– Und wenn ich zurückkomme, will ich, dass die Wohnung geputzt ist! rief Frau Sommer, während sie schon halb aus der Tür war und diese so fest zuschlug, dass die Fensterscheiben im Treppenhaus vibrierten.
Luise, die gerade die Stufen hinunterging, zuckte zusammen. Einen Moment lang blieb sie wie angewurzelt stehen. Sie hatte gehofft, dass die Nachbarin sie übersieht. Fehlanzeige.
– Ah, Luischen Guten Morgen!
Frau Sommer stellte ohne viel Federlesen einen leeren Pappkarton, in dem mal ein Reiskocher war, auf den Boden und fing an, eilig die letzten Knöpfe ihres Mantels zuzumachen. Sie war offenbar im Stress.
– Guten Morgen, Frau Sommer, sagte Luise mit freundlichem, aber reserviertem Lächeln. Haben die Kinder schon wieder etwas angestellt?
– Was heißt angestellt! Mir reichts langsam schimpfte Frau Sommer und kämpfte mit dem letzten Knopf.
Plötzlich bewegte sich der Karton auf dem Boden.
Luise fuhr erschrocken zusammen, obwohl sie weit genug entfernt stand.
Angst hatte sie nie gehabt, aber sie hätte nie gedacht, dass in diesem Karton etwas Lebendiges steckt
Wer oder was kann da schon drin sein?, dachte sie verwundert.
In ihrer Fantasie erschien ein lebendig gewordener Reiskocher, der Gemüse durch die Gegend spuckte und deswegen zur Höchststrafe verurteilt wurde: den Wertstoffhof.
– Schau mal, sagte Frau Sommer und hob den Karton hoch, damit Luise hineinsehen konnte.
Vorsichtig trat Luise näher und spähte hinein.
Natürlich wusste sie, dass da kein lebendiger Reiskocher drin stecken konnte. Aber was sie erblickte, überraschte sie dennoch und erfreute sie.
Vom Boden des Kartons schauten sie zwei kugelrunde, neugierige Kateraugen an. Ein kleiner, schwarzer Kater.
– Mein Gott, wie goldig! rief Luise aus.
– Ach, du mit deinem Entzücken, brummelte Frau Sommer vernehmbar genervt und machte den Karton rasch wieder zu.
– Woher haben Sie ihn denn?
Die Kinder haben das Tier angeschleppt Ich bereue es mittlerweile, dass ich ihn behalten habe. So viel Arbeit mit dem Bengel, das kannst du dir nicht vorstellen! Er hat mich ja auch mit seinen Knopfaugen und dem süßen Gesicht erwischt aber wie man so sagt: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Außen ein Engel, aber vom Charakter ist er wie mein Ex-Mann.
– Ach, Frau Sommer, geben Sie ihm noch ein bisschen Zeit. Der wird doch sicher ruhiger, wenn er älter ist, versuchte Luise die Nachbarin aufzumuntern. Sie wollten sicher mit ihm zum Tierarzt, oder? Die Impfungen machen lassen?
– Geh bloß weg! Tierarzt? Impfungen? Mir reichts. Der kommt jetzt aufs Land raus, zu meinem Wochenendhaus da kann er machen, was er will.
Luise sah Sommer irritiert an und hoffte, sie mache einen Scherz.
Aber an ihrem frostigen Blick und den finsteren Brauen sah sie das war ihr voller Ernst. Und der Kalender zeigte auch nicht den ersten April, sondern den 15. November.
– Sie wollen den Kater jetzt, im November, raus aufs Land bringen?
– Ja! Meinste, ich soll bis zum Frühling warten? Ist doch egal! Wäre jetzt Hochwinter, dann würde ich auch nicht zögern. Das ist kein Kater, sondern eine Katastrophe!
Frau Sommer musste tief durchatmen nach so viel Aufregung und schwieg einen Moment.
Nach ein paar Sekunden fuhr sie fort:
– Du glaubst nicht, was der alles anstellt! Mehr Baldrian habe ich nicht mal gebraucht, als ich mit den Kindern allein war. Mein Entschluss steht fest. Er kommt aufs Land!
– Aber warten Sie doch…!
– Gut, man könnte ihn auch draußen im Hof lassen, da haben ihn die Kinder her, aber dann schleppen sie ihn bestimmt wieder rein und verstecken ihn im Schrank. Da habe ich keine Lust drauf. Nein, das reicht.
Sommer zog ihr Handy aus der Tasche, checkte die Uhr und seufzte:
– Jetzt hast du mich wirklich aufgehalten, Luischen. Ich muss los, sonst verpasse ich noch meinen Bus!
Sie nahm den Karton fester, drehte sich auf dem Absatz um und wollte die Treppe hinunter.
Luise blickte ihr hinterher es war ihr unverständlich, wie man einen kleinen Kater allein aufs Land bringen und dort aussetzen konnte. Der würde doch keine Nacht überleben!
– Frau Sommer, warten Sie! rief Luise.
– Was ist denn noch? Ich hab wirklich keine Zeit!
– Bringen Sie ihn doch nicht aufs Land. Geben Sie ihn mir, bitte! Ich finde sicher liebe Menschen, die ihn aufnehmen. Lassen Sie ihn bei mir!
Die Nachbarin stoppte.
– In gute Hände? Willste damit sagen, meine Hände sind schlecht? blinzelte sie lauernd und zog die Augenbrauen hoch. Ich hab mit diesen Händen zwei Kinder groß gezogen!
– Ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Aber der Kleine überlebt draußen nicht.
– Wers schafft, schaffts sonst wars halt sein Schicksal. Der soll draußen mal klarkommen!
– Ach bitte, machen Sie doch sowas nicht…
– Ich kann nichts dafür, das Tier passt einfach nicht ins Haus.
– Aber er ist doch noch ein Baby! Das wird schon besser. Und Sie bringen Ihre Kinder ja auch nicht aufs Land, obwohl Sie die ab und zu anbrüllen!
– Meine Kinder sind meine Kinder. Und Schluss. Wenn du willst hier. Nimm ihn.
Sie stellte den Karton ab und schnaubte:
– Mir solls recht sein, dann muss ich nicht fahren und spare noch die Fahrtkosten! Bin gespannt, wie lange du das durchhältst! lachte Frau Sommer hämisch.
Dann verschwand sie schnell in ihrer Wohnung, schlug wieder die Tür zu und Luise hörte sie rufen:
– Ich fass es nicht! Noch immer nicht angefangen zu putzen? Her mit euren Handys!
Luise bekam den Rest nicht mehr mit. Sie hob die Kiste sacht, versicherte sich, dass der Kater auch wirklich noch darin war, und ging die Stufen zu ihrer Wohnung hinauf.
So kam es, dass sie ganz unverhofft zur glücklichen Besitzerin eines Reiskocher-Kartons und
eines winzigen Katers wurde.
Eigentlich hatte Luise nicht vorgehabt, an diesem Tag ein flauschiges Mitbewohnertier aufzunehmen. Sie wollte nur kurz zum Rewe, neuen Kaffee kaufen der war plötzlich aus und war nun zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Zur Wahrheit gehörte: Mit Tieren fühlte sie sich meist neutral. Sie war sozusagen kein Hund- oder Katzenfan, wie manche, die ihr Leben nach ihren Lieblingen organisierten.
Aber Frau Sommer den Kleinen aussetzen lassen? Nein, das ging nicht.
“Herzlos ist nicht gleich gleichgültig,” dachte sie. So etwas macht man nicht.
Zumal warum sollte man zu so harten Mitteln greifen, wenn man doch sicher jemanden finden kann, der ein kleines Katzenkind aufnimmt? Und so ein hübscher kleiner Kater den wollte bestimmt jemand.
Man müsste nur ein paar hübsche Fotos machen, sie ins Netz stellen, und die Wohnungstür würde sich nicht mehr schließen vor Menschen, die ihr flauschiges Glück abholen wollen.
Gar kein Problem!
*****
Luise beschloss, keine Zeit zu verlieren. Kaum zu Hause, machte sie gleich Fotos von ihrem neuen Schützling und stellte sie in Foren in die Rubriken Kostenlos abzugeben und In gute Hände.
Danach machte sie sich entspannt auf in den kleinen Edeka um die Ecke, um Kaffee zu holen und
Katzenfutter. Irgendwie muss der Kleine ja versorgt sein, bis ihn jemand holt.
Mit dem Futter musste sie auch noch eine Katzenstreu-Schale und Streu kaufen. Das waren ungeplante Ausgaben, aber was sollte sie machen?
Das geb ich dann einfach dem mit, der ihn nimmt, dachte Luise und lächelte: Sie tat etwas Gutes. Kein Cent war hier verschwendet.
Laut Frau Sommer hieß der Kater Krümel, aber darauf reagierte er nicht. Also suchte Luise einen eigenen Namen. Sie war bei Vorschlag Nummer hundertdreißig, als sie entschied:
– Jetzt heißt du Emil. Ist das in Ordnung für dich?
– Miau! fand Emil und tobte in den Flur zu den Pantoffeln, die auch flauschig waren und Emil jedes Mal ärgerten. Immerhin er war doch das flauschigste Wesen in der Wohnung, und nicht etwa die Hausschuhe!
Luise musste lachen, während sie ihm nachsah. Danach setzte sie sich an den Laptop, um ihre Jobs als Fotografin zu erledigen. Sie liebte ihren Beruf, fotografierte regelmäßig Hochzeiten, Feste, Porträts und konnte gut davon leben.
Sie hätte ein paar Fotos der letzten Shootings dringend bearbeiten müssen. Kaum war Photoshop gestartet, begann Emil durch die Bude zu rasen, drehte Kreise und polterte, sodass man sein eigenes Wort nicht verstand.
– He, du kleiner Unfugmacher! drehte sich Luise zu ihm um und hob den Finger.
Emil hielt inne, sah sie an: Na, was willst du? Ich hab noch was vor!
Ich verstehe ja, dass dir langweilig ist. Aber du bist nur zu Besuch hier, vergiss das nicht
– Miau!
– Kein Wiederspruch! Sei bitte lieb und lass mich kurz arbeiten.
Das war wohl zu viel verlangt.
Emil starrte sie nachdenklich an (zumindest war sie davon überzeugt) und machte dann so einen traurigen Katzenblick, dass Luise das schlechte Gewissen überfiel. Wirklich! Sie hätte am liebsten im Erdboden versinken können.
Wie kann man so einen Kleinen ausschimpfen?
– Na gut, spiel weiter, aber leise! gab sie nach.
Der Kater flitzte los Türen, Stühle, ein Fußballprofi gegen die Wohnungseinrichtung.
Emil: Sieht Ziel, kennt keine Hindernisse, dachte sie.
Um nicht alles mitzubekommen, zog Luise Kopfhörer auf, hörte Musik und begann erneut zu retuschieren.
Keine fünf Minuten später schoss Emil bei voller Geschwindigkeit unter den Schreibtisch, zog mit der Pfote das Stromkabel aus dem Rechner und verschwand. Beweis mal, dass das die Katze war.
– Nicht dein Ernst Luise starrte auf den schwarzen Bildschirm.
Die nächsten zwanzig Minuten jagte Luise nicht nur den Kater durch die Wohnung, sondern stieß sich auch zwei blaue Flecken an.
Als der Rechner endlich wieder lief und sie ihr Zucken im linken Auge zu ignorieren versuchte, checkte sie gleich alle Foren: Wie kamen Emils Fotos an?
Likes gab es reichlich doch in den Kommentaren hieß es nur: So süß!, Was ein Schatz!, Großartiger Kater!. Aber adoptieren? Fehlanzeige.
Keine Privatnachrichten, kein Anruf, niemand stand vor der Tür, um Emil zu holen.
Also schrieb sie überall darunter, dass sie den Kater auch persönlich in jedes Viertel, jede Stadt, ja, bis ans Ende Deutschlands bringen würde.
Wahrscheinlich schreckt die Leute der Aufwand ab, jetzt meldet sich hoffentlich endlich jemand!, hoffte sie.
Während Emil nach seiner Flitzrunde am Sofa einschlief ausgestreckt, Bauch nach oben, ganz nach dem Motto: Lieb mich, wie ich bin setzte sich Luise dazu und streichelte den kleinen Kerl, bis beide einnickten.
So verschliefen sie den Rest des Nachmittags.
*****
Eine Woche später begriff Luise: Einen Kater in gute Hände zu vermitteln, ist alles, nur nicht einfach. Likes ohne Ende, nette Kommentare aber keiner meldete sich ernsthaft.
Drei Tage später ertappte sie sich bei dem Gedanken: Was, wenn ihn wirklich niemand nimmt? Muss ich Emil dann behalten?
– Prima, das habe ich gerade gebraucht, murmelte sie, und schalt sich im selben Moment.
Emil, der mittlerweile direkt neben der Tastatur schlief, die Computermaus innig umklammert, blinzelte auf einmal nur kurz und maunzte beleidigt: Hey, Ruhe bitte, ich halte Mittagsschlaf!
Luise seufzte, griff zum Handy und scrollte durch die Reaktionen. Alles beim Alten. Die Leute begeisterten sich für Emil, wünschten ihr Glück mit dem Kater aber niemand wollte ihn aufnehmen.
Mit jedem neuen Like und Kommentar schwand ihre Hoffnung, dass für Emil ein Zuhause gefunden werden würde.
Da fiel ihr ein, wie sie vor ein paar Wochen beim Psychotherapeuten war, um herauszufinden, was in ihrem Leben fehlt.
Arbeit: lief. Karriere: gut. Die eigene Eigentumswohnung (Dank an ihre Eltern) eigentlich alles da. Aber da war dieses nagende Gefühl was fehlt?
Mit Beziehungspausen hatte es nichts zu tun.
Der Psychologe riet ihr, ins Selbstgespräch mit sich zu gehen, tief nach ihren Wünschen zu graben irgendwo ganz unten, Marianengraben-Niveau meinte er. Am Ende bliebs bei einem Glas Wasser und Kopfschmerztablette. Das große Problem blieb verschwunden.
Sie fragte ihre besten Freundinnen.
– Du weißt doch gar nicht mehr, was du noch willst, weil du alles hast, meinte Anne etwas neidisch.
– Na ja, ich arbeite genauso wie jede andere. Luxus hab ich sicher nicht, konterte Luise.
– Weißt du, was dir fehlt? rätselte Marie und löffelte ihren Nachtisch. Fett. Du bist so dünn, da bekommt man Angst.
Das Gespräch brachte auch keine Erleuchtung. Luise beschloss, einfach nicht mehr drüber nachzudenken. Und doch kam das Thema immer wieder zurück:
Vielleicht war es das? War genau das das letzte fehlende Puzzlestück für mein Glück? Emil? Schauen wir mal.
*****
Seit dem Tag, an dem sie den flauschigen Untermieter aufnahm, war nun ein Monat vergangen. Die Zeit verging wie im Flug.
Kein einziger der 1.228 Menschen, die Emils Bilder gelikt hatten, wollte ihn wirklich nehmen.
Jetzt, nach dreißig Tagen, glaubte Luise zu begreifen, warum.
In diesem Monat war viel passiert so viel, dass es ein ganzes Buch füllen könnte.
Emil erwies sich als ausgesprochen schlau. Zum Beispiel verstand er sofort, wenn Luise ihn bat, das Sofa in Ruhe zu lassen. Ob er es auch umsetzte, war eine andere Frage.
Er hatte Ambitionen, die Wohnung als Interior Designer umzugestalten und brachte sie dazu, insgesamt viermal neue Vorhänge auszuprobieren, bis sie ein für alle Mal ganz darauf verzichtete.
Dann probierte sich Emil als Gourmet-Koch, testete alle Zutaten, die auf dem Tisch standen aber mariniertes Gemüse, Kartoffeln und Gewürzgurken waren allesamt durchgefallen. Am Ende blieb er lieber beim Katzenfutter.
Deshalb beschloss er, das zu tun, was alle Katzen irgendwann machen: ihrer Besitzerin einfach Freude schenken.
Für Luise bedeutete das: Weniger Schlaf, immer Arbeit und ständiges Lachen und Frust in gleichem Maße.
Sobald sie sich irgendwo hinsetzte oder -legte, kam Emil angeflitzt, blickte sie an, als wollte er fragen: Spielst du mit mir?
Und dann folgte Chaos. Zum Beschreiben fehlen einem die Worte.
Luise verstand Frau Sommer nun besser als je zuvor. Obwohl sie an ihrer Herzlosigkeit nichts gutheißen konnte. Sie selbst hätte Emil niemals weggeschickt. Egal, wie erschöpft sie manchmal war.
Es gab aber auch die schönen Momente, die alles Wett machten.
Zuallererst hatte Luise aufgehört, zu grübeln, was ihr im Leben fehlte dieses Thema erledigte sich von selbst.
Sie erledigte ihren Haushalt schneller und effizienter. Nicht, weil weniger Dreck da war, sondern aus der Not heraus, solange Emil schlief.
An Emotionen fehlte es nie. Luise war stolz, als Emil endlich allein aufs Katzenklo ging und sie nicht mehr mitten in der Nacht ihn hintragen musste. Sie hatte vor Glück geweint, als sie zum ersten Mal ein paar Stunden länger schlafen konnte.
Natürlich verliebte Emil sich in Nachttischlampen und machte das Ein- und Ausschalten zu seinem liebsten Nachtspiel Luise demontierte die Lampe letztlich und legte sie ins Deko-Lager zu den Vorhängen.
All das, all die Streiche das war der Alltag.
Und allmählich realisierte Luise: Sie war zu Gast bei Emil, nicht umgekehrt. Sie arbeitete tagsüber, er war der Hausherr. Er empfing sie, wenn sie heimkam, und verabschiedete sie morgens. Ein echter Kater-Chef!
Und plötzlich wurde ihr klar: Sie musste keine guten Hände mehr finden, denn sie selbst war diese gute, liebevolle Hand, bei der Emil alles sein durfte!
Sie nahm es in Kauf, jederzeit mit ihm zu spielen, ihn durch die Wohnung zu jagen, oder der halben Bettdecke Platz zu machen.
Ja, sie bereute nichts und liebte ihn weil sie einfach nicht anders konnte.
Und auch Emil hatte Luise lieb. Er weckte sie nicht mehr, damit sie für den neuen Tag ausgeschlafen war, sondern legte sich einfach still zu ihr, wartete, bis sie erwachte.
Nur ab und zu lag noch ein vorwurfsvoller Blick in seinen Augen: Wie lange willst du eigentlich schlafen, Chef? Ich vermisse dichLuise lächelte, als sie diesen Blick sah, und schob die Hand über sein schwarzes Fell. Noch zwei Minuten, Emil. Versprochen.
Er rollte sich zusammen, machte die Augen zu, und schnurrte, als wäre alles auf der Welt genau an seinem Platz.
Vielleicht hatte sie recht gehabt: Manchmal kommt das Glück nicht wie ein Wirbelsturm ins Leben, nicht als riesige Veränderung und auch nicht laut und dramatisch. Manchmal passt es gerade so in einen alten Reiskocher-Karton auf dem staubigen Treppenabsatz und schleicht dann leise Stück für Stück tiefer ins Herz, bis es einfach dazugehört.
Als Luise aufstand und den Tag begann, tapste Emil hinter ihr her, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Sie lachte, drehte sich zu ihm um und sagte: Na los, Hausherr. Zeig mir die Welt hinter der Balkontür! Die Sonne flutete durchs Fenster. Ein neuer Morgen, eine weitere Runde mit dem kleinen Kater. Vielleicht war ihr Leben chaotischer als zuvor aber irgendwie, dachte Luise, war es auch ein bisschen perfekter geworden.
Manchmal, so verstand sie nun, sucht man gar nicht nach dem fehlenden Puzzlestück.
Man findet es. Ganz einfach, während eine kleine, samtige Pfote beharrlich an der eigenen Seele kratzt bis man endlich aufmacht.
Und am anderen Ende wartet das Glück. Mit Knopfaugen, einem lauten, zufriedenen Miau und dem leisen Versprechen, dass heute ein ganz ausgezeichneter Tag wird.




