Das ist deine Mutter also liegt es in deiner Verantwortung! sagte er, doch das reichte ihr nicht.
Sophie knöpfte den Mantel ihres Sohnes zu und biss die Zähne zusammen, um ihre Wut zu zügeln. Auch heute stand ihr die größte Hürde bevor: ein Besuch bei ihrer Schwiegermutter. Seit Beginn war das Verhältnis zu ihr ein ständiger Kampf.
Monique Leblanc hatte Sophie nie als Ehefrau ihres Sohnes akzeptiert. Was sie auch tat, Monique fand stets einen Makel, stets eine Bemerkung, die sie kritisieren konnte.
Schon wieder, Sophie? seufzte Marc, während er ihr verschlossenes Gesicht betrachtete. Du willst nicht hingehen, oder?
Sophie lachte bitter.
Fragst du das ernsthaft, Marc? Du weißt doch genau, warum ich nicht hingehe!
Ihre Augen loderten vor Zorn.
Sie wird mir wieder Vorwürfe machen, mich kritisieren, herabsetzen! Sie wird sagen, ich erziehe unseren Sohn falsch! Und es ist ihr egal, dass ich arbeite, das Haus leite, koche, putze und alle Rechnungen bezahle! Ich halte diese Familie zusammen!
Aber du bist den ganzen Tag zu Hause, meinte Marc mit hochgezogenen Schultern.
Sophie verfinsterte den Blick.
Ach ja? Glaubst du, ich sitze nur herum und tue nichts? Oder das Geld fällt vom Himmel?
Ich arbeite auch, brummte er. Es ist nicht meine Schuld, dass man mir nicht mehr zahlt.
Die Wahrheit war: Sophies Einkommen als freiberufliche Designerin war dreimal so hoch wie das von Marc. Sie versorgte die Familie.
Kannst du nicht allein hingehen? fragte sie, in der Hoffnung auf einen Ausweg.
Sophie, heute ist Muttertag! Du kannst meine Mutter nicht ignorieren!
Sie seufzte, zog weiter an ihrem Sohn und zwei Stunden später standen sie bei Monique.
Im Wohnzimmer saß bereits Marcs Nichte Juliette. Sophie hatte längst bemerkt, dass Monique Juliette bevorzugte. Sie behandelte sie wie eine Königin, während ihr eigener Enkel kaum Beachtung fand. Das war nicht überraschend Juliette hatte vor fünf Jahren ihre Eltern verloren, und Monique hatte sie wie ihre eigene Tochter großgezogen.
Rund um sie lachten Moniques Schwestern laut, prosteten mit Weingläsern.
Plötzlich ließ Monique ein bombastisches Geständnis fallen.
Ich habe beschlossen, verkündete sie feierlich. Ich vermache meine Wohnung an Juliette. Du, Marc, hast schon ein Zuhause.
Marc reagierte nicht; er nickte lediglich.
Wenige Tage später war alles geregelt: Die Wohnung gehörte Juliette, allerdings erst nach Moniques Tod.
Doch das Schicksal wendete sich. Ein schwerer Schlaganfall ließ Monique gelähmt zurück und unfähig, sich selbst zu versorgen.
Wir müssen bei Mama einziehen, erklärte Marc entschieden. Sie kann nicht allein bleiben.
Eine kalte Welle durchlief Sophies Körper. Sie wusste, was das bedeutete: Sie würde sie füttern, anziehen, waschen und das alles, während sie arbeitet und ihren Sohn betreut.
Doch sie schwieg.
Wochen vergingen, bis Sophie den letzten Nerv verlor.
Marc, die Wohnung deiner Mutter gehört Juliette. Sollte sie nicht für sie sorgen?
Juliette studiert, Sophie, und hat einen Freund. Willst du, dass er hier einzieht?
Sophie lachte, ein trockenes, eisiges Lachen, das fast verrückt wirkte.
Marc, ich halte das nicht mehr aus!
Er verschränkte die Arme.
Ach ja? Du bist schon erschöpft?
Ihre Hände zitterten vor Zorn.
Ich ersticke! Alles lastet auf mir DU, deine Mutter, unser Kind, meine Arbeit ICH KANN NICHT MEHR!
Aber du arbeitest von zu Hause, murmelte er, selbstgefällig.
Sophiens Blick wurde schärfer als zerbrochenes Glas.
Und dann? Glaubst du, ich arbeite nicht wirklich?
Ihr Herz hämmerte wie verrückt.
Weißt du was? Jetzt bist du es, der sich um seine Mutter kümmert!
Sie ist meine Mutter, aber auch deine Schwiegermutter! Das ist deine Pflicht! Willst du sie etwa waschen?
Stille wie ein Grab.
Dann sprach Sophie, mit ruhiger, kalter Stimme:
Ich schulde dir nichts.
Marc lachte spöttisch.
Dann hol dir eine Pflegerin!
Oh? Du willst sie bezahlen?
Warum sollte ich zahlen?
Dann gibt es keine Pflegerin.
Er verschränkte erneut die Arme.
Benutz das Erbe deiner Mutter. Oder dein Gehalt?
Marcs Züge verhärteten sich.
Und warum habe ich überhaupt eine Frau?
Das war der Auslöser. Etwas in Sophie zerbrach endgültig. Alles wurde grell klar.
Marc hatte sie jahrelang ausgenutzt.
Und Juliette? Sie hatte nie einen Besuch bei ihrer Großmutter gemacht.
In jener Nacht schlief Sophie nicht. Am Morgen wusste sie, was zu tun war.
Sobald Marc das Haus verließ, packte sie ihre Koffer, nahm den Sohn und ging. Sie schickte ihm nur eine Nachricht und sperrte seine Nummer:
Ich trage diese Last nicht mehr allein.
Noch am selben Abend stürmte Marc wütend herein.
Entweder du kommst zurück, oder ich will die Scheidung!
Sophie lächelte leise.
Mach das. Ich wollte es sowieso.
Zum ersten Mal wirkte Marc verloren. Sie wartete nicht länger auf Entschuldigungen ihre Entscheidung war getroffen.
Ein Monat später war die Scheidung rechtskräftig. Marc entschuldigte sich nie.
Und Sophie?
Sie bereute nie, gegangen zu sein.
Sechs Monate später
Sophie erhielt die Nachricht: Monique war gestorben.
Und Juliette?
Sie setzte Marc ohne einen Funken Reue aus.
Er begriff erst jetzt: Er hatte alles verloren.




