Ganz normale Leute

Ganz gewöhnliche Leute

Auf den Straßen war heute ein Mordsbetrieb, wie so oft im deutschen Frühling, wenn die Menschen in Hamburg es endlich nicht mehr erwarten können, bei ungewohnten Sonnenstrahlen ihre Wintermäntel von sich zu werfen. Die grauen Schneereste wurden von den Stadtreinigungsfahrzeugen schon längst fortgespült, kleine Bäche liefen silbern glitzernd die Budapester Straße runter, hin zur Michaeliskirche. Auch dort herrschte heute reges Treiben. Aus einem Kleinbus flatterte eine Gruppe von Menschen: Frauen in Kleidern und Kopftüchern in Pastellvom zarten Himmelblau über Pistazie bis Weiß. Die Tücher standen ihnen erstaunlich gut. Die Männer erschienen in eleganten Anzügen, gebügelte Hemden, Krawatten, Schuhe, als könnten sie sich im Schaufenster spiegeln.

Aus einem kleinerem Auto stieg eine Frau, offensichtlich konzentriert und angespannt.

Melanie! Was machst du denn da allein, Melanie? Warte doch, ich hätte dir geholfen! Ihr Mann Florian umrundete das Auto im Laufschritt.

Schrei nicht so, Flori. Der Max schläft gerade, tu uns den Gefallen! Ach, ich habe irgendwie Angst flüsterte Melanie unsicher. Es war ihr erstes Kind und sie hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie man Säuglinge taufte. Was, wenn ihr kleiner Max wie letzte Woche beim Baden wieder so losbrüllt, dass sie den Kinderarzt rufen mussten? Damals kam die phlegmatische Dr. med. Karin Hoffmann, atmete einmal durch, prüfte kurz den Mutterblick und trat durch den Flur ins Kinderzimmer zu der jungen Mutter und dem sich windenden Baby.

Legen Sie das Kind ab, ordnete Karin an.

Wie bitte? Was soll ich tun? Melanie blickte sie verständnislos an, der Säugling in ihren Armen zappelte weiter.

Das Kind hinlegen, nicht schütteln wir den letzten Dinkelriesen! Die Knochen im Kopf sind you see, noch nicht fest verschraubt! Frau Dr. Hoffmann sagte das so trocken, dass es direkt ins Ohr schnalzte.

Um Himmels willen! rief Melanie und sah ihren Mann entsetzt an.

Florian grinste nur. Seine Melanie, selbst noch halb ein Kind, hat ihm einen Sohn, den Erstgeborenen, geschenktaber erziehen? Da tappten beide im Dunkeln.

Los, leg ihn ab! Na sieh mal einer an Ein echt stämmiger Kerl! Und ganz der Papa schau dir mal die Ohren an! schwärmte die Ärztin.

Florian reckte sich stolz. Endlich sagt es mal jemand, nicht wie die Schwiegermutter, die immer nur von Melanies Genen und der Linie ihrer Mutter schwärmte. Aber das hier, der Max, ist eindeutig ein Habermann! Besonders die Nase. Die Ohren könnten sich noch rauswachsen.

Eine richtige Denkerstirn, da stecken bestimmt ganz viele Pläne drin! Karin musterte das Kind. Papa, können Sie bitte das Fenster schließen? Sonst kurieren wir gleich die nächste Mittelohrentzündung!

Florian gehorchte prompt.

Aber sagen Sie mal, Doktor, was hat er denn? So hat er vorher nie geschrien

Naja, da will jetzt ein richtiger Kerl durchbrechen. Hätten Sie ein Mädchen bekommen, wäre das was anderes. Bei Jungen ist das eben so. Und der Papa hat sicher als Baby auch ordentlich Alarm gemacht, oder? Karin zwinkerte. Währenddessen untersuchte sie Max gekonnt, spreizte Beinchen, lockerte Fäustchen.

Bauchweh, ganz klar lautete schließlich ihre Diagnose. Ich schreib Ihnen was auf. Und jetzt entspannen Sie sich mal, Mama! Ihr Junge ist gesund und kräftig. Sie selbst sehen leicht gerupft aus, ehrlich gesagt. Jetzt geben Sie ihm bitte einen Schnuller.

Wir lehnen Schnuller kategorisch ab! platzte Florian mit großem Ernst heraus.

Ach? raunte Karin, scheinbar gleichgültig. Melanie Ach ja, Müller, stimmt. Gut, geben Sie das Kind dem Vater, wickeln Sie es kurz straff ein, und dann ab in die Küche.

Melanie schüttelte erst den Kopf, dann gab sie seufzend den kleinen Max an Florian ab.

Na bitte. Und jetzt: kommen Sie, liebe Frau, wir trinken was. Tee! Tee meine ich! Sie sind wie Kinder, ehrlich! Karin lachte und zog Melanie zum Küchentisch.

Florian stand mit Max am Fenster und versuchte, ihm zu erklären, dass die Welt gar nicht so schlimm ist.

In der Küche war es dämmrig, angenehm kühl und es duftete nach frischem Kaffee.

Sehr schön Wasserkocher da, Zucker da, Tee machen wir auch und was zum Naschen? Karin musterte Melanies Reich.

Melanie stellte zwei große Kaffeetassen auf den Tisch. Sie hatte bisher nie erlebt, dass eine Notärztin so war.

So wie was? Karin schob milde lächelnd nach.

Melanie zuckte zusammen. Sie dachte wohl schon laut, das konnte kein gutes Zeichen sein.

Na so menschlich eben. Nicht diese Besserwisserei. Warum ist es gut, Kinderärztin zu sein? Man kann alle Krankheiten! Hab nie meine Zweifel. seufzte Melanie.

Karin zuckte nur. Hätte Melanie gewusst, wie chaotisch Karin als junge Mutter war, trotz Medizinstudium…

Um Sie belehren? Lesen können ja jetzt tatsächlich alle, notfalls hilft Google. Die Probleme sind überall gleich. Und Sie sind aufmerksam. Thermometer schwimmt schon im Badewasser, der Bademantel ist frisch, Kind sauber. Trinken Sie Ihren Tee, solange Sie Zeit haben! Karin schob ihr, wie von Zauberhand, eine heiße Tasse rüber. Sie haben sich nur erschrocken, dass Ihr Max mal richtig Stimme gezeigt hat. Muss auch mal sein! Aber ich kann auch schimpfen, wenn Ihnen das besser tut? schmunzelte sie.

Bitte nicht piepste Melanie und war plötzlich ganz den Tränen nah.

Was ist denn los jetzt? Karin zuckte zusammen.

Ich bin müde. Ich will nur schlafen. Max trinkt wie ein Weltmeister, kann nasse Windeln nicht leiden, ich schlafe nicht mehr Der Alltag, Semesterstress, drei Klausuren warten noch Ich mag nicht mehr! Melanie schluchzte.

Karin sah sie nachdenklich an.

Haben Sie keine Hilfe? Familie? fragte sie, während sie routiniert das Tablet bediente.

Doch aber Florians Eltern wohnen weit weg, und meine Meine Eltern wollten die Hochzeit nicht, erst recht kein Kind. Nun lieben sie Max, aber meine Mutter hat mir gleich gesagt, dass ich erstmal studieren sollte. Wir haben gestritten. Nun hilft sie nicht. Bin ich selbst schuld? Melanie trank, schloss kurz die Augen.

Schuld? Dafür, dass Sie Mutter geworden sind? Eine Denkerstirn geschenkt bekommen haben? Na, aber mit Extras! Der wiegt schon vier Kilo sechshundert… Karin grinste.

Ja, mit Restbrötchen, Melanie schmunzelte. Peinlich, so glücklich zu sein, was?

Absolut! Sie kleine Räuberin, so einen Gewinn abgestaubt! Essen Sie jetzt was. Hören Sie? Karin horchte. Es ist ruhig. Ihren Männern dient eine Pause. Wahrscheinlich brauchen Sie keinen Schnuller. Essen Sie, ruhen Sie sich aus. Ihr Sohn schläft jetzt sicher wie ein Stein. Sie dürfen auch endlich mal. Hier, eine Liste: Bauchmassagen, Stuhl beobachten, nicht durchdrehen legte sie einen Zettel ab.

Karin strich ihr übers schmale Schulterchen und ging.

Melanie aß, wie ein Eichhörnchen kurz vor Winter: Frikadelle, dazu Tee mit Apfelmusdie hatten sie am Markt mitgebracht. Dann fiel sie auf dem Sofa in der Küche um und schlief, das Plaid griff sie nicht mehr.

Es kam ihr vor wie gestern.

Jetzt stand Melanie im cremefarbenen Kleid und mit Max auf dem Arm vor dem Seitengebäude bei der Kirche. Heute wird Max getauft, und Melanie hat wieder Lampenfieber.

Mel, jetzt ist es so weit! Gib mal meinen kleinen Spatz her! säuselt Florian und geht auf die Gäste zu.

Gleich gehen sie ins Taufzimmer. Max wird vielleicht kurz jammern, dann seine Himmelblau-Augen aufreißen, die Deckenmalereien bestaunen und vor lauter Überraschung vergessen, zu schreien. Die Gäste grinsen, die TaufpatinMelanies Freundin, die kaum älter ist als sienickt zufrieden.

Max ist echt ein zäher Bursche! flüstert sie. Gut gemacht, ihr beiden.

Dr. Karin schlendert währenddessen durch das schmiedeeiserne Tor auf den Kirchvorplatz, bekreuzigt sich.

Sie weiß, im Gegensatz zu dem Typ mit der abgewetzten Cordmütze, der mit skeptischem Blick zum goldenen Kreuz sieht, ganz sicher: manchmal hilft nur noch der liebe Gott oder wie man ihn sonst nennen will.

Sie könnten die Mütze abnehmen, junger Mann. Gehört sich so! gibt Karin trocken zurück.

Der Mann zieht sie gequält, zeigt seine lichter werdende Platte und kämmt die paar Haare mit der Hand zurecht. Karin schüttelt den KopfTraditionen? Fehlanzeige!

Danke, dass Sie mich jung nennen, immerhin, brummt er und beobachtet zusammen mit Karin das junge Elternpaar.

Es sind schöne Taufen. Die beiden und ihr Junioreine ordentliche Familie, sagt Karin und tritt nicht näher zu Melanie; die erkennt sie vermutlich gar nicht mehr.

Taufe wie Taufe. Aber dieses Theater für den Kleinen seufzt der Mann.

Sie haben keine Ahnung, mein Bester Karin zuckt mit den Schultern.

Martin, wir müssen ihn taufen lassen! Ich sags dir, dann wird alles besser. Vielleicht wird unser Paul dann endlich gesund! Sie flehte schon, aus Angst und Erschöpfung.

Karin hat selbst einen Sohn mit Martin bekommen, Paul, großes Glück! Beide jung, beide auf Zack, und sieKinderärztin! Was soll da schiefgehen?

Martin läuft stolz durch Hamburg, trinkt mit Kollegen auf den Nachwuchs, plant, Paul später das Angeln beizubringen, ihm den Unterschied zwischen Kettensäge und Hackklotz beizubringen und so weiter.

Aber mitten in dieses Glück platzte der Anruf aus dem Krankenhaus.

Kritisch. Die Chancen gering. Gibts denn so etwas!

Was? Wie meinen Sie das? keuchte Martin ins Telefon. Er blickte in die Runde, sackte auf einen Hocker. Ich kapiere es nicht

Wie kann das sein? Eine Mutter, Ärztin, und plötzlich sitzt der eigene Sohn mit Infektion auf der Intensiv. Unfassbar ungerecht!

Es folgten Kliniknächte, Medikamente und Schläuche am Kinderkopf, Tränen bei Karin und Martins unnachgiebige Wut, lauter Streit mit der Pflege und der Oberärztin, Frau Dr. Lisa Engelbrecht.

Und? Sag mir gefälligst die Wahrheit! Wer war schuld? WER!? schlug Martin so aufs Pult, dass die Tassen im Schwesterzimmer klirrten.

Was spielt das jetzt für eine Rolle, Martin? Die beiden kommen bald raus. Sie brauchen Ruhe, ein bisschen Pflege, Vitamine Ach komm, lass uns einen kleinen heben, Lisa sah auf die Uhr.

Du bist eh nie im Dienst! Ich wundere mich, dass du nüchtern bist! knurrte Martin. Fressen, Lisa, machen Schweine. Aber meine… meine beiden… Er deutete zur Tür, auf seine Familie im fünften Stock. Pass auf sie auf, sonst setzt es was!

Und knallte die Tür so laut zu, dass gleich der Türrahmen zerbrach.

Seither hat Lisa die Familie nie wieder besucht, Feste, Grillen am Elbstrandalles vorbei. Gekränkt. Bis heute.

Paul entließ man irgendwann nach Hause, Martin fuhr die beiden im Taxi und trug sie vorsichtig ins tadellos geputzte Altbauzimmer.

Martin, ich liebe dich. Dich und unseren Paul! Karin weinte und küsste ihn.

Das Baby weinte, also fütterten, badeten und wiegten sie den Kleinenes schien vorüber zu sein.

Doch nach einer Woche wieder Fieber, Ausschlag.

Schwaches Immunsystem. Vielleicht wieder Klinik, konstatierte die Vertretungsärztin. Karin, Sie wissen das. Wir haben schlimmere Fälle durchgebracht! Reiß dich zusammen, Mädel!

Reiß dich zusammendas knallte Karin wie eine Ohrfeige. Alles tat weh. Sie fühlte sich nutzlos, unfähig. Ein Arzt, und das eigene Kind krank.

Heraus aus diesem lähmenden Nebel zog sie Veronika, die quirlige Reinigungskraft.

Das Backsteinhaus mit seinen dunklen Fluren machte Karin immer missmutig. Wieviel Zeit kommt da noch? Wie viele Spritzen? Paul schrie, als ginge die Welt unter.

Dabei hat Karin angeblich schon alles Mögliche gemeistert. Nur mit dem eigenen Kind, da hilft keine Routine. Statt kalter Professionalität war da plötzlich blinde, willenlose Mutterliebe. Und wie jetzt klar im Kopf werden?

Na, der hat ja eine Stimme wie Pavarotti! pfiff Veronika, das Wischwasser schwenkend. Ich sags Ihnen, der wird mal großer Fußballfan, ruft lauter als der Schiri!

Anfangs nervte Karina die ständige Parallele zu Falsett-Größen Aber immerhin, Veronika war nie mitleidig. Sie lebte einfach, überzeugt, dass Paul schon wieder wird.

Veronika, wie Karin bald erfuhr, hatte auf dem Land fünf Geschwister großgezogen. Immer glaubte sie: Hauptsache überleben, der Rest kommt.

Sie war sich sicher Paul packt das.

Es ist schon warm draußen! Die Enten sind zurück. Paul wird das lieben, plapperte Veronika. Kurz darauf der Satz, der Karin schockierte:

Der wird mal bei jedem Bundesliga-Spiel die Fan-Kurve beschallen, wetten? sagte sie, während sie weiter klappernd den Flur putzte.

Und Karin spürte zum ersten Mal: Ihr Sohn hat ein ganzes Leben vor sich, mehr als nur diese Krankenhauszeit.

Sie träumte davon, wie Paul ein kräftiger Kerl auf der Tribüne Fußball schrie, bis ihn der Torwart auf dem Rasen hörte.

Karin erwachte am nächsten Tag erholt.

Ich habe einfach aufgehört, Angst zu haben lächelte sie Martin zu. Er drückte sie wortlos.

Wenig spät überzeugte Veronika Karin, Paul taufen zu lassen.

Nicht schwer. Und dafür gibts einen Schutzengel for free! Alle meine Geschwister sind getauft, ich hab meinen Frieden. Wer kann schon überall aufpassen?

Erst zweifelnd, dann stimmte Karin zu.

Martin, dann wird er weniger krank. Es klingt verrückt, aber Ich regel das schon. Zu Liebe! sagte sie.

Sag, schlägst du jetzt völlig über? schimpfte Martin, schalt dann aber leise aus Rücksicht auf den Schlaf.

Martin, überzeugter Atheist wie seine Familie, war entsetzt.

Aber seine Frau flehte, also ließ er sich breitschlagen.

Die Taufe wurde ein kleiner, intimer Kreis. Als der Pastor Paul in die Taufwanne tunkte, schrie er natürlich prompt los. Martin hielt es nicht aus, riss seinen Sohn aus den Armen des Pastors, wiegte ihn und verschwand wortlos aus der Sakristei.

Karin und der Pastor sahen sich nur an und zuckten mit den Schultern.

Keine Sorge. Gott sieht alles. Für echte Vaterliebe gibts eine Extrawurst im Himmel, flüsterte der Pastor.

Danach wurde das Thema nie wieder angeschnitten. Es gab Kaffee, Butterkuchen, ein netter Nachmittag.

Richtig oder falschjedenfalls wurde Paul gesund, hörte auf, ständig zu kränkeln. Karin hielt das für ein göttliches Geschenk.

Wenn Melanie heute wüsste, wie unsicher Karin mal warsie wüsste, alle Mütter fahren hin und wieder gegen die Wand. Manche zeigens, manche nicht, aber am Ende strauchelt jede. Und ist müde

Als Paul sieben war, schlenderte er mit Butterstulle durch die Hamburger Gassen, als ihm plötzlich eine verwahrloste schwarze Gestalt begegnete.

Es war ein ausgehungertes, von Marktschreiern gejagtes Hundevieh. Der Hund fletschte die Zähne. Paul schluchzte, schmiss das Butterbrot fort, überlegte schon zu rennen.

Da legte sich eine starke, warme Hand auf seine Schulter.

Still stehen bleiben. Sie wirds schon merken und weggehen, hörte Paul einen Männerstimme.

Der Hund sah sie an, schnappte sich das Butterbrot und verschwand.

Paul erzählte abends sofort, wie durch ein Wunder überlebt zu haben, und von dieser beruhigenden Hand.

Das war ein Engel, Paul. Dein Engel, raunte Karin.

Und Martin? Schriebs innerlich Gott gut was will man sagen, mit den Jahren glaubt man zunehmend an etwas da oben…

So stand Karin auch jetzt, an die Kirchenmauer gelehnt und beobachtete Melanie und Florian mit Max. Ihnen wirds gut gehen. Ganz bestimmt.

Sie schob das Tuch zurecht und schritt die helle Straße hoch. Sonnenlicht spiegelte sich in den Pfützen. Ganz Hamburg glänzte und war bereit fürs Frühlingswunder.

Der Mann mit der Mütze zog ebenfalls los, zum Standesamt. Hier hatten heute alle denselben Weg.

Vor dem denkmalgeschützten Haus mit neuen Fenstern und Stuck standen Trauzeugen, Familien, Brautpaare.

Ich erlebe seine Hochzeit eh nie seufzte Karin.

Wessen denn? knurrte der Kerl neben ihr.

Mein Sohn. Ein anständiger Junge, klug, fleißig, aber will einfach keine Familie gründen. Dabei ist das doch furchtbar so allein! erklärte Karin.

Höchst modern! Der Junge ist clever. Erst Job, Leben sortieren, dann Familie! Sie habens richtig gemacht, meinte ihr Gegenüber.

Ach, Familie gründen Was ist das für ein Begriff? Mein Sohn baut Häuser, da wird geplant und gestapelt. Eine Familie ist was anderes! Da brauchts Liebe, Zusammensein, Gefühl. Ihr Sohn hat den Kompass falsch eingestellt, sage ich Ihnen! erwiderte Karin.

Ach, euch Frauen ists immer zu langsam. Wir Herren nehmens relaxt, grinste der Mann mit Glatze. Die Liebe, die kommt. Ich hab meine gefunden, die bringt mich zur Verzweiflung, aber wir lieben uns! Liebe hält alles aus.

Meiner glaubt an sowas nicht mehr. Behauptet, das gäbs heute nicht alles wäre verfallen. Vielleicht stimmt es ja. Karin zuckte mit den Schultern. Was dann?

Pappalapapp. Sie wissen Bescheid, tun nur so. Aber Ihnen Müttern kann mans ja eh nicht recht machen! Warum heißt sie so, wieso lerne ich sie nicht kennen, was arbeitet sie? Barbarisch neugierige Spezies, Sie!

Der Mann packte Karin an den Schultern und küsste sie mit rheinischer Unverschämtheit.

Was machen Sie da, Herrschaften! schrie Karin Ich rufe die Polizei!

Sie können ganz Hamburg holen! Hört her! So lang bin ich mit der Frau zusammen, sofort würd ich sie wieder heiraten. Heute! rief der Glatzkopf lachend.

Die jungen Leute schauten amüsiert, Karin knallrot.

Mama! Papa! Trödelt ihr wieder? Drinnen ist schon alles startklar. Rafft euch mal! rief Paul. Die Ringe hab ichnee, halt, waren die nicht bei Tom? Doch hier! Papa, du bist echt ungepflegt heute. Du siehst aus wie ein Fossil.

Paul! entrüstete sich Karin.

Mama, ich sag, was ich will. Meine Eltern heiraten nochmal. Ausgerechnet ich, Halbtaufe und organisier das! Wo soll das nur enden? Paul verdrehte die Augen, umarmte die beiden und schob sie Richtung Festsaal.

Heute wurde hier ein ganz normales Paar gefeiert sie: Kinderärztin, er: Bauingenieur. Er hat inzwischen die Sprossenzucht für sich entdeckt. Mikrogrün für alle! Paul verdreht die Augen, hat keine Ahnung von Vitaminen, lebt sein eigenes Leben und bleibt auf Heiraten, aber später stehen.

Später zieht sich jetzt schon ein paar Jahre. Und Karin ist ein bisschen beunruhigt. Aber manchmal denkt sie: Paul hat einen Engel. Der passt schon auf. Vielleicht gehts beim Leben gar nicht ums Taufen, sondern um Liebe? Jemand liebt einen halt einfach so. Das schützt und wärmt.

Martin setzt auf Wissenschaft und Hausverstand. Schaut aber doch manchmal gen Himmel.

Damals, als Paul krank war, hat er nach oben geblickt und Hilfe bekommen. Irgendwie, über Menschen. Über andere suchende, fehlbare Leute. Hilfe kam immer. Gott sei Dank.

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Homy
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