Das Ebenbild der Ehefrau

Kopie der Ehefrau

Bist du sicher, dass du dich hier nicht eingeengt fühlst? fragte Karla, als sie mit ihrer Umhängetasche im Flur stand. Ihr zögerndes Lächeln hatte ich bei ihr noch nie gesehen. Ich weiß, dass das alles nicht ideal ist. Es tut mir leid, wirklich.

Karla, bitte. Komm doch endlich rein. Ich ging einen Schritt zur Seite und hielt ihr die Tür offen. Das Gästezimmer steht frei, Stefan hat nichts dagegen. Alles gut.

Stefan hat nichts dagegen, wiederholte Karla, und in diesem Nachklang schwang etwas mit, das ich nicht zuordnen konnte. Kein Sarkasmus. Mehr so eine Art Erstaunen, als sei allein das nichts dagegen haben bemerkenswert.

Er hat selten etwas dagegen, sagte ich auf dem Weg in die Küche. Schuhe ausziehen, bitte. Hausschuhe stehen links.

So fing alles an.

Ich heiße Birgit, bin zweiundfünfzig. Karla, meine Studienfreundin, ist ein Jahr jünger. Die letzten fünf Jahre hatten wir uns nur selten gesehen, mal telefoniert, mal einen Kaffee in der Innenstadt getrunken. Ich dachte immer, ich kenne Karla gut. Gut genug, um sie sofort einzulassen, als sie mich mitten in einer Scheidung bat, eine Weile bei mir unterzukommen. Ihre Übergangswohnung war weg, die neuen Papiere ließen auf sich warten, sie brauchte zwei, drei Wochen, maximal einen Monat, zum Durchatmen, Ankommen, sich sortieren.

Wir lebten in Bad Salzuflen ein Städtchen, nicht groß, nicht winzig, mit vertrauten Straßen und Nachbarn, die sich im Supermarkt an der Stimme erkennen. Unsere Wohnung drei Zimmer, dritter Stock, Blick auf eine ruhige Seitenstraße. Stefan, mein Mann, arbeitet bei einer Baufirma, hinter den Kulissen, aber in verantwortungsvoller Position. Ich unterrichte Wirtschaft an der Berufsschule. Dreiundzwanzig Jahre zusammen. Unsere Tochter lebt schon lange in Düsseldorf. Die Wohnung war geräumig, eingelebt, alles an seinem Platz, wie in Wohnungen, in denen man nichts mehr verändern will.

Karla kam mit einer großen Tasche und einem Karton. Und war die ersten Tage beinahe unsichtbar. Ging früh, kam spät zurück, aß wenig, sprach noch weniger. Stefan fragte am ersten Abend nur:

Bleibt sie lang?

Einen Monat, antwortete ich.

Einen Monat, sagte er, mit demselben Tonfall wie Karla an der Tür.

Ich schenkte dem keine weitere Bedeutung. Ich bin jemand, der Kleinigkeiten gern übersieht. Oder das zumindest glaubt.

Das erste seltsame Gefühl kam in der zweiten Woche. Ich betrat morgens das Bad und entdeckte meinen Parfümflakon Gartennelke, dunkelgrüner Flakon, silberner Deckel, kaufe ich seit Jahren bei der Parfümerie in der Lübker Straße. Normalerweise steht er auf dem linken Regal, jetzt lag er am Waschbeckenrand. Ich schob es auf meine eigene Vergesslichkeit. Aber es blieb hängen.

In der dritten Woche fiel mir etwas weiteres auf.

Wir frühstückten zu dritt. Ich brühte Kaffee immer auf meine Art: etwas kaltes Wasser zuerst, dann der heiße Kaffee, nie kochend sonst wird er bitter. Stefan lobte das oft. Doch diesmal kochte Karla, weil ich am Handy hängen blieb. Stefan probierte und sagte:

Sehr gut.

Hab ich von Birgit abgeguckt, sie macht das immer so, sagte Karla.

Ich sah sie an. Sie lächelte. Ganz harmlos, sogar charmant. Ich lächelte mit.

Aber irgendetwas störte mich. Wortlos, ohne Grund.

Im Berufsalltag verdrängte ich das, die Prüfungen häuften sich, die Stundenpläne waren eng. Wenn ich abends heimkam, war die Wohnung aufgeräumt, leise. Karla schien ständig etwas zu putzen oder umzusortieren. Und Stefan gewöhnte sich rasch daran.

Karla hat gekocht, verkündete er einmal, als ob er mir eine Freude machen wollte. Bohneneintopf. Sehr lecker.

Den mache ich auch oft, sagte ich.

Stimmt, er nickte. Schmeckt ähnlich.

Ich fragte nicht, wem es besser schmeckte. Er sagte nichts dazu.

Karla arbeitete in der Zeit im Homeoffice, irgendwas mit Dokumentation, ich habe nie ganz verstanden, was genau. Sie saß den ganzen Tag im Gästezimmer am Laptop, kam mittags kurz raus, kochte, war abends ordentlich gestylt nicht im Schlabberpulli wie ich, sondern mit Bluse und Jeans. Ich achtete darauf, weil ich selbst abends immer in Jogginghose und altem Pullover herumlief. Unwillkürlich wirkte Karla oft gepflegter als ich und das in meiner Wohnung.

An einem Abend saß Stefan mit Karla beim Fernsehen im Wohnzimmer, während ich Klassenarbeiten sortierte. Ihre Stimmen klangen durch die Wand, ruhig, ohne Pausen, Karla lachte. Ihr Lachen war meinem ähnlich, nur ein wenig weicher. Ich merkte das und wollte es nicht weiter beachten. Lachen ist Lachen, dachte ich. Aber nach ein paar Tagen musste ich doch wieder daran denken.

Karla trug ihre Haare jetzt anders. Früher hatte sie einen modischen Kurzhaarschnitt, jetzt ließ sie sie wachsen, frisierte sie wellig nach hinten, so wie ich. Mir fiel das beim Blick in den Flurspiegel auf: zwei Frauen, ein Bild, unterschiedlich nah. Wie alte und neue Fotos, am selben Platz geschossen.

Steht dir gut, sagte ich.

Ehrlich? Ich dachte, das probiere ich mal. Hab dich so gesehen und fands schön.

Schon wieder dieses hab ich bei dir gesehen. Eine beinahe lautlose Nachahmung in Kleinigkeiten. Ich lächelte und spürte, dass ich innerlich nicht lächelte.

Sonntag rief ich meine Tochter an.

Na Mama, wie läufts?

Alles ok. Karla ist bei uns, erinnerst du dich?

Ach ja. Wohnt sie immer noch bei euch?

Ja. Die Papiere ziehen sich.

Und Papa?

Alles gut, die beiden kommen klar miteinander.

Pause.

Ist das gut oder schlecht? fragte sie.

Gut, sagte ich. Es klang aber vorsichtig.

Nach dem Gespräch saß ich lange mit kaltem Tee am Fenster und dachte darüber nach, dass sie verstehen sich eine neutrale Floskel ist. Aber ich hatte sie mit Vorsicht ausgesprochen, als tastete ich auf brüchigem Boden.

In der fünften Woche bat Karla mich um das Rezept vom Apfel-Zimt-Kuchen, den ich letzte Woche gebacken hatte.

Das hab ich nur nach Gefühl gemacht, entgegnete ich.

Kannst dus nicht erklären? Dann probiere ichs mal.

Ich erklärte es ihr, so gut ich konnte. Karla schrieb es ins Handy und buk drei Tage später selbst einen. Stefan aß und sagte gut, und ich wusste nicht, ob er den Kuchen oder die Tatsache, dass jemand einen Kuchen gebacken hatte, lobte.

An dem Abend sah ich im Flur unsere Jacken: meine eigene hellgraue mit Gürtel und eine fast identische, ganz offensichtlich neu gekauft, Karlas. Ich hängte meine daneben und schaute eine Weile auf die zwei gleichen Jacken nebeneinander.

Ich fragte nicht nach. Nicht aus Angst vor der Antwort, sondern weil ich keine passende Frage wusste.

Die nächsten Tage war ich aufmerksamer. Ich erkannte jetzt, was mir vorher nie aufgefallen war. Karla legte bei Gesprächen mit Stefan leicht den Kopf nach rechts so wie ich es mache, wenn ich zuhöre. Sie sagte ja, genau, und betonte das genau wie ich es tue. Beim Tee ließ sie jetzt den Zucker weg, obwohl sie früher immer zwei Löffel nahm. Jetzt trank sie lieber ungesüßten Tee genau wie ich.

Das war kein Zufall mehr.

Ich rief meine Kollegin Hannelore an, mit der ich auch Privates besprach.

Hanne, kennst du das, dass jemand neben dir plötzlich dein eigenes Verhalten übernimmt?

Wie meinst du das?

Gesten, Stil, Kochrezepte, alles.

Das ist so eine Art stille Eifersucht, sagte Hanne prompt. Hab darüber gelesen. Jemand möchte dein Leben, kann es aber nicht nehmen also schnappt er sich Stück für Stück Kleinigkeiten.

Ich schwieg.

Kennst du jemanden, bei dem das so ist?

Ich vielleicht.

Aber ich wusste es längst.

Das klärende Gespräch mit Karla kam nicht von mir. Wir saßen abends bei Tee, und sie sagte:

Birgit, du bist so vollständig. Ich bewundere das. Wohnung, Mann, Job bei dir ist alles im Lot.

Das hat zwanzig Jahre Arbeit gekostet, entgegnete ich.

Das merkt man. Stefan auch… Sie verstummte.

Was mit Stefan?

Er schätzt dich sehr. Sagt, ihr versteht euch, ihr seid ein Team.

Ich stellte meine Tasse hin.

Redest du mit ihm über mich?

Nur ab und zu. Unverfänglich. Er sagt Gutes über dich.

Das ist schön, sagte ich und meinte das Gegenteil.

Warum störte mich das bloß so? Ein Mann lobt seine Frau. Warum sollte das wehtun? Und doch fühlte es sich falsch an, und ich wusste nicht, wie ich das ausdrücken sollte.

Ende der sechsten Woche bat Karla, ob sie etwas von meinem Parfüm nehmen dürfe. Meine Flasche ist leer, ich komme nicht zum Einkaufen. Zwei Mal sprühen, geht das?

Klar, antwortete ich.

Doch abends sah ich, dass im Flakon nur noch ein Drittel Parfüm übrig war letzte Woche hatte es noch halb voll ausgesehen. Ich verschloss ihn mit dem kleinen Zahlenschloss im Badezimmerschränkchen, das ich ewig nicht benutzt hatte. Als ich mich im Spiegel sah, dachte ich: Jetzt versteckst du Parfüm vor einer Freundin. Wer bist du eigentlich?

Doch ich ließ das Parfüm dort.

Stefan kam an dem Abend gut gelaunt nach Hause das war in letzter Zeit immer häufiger der Fall, wenn Karla da war. Er brachte Kuchen mit. Ohne Anlass.

Gönnen wir uns heute mal, sagte er.

Karla freute sich, so wie ich mich freuen würde, wenn er Kuchen mitbringt. Sie lobte, lachte, nickte an der richtigen Stelle, trank Kaffee wie ich, benahm sich wie ich nur frischer, mit mehr Aufmerksamkeit, ohne meine Müdigkeit von dreiundzwanzig Jahren Ehe.

Und Stefan Er sah das. Vielleicht nicht bewusst. Aber: er sah es.

Ich stellte mich in die Küche, aß ein Stück Kuchen, unterhielt mich wie immer, alles wie immer aber in mir blieb das Gefühl, als sei alles einen Zentimeter verschoben. Nicht verstellt nur einen Moment verrückt.

Dann kam die Dienstreise völlig überraschend. Unsere Berufsschule schickte mich auf eine Fortbildung nach Hannover vier Tage. Einen Moment zögerte ich: Stefan und Karla vier Tage allein? Unsinn, sagte ich mir selber. Erwachsene Menschen, alles in Ordnung. Ich brauchte ohnehin Abstand. Einfach durchatmen.

Vor der Abfahrt unterhielten wir uns in der Küche.

Bin Freitagabend zurück. Karla weiß, wie man kocht.

Wird schon, sagte Stefan. Mach dir keine Sorgen.

Ich mache mir keine Sorgen, erwiderte ich.

Ich schaute ihm sorgfältig ins Gesicht. Es war das vertraute Gesicht nur ein wenig erleichtert?

Ich reiste Mittwoch morgens ab. Im Zug las ich Unterlagen, trank Kaffee aus dem Pappbecher und sah die Felder vorbeiziehen. Die Seminarinhalte waren mühsam, aber nützlich. Abends telefonierten wir kurz.

Alles okay bei euch?

Ja. Alles entspannt.

Karla zu Hause?

Klar, ist bei sich.

Gut. Gute Nacht.

Gute Nacht.

Nichts Auffälliges. Kein Grund zur Sorge. Aber ich lag im Hotel lange wach, grübelte über dies und das über unsere Tochter, dass ich eine neue Tasse brauchen würde, weil die alte Risse hatte, und dann wieder über Karla, über die beiden Jacken im Flur und den Parfümflakon.

Am Donnerstagnachmittag rief der Schulleiter an:

Birgit, du kannst ruhig zurückkommen, Freitag ist nur Wiederholung. Spare dir den Tag.

Ich war zehn nach halb zehn zurück zu Hause. Der Zug war früher, das Taxi fuhr zügig durch die leere Stadt.

Ich schloss leise auf. Vielleicht schläft Stefan schon, dachte ich.

Aber er schlief nicht.

Im Wohnzimmer brannten zwei Kerzen, ein gedeckter Tisch, Wein, kleine Vorspeisen, es roch nach Essen und nach Gartennelke. Das Parfüm hatte Karla offenbar nachgekauft.

Stefan saß auf dem Sofa. Karla daneben. Sie trug ein marineblaues Kleid, sehr ähnlich meinem Stil, ihre Haare eine sanfte Welle, die Hände gefaltet. Sie sprachen gerade miteinander. Als ich kam, blickten beide auf.

Drei Sekunden Pause.

Du bist früh, sagte Stefan.

Ja, wie du siehst, antwortete ich.

Ich stellte meine Tasche ab, zog langsam den Mantel aus, verfolgte jede Bewegung wie unter Kontrollverlust.

Birgit, das war nur Abendessen, sagte Karla. Wir haben einfach gegessen und

Ja, ich sehe, dass es Abendessen war. Mit Kerzen.

Wieder Pause.

Ziemlich romantisch, bemerkte ich ruhig.

Stefan stand auf.

Du brauchst das nicht

Stefan unterbrach ich ihn leise, sag mir nicht, was ich nicht brauche.

Er schwieg. Karla starrte auf die Tischdecke.

In der Küche goss ich mir Wasser ein, trank, sah aus dem Fenster zur Geranie, die mittwochs gegossen wird. Ich war am Mittwoch nicht da gewesen. Die Pflanze stand tadellos.

Karla hat gegossen, dachte ich.

Zurück im Wohnzimmer sagte ich:

Karla, findest du morgen etwas Eigenes?

Karla blickte mich an.

Ich weiß, das sieht

Findest du morgen etwas Eigenes? wiederholte ich ohne Lautstärke.

Ja, sagte sie leise. Finde ich.

Gut.

Ich ging mit meiner Tasche ins Schlafzimmer. Zog die Tür zu. Nicht abgeschlossen. Ich lag auf der Decke, starrte in die Dunkelheit. Im Wohnzimmer hörte ich leises Geklapper sie räumten auf. Dann kam Ruhe. Dann einmal das Geräusch einer sich schließenden Tür.

Stefan schlief diese Nacht im Wohnzimmer. Das sprach Bände.

Am Morgen war ich früh auf. Ich kochte Kaffee und trank am Fenster. Die Stadt wachte langsam auf. Freitag. Eine Frau mit Hund. Tauben auf dem Sims. Alles wie immer.

Stefan trat gegen acht in die Küche.

Wir müssen reden, sagte er.

Ja, erwiderte ich.

Zwischen mir und Karla läuft nichts.

Vielleicht.

Nein, wirklich: nichts.

Stefan sagte ich, ohne ihm ins Gesicht zu sehen , du verstehst nicht, was ich meine. Es geht nicht um das, was läuft oder nicht. Es geht darum, was ich gesehen habe gestern und die letzten sechs Wochen.

Was hast du denn gesehen?

Ich drehte mich zu ihm um.

Ich sah, wie jemand nach und nach zu mir wurde. Meine Frisur. Mein Parfüm. Meine Rezepte. Meine Jacke. Meine Gesten. Und ein Mann, dem das gefiel, weil es wie ich war aber ohne Müdigkeit, ohne zwanzig Jahre Ehe.

Er schwieg.

Ist kein Vorwurf, fügte ich hinzu. Nur das, was ich sah.

Du übertreibst, murmelte er.

Vielleicht, willigte ich ein. Aber ich gehe. Wenn ich heute zurückkomme, möchte ich Karlas Sachen hier nicht mehr sehen.

Birgit

Und noch was, sagte ich und zog meinen Mantel an , blinde Gutgläubigkeit das bin wohl ich. Ich habe zu sehr vertraut. Euch beiden.

Ich verließ die Wohnung. Die Tür fiel leise ins Schloss. Nicht laut.

Im Beruf übte ich Routine aus, hielt Unterricht, kontrollierte Anwesenheit, trank in der Pause Tee mit Hannelore, die bemerkte, dass ich abwesend war, aber nichts sagte. Manche Freunde verstehen Blicke besser als Worte.

Am Nachmittag war das Gästezimmer leer, ordentlich gemacht. Keine Spuren. Karla war gegangen, als wäre sie nie dagewesen. Nur im Bad fand ich eine kleine Bürste mit weißem Handgriff. Ich warf sie weg.

Stefan saß im Wohnzimmer, sah aufs Handy.

Sie ist weg, sagte er.

Das sehe ich.

Und jetzt?

Ich hing meinen Mantel auf, lief in die Küche, hantierte am Herd, ohne zu wissen, was ich machen wollte. Hauptsache, ich konnte mich bewegen.

Birgit, wir sind dreiundzwanzig Jahre ein Paar. Das wirft man doch nicht einfach weg

Doch, sagte ich. Warte bitte. Ich brauche Zeit.

Wie lange?

Ich weiß nicht. Ein paar Tage. Um nachzudenken.

Ein paar Tage wurden eine Woche. Wir lebten nebeneinander wie Verwandte, höflich, ohne Streit, aßen getrennt, schliefen in verschiedenen Zimmern. Stefan versuchte wieder und wieder, das Gespräch zu suchen, ich antwortete kurz. Nicht weil ich nachtragend war sondern weil ich nicht bereit war, die richtigen Worte zu finden. Alles war in mir gestapelt, und ich hatte Angst, es falsch herauszuposaunen.

Ich dachte viel nach in dieser Woche. Über den Anfang. Wie ich Karla aus alter Freundschaft ohne Zögern hereingelassen hatte. Weil man das so macht. Weil Freunde in Not nicht warten müssen. Was hatte mir zuerst das Gefühl gegeben, dass etwas nicht stimmt? Warum benannte ich mein Unwohlsein nicht gleich? Stille Eifersucht, hatte Hannelore es genannt. Nachahmung der Identität. Ganz allmählich. Nicht aus Böswilligkeit. Manchmal braucht jemand ein Stück von dir, um sich selbst ganz zu spüren.

Am schlimmsten war nicht Karla. Am schlimmsten war Stefan.

Er hätte es ignorieren können. Oder mit mir darüber sprechen. Oder wenigstens nicht reagieren auf diese bessere Kopie, wie ich es nannte. Doch er reagierte. Er brachte Kuchen. Lachte mit ihr. Veranstaltete bei meiner Abwesenheit ein Abendessen bei Kerzenschein. Nicht, weil es ihm bewusst war sondern widerstandslos.

In der zweiten Woche rief ich meine Tochter an.

Mama, was ist mit dir? Du klingst anders.

Wie?

Na dein Tonfall.

Wir werden uns wohl trennen, Papa und ich.

Eine lange Pause.

Wegen Karla?

Nicht nur. Karla hat mir nur deutlich gemacht, wie es mal war und wie es ist.

Und das ist?

Ich kanns nicht erklären. Er hat sich gewöhnt. Ich habe mich gewöhnt. Wir beide haben nur noch nebeneinander her gelebt. Dann kam jemand, der wie ich war nur besser, aufmerksamer, frischer. Und das gefiel ihm.

Mama

Muss nicht trösten, ich weine nicht. Ich stelle nur fest.

Willst du allein wohnen?

Eine Weile schon. Das ist in Ordnung.

Ich sagte in Ordnung, und dieses Mal fühlte sich das Wort richtig an. Weil ich selbst es gewählt hatte.

Sonntagabend redeten Stefan und ich. Ich sagte nur:

Ich glaube, wir sollten uns trennen.

Er schwieg lange.

Ist das endgültig?

Ich weiß es nicht. Ich brauche einfach Distanz. Raum, um herauszufinden, wer ich bin, ohne Wohnung, Ehemann all das.

Wegen der Kerzen, oder was?

Stefan, es geht nicht um Kerzen. Die stehen am Ende. Davor kam vieles ich habe gesehen, geschwiegen, mir immer wieder eingeredet ist normal, aber es war nicht normal.

Ich weiß gar nicht, was ich falsch gemacht habe.

Nichts Konkretes. Aber du hast aufgehört, mich zu sehen. Du hast nicht bemerkt, wie ein fremder Mensch zu deiner Frau wurde. Hättest du mich noch erkannt, wäre es dir aufgefallen.

Er schwieg wieder. Was hätte er sagen sollen?

Wir müssen die Wohnung verkaufen. Oder ich kaufe dich aus. Nicht sofort. Später. Wir regeln das.

Und du? Wo gehst du hin?

Ich miete was Kleines. Hier oder irgendwo sonst. Ich schaue.

Mit zweiundfünfzig alles neu anfangen, seine Stimme klang mitleidig. Ob mit sich oder mir, wusste ich nicht.

Ja, entgegnete ich. Manchmal fangen Leute auch später noch mal an.

Ich stand auf, um in die Küche zu gehen, blieb im Bad stehen, holte meinen eingeschlossenen Parfümflakon aus dem Schränkchen. Ich hielt ihn in der Hand, trug ihn zum Mülleimer im Flur und stellte ihn ganz behutsam hinein. Nicht geworfen, einfach losgelassen. Wie einen Gegenstand, den man nicht mehr braucht.

Zurück in der Küche, stellte ich den Wasserkocher an.

In den folgenden Tagen erledigte ich eins nach dem anderen: Termin im Maklerbüro, Gespräch mit der Anwältin, kurz zu Hannelore. Sie nickte nur, sagte manchmal ja auf eine besondere Weise, wie nur gute Freunde es tun.

In Hannelores Küche fragte sie:

Bist du wütend auf Karla?

Kaum. Ich ärgere mich mehr darüber, dass ich mich habe täuschen lassen. Dass ich es als normal abgetan habe.

Du bist nicht schuld, dass du vertraut hast.

Blinde Gutgläubigkeit, sagte ich. Das bin ich wohl.

Eher einfach vertrauend. Das ist etwas anderes.

Vielleicht.

Und auf Stefan?

Da bin ich schon wütend. Aber ganz still. Das geht vorbei.

Was hast du jetzt vor?

Kleine Wohnung mieten. Haare ändern. Neues Parfüm. Ich lächelte. Wahrscheinlich keinen Gartennelken-Duft mehr.

Vernünftig, sagte Hanne.

Und herausfinden, woran mein Herz wirklich hängt. Nicht an Routinen, sondern an mir.

Das braucht Zeit.

Die habe ich. Endlich.

Draußen rieselte Regen, die Bäume im Novembergrau. Ich dachte daran, dass mein Leben bis vor ein paar Wochen übersichtlich war: Wohnung, Stefan, Arbeit, die Wege, Rezepte, Parfüm auf dem linken Badregal. Alles hatte seinen Ort und seine Ordnung. Und dann war plötzlich nichts davon mehr sicher.

Aber ich vermisste nicht das, was ich vermissen sollte, vermutlich. Es fühlte sich nicht wie Leere an. Eher wie das Abstreifen eines zu engen Mantels, den ich aus Gewohnheit noch trug.

Weißt du, Hanne, ich weiß gerade zum ersten Mal seit Jahren nicht, was kommen wird. Und das ist erträglich.

Erträglich, wiederholte sie und lächelte. Gutes Wort.

Nach einer weiteren Woche fand ich eine kleine Wohnung in einem anderen Viertel von Bad Salzuflen. Einzimmerwohnung, hell, mit Blick auf den Park. Nicht billig, aber machbar. Ich besichtigte, ließ mir alles zeigen, hörte das leise Knarren des Parketts. Beschloss: Ich nehme sie.

Wie lange? fragte die Vermieterin, eine müde Dame.

Mal für ein Jahr.

Sie nickte.

Zuhause begann ich, meine Sachen auseinanderzusortieren. Nicht hektisch, nicht demonstrativ. Nur mein von nicht-mein trennen. Bücher, Geschirr, Kleidung. Überflüssiges verschenkte ich. Die graue Jacke legte ich weg. Kaufte eine neue, dunkelblaue, anderer Schnitt. Sah im Spiegel: Mit Karlas Sachen nichts mehr gemein. Gut so.

Von Karla hörte ich nichts. Sie schrieb eine Nachricht: Birgit, es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe. Verzeih, wenn es geht. Ich las sie, legte das Handy weg, antwortete nicht. Nicht aus Hass. Ich war nur noch nicht bereit. Oder wollte nicht.

Stefan blieb in der alten Wohnung. Wir redeten sachlich, höflich, mit Bitterkeit, die zugleich Befreiung war. Ich merkte, dass er keinen Weg zurück kannte oder nicht wusste, was ihm fehlte.

Freitag vor dem Umzug ging ich endlich Parfüm kaufen. Stand lange vor dem Regal, testete Proben. Die Verkäuferin, jung und nett, half ich schüttelte bloß den Kopf. Dann fand ich es: Silberne Zeder. Kein Blumenduft mehr, eher holzig, warm. Ungewohnt. Deshalb nahm ich ihn.

Tolle Wahl, sagte die Verkäuferin.

Wir werden sehen, antwortete ich.

Der Umzug dauerte einen halben Tag. Hannelore half mit, sogar Stefan packte an. Kein böses Wort, keine Hektik. In der neuen kleinen Wohnung am Park stellte ich alles nach meinem Geschmack hin.

Am Abend, als alle gegangen waren, öffnete ich Silberne Zeder, sprühte auf mein Handgelenk, roch vorsichtig daran. Wieder fremd. Nicht unangenehm einfach neu. Ich beschloss: Ich werde mich gewöhnen. Oder nicht aber ich werde es annehmen.

Draußen standen die Bäume fast kahl im Novemberwind, die Laternen brannten früh. Ich kochte Tee, fand in den Umzugskisten meine intakte Tasse, stellte mich ans Fenster.

Das Handy vibrierte am Fensterbrett. Anruf von meiner Tochter.

Na, wie ist es, Mama? Schon eingerichtet?

Ich richte mich ein.

Bist du nervös?

Ich schaute hinaus auf die Laternen.

Nein, sagte ich ruhig. Weißt du, ich bin nicht nervös.

Und irgendwo wusste ich: Nach all der Zeit ist das das Wichtigste, was ich neu gelernt habe.

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Homy
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