Ich werde auf dich warten

Werde warten

– Niklas, lassen Sie uns bitte nicht um den heißen Brei herumreden, sagte ich, wohl ein wenig zu direkt. Ich weiß, was vor einem halben Jahr passiert ist, und

Sie wissen es?! Er sah erst überrascht aus, dann wurde er blass.

Ehrlich gesagt, hatte ich mit so einer Reaktion gerechnet. Dennoch reichte mir das nicht. Dieses Gespräch musste ich zu Ende bringen.

*****

Mit gesenktem Blick lief ich durch die Straßen von Frankfurt, in Gedanken versunken. Die Passanten um mich herum nahm ich kaum wahr.

Fräulein, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen? rief mir ein junger Mann von einem Kaffeeautomaten entgegen.

Ich schenkte ihm nicht einmal einen Blick. Spontanen Bekanntschaften auf der Straße konnte ich nun wirklich nichts abgewinnen.

Dann eben nicht, Pech gehabt! murmelte er beleidigt und drehte sich weg. Vermutlich ging es ihm öfters so.

Doch auch das ließ mich völlig kalt.

Warum sollte ich mich um einen wildfremden Frankfurter scheren? Meine Gedanken galten heute ganz anderen Dingen. In zwei Wochen ist Silvester, aber zum Feiern ist mir diesmal ganz und gar nicht zumute. Zum einen fehlt mir die Gesellschaft: Erst vor wenigen Monaten war ich nach Hessen gezogen und kannte hier so gut wie niemanden. Zum anderen

nun ja, mir ist eben nicht nach Feiern zumute.

Mit Mühe und Not hatte ich eine Stelle als Redakteurin bei einer regionalen Zeitung ergattert. Drei Monate hatte ich durchgehalten, aber es sieht so aus, als würde man mich bald kündigen. Nicht gerade ein Grund zum Feiern.

Anna, wir sind eine sehr angesehene Zeitung, erklärte heute Morgen der Chefredakteur Herr Anton Wagner. Deshalb brauchen wir exklusive Beiträge und keine herzzerreißenden Geschichten über Streunerkatzen. Ich fürchte, du passt nicht ganz zu uns

Aber, Herr Wagner! Ich wollte so gern bei Ihnen arbeiten! Dafür bin ich sogar aus meiner Heimatstadt weggezogen Mühsam unterdrückte ich die Tränen.

Ich verstehe das, aber Nun gut, ich gebe dir noch eine letzte Chance. Zwei Wochen bis zum Jahreswechsel, wenn du uns bis dahin einen erstklassigen Artikel lieferst, kannst du bleiben. Sonst

Ich habe verstanden.

So lief ich also durch die kalte, winterliche Luft, den Kopf voller Gedanken über einen möglichen Artikel.

Aber worüber nur schreiben? Wie trifft man den Geschmack des Chefredakteurs und der Leserschaft?

Das wird wohl nichts. Zwei Wochen sind eine extrem kurze Zeit, um irgendeine exklusive Geschichte aufzutreiben. Und Kontakte hatte ich hier ohnehin keine brauchbaren.

An der Ampel hielt ich an, wartete so sehnsüchtig wie selten auf das grüne Männchen.

Ich war auf dem Weg zur Polizei, vielleicht konnte ich dort eine interessante Geschichte finden. Zwar hatte ich kaum Hoffnung die Presse mochten die dort erfahrungsgemäß nicht besonders , aber einen Versuch war es wert. Was hatte ich schon zu verlieren?

Man muss es zumindest versuchen, auch wenns schiefgeht.

Noch mal wie Mama früher links und rechts geschaut, zählte ich die Sekunden zum Überqueren der Straße da erstarrte ich und blickte erneut nach rechts.

Nicht weit von mir saß ein junger, rotgetigerter Kater auf dem Gehweg. Zunächst nichts Auffälliges nur ein Straßenkater.

Aber seine Augen

Mir lief ein Schauer über den Rücken. So viel Kummer und Hoffnungslosigkeit stand darin geschrieben und doch auch ein leiser Funken Hoffnung.

Oder war es nicht vielmehr pure Verzweiflung? Diese Augen haben oft jene, die den Sinn ihres Daseins verloren haben.

Kurz dachte ich, der Kater wolle sich das Leben nehmen und gleich vor ein Auto springen, wenn der Verkehr losrollt.

Fräulein, warum stehen Sie hier einfach so rum? rief eine Frau mit ihrem Kind genervt.

Ich murmelte eine Entschuldigung, trat zur Seite und ging dann schnurstracks auf den Kater zu.

Wenn der Rote wirklich vorhatte, sein Leben zu beenden, dann sollte das an mir nicht scheitern. Ich würde das verhindern.

Denn LEBEN ist immer wichtig, und HOFFNUNG sollte nie verloren gehen.

Als ich langsam näherkam, schenkte der Kater mir keine Beachtung saß einfach da und starrte in die Ferne. Weder zu mir noch zu den Autos, ja nicht mal auf die schneebedeckte Fahrbahn schaute er sondern irgendwohin, weit weg.

Hallo, sagte ich leise und lächelte. Warum sitzt du hier so allein? Wartest du auf jemanden?

Keine Reaktion.

Klar, er ist schließlich eine Katze, kein Mensch, dachte ich, hätte aber wenigstens ein leises Miauen erwartet.

Aber es blieb still.

Und in dieser Stille lag eine Traurigkeit, dass mir beinahe selbst zum Weinen war nicht den Augen, sondern der Seele.

Keine Regung.

Noch nicht einmal den Kopf drehte er in meine Richtung, obwohl Katzen es gewöhnlich nicht mögen, wenn sich jemand von hinten nähert. Es war einfach ungewöhnlich.

Vorsichtig strich ich ihm über das dichte, rotbräunliche Fell. Auch das ließ ihn kalt.

Was ist nur mit dir los?

Haben Sie den Film von Hachiko gesehen? fragte plötzlich eine ältere Dame hinter mir. Ich drehte mich erschrocken um.

Auf einem kleinen Klappstuhl saß eine Frau, wohl schon über siebzig, mit selbstgestrickten Mützen, Handschuhen und Schals zum Verkauf.

Ja, den kenne ich, antwortete ich.

Na siehst du, der Rote da ist unser Katziko. Wir nennen ihn so. Hachiko, aber halt in Katzengestalt.

Wir? wunderte ich mich.

Ja, wir aus der Nachbarschaft. Ich und andere, die ihn regelmäßig füttern. Der sitzt hier schon fast ein halbes Jahr.

Ein halbes Jahr?! Ich war entsetzt.

Ja, genau. Immer am selben Fleck. Wahrscheinlich wartet er auf denjenigen, der ihn damals ausgesetzt hat

Was für ein schlechter Mensch! dachte ich und verfluchte den ehemaligen Besitzer insgeheim.

Ich nehme ihn mit zu mir, platzte es aus mir heraus und versuchte ihn gleich aufzuheben.

Das kannst du vergessen, lächelte die Frau mild.

Warum denn nicht?

Glaubst du, nur du hättest ein Herz für Tiere? Viele wollten ihn schon zu sich holen bestimmt zehn oder mehr in den letzten sechs Monaten. Auch ich. Aber er will nicht, bleibt hartnäckig hier, wartet auf jemanden.

Ein tiefer Seufzer.

Entweder läuft er weg oder gibt sich gar nicht erst in die Hand. Es ist, als müsste er einfach warten.

Mir tat das Tier unendlich leid. Am liebsten hätte ich ihn jetzt sofort mitgenommen, ihm ein warmes Zuhause gegeben.

Doch als ich erneut die Hand ausstreckte, fauchte er leise.

Mir war klar, wenn ich nicht loslasse, wird er schnappen.

Siehst du? meinte die Frau. Geht nicht. Wir können ihn nur füttern, damit er nicht verhungert.

Ein Blick in seine Augen genügte fast hätte ich geweint. Ich kann keine Gedanken lesen, aber in diesem Moment spürte ich: Er wird nicht gehen. Niemals.

Sechs Monate schon harrte er aus und würde wohl noch viele weitere warten. Notfalls das ganze Leben.

Nur wem gilt seine Treue? Dem, der ihn verlassen hat? Oder steckt noch mehr dahinter?

Wissen Sie, was damals passiert ist? fragte ich vorsichtig.

Ich habs selbst nicht gesehen. Aber die Leute reden: Hier hatte es einen Unfall gegeben. Mitten auf dem Zebrastreifen Ein junger Mann.

Und?

Kind, hast du keine kalten Finger? fragte sie fürsorglich. Die sind ja ganz rot!

Passt schon.

Nimm ein Paar Handschuhe. Von mir gestrickt. Die passen sogar zur Farbe deiner Jacke, und sie reichte mir ein blaues Paar.

Entschuldigung, aber ich habe kein Geld dabei

Ach, nimm sie schon. Ist ein Geschenk von mir, kein Geschäft.

Verlegen nahm ich die Handschuhe, zog sie an und spürte ein wohliges Kribbeln. Ja, jetzt wurde mir richtig warm an den Händen.

So ists brav! lächelte sie. Aber was damals war, kann ich dir wirklich nicht sagen.

Irgendein Gerücht vielleicht?

Du bist aber hartnäckig Ich wette, du bist Journalistin. Nun, man sagt, der Junge habe das Kätzchen ausgesetzt und sei dann unter ein Auto geraten. Strafe von oben, sozusagen.

Geschieht ihm recht!

Aber was dann wurde, weiß ich auch nicht. Er kam ins Krankenhaus ob er es überlebte, keine Ahnung

Aha, wenigstens etwas! Da wollte wohl jemand das Schicksal provozieren und bekam sofort die Quittung. Karma, wie es im Buche steht.

Aber der Rote wartet weiter Was liebt er mehr: seinen Herrchen, oder ist es doch etwas anderes?

Ich spürte, dass diese Geschichte noch nicht zuende ist. Aber was fehlte?!

Zur Polizei ging ich an diesem Tag gar nicht mehr, sondern eilte nach Hause, kochte Tee und setzte mich an meinen Laptop.

Nun versuchte ich, irgendwelche Informationen über den Unfall vor einem halben Jahr zu finden.

Aber die Recherchen waren wenig ergiebig: Wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

So ein Vorfall gehört eben zum Alltag, keine große Story wert.

Ich fand schließlich einen einzigen Kurzartikel:

Am 16. Juni 2024 überquerte ein junger Mann den Fußgängerüberweg bei Rot und wurde von einem Auto erfasst. Der Fahrer gibt an, den Fußgänger erst im letzten Moment bemerkt zu haben und nicht mehr rechtzeitig bremsen zu können.

Ein Zitat aus der Meldung: Der Kerl sprang einfach so auf die Straße! Ich bin nicht schuld, verstehen Sie? Als ich die Straße beobachtete, war da keiner! Für einen Moment abgelenkt, und dann stand er schon da

Seltsam, murmelte ich. Wollte der so dringend von dem Kätzchen weg, dass er sich selbst in Lebensgefahr brachte?

Unlogisch. Er hätte das Tier einfach bei den Mülltonnen aussetzen können Warum ausgerechnet hier?

Ich trank einen Schluck Tee.

Oder wollte er, dass das Kätzchen ihm folgt?

Mir wurde übel bei dem Gedanken. Aber ja möglich wär’s gewesen. Wenn das stimmt, dann Nein, das ist unmenschlich.

*****

Ich fasste einen Entschluss: Ich musste den Mann finden. Erstens wollte ich wissen, was aus ihm geworden war, und zweitens wollte ich, falls er noch lebte, ihm direkt in die Augen sehen.

Und vielleicht stelle ich ihn öffentlich bloß, dachte ich mir.

Doch ihn aufzuspüren, war viel schwerer als gedacht.

Auch der Fahrer des Wagens blieb unauffindbar. Die Polizei verweigerte jede Auskunft.

Wir dürfen keine persönlichen Daten herausgeben, meinte der Beamte. So leid’s mir tut.

Können Sie mir wenigsten kleine Hinweise geben? Irgendwelche Details?

Weiß nur, dass der Verletzte damals ins Städtische Klinikum gebracht wurde. Mehr leider nicht.

Danke wenigstens dafür.

Ich fuhr also in besagtes Krankenhaus, ohne große Hoffnung. Aber zufällig arbeitete dort meine alte Schulfreundin Lena. Sie war jetzt Krankenschwester immerhin.

Anna, Mensch, was für ein Zufall! rief sie. Du bist hier? Unglaublich!

Lena? Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet, entgegnete ich trocken.

Grollst du mir immer noch wegen Sebastian? Tut mir leid, ehrlich. Glaub mir, du hast nichts verpasst.

Warum das?

Er hat dich betrogen, und zwar oft genug. So jemanden will niemand

Egal, das ist Vergangenheit. Hilf mir lieber, einen gewissen Mann zu finden. Er kam vor einem halben Jahr nach einem Unfall zu euch. Ich brauche Name und Adresse.

Eigentlich darf ich das nicht, zögerte sie.

Eigentlich würdest du damit so einiges gutmachen, von wegen Karma und so.

Na schön

Mit einer krakeligen Notiz versorgte sie mich später diskret mit den Daten.

Ich bedankte mich, versprach sie demnächst zu besuchen und bestellte mir ein Taxi.

Was für ein kurioser Name Mautzinger Komisch, dass jemand mit so einem Namen keine Katzen mag, dachte ich.

Gut, Herr Mautzinger, Sie werden mit mir reden müssen, ob Sie wollen oder nicht!

*****

Vor der angegebenen Frankfurter Adresse klopfte ich lange, aber niemand öffnete.

Verdammt, vielleicht ist er bei der Arbeit, oder er wohnt hier längst nicht mehr. Aus dem Krankenhaus war er vor drei Monaten entlassen worden.

Schon wollte ich bei der Nachbarwohnung nachfragen, da hörte ich Schritte hinter mir.

Ein junger Mann mit freundlichem, aber traurigen Gesicht tauchte auf.

Sind Sie Herr Niklas Mautzinger? fragte ich, die Hände zitterten.

Ja, und wer?

Mein Name ist Anna. Ich arbeite bei der Zeitung, und hätte ein paar Fragen an Sie.

Sie sind Journalistin?

Ja, warum wundert Sie das?

Ich Keine Ahnung, was könnte eine Journalistin von mir wollen? Ich bin kein Prominenter, sondern nur ein IT-Admin, verbringe mehr Zeit vorm Bildschirm als mit Menschen.

Ihre Arbeit ist nicht entscheidend. Haben Sie kurz Zeit?

Nun, ich habe gerade Kekse und Tee besorgt. Kommen Sie rein.

Wenig später saß ich ihm in der Küche gegenüber. Am liebsten hätte ich ihm meine Meinung gegeigt, aber irgendetwas hielt mich zurück. Die Augen Die erinnerten mich an den Kater.

Bitte, bedienen Sie sich, er stellte Tasse und Gebäck vor mich.

Danke.

Worüber wollen Sie sprechen?

Sind Sie wirklich so ahnungslos? meinte ich ironisch.

Er wurde sofort unruhig, und ich registrierte jedes Zucken.

Jetzt hast du dich verraten

Es tut mir leid, aber worauf spielen Sie an?

Niklas, lassen Sie uns wirklich nicht drum herumreden, sagte ich scharf. Ich weiß, was vor einem halben Jahr war, und

Wie bitte?! Erst überrascht, dann bleich.

Genau das hatte ich erwartet.

Ja! Und ich sage Ihnen: Sie sind ein Schuft. Und davon gibt es nicht viele.

Er ließ sich niedergeschlagen auf den Stuhl fallen, verstand gar nichts mehr.

Ich bin nur gekommen, um Ihnen ins Gesicht zu sagen, was ich denke. Sie haben das Kätzchen im Stich gelassen, es wartet noch immer auf Sie! Verstehen Sie? Schon so lange! Und Sie trinken Tee und essen Kekse, als sei nichts geschehen!

Anna Verstehen Sie

Na los, rechtfertigen Sie sich. Was für eine Ausrede haben Sie?

Ich weiß wirklich nichts mehr.

Ich lachte bitter.

Da hätten Sie sich aber was Besseres einfallen lassen können. Schon arm, die Fantasie der heutigen Generation.

Es ist aber so. Gar nichts. Die Ärzte sagen, ich hatte einen Unfall und lag lange im Koma. Mehr weiß ich nicht. Amnesie. Ich kann Ihnen sogar das Attest zeigen.

Er verschwand im Zimmer und kam mit einem Dokument zurück.

Hier, retrograde Amnesie, stehts schwarz auf weiß. Der Arzt meint, ich würde die Zeit davor wohl nie mehr erinnern. Immerhin weiß ich überhaupt noch etwas. Hab noch Glück gehabt.

Das brachte mich aus der Fassung.

Ich nahm den Zettel und las Wort für Wort. Offenbar keine Lüge.

Wissen Sie also nichts von einer Katze?

Einer Katze? Nein, nicht dass ich wüsste. Hatte ich eine? In der Wohnung jedenfalls gibts keine Hinweise darauf: kein Katzenklo, keine Näpfe.

Hatten Sie damals Mitbewohner?

Ja, meine Ex-Verlobte.

Dann fragen wir sie! Haben Sie ihre Nummer?

Ja, habe ich.

Rufen Sie an, und bitte auf Lautsprecher!

Niklas tippte und wählte.

Lisa, hallo!

Niklas? Was willst du? Ich hab dir geschrieben, dass ich nicht zurückkomme, also ruf mich nicht an!

Es geht um etwas anderes.

Los, dann sag schon.

Hatte ich eine Katze, bevor ich ins Krankenhaus kam?

Jetzt reichts, du hast wohl den Verstand verloren? Welche Katze, Niklas? Du wolltest ja mal eine von der Straße holen, aber ich habe dir klar gesagt, dann wäre es aus!

Dumme Kuh, sagte ich und drückte auf Auflegen.

Musste das sein? fragte Niklas verwundert.

Und ob! Solche Tierhasserinnen kann ich nicht leiden.

Nun, Sie haben es gehört. Keine Spur von einer Katze.

Dann testen wir es vor Ort! sagte ich. Ziehen Sie sich an wir fahren an einen Ort, der vielleicht Ihr Gedächtnis zurückbringt.

*****

Als wir aus dem Taxi stiegen, sah ich schon von Weitem den roten Kater.

Seine Augen waren unverändert traurig. Wieder lief mir ein kalter Schauer über Rücken.

Niklas kam aus dem Taxi hinterher und sah sich irritiert um.

Was machen wir hier?

Folgen Sie mir.

Wir gingen zu dem Kater. Er saß im Schnee und starrte ins Leere.

Das ist der, von dem Sie mir erzählt haben? fragte Niklas.

Genau. Seit sechs Monaten wartet er. Auf Sie, auf irgendwen Ich dachte wirklich, Sie seien sein Besitzer.

Aber ich hatte doch keine

Probieren Sie, ihn zu streicheln, unterbrach ich ihn.

Streicheln?

Ja. Mal sehen, ob er Sie erkennt.

Meinetwegen.

Niklas kniete sich, legte die Hand aufs Fell und zog sie ruckartig zurück.

Was ist los?

Es war wie Strom, ganz seltsam

Im gleichen Moment drehte der Kater sich zu ihm um in seinen Augen stand Erstaunen.

Ich glaube, er erkennt Sie, sagte ich leise.

Haben Sie etwa den Besitzer gefunden? rief plötzlich die Frau mit den Wollwaren hinter uns.

Vielleicht, antwortete ich. Jedenfalls sieht es so aus, als kenne der Kater ihn wieder.

Der Kater und Niklas blickten sich an wie gebannt.

Dann plötzlich sprang das Tier mit einem markerschütternden Mauzen auf seinen Schoß. Niklas presste ihn an sich und weinte hemmungslos.

Niklas, erinnern Sie sich? fragte ich, beinahe sicher, der Groschen sei gefallen.

Nicht sicher aber irgendwie kommt er mir vertraut vor

Sonst nichts?

Ich war enttäuscht. Ich wollte die ganze Wahrheit. Vielleicht war er doch nicht der Schuldige…

Da hielt plötzlich ein Trambahnhof, ein Fahrer stieg aus und rannte auf Niklas zu.

Andere Autofahrer hupten, einige schimpften lautstark.

Der Mann kümmerte sich nicht darum. Er umarmte Niklas, schüttelte seine Hand kräftig.

Kennen wir uns? fragte Niklas.

Nein, aber ich erinnere mich an Sie. Damals, vor einem halben Jahr, Sie haben den Kater gerettet. Wissen Sie das noch?

Eigentlich nicht Ich hab nur irgendwie den Kater gerade wieder erkannt Genaueres keine Ahnung

Sie haben Ihr Leben für das Tier aufs Spiel gesetzt. Die Welt braucht mehr Menschen wie Sie.

Natürlich wollte ich alles wissen, bat den Fahrer, die Geschichte zu erzählen.

Er berichtete, das Kätzchen sei auf die Straße gelaufen. Ein Autofahrer habe extra beschleunigt, als er es sah, wohl um noch über Grün zu kommen.

Er hat gezielt auf ihn gehalten! erzählte der Tramfahrer eindringlich. Ich hab die Szene ganz genau gesehen, seine hasserfüllten Augen

Und dann?

Dann sind Sie ihm auf den Überweg nach und haben den Kater gerettet. Sie warfen ihn zum Gehweg und wurden selbst erfasst. Ich dachte ehrlich, Sie hätten es nicht überlebt! Aber Sie leben!

Ein Wunder flüsterte ich.

So war es also.

Niklas, verzeihen Sie mir, dass ich so schlecht von Ihnen gedacht habe. Aber ich hatte einfach zu viel gehört und es sah alles so eindeutig aus

Schon gut, lächelte Niklas. Wichtig ist, dass es dem Kater gut geht.

Nehmen Sie ihn wieder auf?

Na klar! Aber nur, wenn er selber will. Kommst du mit mir? sah er das Tier an.

Der Kater miaute nicht. Aber in seinen glücklichen Augen, in dem Weg, wie er sich an seinen Menschen schmiegte, lag die Antwort: Ja.

*****

Und so endete die Geschichte des roten Katers, der nie aufgab zu warten und seinem Menschen doch noch begegnete. Dem Menschen, der sein Leben für ihn riskierte. Sie sind wieder vereint. Für immer.

Ich hörte auf zu tippen und lehnte mich zurück. Das reicht, denke ich.

Niklas, magst du den Artikel lesen, bevor ich ihn heute noch online stelle? fragte ich, als ich in die Küche ging.

Niklas setzte Miezi auf den Stuhl, streichelte das Tier und blickte zu mir.

Anna, es sind nur noch wenige Stunden bis Mitternacht. Sollen wir die Zeit nicht zusammen verbringen?

Du hast recht, entschuldige. Ich war so wild darauf, den Artikel unbedingt noch dieses Jahr zu veröffentlichen Kann ich dir helfen?

Hilf mir doch beim Tischdecken, schmunzelte er. Salate, Kartoffeln, Hähnchen.

Wir feierten Silvester zu dritt: Niklas, der Kater und ich. Es war unser schönstes Jahr überhaupt.

Vor uns lag ein neues Leben, neue Träume, neue Pläne wir drei würden es gemeinsam schaffen.

Als die Glocken um Mitternacht auf dem Römer schlugen, erschien mein Artikel auf meiner Social-Media-Seite: Werde warten.

Ja, den exklusiven Zeitungsbeitrag hatte ich nicht mehr geschafft, meine Stelle war weg.

Aber ich hatte mit meinen Lesern eine besondere, rührende Geschichte geteilt: Von einer treuen Katze und einem echten Menschen.

Nach Silvester meldete sich das große Magazin bot mir eine Festanstellung.

Soll ich zusagen? fragte ich Niklas.

Aber natürlich! grinste er zufrieden und berichtete, dass auch er befördert wurde, nun IT-Leiter sei.

So soll es sein.

Denn Menschen, die für Tiere einstehen die sogar für sie alles riskieren würden , verdienen wirklich das Beste.

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Homy
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