Knirps – Eine herzerwärmende Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt in einem deutschen Dorf

Schnuckelchen

Er nannte sie schon beim ersten Kennenlernen Schnuckelchen, als er sich in den samtroten, abgenutzten Sessel neben sie plumpsen ließ genauso speckig, mit unzähligen Ellenbogen poliert, wie der unter Annalena.

Einen Moment ließ er seinen Blick durch den Saal wandern, ehe er sich seiner Nachbarin zuwandte.

Na, Schnuckelchen, langweilst du dich etwa? Er seufzte schwer, wollte das Bein überschlagen, haderte aber mit dem engen Abstand der Konzertsaalreihen. Die Spitze seines dunkelbraunen Schuhs stieß gegen den Vordersitz und Marius Knöchel knickte schmerzhaft ein. Er verzog das Gesicht.

Annalena tat, als hätte sie ihn gar nicht bemerkt, starrte wie gebannt auf die Bühne, obwohl dort nichts Aufregendes geschah: zusammengeschobene Buffettische, ein Podium, Leute, die hektisch Technik einrichteten klassische Konferenzatmosphäre samt stickiger Luft.

Solche Massen und das enge Nebeneinander machten Annalena stets nervös; kein Fluchtweg, keine Privatsphäre.

Joah , seufzte Marius gedehnt und kratzte sich am Kinn. Glaub mir, Schnuckelchen, wir hören hier heute garantiert nichts Neues. Ich hab alle Referate schon gelesen so ist das eben, wenns im Job dazugehört. Alles kalter Kaffee.

Annalena drehte sich zu ihm und sah ihn streng an.

Er wirkte gepflegt: Anzug mit Krawatte, sauber geputzte Lederschuhe und doch war er, als hätte jemand einen Störenfried in eine brave Hülle gesteckt. Ein Schelm, ein Sprücheklopfer, ein Lausbub. Das Haar stand sturzelig, an seinen zwei Wirbeln ringelten sich die Strähnen weich und wuschelig.

Marius, streckte der Mann ihr ungefragt seine breite Hand entgegen, bevor Annalena ein Wort entgegnen konnte. Sag mal, wollen wir nicht was essen gehen? Du bist ja so zierlich und blass, da bekomm ich Hunger. Komm, Schnuckelchen, los gehts!

Das Licht auf der Bühne wurde bereits gedimmt. Vorstände, Abteilungsleiter und verdiente Mitarbeiter traten unter Applaus hervor, während Marius Annalena durch die Reihen bugsierte, sich für Tritte auf fremde Füße entschuldigte und seinen widerspenstigen Schlips wieder in die Jacke steckte. Der wollte wohl auch nicht brav sein, und zeigte den honorigen Anzugträgern die Zunge.

Was machen Sie da? Lassen Sie mich! Sofort!, fauchte Annalena, sie riss an ihrer Hand, konnte sich aber seinem Griff nicht entreißen und zwängte sich hinter Marius in die Freiheit des Foyers.

Gerade erreichten sie die Doppeltüren, als auf der Bühne jemand mit dem Mikro um Ruhe bat.

Hören Sie sofort auf! Ich muss zurück mitschreiben, das ist mein Auftrag! Annalena drängte sich verärgert zurück, presste ihren Notizblock an sich. Dabei fiel ihr der Stift runter, doch Marius war schneller beim Aufheben.

Ach, Schnuckelchen, vergiss die Zettel. Ich schicke dir alles, was hier wichtig ist. Jetzt essen wir aber erst mal ein Glas Wasser. Du bist ja kreideweiß. Puls geht auch schnell. Siehst du, sag ich doch!, meinte er und tastete ihr Handgelenk ab, die Zunge schnalzend. Frische Luft, Essen, und keine Konferenz.

Wirklich, ihr war mulmig zumute. Das Herz pochte bis zum Anschlag und hämmerte in den Schläfen.

So hatte sich noch nie jemand um Annalena gekümmert. Meistens war SIE diejenige, die für andere sorgte: für ihre Mutter, den Mann, für ihre Tochter. Es fühlte sich selbstverständlich an natürlich auch anstrengend. Hin und wieder wünschte sie sich, einfach mal auf den Arm genommen zu werden, albern zu sein, vino zu trinken und ausgelassen zu lachen wie in romantischen Filmen doch es bot sich nie an.

Marius aber ermöglichte ihr genau das.

Sie wusste gar nicht so recht, wie sie am Ende in einem kleinen Restaurant gegenüber dem Saal gelandet war, wo ihnen der Kellner zwei Gläser frisch gepressten Saft brachte leuchtend orange, als hätte man flüssige Sonne aus Sizilien ins Glas gegossen.

Na, trink erst mal. Und Wasser. Marius beugte sich über die Karte. Was essen wir überhaupt ?, brummte er.

Annalena schien ihm wirklich zu gefallen. Tja, sie war recht hübsch, schlank, nichts dran, und hätte auch öfter Männern auffallen können, wenn Tja, wenn ihr Gesicht nicht so oft den Schleier tiefer Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit trüge. Fünfte Lebensdekade, Familie, keine Liebe, der Alltag ödet an wie soll so eine Frau schon strahlen?

Doch Marius mochte sie, genauso, als Schnuckelchen, das vom Alltag ausgepowert war.

Ich brauche nichts. Ich erhole mich kurz, dann gehe ich zurück. Es geht mir gleich besser!, murmelte Annalena schwach.

Na, na! Marius gab beim Bestellen den Ton an: Also zuerst mal Wolfsbarsch mit Gemüse, ein Salat, und und was trinkst du, Schnuckelchen?

Er hob den Blick von der Karte: so lebendig, so verschmitzt, nach Zigaretten und herber Seife duftend, kräftig und voller Energie sah er sie an.

Sie errötete, runzelte die Stirn.

Wahnsinn! Ein völlig fremder Mann schleppt sie ins Restaurant, bestellt für sie, nennt sie Schnuckelchen, hat gerade eine Haarsträhne aus ihrer Stirn gestrichen was für eine Frechheit! Aber sie wurde weich, fühlte sich völlig ausgeliefert.

Überall, wo seine Finger sie berührten, war heiße Haut, und ihr Rücken kribbelte.

Weißwein gabs zum Fisch. Marius erzählte beiläufig davon, wie er als junger Mann auf Baustellen ackerte, dann im Norden war, zuletzt mit seinem Freund Holger ein Bauunternehmen gegründet hatte.

Nicht die große Nummer, Schnuckelchen! Ferienhäuschen bauen, Teams organisieren so gehts doch! Jeder will ordentlich wohnen. Wir wussten wie. Komm, iss! Immer wieder deutete er auf Annalenas Teller. Auf dich, Schnuckelchen! Himmel, als ich dich sah, dachte ich sofort: Die muss ich aufpäppeln! Noch was?

Nein, schüttelte sie. Das Mädchen war dahin von Wein, gutem Essen, und von der Tatsache, dass zum ersten Mal in ihrem Leben tatsächlich jemand sie umsorgte, sie mädchenhaft sein durfte.

Zuhause war das nie so gewesen. Ihre Mutter Maria arbeitete ständig; morgens war sie schon weg, Annalena frühstückte allein, abends kam die Mutter spät, Annalena wärmte ihr das Abendessen auf, spülte während Maria duschte, und sie fielen meist nach Mitternacht ins Bett.

An Silvester kam Maria erst gegen elf heim. Sie arbeitete im Lebensmittelladen die letzten Stunden vor dem Glockenschlag brachten ordentlich Trinkgeld.

Maria, blass und erschöpft, Annalena legte ihr ein Kleid raus, flocht ihr das Haar zur feierlichen Frisur, dann gingen beide zu den Gästen.

Das waren Nachbarn, Freundinnen, entfernte Tanten, immer gut gelaunt und meist auch schon angeheitert. Annalena passte auf, dass die Mutter nach dem ersten Schnaps nicht einfach einschlief.

Maria trank am liebsten Korn, hielt Sekt für Firlefanz, doch Schnaps, das war heimatlich!

Doch meistens wurde die ausgebrannte Mutter schon nach einem Pinnchen bewusstlos, schnarchte am Tisch. Annalena stupste sie an, die Mutter erwachte, erinnerte sich mühsam, wo sie war, prostete mit tristem Lächeln und Toast aber alles mit Bitterkeit. Wie hätte Annalena schwach sein können? Kein Platz für Sentimentalität.

Sie heiratete früh. Johannes war fast zehn Jahre älter, besonnen, gebildet, aber wenig herzlich, wortkarg. Er hatte Annalena einfach in seinen Lebensplan integriert: geeignet, sympathisch, ordentlich als Haushälterin, mehr nicht.

Na, Annalena fehlte das, meinte sie, auch gar nicht weiter. Romantik, Leidenschaft am Anfang schon, klar, aber das verflog. Wichtig war, dass sie ein eigenes Zuhause und Familie hatte ohne ihre ewig müde Mutter, deren geschwollene, geäderte Beine, ohne das trübselige Fenster zur Mülltonne, ohne das Zimmer mit abblätterndem Muster. Dafür: Johannes Wohnung, ihre Küche, modernes Bad, Balkon, zwei Zimmer, Regalwand und Ehemann. Viele beneideten sie sogar und keine Schwiegermutter im Haus! Ein Segen!

Immer, seit ihrer Kindheit bis zu dieser Begegnung mit Marius, war Annalena einfach Anna oder Frau Fischer gewesen.

Johannes, ihre Mutter und die Freundinnen alle sagten Anna.

Doch dann war sie plötzlich Schnuckelchen. Mit Wein, kleinen Snacks, und jemand hörte ihr zu, fragte nach ihren Wünschen.

Mit Johannes kam das nicht vor. Klar, er beriet mit ihr Alltägliches, Großeinkäufe, Urlaubsplanung aber traf die Entscheidungen, Annas Einwände im Lärm des durchlüfteten Wohnzimmers einfach ungehört. Johannes liebte frische Luft, Fenster mussten offen stehen, auch wenn es zog.

Kaum waren sie im Restaurant, bestand Marius sofort auf einem ruhigen Plätzchen ohne Durchzug.

Sorgsam

Er fragte, Annalena antwortete errötend. Ja, sie hatte einen Mann. Ja, auch eine Tochter: Katharina, studiert Übersetzungswissenschaften. Anna hatte ihr einen tollen Nachhilfelehrer besorgt, bald darf Katha ins Ausland.

Katharina hatten sie und Johannes nicht ersehnt oder herbeigesehnt, sie planten sie wie alles andere. Johannes Mutter drängte, es sei an der Zeit für Nachwuchs. Anna war jung, die Chancen standen gut. Doch es klappte nicht, und so wurde daran gearbeitet.

Als sie endlich schwanger war, hielt Johannes Abstand, streichelte nie den Bauch, sprach nie wie in diesen Hochglanzfamilien mit dem Kind in ihr. Das war ihm fremd, unangenehm.

Wenns da ist, dann erziehe ich’s. Wann musst du zum Arzt? Soll ich dich fahren?

Er fuhr sie, auch abholen, mit Luftballons und Blumen, wie es sich gehörte, und achtete auf Gewicht, Milchmenge, kaufte die beste Nahrung. Nachts stand er zu Katha auf, trug sie zur Impfung. Die Hebamme wurde kritisch geprüft: Gut Hände gewaschen? Sauberer Kittel? Das Stethoskop angewärmt?

Müde? fragte Freundin Sabine mitleidig, als Anna blass mit dunklen Ringen unter den Augen war. Ein Baby ist knallharte Arbeit. Hilft Johannes wenigstens?

Anna zuckte. Schon, irgendwie. Aber es fühlte sich nie genug an …

Es war ein seltsamer Trost immer bemitleidet zu werden. Dauernd geschäftig und abgekämpft, wusste Anna, dass Freunde sie bemitleideten und Johannes getadelt wurde er war ja nicht zärtlich genug.

Aber Marius, der fütterte sie beharrlich, nannte sie Schnuckelchen, und Anna ließ sich überreden.

Mensch, iss doch, Schnuckelchen! Solang du am Tisch sitzt, lass ich dich nicht gehen!, grummelte der spendable Marius.

Anna knabberte nervös Brötchen, starrte ihren Retter traurig an und aß.

Bis zur U-Bahn begleitete er sie, zu mehr Gesellschaft verneinte sie.

Abends kamen ihr die Zusammenfassungen aller Vorträge per Mail:

Für Schnuckelchen, von Marius!

Anna klappte schnell das Notebook zu aber Katha schien was erhascht zu haben und schnaubte nur.

Was für bescheuerte Spitznamen!, empörte sich Anna. Amtliche Unterlagen und so ein Quatsch!

Doch Katha war längst mit Kopfhörern und Musik abgetaucht …

Anna, Katha, ich bin da! Kommt zum Abendessen!, tönte es aus dem Flur.

Johannes, verschwitzt, die U-Bahn-Luft noch in den Klamotten, warf Hemd und Hose ab, zog Shorts mit knallgrünen Palmen an, riss die Balkontür auf und atmete tief durch.

Er roch nach altem Schweiß, ein bisschen säuerlich.

Anna, ich dusch nicht jeden Tag! Lass mich. Die Haut juckt sonst. Morgen vielleicht!, wimmelte er sie ab, als sie vorsichtig bat. So, jetzt ab an den Tisch.

Es wurde still gegessen, jeder hing seinen Gedanken nach. Anna an Marius, seine Frische, seine Aufmerksamkeit

Am nächsten Tag kam Marius Anruf auf die Arbeit.

Hallo, Schnuckelchen! Wie gehts? Hast du schon gegessen?, tönte es aus dem Handy. Anna erschrak, blickte sich nach Kollegen um. War das etwa so laut, dass es das halbe Büro hörte?

Nein keine Zeit, zu viel Arbeit, hauchte Anna. Schnuckelchen. Schwach und zart Schauer liefen ihr über den Rücken.

Alles stehen und liegen lassen ich bin in eurem Café unten. Fahren wir was essen. Beeil dich! Ich warte!

Sie stammelte, bat sich frei, fuhr im Aufzug hinab und wusste kurz nicht, welchen Knopf sie drücken sollte. Ihr Gesicht glühte bis zu den Ohren. Die Kollegen wussten nun bestimmt, dass Frau Fischer zu einem heimlichen Rendezvous ging.

Sie dachte, ja, er war nun der Geliebte. Etwas Aufregendes, Freches.

Heute trug Marius T-Shirt und Jeans, wieder lausbübisch frisch.

Sie tranken Kaffee, Anna erzählte aus ihrer Kindheit, Marius hörte zu.

Schnuckelchen, bist du eigentlich schön, weißt du das?, sagte er auf einmal. Komm, wir kaufen dir was! Ein Kleid. Ich hab Connections in der Boutique ich will dich in einem Kleid sehen.

Und er sah sie nicht gleich, sondern abends, als er sie ins Karstadt begleitete, während Verkäuferinnen um das verwirrte Schnuckelchen herumwuselten.

Gott, wie er sie ansah hungrig, gespannt! Johannes war dagegen wie ein Stein.

So einen Blick habe ich noch nie erlebt!, flüsterte Anna später ins Telefon zu Sabine. Man sieht das nur im Kino. Ich hab mich richtig als Frau gefühlt. Es ist verrückt ich fand es schön!

Und Johannes? hakte Sabine, die alle atemlos gelauscht hatte, nach.

Weiß von nichts. Darf er auch nicht. Ich weiß ja selbst nicht, was das ist! schüttelte Anna den Kopf. Du darfst kein Wort sagen! Und das Kleid, pack das bitte zu dir. Ich kann das doch nicht erklären! Es war schweineteuer! Was mach ich jetzt?!

Sabine nahm das Päckchen, zuckte die Schultern. Kommt, wies kommt.

Keine Ahnung, Anna Seufzte sie. Johannes ist vielleicht maulfaul, aber denk dran, wie er im Winter nach Dorfen fuhr, frische Milch für Katha zu holen. Und er rackert, andere hocken rum und saufen Bier. Deiner ist ein ordentlicher, respektabler Typ. Er fand die Wohnung, hat renoviert, fährt euch jedes Jahr ans Meer. Ein verlässlicher Kerl. Und Marius? Woher hat der das Geld?

Weiß ich nicht, Sabine. Ist doch egal! Johannes das ist schrecklich, du weißt es ja nicht. Ich werde bald verrückt bei ihm. Du bist nur neidisch!

Sabine zuckte erneut die Schultern. Vielleicht war sie tatsächlich ein klein wenig neidisch aber auf Johannes, nicht auf Marius.

Anna kam nun immer später heim, kochte meist nur noch das Nötigste, selbst aß sie kaum, stochere nur verträumt im kalten Tee herum.

Mama, was ist? Zum fünften Mal bitte ich um Brot!, motzte Katha, wurde selbst aktiv und stellte fest: Alles alle.

Anna nickte, verzog das Gesicht, verschwand ins Arbeitszimmer. Träumen.

Johannes und Katha blickten ihr fragend nach.

Annalena versank ins Träumen, fühlte ihre Hände zittern.

Marius war zärtlich, leidenschaftlich beim Küssen, lachte sie aus, wenn sie unsicher war, bedauerte sie und nannte sie immer Schnuckelchen, fütterte sie, schenkte Kleinigkeiten, die bei Sabine versteckt wurden, überwies mal spontan ein paar Euros, und schickte im Überschwang mitten in der Nacht Nachrichten. Anna tappte heimlich ins Bad, las, löschte, wartete, dann schaltete sie das Handy aus und legte sich wieder zu Johannes, der sie im Halbschlaf umarmte, rülpste und murmelte.

Wie schade, dass es Johannes gibt Dass Anna, sie, so lange nicht wusste, wie es ist schön und begehrt zu sein, ein Schnuckelchen zu sein. So viele Jahre verloren.

Aber jetzt war da Marius, ihr Glück.

Sie trafen sich in Marius Altbauwohnung mit bodentiefen Fenstern und Blick auf Frankfurt Skyline. Ihr schwirrte der Kopf von Prosecco und Marius Parfum. Sogar die Bettlaken waren makellos und glatt echter Seidenstoff

Die Welt zerplatzte in Sternen und fiel wie Feuerwerk auf die Laken. Magisch.

Zuhause jedoch trostlos und beengt. Anna kam es vor, als wüssten längst alle von ihr und Marius; Katha war misstrauisch, Johannes streng.

Anna erfand ständig Gründe, erst abends heimzukommen, wenn alle schliefen. Dann saß sie allein in der Küche und träumte, bei bitterm Kaffee.

Anna! Wo steckst du? Ich hab grad noch einen Weißkohl gekauft, konntest du nicht vorbereiten? dröhnte Johannes Stimme aus dem Handy, als sie erschrocken im Schwimmbad nach Marius Ausschau hielt, der im Springerbecken seine Bahnen zog. Das Wasser dampfte, die Luft war eiskalt. Anna schwamm heute zum ersten Mal in der Schwimmoper, Marius hatte sie dazu animiert: Gut für Rücken Abo abgeschlossen!

Kohl? Lass ihn, ich komm heut spät. Bin mit Sabine beim Schwimmen. Rücken, weißt ja! Kohl machen wir morgen. Tschüs, Sabine winkt gerade!

Anna legte rasch auf, schluckte, murmelte im nächsten Moment ins Handy: Sabine, Johannes könnte dich kontaktieren Rückendeckung, okay?

Sabine war schon vorbereitet: Hab euch sogar Kümmel fürs Kraut mitgebracht. War grad auf dem Markt. Anna, Johannes hat schon Tee aufgesetzt. Ihre Stimme war nüchtern wie immer.

Anna zuckte zusammen, suchte Marius mit den Augen. Er winkte schon vergnügt von ganz oben, während junge Studentinnen laut kichernd ihr Idol bewunderten.

Los, Schnuckelchen! Eins, zwei, drei!, rief Marius, sprang elegant, durchpflügte das Becken und tauchte lachend auf. Komm her, Anna, der Abend fängt gerade erst an!

Die Mädchen reckten die Hälse, blinzelten zu Anna hinüber. Plötzlich fühlte sie sich wieder farblos, gewöhnlich, mit leichtem Bauchansatz und weichen Oberschenkeln. Ihre Schwimmzüge waren ungelenk, und ihr Gesicht wieder ernst.

Marius neue Schnuckelchen tauchten unter, kribbelten um ihn herum, versuchten, ihn beim Wasserball zu berühren.

Er lachte laut, war gar nicht böse, als Anna einfach nicht mehr zurück kam. Er verstand Familie, Haus, Kohl Na, soll sie halt gehen!

Zuhause war es dunkel im Flur, nur in der Küche brannte Licht.

Johannes stellte wortlos die Pfanne mit Spiegelei vor sie.

Du musst hungrig sein nach dem Schwimmen. Esst. Willst du Wurst?, schenkte Tee nach.

Anna schüttelte, wagte nicht, ihn anzusehen, stocherte im Ei.

Weiß er es oder nicht? Was nun? Warum ist er so ruhig?

Anna , sagte Johannes leise nach langem Schweigen. Sabine hat so ein paar Sachen gebracht sie wollte alles machen, ich hab sie rausgeschickt; ist ja deine Küche. Und da stehen so Tüten Deine? Oder hat Sabine wieder was verwechselt?

Anna hob langsam das Tischtuch, betrachtete die Pakete, zuckte die Schultern.

Sag ich doch!, wirkte Johannes nun fast erfreut. Kochst du mir noch Tee? Oder lieber gleich nen Cognac hab Lust auf welchen.

Anna sprang auf, kramte aus dem Schränkchen und fror dann mitten in der Bewegung ein.

Schnuckelchen, hörte sie die Stimme ihres Mannes. Sie fuhr herum, sah ihn an.

Ich meine, Krümel aufm Tisch die Brotkörner von Katha. Nimm nen Lappen und wisch das weg. Er warf ihr einen langen Blick zu und wandte sich ab.

Sie tranken den Cognac schweigend. Blicken wichen sie aus.

Schließlich stand Johannes auf und verließ die Wohnung.

Sabine! Er ist weg! Er hat die Schlüssel hingelegt! Sabine!, weinte Anna ins Telefon, während sie ihr aufgedunsenes Gesicht im Spiegel betrachtete. Wie kann er nur?!

Doch dann ballte Anna die Faust.

Genau wie ein richtiger Mann, Anna. Ein anderer hätte dich vielleicht verprügelt. Johannes ging einfach. Und das aus seiner Wohnung. Und du redest schlecht über ihn? Warum leben Leute wie ihr nicht echt zusammen? Ihr habt genug, ein kluges Kind, Johannes ist kein Säufer und kann zupacken. Sicher, er ist kein Schwätzer, aber besser als ein Blender. Du wolltest Glanz, Bewunderung, oder? Selten ein freundliches Wort zu ihm … Männer sind wie Kinder, lobe deinen doch mal! Sorry Anna, da kann ich nichts sagen. Gute Nacht.

Anna legte das Handy hin, krümmte sich auf dem Stuhl zusammen und weinte leise.

Katha bestand die Prüfungen, zog zu Freunden aufs Land. Sie sprach nicht mehr mit der Mutter, ließ bloß einen Zettel nicht stören!

Marius tauchte nach einer Woche vor dem Haus auf, kam aus der Dunkelheit.

Hallo, Schnuckelchen!, zischte er mit roter Nase im hochgeschlagenen Lederkragen. Hast du mich vermisst?

Anna hatte ihn mehrfach angerufen, vergeblich. Jetzt kam er aus dem Nichts.

Marius ? Sie blickte nach seinem Auto.

Jetzt ist Zeit, Schulden einzutreiben, Schnuckelchen, murmelte er, als er sie in den Arm nahm.

Welche Schulden? Was soll das? Anna bekam Angst, wollte ihren Arm herausziehen, aber Marius hielt ihn eisenfest.

Ich hab dich gefüttert? Ich hab dich glücklich gemacht? Jetzt hilf DU mir. Gib Geld, Kätzchen! Ich hab Ärger, und deine Mutter hat noch die Eigentumswohnung. Fünfhunderttausend kriegen wir locker. Verkaufen wir die! Die hier auch. Also los, rein, besprechen wir das!

Schnuckelchen winselte, wollte sich losreißen, doch er hielt sie weiterhin fest. Ihr schlotterten die Beine auf dem Weg zur Tür, nur hoffte sie, dass jemand ihnen begegnen würde. Aber der Hof lag leer.

Mach schon auf, Schnuckelchen, mir ist kalt, stieß Marius sie an die Haustür.

Anna brach fast weinend ein, wollte schon zum Boden sank, da ließ Marius plötzlich los, ruderte leer mit dem Kopf, sank zu Boden und japste.

Über ihm stand Johannes, ungekämmt und wild. Er ballte die Fäuste.

Verschwinde! Hau endlich ab, du Penner! Sonst gibts Zähne!, brüllte Johannes, ging auf Marius los. Anna hielt ihn auf, packte an seinem Arm.

Marius lachte gehässig, als wollte er sagen: Na, jetzt hat der Gute Hörner …, doch dann verstummte er, eine Faust traf sein Gesicht.

Schleich dich! Und wag dich nie wieder zu uns, Anna!, donnerte Johannes, hob seine Strickmütze auf und rieb sich damit die Nase, nahm Anna bei der Hand. Komm nach Hause. Draußen ist es kalt.

Was die beiden in jener Nacht redeten, wie sie litten, das wissen nur der Mond draußen und der Wind im offenen Fenster. Am Tisch standen zwei unberührte Teetassen, die alte Standuhr tickte. Und dann senkte sich die Dunkelheit, in der nur die beiden, die Eheleute, saßen und beschlossen, weiterzuleben.

Niemand nannte Annalena je wieder Schnuckelchen. Und sollte es je einer tun, würde sie nur erschrecken und weggehen.

Marius tauchte nie mehr in ihrem Leben auf; Johannes war einfach zu standhaft gewesen.

Als er später im Bus hörte, wie Anna übers Erbe wohnungstechnisch klagte dass sie nicht wusste, was sie mit der Wohnung machen solle und wie einsam und erschöpft sie sei , da erkannte Marius: Er könnte helfen, die Wohnung zu regeln, und Annalenas Einsamkeit sicher auch. Hätte er es vorsichtiger angestellt, sie hätte ihm alles überlassen immerhin war sie von ihm gezähmt, gefüttert und gewärmt worden. Aber er wurde zu gierig, drückte zu sehr Holger drängte auf Rückzahlung des Kredits, die Rippen brannten da blieb nur die Hau-Ruck-Methode. Ging schief. Kein Problem! Die nächsten traurig-liebesbedürftigen Schnuckelchen werden kommen. Marius wird sie finden, aufpäppeln und früher oder später auch abkassieren.

Er musste eben aus der schicken Altbauwohnung mit Skyline-Blick und Seidenlaken ausziehen. Was solls. Marius schlägt sich durch. Es sei denn, Holger hat andere Pläne

Das Leben ist keine Romanze und niemand ist auf ewig ein Schnuckelchen. Vielleicht erkennt man, dass das wahre Glück nicht in Glanz und exotischer Aufmerksamkeit liegt, sondern oft ganz still und schlicht am eigenen Küchentisch wartet genau dann, wenn die Brotkörner zu Krümeln werden und jemand einen ruhig um Tee bittet.

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Homy
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Knirps – Eine herzerwärmende Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt in einem deutschen Dorf
Der Kerl