Ein Glas Milch
Weißt du, es ist nicht immer nur für die, die sowieso vom Leben gebeutelt wurden, schwer, sondern oft auch für die, die irgendwie neben ihnen stehen. Das hab ich, Verena Schuster, schon längst begriffen und das nach über acht Jahren im Sozialdienst. In der Zeit bin ich nicht nur ordentlich abgemagert und so spröde geworden, dass ich manchmal nur noch mit einem scharfen Spruch antworte, gerade wenn wieder jemand blöd über meine Arbeit redet. “Wer bist du eigentlich, dass du meine Arbeit beurteilen willst?!” hab ich dann immer gefragt und dabei blitzten meine grünen, schrägstehenden Augen so gefährlich unter dem rotblonden Pony hervor, dass die Leute gleich jegliche Lust auf weitere Blödheiten verloren. Oder sie sind gleich geflüchtet wohin und wozu auch immer. Deshalb hat man mich irgendwann auch “Verena die Pest” genannt.
All die Jahre hab ich für meine Leute eingekauft, wenn nötig bei ihnen sauber gemacht und mit jedem irgendwie einen Draht gefunden. Außer einmal damals gab’s richtig Ärger, als ein alter Herr mir eine Tafel Schokolade schenken wollte. Geschenke sind streng verboten, ich hab auch nie was angenommen, aber an dem Tag war ich eben schwach na ja, wie lehnt man auch für den lieben Gott eine Schokolade ab! Hab sie mit nach Hause genommen konnte aber nicht mal ein Stück abbrechen, hätt mir glatt im Hals gesteckt. Also hab ich sie dem Nachbarsjungen geschenkt und beim nächsten Mal eine weitere einfach abgelehnt. Der Herr hat sich dann beim Amt beschwert: “Ei, die Frauen heute reichen keine Schokolade mehr, sie wollen gleich einen Umschlag mit Geld…” Ich hab beinahe meinen Job verloren, aber an Widerstand lag mir gar nichts: “Dann kündigt mich halt ich bin doch auch nur ein Mensch und keine alte Fußmatte!” Rausgeschmissen haben sie mich aber nicht die anderen Leute haben sich für mich eingesetzt. Mit dabei war auch Anna Feldmann. Die mochte ich schon vorher, aber nach dem Vorfall da wurde sie mir fast wie eine Schwester, die ich eigentlich nie hatte.
Wir beide ziemlich ähnlich vom Schicksal: schon früh ohne Eltern, nur dass Anna von klein auf mit einer Behinderung lebt, während ich nach außen hin fit wirke. Aber hineinsehen magst du bei mir nicht meine Seele blutet, ist schüchtern und heult andauernd, da kommt nicht mal Anna so richtig ran. Nur eins verbindet uns total: Wir haben beide nie Kinder bekommen. Ich hab mich längst damit abgefunden, Anna gibt noch nicht auf. Die kann mich dann sogar ganz schön schimpfen, wenn ich schon wieder den Kopf häng. Und seit sie für ein Konzert in der Rehagruppe probt, ist sie richtig mutig geworden. Anfangs wollte sie von Auftritten gar nix wissen nicht zuletzt, weil auch Pfarrer Lukas, der oft zu Festtagen zu Anna kam, mit Geschenken und Gebeten, eher meinte, sie soll doch lieber bei ihren Stickereien bleiben. Das wär das Beste für sie, hat er gesagt. Ihre Hände sind nicht die flinksten aber dafür ist Anna stur. Erst stickte sie kleine Tücher, dann ein ganzes Leinenkleid mit feinen Ornamenten, leuchtenden Ranken und Fantasievögeln. Und es sah so klasse aus! Das Kleid schaffte es bis zur Landkreisausstellung fürs Kunsthandwerk hat sogar den ersten Preis gemacht. Und am letzten Tag der Ausstellung wurde es verkauft. Anna stimmte zu, klar. Als dann der Erlös kam es waren fast 500 Euro hat sie mich sofort angerufen und einfach losgeheult, weil sie ja nie vorher ihr eigenes Geld verdient hat und nicht wusste, was sie damit tun soll.
Locker bleiben wir brauchen das Geld schon!, hab ich gelacht, und dann aber etwas ernster: Kaufen wir halt noch Stoffe und Leinenkleider, da hast du Arbeit bis übernächstes Jahr! Sonst kommen dir noch komische Gedanken du weißt schon.
Anna hat damals nichts geantwortet, aber ich hab gemerkt, das tat ihr weh. Kein Wunder, sie wünschte sich in letzter Zeit immer mehr einen Mann. Klar, verheiratet zu sein das muss doch was Schönes sein. Sie hat aus irgendwelchen Rosamunde Pilcher-Filmen immer alles ganz genau gewusst was die Paare so reden, wie sie sich anschauen, aber bei ihr blieb das alles eine große Sehnsucht.
Nach dem Ausstellungserfolg hat sie dann einen Anruf vom Rehazentrum bekommen, ob sie nicht mal in eine Tanzgruppe kommen will sie wollten einen Duo-Tanz aufbauen.
Wie soll das denn gehen? Das ist doch völlig utopisch!, war Annas erste Reaktion, hat gleich aufgelegt, dachte bestimmt, man will sie veräppeln.
Aber die haben nicht locker gelassen, ihr überzeugt, dass sies wenigstens probiert wenns gar nicht läuft, dann wäre Ruhe.
Vielleicht hast du ja Glück!, meinte die rustikale Trainerin. Jetzt bist du Preisträgerin, jetzt kannst du auch zeigen, was sonst noch in dir steckt! Und keine Sorge das Sozialamt hat schon genehmigt, eine Betreuerin begleitet dich.
Mit wem werde ich trainieren?
Jemand wie du… Wir haben hier einige Duos. In Deutschland ist niemand alleingelassen! Jeder findet etwas, das zu ihm passt!, die Frau war so energisch, da kam man gar nicht mit Nachfragen nach.
Na gut, ist Anna kleinlaut eingewilligt.
Am nächsten Tag stand dann auch schon der Bus da mit so einem mürrischen Fahrer, kurzgeschoren, wirkt mehr als einschüchternd der Anna abholte, die ohne Mütze losfuhr, weil ich ihr noch rasch die Haare von den Lockenwicklern befreite. Im Bus saß schon ihr Tanzpartner, ein gewisser Alexander. Anna war richtig aufgeregt, hat ihm schüchtern die Hand gegeben und später erzählt, wie stark sich das angefühlt hat.
Im Rehazentrum haben der Fahrer und ich sie reingeschoben, durch den Eingang, bis in den Übungsraum Alexander steuerte selbst gekonnt seinen Rollstuhl.
Am Anfang lief da erstmal gar nix. Sie haben geschwitzt, wurden rot, haben die Taktschläge gezählt und sich verdreht. Wie schwer das war! Schon die Grundschritte waren ein Krampf vor der flexiblen, hochgewachsenen Choreografin, die leicht wie eine Libelle durch den Raum schwebte, und vor Alexander, und der kleinen quirrligen Margarethe, der Leiterin. Das sollte erst der Anfang sein! Dann Woche um Woche, zweimal pro Woche, immer mit mir an Annas Seite, wurde aus Improvisation irgendwann ein echter Tanz.
Fast die ganze Herbst- und Wintersaison hat Anna in der Tanzgruppe trainiert, das Sticken glatt vergessen, und plötzlich war sie ganz süchtig nach den Proben sie fuhr hin wie zur Lieblingsarbeit.
Auch heute war wieder ein Probentag und sie wartete schon ungeduldig auf mich. Ich war allerdings ziemlich fertg und still als hätte ich an dem Tag genug von Proben. Anna konnte nicht anders und meinte spitz: Na, warum so ne Flappe?
Gar nicht!, hab ich extra betont und die Stirn geglättet.
Sie hat gleich das Thema gewechselt: Na siehste, wir sind doch erst vierzig! Könnten genauso gut noch Familien gründen!
Ach, du schon wieder Ich hatte doch alles. Sieben Jahre war ich verheiratet hats halt nicht gehalten, weg war er. Hab ihm auch keinen Vorwurf gemacht. Ist halt die Strafe, weil ich damals wie ein Schoßhündchen Männern hinterhergelaufen bin. Das Schlimmste: Mama und Papa haben nie ein Enkelkind erlebt.
Vergangenes ist vergangen. Ich an deiner Stelle hätte hundert Mal wieder geheiratet!
Muss ich wieder Vorhaltungen hören?
Wenn du keinen Mann willst heute kann man auch alleine ein Kind haben.
Ja brauchst halt Kohle! Was glaubst du, was ich verdien?!
Aber ich hab gehört, das geht jetzt sogar kostenlos die ganzen künstlichen Befruchtungen
Lass uns morgen drüber reden In was ziehst du heute?
Lässt mich ja nicht mal ausreden Die rosa Strickjacke und den grauen Rock.
Du könntest auch mal das Konzertkleid anziehen dafür war es doch! Ist lang, du solltest dich daran gewöhnen.
Bei der Generalprobe, sonst mach ich es im Bus noch schmutzig!
Vor der großen Probe am nächsten Tag haben wir länger trainiert. Abends fuhr ich Anna dann heim, half ihr aus sie quatschte ununterbrochen, dabei war sie fix und fertig.
Ich hab sie dann eingepackt, in die Küche gesetzt, uns Tee gemacht, ein Glas Kekse und Schokolade hingestellt aber sie hat gar nicht hingeguckt, sondern plötzlich gefragt:
Wie wars bei dir eigentlich das erste Mal?
Was, das erste Mal?!
Na, mit nem Mann Anna lief rot an.
Erinner mich echt nicht
Lüg nicht. Du warst lang verheiratet, und jetzt läuft der Kollege, dieser Niklas, ständig bei dir rum.
Ist vorbei. Nach der Scheidung hat er zwei Monate bei mir rumgehangen, dann fand er ne Jüngere. Also wirklich, nichts, worum man mich beneiden müsste!, hab ich etwas schroff gesagt.
Aber Alexander mag mich das merke ich! Er schaut immer so
Ach was, dunkle Typen stehen gern auf Blondinen… Trag dir das bloß nicht zu schwer ins Herz! Am Ende wirst du nur unglücklich, glaub mir.
Erzähl trotzdem!
Keinen Bock. Schluss jetzt. Trink deinen Tee, leg dich aufs Bett, du bist ja völlig fertig…
Anna schwieg, und ich wusste genau, dass sie jetzt diesen Zustand hatte, vor dem ich sie immer gewarnt habe. Sie wird sich daran festklammern. Also schnell die Tassen gespült und in einem Satz an der Tür: Ich schließ ab, bin morgen Mittag da. Was brauchst du an Einkäufen?
Du weißt schon, murrte Anna und schloss müde die Augen.
Leg dich bloß hin morgen ist Generalprobe!
Keine Reaktion von ihr.
Mit den Tänzen bringt man sich echt noch um den Verstand!, murmelte ich, wollte schon nachschieben: Davon wird man ja blöd!, aber habs mir verkniffen.
Draußen dachte ich dann: Eigentlich müsste ich ihr jemanden suchen. Die Leute glauben immer, solche wie sie können nichts und sind völlig hilflos! Aber so, wie sie eben Niklas erwähnt hat ich hätte niemals so viel erzählen dürfen!
Als ich weg war, hatte Anna schon wieder ein schlechtes Gewissen, dass sie so schroff zu mir gewesen war. Obwohl ich auch nicht besser war hätte ihr ruhig zuhören können. Aber wem hätte sie denn jetzt erzählen sollen, was in ihr vorgeht? Schade, dass ich keine Gedichte schreiben kann, dachte sie, sonst würde ich ein Herz-Schmerz-Gedicht schreiben! Überhaupt kamen ihr die Tränen, das Herz zog sich schmerzhaft zusammen, sie bekam kaum Luft vor lauter Verliebtheit und Kummer sie versuchte an alles außer Alexander zu denken, aber das ging natürlich nicht. Sein dunkelbraunes Haar, die großen, tiefen Augen, da könnte man sich drin verlieren. Und seine kräftigen Hände! Am Anfang hatte sie wahnsinnige Angst beim Drehen, aber mit Alexander war nichts mehr schlimm. Sie wurde immer sicherer und bekam auch immer öfter Lob von der Choreografin: Super, Anna! das ging runter wie Öl.
Sie merkte selbst: Es lief! Der Tanz sitzt aus dem Effeff, und auch die Angst, vor Alexander und mir oder dem immer bastelnden Elektriker im lustigen Overall, verschwand.
Nur vor der Generalprobe hatte sie Lampenfieber, besonders weil sie sich fragte, wie es wohl nach dem Auftritt weitergeht. Sie würde Alexander danach überhaupt noch sehen? Würde sie wie andere endlich auf ein echtes Treffen hoffen dürfen? Oder blieb es für immer aus nie würde sie ihn zu sich einladen, allen Nachbarn zeigen, sie hat einen Mann oder bliebe die einzige Freude die Probentermine?
Deshalb wollte sie morgen besonders glänzen alles sollte sitzen, ohne einen einzigen Patzer, vielleicht würde man sie dann öfter für Auftritte anfragen.
Am Morgen bereitete Anna schon früh ihr Konzertkleid vor ein tief lilafarbenes, mit Pailletten und Glitzersteinen, hauchdünner Seide. Es schimmerte lebendig, glitt zwischen ihren Fingern davon. Sie stellte sich vor, wie sie wohl darin aussieht – wie war das mit danach? Daran wollte sie lieber nicht denken. Sie würde beim Auftritt nur auf die Musik hören, sich nach Alexander richten und bloß keinen Fehler machen niemand sollte sagen: Was hat die denn drauf
Noch mittendrin in ihren Gedanken plötzlich klappert ein Schlüssel, die Tür geht auf.
Na, Star, bereit für die Generalprobe?, kam ich rein, ein wenig spöttisch, aber liebevoll.
Irgendwie schon Bin aber total nervös!
Das ist gut heißt, du bist kein gefühlloses Holzklotz. Los gehts, lass uns langsam fertig machen.
Wir haben uns ewig fertig gemacht, und den grantigen Busfahrer gebeten, heute eine Runde früher zu kommen. Anna wollte als Erste im Konzertkleid umziehen und sich daran gewöhnen, die Aufregung in den Griff bekommen. Als wir im Kulturzentrum ankamen, hatte sie sofort das Gefühl, dass alle nur auf Alexander und sie starrten er im schicken dunklen Anzug und sogar mit einer anderen Frau auf dem Arm.
Hinter der Bühne, kurz vor dem Auftritt, kommt Alexander zu Anna gefahren, gibt ihr einen Kuss auf die Wange und meint beruhigend: Keine Sorge, das klappt schon!
Sie nickt und fühlt, wie ihre Wange vor Aufregung brennt; sie will sich am liebsten die Hand drauflegen. Dann tippt sie plötzlich jemand an der Schulter an. Sie öffnet die Augen, da lehnt Alexanders Begleiterin mit Krückstock an ihrer Seite.
Keine Panik, das wird gut!, flüstert die Frau.
Wer bist du denn?, fragt Anna mit einem unguten Gefühl.
Alexander kommt jetzt auch dazu und sagt ruhig: Anna, das ist meine Frau Stefanie.
Sie nickt respektvoll sieht plötzlich an Alexanders rechter Hand einen Ehering, den sie noch nie bemerkt hat. In diesem Moment alles, alle Träume, brechen zusammen wie eine Sandburg, als wären sie nie gewesen. Sie bekommt kaum Luft, alles schwimmt vor ihren Augen
Irgendjemand fängt sie auf. Als sie wieder zu sich kommt, schaut sie mit leerem Blick ins Rund, sackt wieder zusammen.
Was ist mit Anna Feldmann? Was ist los?, bellt Margarethe, die Chefin, rauh, die normalerweise immer so fürsorglich ist und jetzt wirkt wie ein zusammengezogener Bohnenstängel.
Sie muss heim!, sage ich fest. Sie ist einfach am Ende, sieht man doch.
Sie braucht einen Arzt nicht die Couch! Wir haben monatelang mit ihr gearbeitet das Drehbuch ändere ich nicht!
Ob es an den Worten lag, weiß ich nicht Anna schlägt irgendwann die Augen auf, schämt sich aber so, dass sie auf keine Frage antwortet; auch im Bus nach Hause bleibt sie stumm. Kurz vor dem Haus stößt sie mich an:
Wo ist Alexander?
Musste weitermachen. Probt seine alte Nummer mit jemand anderem. Du bist eben wie eine Porzellan-Dame eingeknickt. Aber weißt du was? Ist besser so du brauchst diesen ganzen Zirkus nicht! Pfarrer Lukas hats doch immer schon gesagt!, sage ich ein wenig scharf.
Anna war tief beleidigt.
Zu Hause hat der Busfahrer sie noch ins Bett befördert, sie ließ sich im Konzertkleid einfach auf die Matratze fallen.
Na, das haben wir doch geschafft!, meint der Fahrer, erstmals richtig freundlich.
Joah, geschafft Alles Gute und auf Wiedersehen!, witzle ich und schicke ihn raus. Dann setz ich mich zu Anna: Und, erzählst du jetzt mal, was los war? Frag meine Augen, die ihre suchen.
Anna antwortet nach minutenlangem Schluchzen ganz klar: Alexander ist verheiratet
Ich musste beinahe lachen, dachte, da wär jetzt was ganz Schlimmes passiert und dann das.
Wirklich? Hast du dir da was ausgemalt, Herzchen?
Geh einfach, Verena! Lass mich in Ruhe! Ich schaffs auch ohne dich. Du bist ein richtig böser Mensch, die blöde Pest!
Wenn Anna das grimmig rausgefeuert hätte, wär ich sicher wütend geworden. Aber so sie flötete das fast weinerlich. Trotzdem, ihre Worte taten mir verdammt weh. Ich konnte es kaum glauben. Wegen so ausgelutschter Liebesfantasien entscheidet sie sich, alles zwischen uns zu zerstören ich war ja ihre Einzige, denn Verwandte hat sie kaum noch, und die wollten mit ihr nicht wirklich zu tun haben. Jahrelang war ich wie ihre Schwester. Und jetzt alles aus? Kann das wirklich sein? Bisher haben andere Pfleger halt Essen gebracht, mal kurz sauber gemacht und tschüss. Ich hab bei ihr auch samstags Filme geschaut, gekocht, gewaschen, manchmal sogar übernachtet! Und jetzt blöde Pest!
Na vielen Dank, Anna!, sage ich bitter.
Ich hab mich äußerlich gefasst, aber als ich heimging, haben mir die Beine gezittert. Morgen bitte ich um Versetzung, echt! Oder ich hau ganz hin die suchen doch eh überall Erzieherinnen für Kindergärten. Hab ich nach der Ausbildung auch geschafft, und keiner hat mich Pest genannt!
Daheim blieb der Herd kalt, ich hab nur Tee mit Keksen gepichelt und mich auf den alten Couch gepflanzt. Was soll ich sagen Generalprobe war auch für mich anstrengend. Beim Einschlafen kamen mir nochmal Annas Worte: Soll sie doch mal allein sein ein, zwei Tage. Dann wird sie sich schon wieder einkriegen, unsere Preisträgerin!
Dann endlich ich bin richtig weggepennt. Werde erst von einem Anruf geweckt. Es war Pfarrer Lukas, und mir rutschte das Herz in die Hose draußen war es schon stockduster.
Frau Schuster, kommen Sie bitte sofort zu Anna ins Krankenhaus. Sie muss begleitet werden
Mir blieb die Luft weg und fiel sofort wieder ein, dass ich in der Hitze des Gefechts Annas Wohnung nicht abgeschlossen hatte. Da musste was wirklich Schlimmes passiert sein. Ohne richtig zu wissen wie, zog ich mich an und stürmte zum Haus gerade, als ein Notarztwagen vorbeifuhr, dachte ich: Hoffentlich ist das nicht sie Am Haus warteten schon die Polizei, der Pfarrer, Nachbarn.
Was ist mit Anna?, frag ich den hochgewachsenen Lukas.
Vermutlich Vergiftung Sie hat kurz vorher angerufen, ging ihr ganz schlecht, sie bat mich zu kommen. Dann fand ich sie auf dem Boden, Tabletten verstreut, rief Notarzt und Polizei.
Ein düsterer Polizist mit zu kurzer Uniform fragte: Wer sind Sie?
Betreuerin Sozialarbeiterin komm regelmäßig zu Anna. Was ist passiert?
Sie wollte wohl aus dem Leben gehen!
Sie lebt wie ein Engel was für ein Quatsch!
Irgendwer hat sie in die Enge getrieben. Das wird die Ermittlungen zeigen. Haben Sie einen Wohnungsschlüssel?
Natürlich
Kommen Sie bitte mit. Bitte alle elektrischen Geräte abschalten; ich verschließe anschließend die Tür. Dann fahren Sie mit zur Wache zur Stellungnahme.
Was? Ich war erst vor einer Stunde da, alles war in Ordnung!
Dann eben nicht ganz. Ihre Version gleichen wir mit Annas ab falls sie überlebt.
Reden Sie keinen Unsinn!
Mit den Nachbarn ging ich durch die Wohnung, schaltete aus, räumte alles raus auch die Sachen aus dem Kühlschrank.
Können Sie die Lebensmittel auf den Balkon stellen?, meinte der Polizist.
Verderben doch!
Besser so.
Ich wollte Annas Handy mitnehmen. Lassen Sie alles liegen!
Hab alles erledigt wie gesagt, danach ab auf die Wache. Ich hab alles ganz genau geschildert, und der Polizist grinste: Hat sie das aus Liebeskummer gemacht?
Ja, Papperlapapp, was sonst!
Na, dann können wir ja alle entspannt sein. Gehen Sie heim!
Ich hab mir aber ein Taxi genommen und bin direkt ins Krankenhaus. Im Aufnahmezimmer fragte ich: Ist Anna Feldmann da, die mit der Vergiftung?
Wird gerade in der Intensivstation behandelt. Sie lebt wieder.
Was für ein Glück! Kann ich zu ihr?
Sind Sie verrückt? Früher als in drei Tagen dürfen Sie niemanden sehen und das auch nur, wenn sie von der Intensiv runter ist. Wegen Grippe ist eh alles dicht. Wer sind Sie überhaupt ihre Schwester?
Ihre Freundin
Wir dachten schon, sie hätte niemanden, gähnte die Schwester.
Kann ich ihren Rollstuhl bringen?
Den kriegen wir von der Klinik. Rufen Sie an, wenn sie der Arzt wieder gehen lässt!
Zu Hause war es leer, kalt, und ich fühlte mich schrecklich einsam. Nicht mal jemand zum Anrufen. Den ganzen Abend starrte ich aufs Telefon es blieb stumm. Am nächsten Tag rief ich im Amt an, berichtete, bat dringend darum, Anna nicht jemand anderem zu geben.
Sie bleibt natürlich Ihre Klientin, keine Sorge!, meinte die Chefin, die schon alles wusste.
In den nächsten Tagen rief ich laufend im Krankenhaus an, wollte wissen, wie es Anna ging, aber sie meldete sich nicht. Am vierten Tag klingelte abends das Telefon eine fremde Stimme.
Frau Schuster?
Die bin ich.
Hier ist Schwester Karin aus dem Krankenhaus Anna bittet Sie, morgen zu kommen. Sie kann Sie leider nicht sehen, aber Sie können unten am Fenster stehen. Station zwei, drittes Fenster von links, direkt gegenüber vom Haupteingang. Anna wartet morgen um eins.
Darf ich ihr was bringen?
Nichts wir haben Grippe-Quarantäne.
Nicht mal Blumen? War doch Frauentag!
Nichts, gar nichts!, die Schwester war resolut.
Nachmittags hab ich meine Leute versorgt und bin dann zur Klinik, stand pünktlich vor dem Fenster. Erst war alles leer, dann kam Anna blass, sichtlich mitgenommen, aber ihre Augen strahlten. Sie wollte unbedingt etwas sagen, reckte sich ans Fenster, aber wie redet man durch zwei dicke Scheiben? Nach ein paar Minuten hielt sie ein Blatt hoch, da stand in riesigen Buchstaben: ENTSCULDIGE. Ich winkte, grummelte Ach komm, ist vergessen, aber innerlich war mir total warm ums Herz, dass Anna weicher wurde und nicht mehr sauer war. Echt stark von ihr! Ich tat ihr ein Zeichen zum Tschüsssagen, winkte, tippte ihr zu, sie solle anrufen und ging, ein wenig selig, zurück zum Ausgang.
Während ich durch das schmelzende Schneematsch stapfte, merkte ich, wie warm die Sonne schon wieder den Platz am Rathaus vergoldete, wie alles neu aufblühte, weiße Kuppeln im Licht glänzten. Da wusste ich jetzt ist wirklich Frühling da, die ganz schlimmen Sachen hat der kalte, wahnsinnig lange Winter mitgenommen. So hab ich mit einem Mal verstanden, dass all der Kummer jetzt verblasst, und Tränen der Freude stiegen mir auf. Jetzt ist wieder gut, Anna du kleine Ziege!, dachte ich und musste lächeln.





