Erwachsenwerden: Der Weg zum Erwachsensein in Deutschland

Erwachsen werden

…Paul war einfach alles zu viel. Er hatte genug von allem, sehnte sich nach Veränderung, wollte einfach alles stehen und liegen lassen und irgendwohin verschwinden. Nur wohin, das wusste er selbst nicht. Er hatte schon alles hinter sich das Büro, den Konferenzraum, Mails, Meetings, danach abends Feiern, mal die eine, mal die andere Frau, gelegentlich attraktiv, oft aber nicht mal das. Am Wochenende fuhr er dann zu seiner Mutter. Immer dasselbe, ein ewiger Kreislauf. Paul war nun 36, und dieses ständige Herumgerenne war ihm einfach zu blöd geworden. Da muss sich was ändern, dachte er.

So sinnierte Paul, während er die weiche Lederummantelung am Lenkrad seines neuen Mercedes entlangstrich und sich durch den Stau in München kämpfte.

Sein Mercedes laut Meinung seiner Mutter Marianne war hässlich, passte kaum in den engen Hinterhof, wenn er sie in ihrem kleinen Altbau besuchte, aber irgendwie sah das Auto recht eindrucksvoll aus, das musste man ihm lassen.

Beim Nachbarn Willi im Erdgeschoss fuhr der Sohn einen alten Opel Corsa, bei Frau Meier aus dem dritten Stock einen Sprinter der Sohn hilft beim Umzug und Faiza, die wohnt auf Pauls Etage, fährt Rad und bringt Pizza aus. Aber Paul, der fährt einen Mercedes.

Würde er dann langsam aus dem Auto steigen, die frisch geputzten Wildleder-Schuhe auf dem Gehweg platzieren, sich dann ganz aufrichten groß, breit, wie ein Kreuzfahrtschiff ja, dann war er der Stolz seiner Mutter und stolzierte übers Pflaster, vorbei an den herumtollenden Kindern. Die Kids blieben stehen, starrten auf seine riesigen Füße und sahen ihm mit großen Augen hinterher.

Herr Paul Guten Tag Entschuldigung, nuschelten sie mit ihren rosigen Lippen unter der bunten Sommermütze.

Paul nickte gönnerhaft, schon klar, los, rennt nur, ihr kleinen Racker.

In seinen Händen trug Paul Blumen. Ein riesiges Strauß. Wie jede Woche für seine Mutter. Sie tat dabei immer so, als wäre sie völlig überrascht, wie er bloß wieder gewusst habe, was ihr gefällt. Der Strauß landete meist in einem Eimer, denn in die Vasen passten diese Prachtstücke nie. Dann gab es für Paul Tee und Kuchen.

Heute hatte Paul einen Strauß, der Geheimes Rendezvous hieß. Mal wieder riesig, bunt, sollte ja auch jeder im Haus sehen, was er für ein guter Sohn ist. Seine Mama unvergleichlich. Ein echtes Original. Stolz, unabhängig, klug so eine gibt es kein zweites Mal mehr, sagt Paul immer. Wahrscheinlich bleibt er deshalb für immer Single.

Paul hatte es eilig, aber der Stau zog sich bis zur Isarbrücke, und danach war eh alles blockiert der Stadtlauf! Vielleicht sollte er auch mal joggen gehen? Brächte wenigstens Abwechslung rein

Genervt warf er einen Blick auf die Uhr, drückte kurz hupend aufs Lenkrad, rückte sich und den Sitz zurecht, schaltete durch die Radiosender, schaute sich um.

Als das Gequassel der Nachrichten ihn wieder langweilte, drehte er stattdessen den Sound auf Anschlag. Der Bass vibrierte durchs Auto, er schlug den Takt aufs belederte Lenkrad. Der Typ neben ihm im Ford verdrehte nur den Finger, Paul tat so, als würde er das nicht bemerken, öffnete extra noch das Fenster sollte nur jeder hören, wie gut es ihm ging, wie erfolgreich er war. Gleich noch Mama besuchen und dann ins Zentrum schicke Bars unsicher machen.

Mach aus! Mach doch aus!, rief plötzlich jemand hinter ihm.

Paul drehte sich um.

Wer war das denn jetzt bitte?

Ein Mädchen, ganz jung noch, saß allein in einem alten rostigen Golf kurz geschnittene Haare, eine grantige Miene, fuchtelte wild mit der Faust. Sie war kaum hinter dem Steuer zu sehen.

Paul winkte freundlich, grinste. Mit Mädels und Kindern kam er immer gut aus! Und diese da war ja wohl gleich beides kann gar nicht schiefgehen.

Machen Sie bitte die Musik leiser! Oder schließen Sie das Fenster! Das Mädchen stand plötzlich direkt neben seinem Mercedes, fauchte ihn an, schaute immer wieder kurz zurück zu ihrem Auto.

Wie bitte!?, rief Paul zurück.

Geld hab ich keins, will auch keine Scheibe sauber, Kirche interessiert mich nicht und Rente bekomm ich auch noch nicht!, konterte er halb im Scherz.

Sie lief rot an, die Lippen zitterten kurz, doch sie fasste sich, beugte sich übers Beifahrerfenster, schrie fast ins Ohr: Könnten Sie bitte die Musik leiser machen? Mein Kind schläft auf dem Rücksitz. Sind Sie schon ganz verrückt?!

Paul drehte sich um. Auf der Rückbank des alten Golfs sah er einen kleinen Jungen mit roter Jacke und Mütze, im Kindersitz festgeschnallt.

Na gut, ist ja schon recht! Aber hast du eigentlich überhaupt schon den Führerschein, Schönheit? schrie er ihr hinterher, als sie zurück zum Auto eilte.

Doch sie öffnete schon die Fahrertür, hievte das schlafende Kind auf den Arm, drückte es fest an sich, als ginge es um sein Leben. Ganz ruhig, Benni, wir fahren gleich weiter. Mama hat dich lieb, ja? Bald sind die Fahrradfahrer weg und dann fahren wir, flüsterte sie dem Kleinen ins Ohr, kraulte sein Köpfchen, schloss ihn zärtlich in die Arme. Dann schnallte sie ihn wieder an und setzte sich.

Der Golf sprang nicht mehr an. Der Stau hupte, die Leute überholten wütend, schimpften. Eben noch stand sie tapfer da, mit dieser wilden Aufrichtigkeit, die Bäume ausreißen konnte aber jetzt plötzlich resignierte sie, legte den Kopf aufs Lenkrad und fing an zu weinen.

Ein Typ Goldkettchen, Fingerringe und Sonnenbrille sprang aus seinem Mazda, trommelte mit dem Fuß gegen ihre Fahrertür, motzte rum, verdrehte die Augen.

Paul wollte schon losfahren, aber dieses jämmerliche Wimmern von dem kleinen Kerl im roten Anorak hallte noch in den Ohren. Es ärgerte ihn nicht es machte ihn einfach nur nervös. Später behauptete Paul, das sei so ein Reflex gewesen. Aber was für einer? Der Mutterinstinkt war’s sicher nicht.

Siehst du, er hat nicht trotzig, sondern irgendwie hoffnungslos geweint, erzählte Paul später.

Während er noch haderte, ob er eingreifen sollte, beugte sich der Typ mit der Goldkette zu dem Mädchen ins Auto, nestelte wild am Zündschlüssel herum. Sie schrie, er solle aufhören, den kleinen Benni nicht noch erschrecken, aber der Typ ignorierte sie.

Wenn du nicht fährst, blockieren wir hier noch ewig, bist wohl nicht ganz sauber, was?! Geklaut den Wagen, oder was?, polterte er.

Paul fand sich plötzlich, irgendwie von selbst, am Randstein wieder, drängte sich durchs Chaos, sprang aus seinem Mercedes direkt zum Golf.

Ey, Kollege! Mal locker, ja?!, rief Paul dem Aufschneider zu.

Kümmer dich nicht, du Bonze! Euch gehört eh der ganze Karrenpark!, blaffte der Kettenträger, schielte aber zu Pauls Statur hoch und verzog sich beleidigt in sein Auto.

Springt die Karre nicht mehr an? Na los, ich schieb dich zur Seite!, sagte Paul zum Mädchen. Sie nickte, stellte alles richtig ein klug, systematisch , zusammen schoben sie das Auto kurzfristig zur Seite.

Der Golf aber wollte trotzdem nicht mehr, kratzte, ächzte, war endgültig hinüber.

Verschlissen, der Gute, meinte Paul, doch das hörte das Mädchen gar nicht, weil Benni wieder zu weinen begonnen hatte.

Ach, mein Kleiner, säuselte sie, Willst du zu Mama ins Haus?

Der Junge nickte nur.

Wie denn, wenn wir nicht weiterkommen?, schluchzte sie leise.

Also… Sachen packen, Auto abschließen ihr steigt jetzt bei mir ein!, bellte Paul.

Moment mal, das geht Sie ja gar nichts an! Das schaffen wir schon!

Jetzt regnet’s noch dazu, willst du das Kind nass sitzen lassen, oder was? Los jetzt, beeil dich!, und er bugsierte sie samt Kindersitz in den Mercedes.

Kaum saßen alle im Warmen, drehte sich Paul um, startete den Motor, drehte die Heizung auf und fragte: Wohin? Wo ist die Mama von dem Kleinen? Ich bin Paul. Und du bist?

Das Mädchen zögerte kurz, dann, nachdem Benni wieder angeschnallt war, sagte sie: Franziska. Aber denken Sie nicht, ich sei wie all Ihre Barbie-Freundinnen da vorne!, nickte sie an die Fotos, die am Rückspiegel hingen. Paul lachte. Ach Gott, meine Barbies sind das beileibe nicht. Komm, wohin soll’s gehen, Franziska?

Nach Dachau. Da wohnt unsere Mama. Ich geb Ihnen die Adresse, erklärte sie.

Paul zog eine Grimasse war nicht seine Ecke. Na dann…, murmelte er und legte den Blumenstrauß auf den Beifahrersitz. Okay, ich fahr euch.

Schnell tippte er was ins Infotainmentsystem, es piepte, und seine Mutter ging sofort ans Handy: Ja, Paul, ich höre!

Ma, du, ich komm vermutlich viel später. Muss noch kurz wo vorbei, wenns spät wird, vielleicht verschieben wir unseren Abend auf morgen, ja?

Wie jetzt? Ich hab doch allen gesagt, dass du heute kommst… Na, na dann, dann halt… in ihrer Stimme schwang Enttäuschung mit. Wegen deiner Barbies…, murmelte sie, Franziska schmunzelte im Hintergrund. Paul bemerkte das, verzog die Lippen. Meld dich zumindest, wenn du später heim kommst. Und… wer schreit denn da bei dir im Wagen? Paul!

Ma, das ist nicht mein Kind, alles gut, ich erklärs dir später. Tschau!, winkte Paul ab.

Immer diese Rückfragen… warum kann die Frau nicht einfach sagen: Viel Glück, und fahr vorsichtig?, maulte Paul. Was grinst du so, Franziska? Sag mal, hat eure Mama euch verlassen? In deinem Alter solltest du doch mit Freunden feiern, tanzen, dich amüsieren. Oder laufen dir die Jungs nach und du hast keine Lust?

Paul fand es herrlich, das Mädel zu necken. Die Moralapostel mag er gar nicht. Tja, so jung, aber schon große Reden schwingen!

Ja, entgegnete Franziska plötzlich ernst.

Was ja?, fragte Paul perplex.

Feiern, tanzen, das sollte ich wohl machen. Aber mit wem? Die Jungs, Verzeihung, die interessieren sich doch eh nur für das eine. Dann wird man einfach abgeschoben. Dachten Sie, meine Mutter wollte mich damals schon mit achtzehn bekommen? Meine Oma hat uns nach meiner Geburt rausgeworfen, die hat sich geschämt… Mama hat nicht mal die Schule fertiggemacht damals. Sie hat auf einen Kerl vertraut, und der war dann weg. Für seine Familie war das der größte Skandal, aber für ihn? Dem war egal, die wollten den Sohn zur Uni schicken, der hat sich einen Dreck geschert. War bestimmt so ein Typ wie Sie, spitzte sie und deutete auf eins der Fotos von Pauls Exfreundinnen. Der hatte besseres vor als Familie.

Paul spürte einen Stich. Was hat das denn nun mit mir zu tun?! Mit meinen Partnerinnen läuft das ganz erwachsen, auf Augenhöhe, ich würde nie… Aber er stockte musste an damals denken, als vor drei Jahren alles hätte schiefgehen können. Da war diese Carina Blank, mit der war er zusammen, sie verreisten zusammen nach Griechenland. Und dann sagte Carina: Sie sei vielleicht schwanger

Das kam total ungelegen. Pauls Karriere lief gerade erst richtig los. Da jetzt ein Kind? Verpflichtungen, Schwiegereltern? Eher nicht. Und so begleitete Paul Carina zu einem alten Bekannten, dem Frauenarzt.

Sie hat mir sogar Geld geboten!, lachte der Doc später. Damit ich sage, das Kind ist von dir, dann hätte sie schon irgendwie für Nachwuchs gesorgt. Seitdem war Paul vorsichtiger. Und Carina verließ er letztlich nicht für was, das hätte sie nie vorgehabt…

Oder doch? Wer weiß, vielleicht hatte mal jemand heimlich sein Kind bekommen? Da war zum Beispiel Stefanie, die plötzlich den Kontakt abbrach. Hatte sie vielleicht? Aber ihr Vater hätte Paul eh gefunden, selbst unterirdisch!

Paul verwarf die Gedanken.

Reden Sie sich das ruhig schön mit Partnerbeziehungen…, Franziska lachte melancholisch. Meine Mama ist einfach schön sie kann nicht alleine sein. Sie braucht Nähe. Sie hat alles alleine gemacht, musste immer stark sein, hat nie Hilfe bekommen und dann ist sie einfach weggefahren, weil sie nicht mehr konnte. Jetzt wohnt sie übergangsweise bei einer Freundin in Dachau. Und Benni hat neulich im Kindergarten so schlimm geweint, war krank, als Mama nicht zu erreichen war… Wahrscheinlich hat er Angst, sie kommt nie wieder.

Sie HAT ja quasi alles stehen und liegen lassen!, empörte sich Paul. Mütter hauen nicht ab, wenn ihre Kinder noch so klein sind!

Meine Mama hat’s einfach gebraucht. Sie ist noch jung, sie war einfach nur müde von allem, Franziska verteidigte sie immer wieder. Es gibt viele wie Sie, die jede Kraft rauben…

Wie heißt sie denn, jetzt bin ich aber neugierig!, fragte Paul.

Klara Hoffmann.

Paul zuckte zusammen, lenkte scharf ein, fuhr plötzlich schneller, wurde aber gleich wieder vorsichtig schließlich fuhr er ein Kind durch die Gegend!

Klara Hoffmann Das konnte doch wirklich nicht sein? Ein Zufall?

Damals, elfte Klasse, Paul jung und auf Abenteuer aus traf auf einer Party bei seinem Kumpel auf Klara. Stimmung, Musik, Tanzen. Sie kamen zusammen, waren ein paar Monate ein Paar, dann verschwand Klara plötzlich, zog in eine andere Stadt, meldete sich nie wieder. Paul ging dann nach München zum Studium

Er musterte Franziska. Sah da die Ähnlichkeit? Die Nase? Könnte sie…?

Und, Franziska, lebt euer Opa noch?, fragte er scheinbar beiläufig.

Nee, der ist schon lange tot, erwiderte sie, gleichgültig.

Hübsch war sie geworden, die Tochter von damals, dachte Paul plötzlich. Hätte er so eine, würde er alles machen Ausbildung, tolle Klamotten, vielleicht mit der Zeit ein besseres Auto

Mit einem Mal riss der Himmel auf, der Regen hörte auf, ein gleißender Sonnenstrahl schoss aus den Wolken als hätte die himmlische Mutter eine Stricknadel verloren und nun verbinde sie zwei Welten.

Gleichzeitig spürte Paul: Sein Leben bekam plötzlich einen Sinn, eine Richtung. Es gab plötzlich einen Grund, Geld zu verdienen, zu sparen, anzuschaffen.

Schau mal, wie schön das jetzt aussieht!, deutete Paul zu Franziska. Und, wart ihr mal zusammen im Urlaub Berge, Meer, Skifahren…?

Franziska lachte. Ja, klar! Wir? Wovon denn? Dafür reicht es nie!

Aber würdest du gern? Vielleicht nehmen wir Benni und deine Mama mit, ich kenn tolle Orte…, er hörte auf seine innere Stimme, ob sie was sagen wollte.

Sie haben mich verwechselt. Ich verreise nicht mit fremden Männern, hielt Franziska fest.

Tja, aber jetzt fährst du ja doch mit, grinste Paul.

Weil ich Ihnen vertraue. Vielleicht weil Sie, er hielt inne. Vielleicht, weil Sie meine Tochter sein könnten… Hab ich das jetzt laut gesagt? Ach, egal….

Der Plan nahm Gestalt an. Sie würden zu Klara fahren, alles aufklären, Pässe machen lassen, zusammen ans Meer fliegen. Er wüsste schon die passenden Hotels. Klara würde bestimmt drauf bestehen, getrennte Zimmer zu nehmen so wäre es wohl am besten.

Was ist denn jetzt?, fragte Franziska verwundert, während sie Benni die Hand hielt.

Ach, nichts. Später, murmelte Paul.

Und was sollte er Mama erklären? Sie würde sicher schimpfen, ihn warnen, Klara bloß nicht zu trauen. Aber halt, es gibt ja Vaterschaftstests wobei er überhaupt keinen machen müsse. Franziska sieht ihm ähnlich er muss das jetzt einfach wieder gutmachen!

Die Rolle des Retters gefiel Paul. Und vor allem hatte er kein schlechtes Gewissen, schließlich wusste er ja von nichts!

Und Klara sie war eben nicht wie all die anderen Frauen, die Paul kannte. Sie war stark, klar, unabhängig so wie seine Mutter.

Du hast also’n eigenes Geschäft?, fragte Franziska, als sie die Ledersitze musterte.

Genau.

Und? Ist das schwer, mit viel Geld? Keine Frau, die dich ‘ausgeben’ hilft?

Keine Frau. Aber ich komm zurecht, lachte Paul.

Am späten Nachmittag kamen sie in Dachau an. Paul zögerte, wollte gar nicht aussteigen, wühlte noch im Handschuhfach, brachte dann das Auto einfach woanders hin.

Franziska stand mit Benni vor dem Haus, wartete.

Nun, gehen wir? Wollen wir die Blumen deiner Mama mitnehmen? Das gefällt ihr bestimmt!, sagte sie.

Paul nickte nur. Tja, so viel zu seinem Geheimen Rendezvous…

Sie fuhren mit dem Aufzug. Franziska klingelte an der Wohnungstür im dritten Stock.

Paul schloss die Augen. Nun würde sich alles ändern, das wusste er.

Geöffnet wurde von Klaras Freundin, Kathrin. Sie musterte Paul streng, dann blickte sie zu Franziska.

Was macht ihr denn hier? Klara, deine Familie ist da. Und noch so’n Kerl!, rief sie ins Wohnzimmer.

Eine erschöpfte, schlanke Frau, die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, kam in den Flur, musterte die Gäste verwundert.

Franzi, was macht ihr denn hier? Ich hab doch gesagt, ich komm morgen früh! Und Sie sind…?, wandte sie sich Paul zu.

Paul, verlegen, drückte ihr die Blumen in die Hand.

Ich bin Paul. Für dich… Klara…

Vergeblich suchte er die alte Vertrautheit, das Kribbeln. Nichts da.

Mama, er, der Mann da, sagte Franziska frech und zeigte auf Paul, hat unser Auto kaputt gemacht. Dann hat er uns hergefahren. Benni hat eh geweint, da dachte ich, du solltest dich drum kümmern. Ich hab halt deinen Wagen genommen, und er, noch mal Fingerzeig der hat was ruiniert. Jetzt steht der da… Der kann ruhig für die Reparatur aufkommen, sonst verklag ich ihn!

Klaras Augenbrauen wanderten nach oben, sie wollte etwas sagen, doch Franziska reagierte.

Mama, ehrlich, es war seine Schuld. Der zahlt das! Mama, übrigens, ist was zu essen da? Hat uns den ganzen Tag nix besorgt, der Herr da!, Franziska verschwand in Richtung Küche, riss gleich den Kühlschrank auf.

Ehrlich gesagt versteh ich gerade gar nichts… Sie haben unser Auto ruiniert? Franzi hat gar keinen Führerschein, wie ist das alles? Erzählen Sie mal!, forderte Klara auf, während sie die Arme um den Körper schlang.

Paul erzählte von der Straße, dem Stau, wie Benni geweint hatte

Deine Tochter meinte, Sie seien erschöpft und hätten die Kinder verlassen. Ihr Kleiner hatte wohl Angst, Sie kommen nie wieder. Also hab ich sie hergebracht, beendete er.

Nein, Klara war nicht die, an die er immer gedacht hatte. Wie naiv zu glauben, das sei dieselbe Frau aus seiner Jugend

Erschöpft und abgehauen? Franzi, sofort herkommen!, rief Klara. Franziska kam mit einem Teller Salat wieder. Was erzählst du da? Du weißt genau, dass ich nur zu Kathrin musste, um ihr bei den Vorbereitungen für die Beerdigung der Oma zu helfen. Sogar Urlaub genommen habe ich! Benni war auch nicht krank! Mensch, Franzi, ihr wurde das alles sichtlich zu viel. Sie wandte sich ab.

Hab ich halt übertrieben… Und, was jetzt? Mama, wie lang willst du dich denn noch so abrackern für andere? Die einen verdienen sich dumm und dämlich, die anderen stehen an der Kasse. Du bist auch viel zu nett dafür! Wär besser, du würdest dich mal wehren, Geld rauspressen, n neues Outfit für mich kaufen! Ich bleib übrigens nicht mehr auf Benni sitzen, ich will doch auch was erleben, wie Onkel Paul hier meinte., Franzi hob das Kinn, stolz.

So, dann machen wir jetzt Tee, seufzte Klara, Kathrin, hast du was dagegen?

Nee, aber vielleicht brauchen wir hier eh was Stärkeres… Da liegen noch ein paar Schnapsgläser von Oma., grinste Kathrin. Benni, komm, ich zeig dir Omas Teddy!, nahm sie den Jungen an der Hand.

Entschuldigen Sie meine Tochter Sie weiß einfach nicht, dass man im Leben nicht immer alles mit Ellbogen bekommt. Sie macht mir Vorwürfe, dass ich Benni alleine großziehe, weil der Vater wieder verschwunden ist aber ich liebe beide, ich will ja nur, dass sie es gut haben. Franzi will mehr… Sie träumt von mehr. Aber unsere Welt ist halt klein

Und der Vater?, fragte Paul leise. Er war Gespräche mit Tiefgang kaum gewohnt.

Wir haben es versucht Mal waren wir zusammen, mal getrennt. Jetzt ist er weg Kommt vermutlich auch nicht wieder. Ich hab alles probiert, um ihn zu halten aber nicht wegen des Geldes! Ich hab ihn einfach sehr geliebt. Franzi hat von ihm das Autofahren gelernt, das ist wohl das Größte, was er ihr hinterlassen hat… Wir kommen grad so über die Runden, sie will aber mehr. Ich verstehe es sogar, aber ich kann es ihr eben nicht bieten…, erzählte Klara, rieb sich die Knie.

Paul blinzelte. Ich hatte kurz gedacht, wir hätten uns früher gekannt, sagte er plötzlich. Da war mal eine Klara, die ist dann plötzlich weggezogen. Franzi erzählte, ihre Oma hätte sie rausgeworfen

Was? Meine Mama hat mich nie rausgeworfen! Sie war immer für mich da sie ist vor zwei Jahren gestorben, meinen Vater kenn ich nicht. Ich mach halt das Beste daraus, wiederhole die Geschichte irgendwie. Franzi die hat eine Geschichte erzählt, Klara schüttelte fassungslos den Kopf. Sie dachten, Franzi ist Ihre Tochter? Ach, Sie werden noch eigene Kinder haben! Sie heiraten, bekommen eine kleine Tochter oder einen Sohn, ganz sicher. Man muss dieses Wunder wirklich selbst erleben das kann niemand ersetzen.

Als Paul sah, wie Klaras Augen funkelten, wie warmherzig sie von ihren Kindern sprach, sehnte er sich doch plötzlich nach einer eigenen Familie Frau, Kinder, ein Zuhause selbst der Bratenduft fehlte ihm.

Kann ich Ihnen irgendwie helfen?, bot er nach einer Weile an.

Danke, aber das ist nicht nötig. Entschuldigen Sie die Umstände. Haben Sie Hunger? Ich könnte Fleisch oder Hähnchen machen…, bot Klara an, sprang auf, doch Paul winkte ab.

Ich bin schon satt, danke. Soll ich euch wenigstens morgen heimfahren?, schlug er vor.

Ach nein, wir nehmen den Zug, das geht schon. Und danke für Ihre Hilfe.

Na, vielleicht kann ich wenigstens… finanziell… unterstützen?, Paul wurde plötzlich ganz müde von der Wärme in dieser kleinen Küche, der simplen Tischdecke mit Blumen, den alten Stühlen, den Keksen und Bonbons in der Schale, von der Erleichterung, dass die große Konfrontation vorbei war.

Lassen Sie das. Möchten Sie lieber einen starken Kaffee, bevor Sie losfahren? Essen Sie noch was, dann gehen Sie heim, man wartet bestimmt auf Sie!, beendete Klara das Gespräch resolut und hantierte am Herd herum. Was ist jetzt mit unserem Auto…?

Hab schon einen Abschleppdienst organisiert die Männer haben sich gemeldet, alles ist erledigt, Paul reichte ihr die Nummer auf einem Zettel. Einfach sagen, dass Sie von Paul dem Buchbinder kommen, dann klappt das.

Buchbinder? Wieso das?

Ich hab meine erste Zeit als Buchbinder für Uni-Arbeiten gearbeitet. Paul grinste zu Franziska, deren Umriss im Türrahmen auftauchte, Franzi sollte sich auch irgendwo was suchen sie hat so viel Energie und Talent!

Franziska zog die Augenbrauen hoch, murrte und verschwand.

Sie tauschten ihre Nummern aus, Paul fuhr nach Hause. Klara winkte ihm aus dem Fenster, und es fühlte sich zum ersten Mal ganz heimelig an Paul wurde ganz wehmütig

Daheim wartete seine Mutter auf ihn, zwar müde, aber nicht streng. Sie machte ihm das Bett.

Mama, wen hättest du eigentlich lieber Enkel oder Enkelin?, fragte Paul, als sie Licht ausknipste, in seinem Jugendzimmer voller alter Zeichnungen von Schiffen, Flugzeugen und der Frauenkirche in München.

Paul, Junge! Ich will zuerst eine Schwiegertochter! Und ich schwöre, ich misch mich nicht ein, Hauptsache, sie ist nett! Aber wenn ich wählen dürfte… Zwillinge wären toll! So, jetzt schlaf endlich!

Sie ging. Sie lächelte, denn ihr Paul war erwachsen geworden. Endlich. Sie hatte es geschafft.

Mit Klara wird sie sich später gut anfreunden, die beiden werden dicke Freundinnen.

Franziska sucht sich einen Job, wird selbstständiger, etwas ruhiger, beginnt eigene Wege zu gehen. Sie wird auch erwachsen. Gut so.

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Homy
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Erwachsenwerden: Der Weg zum Erwachsensein in Deutschland
Damit keine Katzenseele bleibt – oder machen Sie die Wohnung frei!