruft! Er hat einen Igel entdeckt!

Tabea hüpfte auf und rannte über die Wiese, barfuß. Sie war ebenso ungestüm und voller Leben wie einst Karin. Doch das Leben würde sie lehren, dass der wichtigste Grund für Entscheidungen nicht Trotz, sondern das eigene Herz ist. Genau das hatte Karin schließlich erkannt.

Im Leben ist es wichtig, auf die eigene Stimme zu hören aber auch zu begreifen, wann die Zeit für Träume, für Familie oder für sich selbst gekommen ist. Alles zu seiner Zeit. Das ist das Geheimnis des Glücks.

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Homy
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