Das Schicksal des Brunow

Das Schicksal von Brunow

Sie gab ihn zurück an Friederike, als wäre er ein Paar Absatzstiefel, das nicht passte, oder eine Wimperntusche, die bei näherem Hinsehen doch nicht gefiel. Nein wahrscheinlich wäre das noch weniger entwürdigend gewesen. Der Tusche ist egal, auf welchem Frisiertisch sie landet, und Stiefeln ist es schnuppe, wer sie durch den herbstlichen Matsch tritt.

Aber für Sebastian war es ganz und gar nicht egal. Für ihn war es widerlich.

Erbärmlich war es, wenn man auf einem Rollstuhl aus der Klinik abgeholt wird, hilflos die Erste-Option-Dankbarkeitsnicken verübt und in Gedanken schreit: Ja, ich bin jetzt ein Klotz Ja, ich habe nicht genügen können Ja, die Arbeit, wie soll das weitergehen? Ja, kein Geld

Ja, ja, ja

Sebastian wollte dieses Wort hinausschreien dass das ganze Station hören sollte, wie er gleich ausgeliefert würde: abgeschoben zur Ex-Frau, wie ein Findelkind, wie ein unerwünschtes Kätzchen, das man nachts an irgendeiner Haustür deponiert.

Rieke, nun bleib locker! Sie meinen doch bloß, ich brauche Geduld, ich werde wieder laufen! Alles regelt sich, du Dusselchen Immer lässt du dich verrückt machen So redete er vor zwei Wochen, als Friederike abends zu ihm kam, verheult, mit zitternden Lippen nach Sebastian Brunow fragte. Die Schwester, die gerade bei einem anderen Patienten das Steckbecken austrug, wies auf das Bett nahe dem Waschbecken.

Friederike schluckte, schloss kurz die Augen, riss sich zusammen, zwang sich zum Lächeln, und trat näher.

Er schlief. Sein Körper tat entsetzlich weh, man hatte ihm eine Spritze gegeben, jetzt hätte er getrost bis Mitternacht durchdämmern können immer wieder hinübergleiten, aufwachen, zurücksacken, in eine warme, samtige Schwärze. Warm das war das Entscheidende! Denn zuvor war es lange, sehr lange nur kalt gewesen

Er fuhr mit dem Motorrad von Riekes Wochenendhaus zurück, ein Draufgänger, den Fahrtwind auf der Haut, Blitzen, die das Asphaltband entlang glitten dann Dann war etwas passiert, etwas geriet unters Rad, das Motorrad rutschte ins Bankett, Sebastian wurde gezerrt, überschlug sich, der Kopf schlug auf, es klingelte, Bilder blitzten vorbei

Da war sie, Friederike, mit Schleifen in den Zöpfen, Schulkleid beim “Letzten Klingeln”. Sie lacht, kreist herum, hält die Freundin im Arm: Johanna. Sie freuen sich, vor ihnen ganzes Erwachsenenleben! Sebastian bringt ihnen Eis, die Mädchen küssen ihm die Wangen und fummeln an der Folie. Friederike liebt Schokoladeneis, Johanna mag Vanille. Sebastian vertauscht es immer.

Seb, sei doch endlich mal aufmerksam! Du wirst doch mal Jurist! äfft Johanna die alte Erdkundelehrerin nach, Frau Mahler. Sie vergötterte Sebastian, eine seltsame Verbundenheit.

Sorry, Jo! Ich bin halt mit dem Kopf immer in den Wolken! Er lacht, will auch beeindrucken. Läuft zur Stange, zieht sich hoch, schwingt das “Sonnensegel”.

Die Mädchen schauen, Johanna bewundernd, Friederike

Sie blickt streng, sehr ernst.

Warum hast du damals so geguckt? fragte er sie später auf dem Weg nach Hause.

Wie?

Na, so Schwer zu sagen Er zuckt die Schultern.

Ich mag keine Show. Friederike zuckt ebenfalls und will weitersprechen, doch sein Kuss kommt vor der nächsten Antwort.

Sebastian wacht auf. Das Zimmer hell, Leute laufen in Berufsbekleidung herum.

Halte durch, Junge, das tut kurz weh murmelt jemand neben ihm.

Seb dreht zusammengeknittert den Kopf. Nebenan liegt ein Junge, in Einzelteile zusammengesetzt. Seine Oma kommt oft, ist nicht mal Familie. Inzwischen lacht er auch mal wieder, aber in dieser Nacht ist etwas schiefgelaufen, blass ist er, Lippen blau…

Brunow dreht sich weg, macht die Augen zu. Furcht. Nicht hinschauen.

Weshalb gibts hier keine Vorhänge? Im Film haben die alle Vorhänge um solche Patienten!, schwirrt es in seinem Kopf; dann hört er, wie der Junge auf der klappernden Trage weggerollt wird. Halte durch! Hörst du?

Der Junge antwortet nicht und Sebastian fällt wieder in den Schlaf.

Friederike. Sie steht in einem endlosen Flur. Was ist das? Ein Kreißsaal, oder wie heißt das auf Deutsch Beratung.

Ich bin schwanger, Sebastian! sagt sie, seltsam unglücklich.

Das ist doch schön! Das ist richtig so, oder? Meine Kleine! Er lächelt breit, will sie umarmen.

Sie haben vor vier Monaten geheiratet, fuhren noch in den Urlaub nach Rügen. Dort wurde ihr plötzlich schlecht Klimaumstellung, dachten sie.

Dann die Untersuchung beim Arzt

Seb, das Kind lebt nicht Fasse mich nicht an, Sebastian. Hörst du nicht? Es lebt nicht! Sie steht im hellen, langen Flur, herum Töpfe mit Blumen, vorbei gehen Schwangere mit Bäuchen, mustern das Paar.

Was heißt das, “lebt nicht”? Rieke, das ist ein Irrtum! So zart! Ach was, die Quacksalber! Lass uns zur Dr. von Beck fahren, sie hilft uns. Komm, los jetzt! Er lässt nicht locker. Was soll das, “es lebt nicht”?

Johanna von Beck arbeitet inzwischen als Leiterin einer Privatpraxis, kennt alle, hat Verbindungen.

Mit den beiden hat sie nur noch selten zu tun vielleicht, weil Sebastian sich für Friederike entschieden hat, nicht für sie. Doch er hatte nie mehr versprochen.

Brunows? Hoppla, trifft man sich hier! Sie dreht einen Kugelschreiber in den Fingern, lächelt vorsichtig. Was kann ich tun?

Jo, komm schon. Ich habs dir alles erklärt, Sebastian schiebt die Bankkarte über den Tresen. Du wolltest helfen Rieke, setz dich!

Doch seine Frau will nicht. Sie schaut Johanna an. Nun liegt ausgerechnet ihr, Johannas, das Schicksal von Friederike plötzlich in den Händen.

Von Beck greift müßig zum Hörer, wählt.

Dr. Zimmer? Ja, die sind da. Durchlassen? Alles klar! Bis dann. Lachend legt sie auf. Dritter Raum, der Arzt wartet.

Dr. Zimmer ist erfahren, sehr. Er untersucht Friederike dreimal, völlig sicher.

Kommt vor. Machen Sie sich keine Sorgen. Ein Fehlstrick in der Genetik; Ihr Körper hat automatisch unterbrochen. Sie sind vollkommen gesund, ich bin überzeugt, es klappt bald. Friederike, so einen Kummer müssen Sie nicht empfinden! Er spricht leise, erzählt, wie auch seine Frau weinte und dann doch ungeplant doch schwanger wurde. Nun haben sie zwei Rabauken. Also

Friederike wischt sich den Bauch sauber, schließt die Hose, geht. Sie versteht, und doch

Ab da war alles erkaltet. Genau da. Sebastian sagt, das sei “Nonsens”, doch Friederike weint, schreit, er versteht nichts, zerrt ihn zu Ärzten, zwingt ihn zu Tests. Drei Mal starben die Kinder in ihr, drei Mal. Ärzte raten, eine Pause einzulegen, Abstand, reflektieren.

Abstand?! Was für ein Schwachsinn! Man muss suchen, kämpfen, Sebastian! Wir wollten ein Kind! Erinnerst du dich?

Er weiß nur noch: Kinder, das war Friederikes Traum. Er hatte bloß genickt. Kinder logische Folge, Ziel und Basis der Ehe, warum darüber nachdenken?

Wieder begegnet er Johanna zufällig in der U-Bahn. Nach der hundertsten Planung-zum-Kind-Beratung lässt er Friederike im Café zurück, schniefend, mit den Arztbriefen in der Hand.

Wohin gehst du? wispert sie.

Ich brauch Luft. Fahr allein heim. Ich nehme die Bahn, ruft er im Mantel.

Sebastian

Sei nicht beleidigt! brummt er, schlurft zur Tür hinaus.

Johanna, frisch, herausgeputzt, Blumen, leicht beschwipst, in derselben übervollen Bahn. Sie kommen ins Reden, Sebastian klagt, Friederike komme nicht klar, das nervt.

Ich hab genug Zellen für all die Analysen abgegeben, man könnte hundert Kinder zeugen! lacht er schief auf Johannas Frage, wie es so geht. Wer weiß, vielleicht rennen irgendwo kleine Brunows rum mit meinen “Materialien”.

Sie lachen.

Der Arme Johanna streicht sacht über Sebastians Wange. Klar solltest du Abstand nehmen! Weißt du als sie aussteigen: Friederike ist selber schuld. Sie hat dir nie erzählt? Zehnte Klasse, sie war ein Monat krank. Erinnerst du dich?

Sebastian zieht die Schultern hoch. Vielleicht

Es war wegen Frauensache. Sie hatte eine schwere Entzündung, seitdem war alles eingeschränkt, das wussten die im Krankenhaus, sagte sie nicht? Johanna flüstert prustend, kaum im Tempo von Sebastians Stiefeln mitlaufend. Sie hat dich belogen, nicht gewarnt, und jetzt schiebt sies auf dich!

Unfug! Sebastian bleibt auf einmal stehen, Johanna prallt samt Strauß ran. Das hätte sie erzählt!

Wofür auch? Du bist doch ein Guter, willst eine richtige Familie Also, du bist der Dumme. Und wenn sie kein Kind haben kann, ist sie selbst schuld. Mensch, Seb, du bist kreidebleich! Komm mit zu mir! Tee, noch Cognac. Willst du? Ich hab heute Grund zu feiern, Aufstieg!

Sebastian weiß gar nicht, wie er am Ende bei ihrer Wohnung ankommt, das erste Glas trinkt, das zweite

Er denkt an die Hochzeitsnacht damals, Friederike schüchtern, und er ganz Kopf über Hals Alles verschwimmt, am Morgen liegen sie und reden über Kinder, versponnen

Nach dem Termin bei von Beck ging alles rasend schnell. Sebastian fühlt sich befreit, hält sich ab dann an Johanna. Er will nicht mehr mit zu Ärzten, schreit sogar, Friederike sei selber schuld.

Wofür schuldig? staunt Friederike.

Für gar nichts. Es reicht! Mach du, was du willst, ich lebe mein Leben. Ich bin kerngesund! Sebastian haut mit der Hand auf den Tisch, steht auf, geht zu Johanna.

Er beginnt zu denken, die Ehe war ein Fehler, hat Johanna nicht richtig entdeckt. Mit ihr Leben ist ein Fest; locker, leicht, mühelos Romantische Abende, Sofa-Chaos, Ausflüge, kleine Albernheiten

Mit Friederike geht er ein Jahr später zum Amtsgericht. Die heimliche Affäre ist nicht mehr zu verschleiern, Johanna will ihn nicht mehr teilen.

Wenn es keine Kinder gibt, geht das über Standesamt, sagt eine Frau am Telefon nach den Papieren. Minderjährige Kinder?

Nein. Danke. Friederike legt auf.

So. Keine Kinder einfacher Abschied. Ihre Abwesenheit und das große Sehnen nach ihnen zerstörten Friederikes Leben. Sie muss neu anfangen, mit einer leeren Wohnung, Wochenende irgendwie verbringen. Die Eltern leben in Dahlem, vielleicht zieht sie zurück. Aber Sie würden sie bemitleiden

Sebastian wacht erneut auf. Es riecht nach Haferbrei, nach Tee mit Zitrone. Doch er hat keine Kraft zum Essen, keinen Appetit.

Kommt jemand? Werden Sie gefüttert? fragt es leise.

Er öffnet die Augen. Erblickt wasserblaue, faltige Frauenaugen hinter Brille, den Blick einer alten Dame.

Die Frau besucht ihn doch. Lassen Sie es, vielleicht füttert sie. brummelt eine Stimme hinter der Kantinenfrau.

Aha, dann bleibts hier. Notier, Brunow hat die Portion. Weiter gehts. Guten Appetit, Jungs! ruft sie munter und rollt den Wagen weiter.

Johanna ist nicht seine Frau. Nicht offiziell.

Sie kommt eine Stunde später, versteckt die Nase im Blusenkragen, verzieht das Gesicht.

Füttern Sie ihn! Aber Ist bestimmt schon kalt. Haben Sie selbst was mitgebracht? werden sie angewiesen.

Ich mache das, Johanna nimmt die Schale, schnuppert, schluckt. Das muss gegessen werden, Sebastian. Ein Graus, aber ich hab nichts Besseres dabei. Gestern war ich bei Sanders Geburtstag, erinnerst du Steffi und Tom? Sie grüßen! Ach, Seb, ich bin hundemüde! Mensch, warum versuchst dus gar nicht? Was? Dir ist schlecht? Igitt! Moment!

Sie springt feige auf, wischt die Hände am Kittel ab, stürmt zum Flur.

Mein Mann kotzt, kommen Sie! Was soll das hier?! scheppert Johannas Stimme. Sebastian schließt die Augen. Johanna scheut sich nicht, zieht vom Leder, beschimpft Essen, Krankenhaus, Ärzte

Am nächsten Tag kommt Johanna nicht, dann wieder nicht. Später, sie war beim Arzt.

Und? fragt er.

Nicht gut. Verflucht sei das Motorrad! Warum hast du das gekauft? Jetzt häng ich Reha dauert, kostet viel, und kostenlos dauert bei uns alles ewig. Ich brauche, dass du Sie hält inne, weil Sebastian die Fäuste ballt. Wir müssen, dass du wieder normal bist Gesund! Naja Ich hab dir

Sie küsst ihn nicht, knallt einen Beutel mit Orangen und Wasser auf den Nachttisch, setzt sich ans Fenster.

Johanna! Seb ruft leise, will ihr Knie streicheln, doch sie schüttelt den Kopf. Nicht traurig, wir packen das, ich Dussel, das Mopped Du fandest es selber super! Oder, ist was bei der Arbeit? Ich sag dir doch, nimm Urlaub! Bald entlassen sie mich, und dann

Dann bringen wir dich zu Friederike. Dann nehme ich Urlaub und flieg ans Meer, beendet sie kalt. Hier kann man nicht vernünftig sprechen. Und mach mir keine Szene, Sebastian. Diese Becken, die Sabber, du, so hilflos Ich will das nicht, ich kann nicht! Sie knetet die Finger, schaut sich um. Ich erklär dir später noch mal alles, hier sind zu viele!

Ja, ja der Nebenmann, Bauarbeiter, neulich vom Gerüst gestürzt, wird jetzt eingeliefert. Verzeihung, Fräulein, wir könnten nicht raus, gingen wir gern Er nestelt, macht es sich bequem.

Johanna schaut verächtlich den Katheter an, zieht eine Grimasse. Sie ekelt sich: Gerüche, schwitzende Leiber, Medikamente, klackernde Rollwägen, Stöhnen, die beige Anstallungswände.

Sebastian liegt seit Wochen hier rum, erst Intensivstation, jetzt Mehrbettzimmer. Seit Wochen kommt Johanna, läuft heim, wirft alles von sich, duscht zu lange, parfümiert sich, meint dennoch: Der Krankenhausgeruch bleibt im Haar, in den Nasenlöchern. Es ist ein Horror!

Aber das Schlimmste, Sebastian hilflos zu sehen. Die Beine, nahezu nutzlos. Er kann sich nur drehen, das Gesicht aschfahl, leer. Man muss ihn waschen, salben, spritzen Der Arzt hat es erklärt.

Früher war Brunow ein Hingucker, klug, charmant! Erst seit kurzem Und Johanna war stolz, so einen Sebastian “abgeschnappt” zu haben.

Nie wird sie Friederike fragen, ob sie den Ex zurücknimmt. Sie liefert ihn einfach bei ihr ab das ist humaner, als ihn in seiner leeren Wohnung zu lassen.

Die Brunow-Eltern leben noch, doch die Mutter hat Herzschwäche, der Vater Magengeschwür. Sie kommen in die Klinik, fahren heim und nehmen Tropfen. Geht nicht, zu grausam. Johanna ist Humanistin. Da hat sie an alle gedacht.

Der Rollstuhl klemmt im Aufzug; immerhin gibt es seit drei Monaten, wie vorausgeahnt, im Haus von Friederike eine Rampe.

Sieh einer an, als wüssten sies! lacht Johanna von hinten. Und, Seb, nimms nicht krumm, das Leben muss ja weitergehen. Leute! Sehen Sie nicht, Rolli-Patient!

Wäre Sebastian im Dienst verunglückt, also heldenhaft, dann hätte es eine Pension gegeben, Johanna könnte sich sonnen in Stolz jetzt Motorradunfälle sind Alltag, das ist nicht mehr cool.

Sebastian? Ach, du? Nachbarin schlägt die Hand vors Gesicht. Was ist passiert? Zu Friederike?

Wenn Sie alles wissen, werden Sie früher alt! knallt Johanna.

Johanna! Reiß dich zusammen! knurrt Sebastian, presst die Armlehne weiß.

Die Nachbarin schaut verängstigt, dann wieder, dann hält der Aufzug, Johanna drückt die 10.

Sebastian hat noch Schlüssel zur Friederikes Wohnung.

Nicht mal das Schloss gewechselt! schnauft Johanna. So, rein da

Ich hasse dich, kapierst du? Hasse! Er reißt sie zu sich heran. Du lässt mich im Stich! Für dich zählen nur Gesunde, was? Verflucht sei dein Herz!

Er spuckt aus Verzweiflung, aus diesem hundsgemeinen männlichen, ach menschlichen Ohnmachtsgefühl. Er müsste auf die Toilette, aber darum muss er bitten, selber kann ers nicht. Medikamente nehmen? Die Hände sind zu schwach

Verpiss dich! schreit Johanna, wirft seine Sachen auf den Boden und ist weg.

So sitzt er noch am gleichen Abend, mitten im Zimmer. Vor sich an der Wand hängt immer noch das Bild von der Hochzeitsreise Bernstein auf Waldlandschaft, an der Ostsee gekauft. Friederike hat es nicht herausgerissen.

Alles ist wie einst Möbel, Postkartenstapel, CD-Regal, der große Kaktus Siegfried, den Sebastian einst fast ersäufte, als Friederike auf Dienstreise war.

Der stachelige Streuner hat überlebt Sebastian Brunow vielleicht nicht. Kaputt. Aber wo mehr außen oder innen?

Wahrscheinlich wohnt Friederike gar nicht mehr hier. Wasser aufgedreht, läuft nicht, Gas abgestellt.

Anrufen. Muss sie anrufen. Wo ist das Handy?

Sebastian schiebt das Smartphone aus der Brusttasche, es poltert auf den Boden, er beugt sich, kann es nicht aufheben.

Scheiße! Scheiße! Scheiße! zischt Brunow und beginnt zu weinen.

Vor Schmerz, körperlich wie seelisch, aus Ohnmacht und Angst, weil er nicht weiß, wie es weitergeht.

Friederike platzt nachts um elf herein, abgebrochen von der Dienstreise, benachrichtigt von der Nachbarin: Sie hätten Sebastian gebracht.

Sie stolpert über Taschen, macht das Licht an und erstarrt.

Im Band des Mondlichts, wie von Außerirdischen entführt, steht der Rollstuhl. Darin, den Kopf auf die Brust gesenkt, schläft Sebastian, schwer atmend, mit Pfeifen.

So schiebt man ungewollte Kinder ins Waisenhaus zurück, Hunde ins Tierheim, wendet eine fehlerhafte Ware in den Laden und Erwachsene, die Erwartungen nicht genügen, zurück zu unwissenden Absendern.

Sie hatten es schwer, sehr schwer. Sebastian will gehen, hat eine eigene Wohnung, nimmt eine Pflegekraft, will nicht Last sein! Er

Pass auf, Friederike setzt sich ihm gegenüber, stellt Kaffee hin. Du wirst gesund und gehst. Das ist keine Gnadenakt, keine entwürdigende Barmherzigkeit. Wir sind uns nicht fremd. Was willst du allein? Pflegerin? Komisch! Schickst sie nach einer Stunde heim! Deine Mutter sorgt sich, fährt jeden Tag nach Zehlendorf, weint dann brauchst du das? Bleib hier, ich hab einen Reha-Therapeuten gefunden, Mitja Lohse, erinnerst du dich? Klasse Typ, gut, dass er Medizin studierte! Kommt morgen, sieht sich alles an. Ist nicht gratis, du musst ran. Einverstanden?

Brunow könnte sich verweigern, gekränkt verschwinden, hinausrollen. Aber er kneift. Zu groß ist die Angst, allein mit dem Elend zu bleiben. Allein zu sein das ist furchtbar.

Aber hatte Friederike damals, vor Jahren, keine Angst? Er verschwand, fing ein leichtes Leben an, Friederike reichte die Scheidung ein, weinte beim Amt, gab sich die Schuld. Und war allein. Eltern kann man nicht alles erzählen

Jetzt ist alles anders. Sie sind Partner. Es gibt eine gemeinsame Aufgabe.

Friederike verhätschelt ihn nicht, verlangt viel, lässt ihn im Haushalt helfen, zwingt ihn zu Französisch, sagt dann, Jura hat er liegen lassen er müsse Fortbildung machen. Er macht es.

Über ihr Leben spricht Friederike wenig, Sebastian fragt nicht. Manchmal klingelt jemand, Friederike geht ans Telefon in ein anderes Zimmer.

Sebastian wartet. Wartet auf Kraft, auf Freiheit.

Viel schneller, als er dachte. Mitja Lohse ist streng, duldet keine Schlamperei, aber im Mai kann Sebastian durch die Wohnung laufen, im Juli schafft er den Weg zum Blumenladen und kauft Friederike einen Strauß. Er hätte online bestellen können, Geld war da. Aber selbst gehen das zählt. Das ist Freiheit.

Friederike wirft die Blumen aus dem Fenster, fängt zu weinen an: Raus aus ihrem Leben.

Brunow nickt, geht dann zu ihr, umarmt sie. Eine Sekunde und eine Ewigkeit zugleich.

Danke, Friederike! Danke! Verzeih mir, so du kannst. Ich liebe dich. Gib mir noch eine Chance

Richtig wäre es, ihn gehen zu lassen und weiterzuleben. Sie waren Partner im Unglück; jetzt gibt es keins nur zwei einsame Menschen.

Doch nun gibt es kein Alleinsein mehr. Und die Entscheidung kam aus dem Bauch. Sie können einfach zusammen sein. Niemand urteilt, lacht, tadelt einfach wieder gemeinsam den Morgen, den Abend, das Leben teilen

Und, wie ist das jetzt, mit dem Invaliden? sprotzt Johanna, als sie Friederike mit Kinderwagen im Supermarkt trifft.

Mit wem? Bei mir ist alles gesund. Denis Sebastian kann das bestätigen, Friederike nickt auf das dicke Baby in der Wiege. Sorry, muss los! Sebastian hat heute einen Termin beim Bürgermeister. Muss ihn begleiten! Sie kurvt zum Ausgang.

Was? Wohin? Friederike, immerhin habe ich ihn im Krankenhaus gepflegt! ruft Johanna ihr nach.

Danke, Johanna. Ich wusste, dass du eine Freundin bist. Sag Sebastian, du freust dich! lächelt Friederike.

Abends geht Johanna mit einem Bekannten ins Restaurant, dann tanzen, lange, leere Nacht eine wie hundert andere. Der Mann nennt sie “Schnecke”, “Kleines”, ihr ist alles egal. Sie tippt Brunows Nummer, vergeblich. Für ihn ist sie Vergangenheit.

Aber ich könnte das einfach nicht Ich ertrage kranke Menschen nicht, Mama! weint Johanna in Mamas Küche.

Natürlich, Kind! Was wollen wir denn mit so einem Wrack? Wir suchen dir einen Guten, einen ganzen! Die Mutter streichelt sie und schaltet den Fernseher an. Schau mal, was für eine schreckliche Mutter! Gibt ihr krankes Kind ab! Solche sollten ins Gefängnis! Es gibt so viel Gefühllosigkeit! Um Himmels willen, das Leben ist furchtbar, Johanna

Johanna sieht die Mutter mit tränenvollen Augen an. Und auch ihr ist da Leben ungeheuer furchtbar. Und voller Traurigkeit. Und sehr, sehr einsamDoch während draußen die Straßenbeleuchtung aufblinkt und der Regen dem Asphalt ein silbriges Muster malt, sitzt Friedrike am Fenster, Denis Sebastian schläft endlich ruhig im Kinderzimmer und Sebastian steht hinter ihr, legt vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter.

Der Fernseher in der Nachbarwohnung plärrt, ein Hund bellt, irgendwo schimpft jemand über den verspäteten Bus. Aber in der Wohnung von Friederike Brunow ist es still. Kein Schrei, kein Jammern, nur zwei Menschen, die zu viel verloren und jetzt endlich etwas gefunden haben, das bleibt. Es ist nicht mehr die Liebe wie früher, kein Rausch, kein Versprechen aber es ist Wärme. Es ist ein gemeinsames Glas Tee, das Sebastian ihr reicht, und Friederikes Lächeln, das nicht mehr krampft.

Sie sieht ihn an. Nicht wie früher nicht als Retter, nicht als Schuldigen. Einfach als den Menschen, der da ist, am Leben, zum Greifen nah. Sie sagen nichts. Müssen sie auch nicht. In diesem Schweigen steckt alles, was sie gebraucht haben und vielleicht, wer weiß, alles, was sie sich je gewünscht haben.

Draußen fährt ein Auto vorbei, blinkt zweimal. Sebastian drückt sacht ihre Hand und Friederike spürt, dass sie angekommen sind, irgendwo zwischen gestern und morgen, und dass das reicht.

Manchmal, denkt sie mit einem leisen Lächeln, werden Menschen nicht, was sie träumten. Sondern etwas Besseres: Sie werden füreinander genug.

Und in diesem Moment flackert das Licht kurz, als wolle es diese kleine, kostbare Insel im Sturm besonders sanft beleuchten. Dann kommt die Nacht, und mit ihr die Gewissheit alles, was zählt, ist da.

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Homy
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