Ein Hundeleben – Geschichten von vierbeinigen Freunden in Deutschland

Ein Hundeleben

Und wie gehts jetzt weiter mit uns zwei? Ich muss doch eigentlich nach Hause Draußen ist es kalt, murmelte Friedrich nachdenklich.

Er trat näher an den Hund heran, in der Hoffnung, der Vierbeiner würde ein schlechtes Gewissen bekommen und verschwinden. Doch nichts geschah. Der massige Schäferhund blieb einfach liegen.

*****

Schon seit Stunden saß Friedrich mit seinem besten Freund im Blauer Bock, einem alten Ecklokal in München, und trank.

Na Frido, noch einen Kurzen? fragte Sebastian, der mit einer Flasche Korn herumwinkte.

Natürlich! erwiderte Friedrich und schob sein Glas in die Tischmitte.

Er hatte heute viel getrunken.

Er brauchte das, um seine Nerven irgendwie zu beruhigen. In letzter Zeit war ihm einfach alles über den Kopf gewachsen. Im Job stand seine Entlassung quasi fest. Seine Frau Veronika hatte ihn erst kürzlich verlassen, und zwar

Sie sagte, unsere Charaktere passten nicht zusammen.

So hatte sie es genannt.

Aber insgeheim wusste Friedrich: Es lag nicht daran. Zwei Jahre lang funktionierte es irgendwie, und plötzlich war er für sie nicht mehr der richtige Mann?

Meinst du, sie hat schon einen Neuen? fragte Sebastian, nachdem er sein Glas gekippt hatte.

Ganz sicher. Sie hat viel zu schnell zugestimmt und ihr Zeug schneller aus der Wohnung geschleppt, als ich gucken konnte. Aber wohin? Sie hat doch keine eigene Wohnung hier in der Stadt.

Irgendwie komisch Und der Job bist du sicher, dass sie dich wirklich raushauen?

Herr Albrecht will mich am Montag im Büro sehen. Er meinte, das Gespräch wird ernst Also, das Ding ist durch. Ist mir aber auch egal. Ich hab eh schon lange genug in dieser Klitsche gehockt.

Was hast du denn jetzt vor?

Um ehrlich zu sein? Keine Ahnung, Basti.

Wollen wir ne Woche Urlaub machen? Angeln an der Isar, wie früher? Meine Charlotte ist auch ständig am Nörgeln: Ich komm zu spät heim, versauf das Geld, hilf nie im Haushalt, ich hab die Nase voll!

Friedrich lachte bitter. Klingt gar nicht schlecht. War ewig nicht mehr am Wasser. Sag Bescheid, dann kauf ich noch Ausrüstung und Klamotten.

Klappt aber erst in einer Woche. Der Wagen ist noch in der Werkstatt.

Was war denn eigentlich mit dem Auto? Hast du nie genau erzählt.

Ein Hund ist mir vors Auto gelaufen. Riesenvieh! Jetzt hab ich ne Delle im rechten Kotflügel. Diese Streuner machen nur Ärger.

Friedrich nickte. Tiere gehören ins Tierheim oder zu ihren Besitzern, aber nicht auf die Straße.

Genau.

Auch meine Ex hat mal gemeckert, dass sie von einem Hund angefallen wurde. Kam angeblich plötzlich aus dem Rosenstrauch und hat sie fast gebissen. Sie hat kaum den Hausflur erreicht, meinte sie.

Da schlug Sebastian mit der Faust auf den Tisch. Langsam reichts mit diesen Tieren. Da hilft nur noch eins: einschläfern! Anders werden wir die Streuner nicht mehr los.

*****

Später, als die beiden vor der Kneipe voneinander Abschied nahmen, bog Sebastian nach wenigen Schritten in seine Nebenstraße ab. Friedrich musste jedoch noch zwanzig Minuten nach Hause laufen.

Er rief kein Taxi nicht wegen des Geldes, er wollte einfach frische Luft und seine Gedanken sortieren. Nach gefühlt drei Flaschen Korn war das aber ein hoffnungsloses Unterfangen.

Ein Blick auf die Armbanduhr: fast Mitternacht. An sich n guter Abend, murmelte er.

*****

Vor seinem Mietshaus, einem alten Altbau in Haidhausen, lag ein Hund direkt vor der Haustür.

Reglos auf dem kalten Beton. Irgendwie starrte das Tier ins Nichts, und diese Augen

diese Augen wirkten seltsam leer als wäre alles Leben aus ihnen gewichen.

Na du, was tust du hier? Such dir lieber ein besseres Plätzchen. Friedrich blieb trotzdem auf Distanz. Der Hund war groß. Mit roher Gewalt würde er hier nichts ausrichten.

Jetzt steh auf und verzieh dich. Hier ist nichts für dich. Er versuchte streng zu klingen, doch der Hund ignorierte ihn völlig. Keine Reaktion.

Noch immer lag das Tier da wie, als hätte es alles aufgegeben.

Friedrich seufzte. Wie kriegen wir das hin, du und ich? Ich frier hier. Er näherte sich weiter, hoffte, der Hund würde aufstehen.

Doch nichts. Der Schäferhund blieb stoisch auf seinem Platz.

Sebastian hat recht: Das hilft nix mit euch. Ihr versteht eben nur die harte Tour!

Friedrich atmete tief durch, sammelte seinen Mut, näherte sich und stubste den Hund vorsichtig mit dem Fuß an.

Ein leises Grollen, tief aus der Brust.

Friedrich grinste. Na, hast du wohl Angst vor mir? Schämst du dich gar nicht?

Wieder ein dumpfes Knurren.

Schon komisch: Alle sagen, der Hund ist der beste Freund des Menschen aber du tust so, als wärs umgekehrt.

Gereizt schwang Friedrich drohend die Hand. Vielleicht half das. Doch was dann geschah, hatte er nicht erwartet.

Der Hund, offenbar am Ende seiner Kräfte, stand taumelnd auf, humpelte los und sprang, plötzlich aufgebracht, auf Friedrich zu.

Er konnte nicht mal reagieren. Noch halb betrunken, stolperte er rücklings, fiel auf die Bank und schlug mit dem Kopf auf.

Mit schmerzender Stirn sank er ins Dunkel, und das letzte, was er sah, waren diese todtraurigen Hundeaugen.

*****

Als Friedrich schließlich die Augen wieder aufschlug, war es schon hell. Wie lange hatte er bewusstlos da gelegen?

Mühsam kam er auf die Beine, blickte sich nervös um. Die Nachbarn? Zum Glück keine da.

Auf der Bank saßen zwei unbekannte ältere Damen und redeten über den Wasserschaden im Haus.
Leute liefen vorbei, fremde Gesichter.

Kinder spielten auf dem alten Spielplatz, niemand nahm von ihm Notiz. Als wäre er Luft.

Bin ich etwa wirklich nicht mehr da? Ein Schreck durchzuckte Friedrich.

Er erinnerte sich, wie der Streuner ihn zu Boden gerissen hatte, wie er zu Boden ging. War er gestorben? Um Gewissheit zu bekommen, zwickte er sich in die Wange.

Aua!

Friedrich atmete auf. Er spürte noch Schmerzen. Also war er nicht tot.

Hallo, Entschuldigung! rief er den Damen zu, doch die sprachen einfach weiter, ohne ihn auch nur anzusehen.

Komisch.

Friedrich betrachtete die Bank, dann den Spielplatz und den Hauseingang. Irgendetwas stimmte hier nicht. Die Bank war dieselbe nur hatte sie eine andere Farbe als sonst.

Der Spielplatz rechts vom Haus war alt, dabei hatte die Hausverwaltung doch letztes Jahr alles neu gemacht

Am Schwarzen Brett hing ein Zettel:

Werte Mieter wegen einer Havarie ist das Warm- und Kaltwasser bis auf Weiteres abgestellt. München, 19. September 2014.

Friedrich starrte ungläubig auf das Datum.

2014? Aber gestern war doch 2024 Bin ich verrückt geworden? Werde ich reingelegt?

Er umrundete das Haus, prüfte die Adresse. Alles stimmte, nur das Drumherum war anders.

Klar, vor zehn Jahren lebte ich ja noch gar nicht hier

Verunsichert wanderte Friedrich zurück zur Bank. Er versuchte, neben einer der Frauen Platz zu nehmen, doch sie bemerkte ihn nicht.

Bestimmt träume ich noch und hab mich nie von dem Sturz erholt, dachte Friedrich. Soll mein Kopf mich bloß verschaukeln

Er wollte sich gerade ein wenig die Beine vertreten, um aufzuwachen. Da fiel sein Blick auf den Spielplatz.

Ein Hund!

Ein junger Schäfer, kaum sechs Monate alt. Und doch dieselben treuen, traurigen Augen.
Daneben ein blonder Junge, etwa neun Jahre alt, in Shorts, mit einer billigen Sonnenbrille.

Der Junge schien den Hund zu drillen:

Sitz! Platz! Sitz! Los doch Warum bist du bloß zu doof?

Friedrich runzelte die Stirn. Der Welpe tat alles, was er konnte und der Junge war trotzdem unzufrieden.

Wieder und wieder ließ er den Hund die gleichen Tricks machen. Manchmal schlug er ihn mit einem Plastikschwert, als sei das ein lustiges Spiel.

Irgendwas stimmte mit dem Kind nicht, dachte Friedrich. Wer gibt einem Jungen so einen Hund?!

Gerade, als Friedrich sich einmischen wollte, schrie der Junge auf:

Papa, ich mag den Hund nicht mehr, ich will eine Konsole!

Ein lässiger Mann, vielleicht vierzig, kam, fuhr dem Jungen durch die Haare, nahm ihn bei der Hand und ging.
Den Hund ließen sie zurück.

Der Welpe blieb erst starr sitzen, bellte dann, in der Hoffnung, noch hinterher spurten zu können. Aber der Junge trat ihn brutal: Du bist dumm! Geh weg!

Und der Vater? Blieb stumm. Wie zur Bestätigung hörte Friedrich zwei Omis auf der Bank kichern: Sie interessierten sich nur für das Wasser.

Drei Tage und Nächte harrte der kleine Hund auf dem Spielplatz aus, wartete auf den Jungen.

Niemand kam. Schließlich blieb dem Welpen nur der Mülleimer als einzige Nahrungsquelle.

Nach einer Weile fand ihn ein Obdachloser. Der Mann teilte das wenige, was er hatte, sprach mit dem Hund über das Leben, blickte in die Sterne.

Doch eines Tages verkaufte er ihn für eine Flasche Doppelkorn an einen fremden Typen.

Der nahm den Welpen mit in den Schrebergarten, kettete ihn im Hinterhof an, gab ihm kaum Futter, warf einmal die Woche Knochen hin und stopfte Schnee in die Wasserschale.

Wenn er betrunken war, schlug er den Hund mit dem Stock. Du musst stark werden! Kein Jammern! Ich mach einen richtigen Wachhund aus dir!

Nach einem halben Jahr gelang dem Hund die Flucht eilig und verzweifelt rannte er fort.

Von da an war er ein Streuner.

Er glaubte trotzdem weiter an die Menschen irgendwo musste doch einer sein, der ihn wollte.

Aber überall wurde er verjagt: auf dem Marienplatz, an der Isar, im Park Man beschimpfte, erniedrigte oder prügelte ihn, doch er knurrte kein einziges Mal zurück.

Weil warum konnte niemand ihn mögen? Gab es denn keine Menschen mehr unter den Menschen?

Weg mit dir! schimpfte der Müllmann. Nach dir bleibt alles voller Dreck!

Guck mich nicht so an! Das Fleisch ist für Menschen, nicht für dich, schrie der Metzger auf dem Viktualienmarkt.

Hallo, hier im Park schleicht ein riesiger Hund ohne Maulkorb. Kommen Sie bitte gleich! Eine Frau hatte den Tierschutz verständigt, obwohl der Hund doch nur flach unter einem Baum döste.

Als die Hundefänger kamen, musste er fliehen, wieder und wieder.

Kein Tropfen Freude gab es in diesem Hundeleben, das nie eines hatte werden sollen. Überall wurde der Hund verjagt, misshandelt, angeschrien, mit Steinen beworfen

Doch er suchte weiter.

Seinen MENSCHEN.

Weder auf einem Schild, noch bei seinen Besitzern hatte er je einen Namen. Also gab Friedrich ihm einen wenigstens in Gedanken.

Ich weiß, dass du mich nicht hören kannst. Und du bist es gewohnt, namenlos zu sein. Aber du sollst Ajax heißen. Ja das passt zu dir.

*****

Einmal, Ajax war inzwischen ein kräftiger Rüde, rettete er ein fünfjähriges Mädchen vor einem betrunkenen E-Roller-Fahrer, der wie eine Rakete durch den Park raste.

Die Mutter des Kindes, jung und abgelenkt, telefonierte gerade. Ajax stieß das Mädchen in die Wiese der Rollerfahrer raste schimpfend weiter.

Doch was geschah? Die Mutter schrie: Hilfe, der Hund fällt mein Kind an!
Und schon kamen die Helden aus allen Richtungen gerannt, Steine in den Händen, keiften und jagten den Hund vom Spielplatz.

Er rannte fort kehrte nie mehr zurück.

Monate und Jahre vergingen, Generationen von Kindern spielten auf dem Platz, Menschen wechselten. Der Hund aber streunte immer öfter durch Friedrichs Viertel dorthin, wo der Junge ihn damals zurückgelassen hatte.

So verging die Zeit, alles drehte sich im Kreis.
Dann, eines Tages, beobachtete Friedrich, wie seine Exfrau Veronika die Straße entlangging mit niemand Geringerem als seinem Chef, Herrn Albrecht.

Was für ein Ding Die beiden?

Im echten Leben war er damals geschäftlich unterwegs darum hatten sie keine Angst, gesehen zu werden.

Wann trennst du dich endlich von dem Typen? säuselte Herr Albrecht.

Bald, mein Lieber, ich vermute, in ein paar Monaten ist alles geregelt.

Friedrich schüttelte innerlich den Kopf. Albrecht war zwanzig Jahre älter als Veronika.

Im Lesen vertieft, übersah sie den Hund und trat ihm auf die Rute.

Der erschrak, bellte einfach nur aus Angst.

Veronika reagierte sofort aggressiv, versprühte Pfefferspray. Ajax winselte und floh torkelnd in die Büsche.

Ja klar, murmelte Friedrich bitter, so wurde also aus einem Tritt ein Hund will mich beißen!

Später sah Friedrich noch, wie Ajax mitten in der Nacht die Straße überquerte, als plötzlich ein kleines Kätzchen zitternd am Rand saß. Ein Wagen raste heran Ajax schirmte das Jungtier mit seinem Körper ab.

Der Fahrer drückte aufs Gas, das Auto erfasste Ajax am Lauf.

Durch die Windschutzscheibe erkannte Friedrich im Suff das zynische Gesicht seines alten Freundes Sebastian.

Hat der mich etwa auch belogen?

Ajax schaffte es noch auf den Gehweg, setzte das Kätzchen vorsichtig ab, doch Sebastian stieg aus und schimpfte: Was stehst du da, als wärst du der König? Beim nächsten Mal gibt’s kein Pardon.

Friedrich sah das Blut in den Augen des Hundes aufglimmen, doch Sebastian stieg schnell wieder ein und brauste davon.

Ich hätte nie gedacht, dass selbst meine Freunde flüsterte Friedrich traurig und folgte dem humpelnden Ajax.

Draußen verdunkelte sich alles, Friedrich wurde schwindlig, und er verlor das Bewusstsein.

*****

Er kam wieder zu sich vor seinem Haus. Draußen war es Nacht, ein stechender Schmerz in seinem Kopf.

Ein Blick auf die Uhr: fünf vor zwölf.

Er stemmte sich hoch. Da lag der Hund, am Eingang, fast leblos.

Es schien, als hätte sich nichts geändert und doch hatte Friedrich in wenigen Minuten zehn Jahre Hundeleben durchlitten.

War es Traum oder Wirklichkeit? Das spielte keine Rolle mehr. Er wusste: Er war der Einzige, der jetzt noch helfen konnte.

Ajax Keine Sorge, ich tu dir nichts. sanft sprach Friedrich den Hund an.

Ajax bewegte schwach die Rute, hob mühsam den Kopf, wollte aufstehen, aber konnte sich nicht mehr halten.

Warum weiterleben in einer Welt, die dich nicht braucht?

Friedrich seufzte, beugte sich nieder, hob Ajax auf den Arm und ging ins Haus.

Im kalten Dämmerlicht schimmerte irgendwo ein Lichtschein ein Streifen Hoffnung.

Nach dem, was du erleiden musstest, kann ich dich nicht allein lassen dachte Friedrich, als er mit Ajax die Stufen hoch in seine Winzwohnung im vierten Stock stieg.

In eine Wohnung, in der einst ein Welpe ohne Namen Schutz gesucht hätte.

*****

Eine Woche lang wich Friedrich seinem Hund nicht von der Seite. Er fuhr mit ihm zum Tierarzt, machte zwei Spaziergänge am Tag, badete ihn mit bestem Shampoo.

Ich krieg dich wieder auf die Beine, Kumpel. Gib nicht auf für mich!

Dabei schenkte Friedrich dem Hund ganz leise das verlorene Vertrauen zurück. Wenn auch spät im Leben Ajax spürte plötzlich, dass er gebraucht wurde. Wenn auch nur von einem Menschen.

Aber der Streunerhund hätte wohl auch noch ein zweites Hundeleben ertragen, nur um

noch einmal seinem MENSCHEN zu begegnen.

*****

Gerade kam Friedrich mit Ajax von der Abendsrunde zurück, da klingelte das Telefon.

Servus, Frido! Hab das Auto wieder morgen gehts los zum Fischen! Bist du bereit? rief Sebastian euphorisch.

Hey, Sebastian. Angeln fällt aus.

Was? Du fandest die Idee doch genial. Ich hab sogar extra einen Kasten Augustiner und ein Zwei-Mann-Zelt gekauft. Alles für die Katz, oder was?

Sieht so aus. Und Sebastian ruf mich bitte nicht mehr an. Nie wieder.

Bist du verrückt? Wir sind doch Freunde!

Friedrich legte einfach auf, erklärte nichts. Dann lächelte er und sah Ajax an.

Solche Freunde brauchen wir nicht, die Hunde hassen, was meinst du, Ajax?

Ajax bellte leise.

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Homy
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