Eine richtige Schande ist das, wirklich. Überall in der Nachbarschaft sind die Gärten längst ordentlich umgegraben, und bei uns sieht es noch aus wie Kraut und Rüben. Wir würden ja selbst anpacken, aber meine Arthritis macht mir heute wieder zu schaffen, und Mutter plagt mal wieder der Rücken.
Michael, weißt du, weshalb ich vorbeikomme der Vater nestelt verlegen an seiner Mütze könntet ihr uns, deiner Mutter und mir, beim Kartoffelernten helfen? Es ist wirklich peinlich, bei allen Nachbarn ist schon alles gemacht, nur unser Feld liegt noch da wie ein Schandfleck. Wir würden ja selbst, aber bei mir geht es mit den Gelenken nicht, und Mutter kann sich kaum bücken.
Während Michael in die Gummistiefel schlüpft, murmelt er mürrisch:
Warum setzt ihr immer so viele Kartoffeln? Ihr hungert doch nicht gerade. Heute, Vater, geht es aber wirklich nicht, ich muss ins Landratsamt fahren.
Der Vater schluckt eine schärfere Antwort hinunter, winkt ab und trottet hinaus. Im Hof schnappt er sich die Mistgabel und humpelt Richtung Garten.
Anneliese, die ihre schmerzende Hüfte mit einem warmen Wolltuch umwickelt hat, beeilt sich ihm zu folgen.
Na, was meinst du, Paul? Kommen die Kinder?
Er knurrt:
Wer weiß das schon. Nimm deinen Eimer und sammel die Kartoffeln ein. Wir haben fünf Kinder, aber keine Zeit, mal den Eltern zu helfen. Mach schon, Alte. Vielleicht schaffen wir heute wenigstens ein paar Reihen.
Währenddessen spricht Irma, Michaels Frau, auf ihn ein:
Was ist denn los mit euch? Ihr macht immer alles für euch allein, nie könnt ihr euren Eltern helfen. Ich finde das beschämend. Wären meine Eltern noch da, ich würde zu ihnen fliegen, so schnell es geht sagt sie mit tränenerstickter Stimme.
Michael drückt seine Frau fest:
Du hast Recht, das ist nicht fair. Wir wohnen so nah und trotzdem sehen wir uns kaum. Weißt du was, ich nehme mir morgen frei von der Arbeit, und du rufst die anderen an.
Irma schlägt ihr Adressbuch auf und greift zum Telefon:
Ach wirklich? Keine Zeit, immer nur Arbeit Die läuft niemandem weg, nehmt euch einen freien Tag. Es ist doch nicht in Ordnung, dass die alten Leute sich so plagen und ihr bequem auf dem Sofa sitzt. Ihr wisst nicht, wohin mit den Kindern? Bringt sie mit, ein Tag an der frischen Luft ist besser als einer vor dem Tablet! Wir erwarten euch!
Mal mit Bitten, mal mit etwas Nachdruck überzeugt Irma alle.
Unterdessen hat sich Opa Paul zum Ausruhen auf eine Kiste gesetzt.
Also, Anneliese, so wie es aussieht, werden wir die Kartoffeln erst zum ersten Schnee aus der Erde haben. Warum nur haben wir wieder so viel gesetzt? Und du immer: Wer weiß, ob es für die Kinder reicht! Und wo sind die Kinder jetzt? Die machen keinen Finger krumm. Weißt du noch, früher haben wir das mit vereinten Kräften bis Mittag längst geschafft Ja, das waren Zeiten.
Anneliese lauscht plötzlich.
Hör mal, Paul, ich glaube, da kommt jemand angefahren. Geh mal schauen.
Paul humpelt zur Hoftür. Schon hört man draußen Lachen und Stimmengewirr. Anneliese, am Stock, tapst hinterher.
Ach du meine Güte, so viele Leute! Die Kinder und die Enkel sind da. Was für eine Freude.
Na, Vater, zeig uns, wo Spaten, Forken und Körbe stehen! ruft Michael, nun voller Tatendrang.
Der Vater schüttelt gerührt den Kopf und brummt:
Alles liegt am gewohnten Platz. Hast du es etwa vergessen?
Und los gehts. Manche graben, andere sammeln Kartoffeln und wieder andere bringen die guten Knollen unters Vordach zum Trocknen. Anneliese schicken sie ins Haus.
Die Schwiegertöchter krempeln schon die Ärmel hoch und bereiten später ein Festessen für alle. Doch ganz abgeben kann Anneliese das Kommando nicht verteilt hier Anweisungen, schaut dort nach dem Rechten.
Auf dem Feld gibt es inzwischen jede Menge Spaß.
Weißt du noch, Michael, damals im Sommerferienlager? Da hast du mir die Kartoffel an den Kopf geworfen! Jetzt kriegst du es zurück! lacht Sebastian.
Opa Paul schimpft gespielt streng:
Was soll denn das, ihr Großen spielt wie kleine Kinder! Ihr seid doch längst erwachsen.
Geschafft! Das Feld ist abgeerntet, das Kraut ordentlich auf den Haufen, die Kartoffeln unter dem Dach. Zeit für eine Pause und ein Stück Kuchen.
Im Hof wird ein langer Tisch gedeckt. Stimmen und Gelächter, alle erinnern sich an ihre Kindheit.
Anneliese wischt sich hin und wieder verstohlen eine Träne ab sie freut sich über ihre fleißigen, herzlichen Kinder. Manche Nachbarn gehen vorbei, grüßen freundlich und machen Komplimente. Einige erinnern sich wehmütig daran, dass ihre Kinder schon lange nicht mehr zu Besuch waren.
Irma fragt Michael leise:
Was hast du eigentlich auf der Arbeit gesagt?
Er legt den Arm um ihre Schultern.
Ich habe ehrlich gesagt, dass meine Eltern unsere Hilfe brauchen. Der Chef hat sofort eingewilligt und meinte, den Eltern zu helfen, das sei Ehrensache.
Vergesst eure Eltern nicht im Alltag sie bitten oft nicht um Hilfe, wollen nicht zur Last fallen, aber freuen sich immer, wenn die Familie zusammen ist!




