Die kunstvoll gefertigte Gorgetten-Halskette – Einzigartiges Accessoire für stilbewusste Deutsche

Der Kragen

Frau Gertrud Hagedorn kam immer eine halbe Stunde später ins Pelzkränzchen als die anderen Mädels.

Schweißperlen auf der Stirn, riss sie schon im Gehen den viel zu warmen Schal von ihrem hitzeroten Hals, keuchte und rollte die Augen, während sie ihre angeschwollenen Füße mühevoll auf den gerade frisch gewischten Boden setzte und dabei dem Hausmeister Norbert zunickte.

Guten Morgen! schoss Norbert in Habachtstellung und zupfte in atemberaubender Geschwindigkeit seinen Hemdkragen gerade, als stünde plötzlich ein General vor ihm aber er war eben nur Norbert und sie eben Gertrud Hagedorn.

Servus, hauchte Gertrud halb erstickt von der stickigen Luft, ließ den prüfenden Blick über den halbdunklen Laden schweifen und rief in den Raum: Mädels, ich bin da.

Die Verkäuferinnen, in roten Blusen und schwarzen Röcken, grüßten zurück, verstreut zwischen den Reihen von zotteligen Nerzmänteln und Lammfelljacken wie rote Tulpen auf einem verschneiten Feld. Sie alle trugen Rot, was Gertrud zu Beginn höchst irritierend fand.

Warum Rot? Das ist doch viel zu grell! hatte sie sich bei der letzten Besprechung aufgeregt. Schwarz unten, weiß oben, das gehört sich!

Aber überall ist das so! Und bei uns halt nicht! verteidigte sich die Geschäftsleiterin Heidrun und überhaupt, Rot sieht man besser, unsere Kundschaft muss nicht ewig nach dem Verkauf suchen. Und jetzt: Blusen bitte täglich bügeln, Röcke maximal bis zum Knie, Absätze nach Geschmack.

Gertrud war danach bedient. Rot ließ sie aussehen wie ein ausgebeulter Feuerwehrballon. Und das stand ihr überhaupt nicht ihr Gesicht war ohnehin schon stellenweise karminrot.

Gertrudchen, trink doch mal einen Tee, Kamille, der hilft! piepste Hilde, eine winzige, klapperdürre Frau mit Igelhaarschnitt und ewigen Eisfingern. Sie und ihre Schwester Lotte, beide jenseits der 50, arbeiteten schon ewig hier, meistens übersahen die Kunden die zwei so winzig, dass sie hinter den Jacken schlicht verschwanden.

Ach, Hilde, komm mir nicht mit Tee! Mir fehlt echt nur noch, dass ich glucke, dann setz mich ins Aquarium. Und du kommst mit Kamille, tss, brummte Gertrud und näherte sich langsam ihrem Stuhl vor dem Dienstzimmer.

Ihre Hüften blieben an jeder teuren Pelzjacke hängen, an denen noch Tropfen vom Münchner Regen draußen abperlen. Es war Gertrud piepegal. Hauptsache ankommen beim Stuhl.

Geschafft. Mit demonstrativem Keuchlaut knöpfte sie ihre Jacke auf, wühlte etwas an den Knöpfen und ließ sich plumpsen.

Marion, kannst du mal helfen? Ich komm nicht runter! röchelte sie einer sportlichen Kollegin zu.

Marion sprang herbei, immer noch Argusaugen auf Kundschaft, öffnete schnell den Reißverschluss, glättete den Blusenstoff der Chefin, und war schon wieder dabei, Kunden zu bespaßen, als Gertrud sie erneut stoppte.

Nee, kauf die eh nicht. Zieh lieber deinen Schlips gerade diese Dinger sind ja wie Schlingen! Demonstrativ zerrte sie an ihrem eigenen Krawattenersatz.

Marion passte den Kragen an und fragte fürsorglich:

Ein Wasser vielleicht?

Was trinkt ihr alle an mir herum? Wollt ihr mich zum Platzen bringen? brüllte Gertrud empört, dann winkte sie ab. Also, geh schon deine da, die mit dem Esprit auf Aschgrau, wird sicher doch schwach.

Marion sprintete zu den Kunden, ließ Gertrud weiter prusten.

Die saß auf dem Stuhl wie eine dicke Rosine in rotem Guss, kurz vorm Platzen, aber der Ballonkorb fehlte noch zum Abheben.

Gertrud legte die Hände auf den Bauch und beobachtete das Schlendern im Laden. Ruhiger Vormittag, die Kundschaft gab sich abends die Klinke, dann kamen sie die Gutsitonen mit ihren Nasen wie Polarkirschen. Und ihre Damen immer in eisigem Blond gefärbt.

Gertrud verstand nie, wieso alle, die sich einen Pelzmantel für sechsstellig leisten konnten, so uninspiriert blond waren. Ihr jedenfalls hätte das vor zwanzig Jahren gut gestanden, als die Augen noch wirkten, als wären sie wirklich veilchenblau. Sie hatte es probiert, fühlte sich frisch aber ihr Mann bemerkte nichts.

Was machte sie nur falsch? Zu streng? Sagten die Leute doch immer: Zu viel Kontrolle, Gertrud, zu viel! Aber Gründe gabs genug rank und schlank mit Schmollmund, solche hatten ihr ihren Mann ausgepannt. Nicht ihn. Eher sich selbst.

Ihr Halb-Tagträumen wurde abrupt von einer Türattacke unterbrochen. Eine junge Frau donnerte aus dem Personalraum, Handy am Ohr, zischte ins Telefon: Mach ich nicht, niemals, unter meinem Niveau!

Da sie ebenfalls Rot trug, erkannte Gertrud die Neue, von der Heidrun gestern erzählte. Es war spät, als die Anwesenheit durchgezählt wurde und Heidruns Diensthandy klingelte. Angeblich eine Gefälligkeit, eine Bekannte, die Hilfe brauchte.

Was soll das? hatte Marion noch gemotzt. Uns reicht’s doch jetzt schon kaum.

Sie kommt trotzdem. Bitte keine Kommentare, hatte Heidrun beschlossen.

Gertrud war es gestern egal. Müde war sie, wie immer, hatte nicht mal mehr Energie zuzustimmen oder zu widersprechen. Einfach heim, sich in ihren Kaninchenbau zurückziehen, leer und ruhig.

Mäuschen, vorsichtig, sonst land ich im Krankenwagen! gurgelte Gertrud nach dem Rempler durch die junge Frau.

Die musterte Gertrud, dann wieder ihr Handy: Sie sollten hier gar nicht rumsitzen! Kundenberatung ist im Saal, nicht aufm Stuhl.

Und ins Handy: Mama, das ist hier so eine Abstellkammer für alte Jungfern Ich arbeite doch nicht

Gertrud bekam den Rest nicht mehr mit. Aber Unrecht hatte das Gör nicht.

Alte Jungfern. Manchmal war es so aber eigentlich waren sie alle nur übriggeblieben vom Leben. Wer eine liebevolle Familie hatte, der stand keine zwölf Stunden in einer Kältekammer, der trug die Pelze auf dem Rücken, nicht im Job. Die, die alleine waren, die Schuldenkinder oder schmale Rentnerkasse haben, die hängen hier.

Und Gertrud gehörte dazu.

Marion, wer ist das? Diese Wilde dort, die eben drohte, mir ein Hämatom zu verpassen murmelte sie, rieb sich das Schultergelenk.

Ach, das ist Steffi gestern wurde sie angekündigt. Heidrun sagte: Nicht anfassen. Aber die hat es faustdick hinter den Ohren. Will offenbar nicht verkaufen warum dann überhaupt hier? Na, warum bist du heute da, Gertrud?

Gertrud zog die Lippen zusammen, schnaupte wie ein Fisch am Trockenen, hob leicht den Rock, um ihre dicken, geschwollenen Beine und die Füße in Nylons zu befreien. Gelenke schmerzten, die Zehen bewegten sich kaum. Verfluchte Nieren.

Was soll ich zu Hause, Marion? Bin auch bloß auf Arbeit. Hab einen Präsenztag, wie im Bundestag. Der Thron reicht nicht für meinen Sitz aber was solls. Steffi bleibt Steffi. Und du, da die Dame im rostfarbenen Parka pass auf, die schwitzt schon, die will jetzt eine Mütze. Biet nicht die mit dem Bommel an! Alles klar, Marion.

Marion wechselte ein verständnisvolles Lächeln und eilte in die Auslage, während Gertrud nach Luft schnappend in den Personalraum wankte um ihren Husten beizupflegen.

Ins Krankenhaus müsste ich eigentlich. Aber nein, da pack ichs nicht Ist zu öde!, dachte sie beim Einschenken von Kamillentee.

Steffi nervte alles der Geruch von Lammfell, das Jucken von Edelfasern, diese Überfülle an Luxus, der jetzt nicht mal mehr für Träume reicht.

Früher hatten sie und ihre Mutter eigentlich alles. Schöner BMW, teure Outfits, Schmuck noch und nöcher. Jeden Tag ein neuer Ring, na gut, fast jeden. Vater hatte einen Tresor voller Scheine und ne Pistole.

Er zeigte sie Steffi sogar, ließ sie halten schwerer als gedacht. Sie bettelte um Schießübungen; ihr Vater grinste nur und nahm sie doch mal zum Schießstand mit. Sie lernte schnell. Der Geruch von Schießpulver gefiel ihr.

Sie lebten gut. Bis alles wie eine Seifenblase platzte.

Steffi zuckte heute noch zusammen, wenn sie daran dachte, wie Fremde mit einer roten Dienstmarke abends den Vater beiseite drängten, in Schränken wühlten, Kleider und Wäsche auf den Boden rissen, sogar die Bilder von den Wänden prüften, und dann: Machen Sie bitte den Tresor auf. Nichts war mehr da.

Vater stand blass und schwitzte. Mutter weinte: Ach, Thomas, warum nur

Sein Schweigen klang immer noch in Steffis Ohren. Sie drückte sich die Ohren zu, aber die Mutter jammerte weiter.

Am Ende nahmen sie den Vater mit. Keine große Abschiedsnummer. Dann Gerümpel, Pfändung, der Gang zur Oma in die Plattenbausiedlung in Nürnberg. Die große Wohnung ward abgesperrt.

Die Oma, grantelig und knausrig, gab Steffi nach unzähligen Überstunden bei der Arbeitsvermittlung den Job im Pelzkränzchen.

Ich arbeite hier nicht im Verkauf! Wär ja noch schöner! schimpfte Steffi.

Oh doch, mein Kind. Wer das Sahnestück liebt, muss auch der Kuh den Eimer halten! Solange dein Papa sich die Taschen vollgestopft hat, kamt ihr nie her, nicht mal zu Weihnachten. Jetzt halt, was du aus, Oma kannte keine Gnade.

Die Debatte beendete sie schließlich weinend und fand sich dann eben hier, in einem stickigen, nach Lamm riechenden Großraum mit Dekoleisten, wieder.

Nun mach hin, biete etwas an, von nichts kommt aber auch nichts, wurde Steffi von jemandem zu den nächsten Kundinnen geschoben.

Marion, voller Skepsis, stand etwas entfernt, beäugte sie misstrauisch.

Nun, Steffi kannte sich durchaus mit Pelzen aus also, auf dem Titelbild von Modemagazinen jedenfalls. Was passte zu wem, was lieber lassen. Die Detailliebe einer Schneiderin ging ihr dabei aber völlig ab.

Mit schwungvollen Ministeps tappte Steffi zu einem älteren Ehepaar.

Suchen Sie was Feines für meine Dame? Möglichst exquisit! trippelte sofort der Herr los. Die Dame, gefühlte 120, griff gierig nach der neuesten Jackenrange.

Das passt Ihnen nicht, das müssen Sie drüben suchen Mäntel im weiten Schnitt, schnaubte Steffi.

Wie bitte? Ich wollte aber eine schicke Jacke! Fürs Theater fürs

Fürs Zirkus vielleicht oder fürs Kombiticket Friedhof, setzte Steffi nach.

Marion schob sie zur Seite, betütelte die Kundschaft und lotste sie zur Mittelklasse. Als die Kunden später zur Kasse schlenderten, deklarierte Marion sie plötzlich als Gertruds Kundschaft.

Unsinn! Das waren meine! Nur hab ich angefangen und Gertrud stand noch nicht einmal auf! Die saß, wie eh und je, an der Tür und guckte zu!

Steffi kochte innerlich. Wütend auf den Vater, auf sich, auf alles. Und dann floss die Hälfte ihrer Verkäufe ohnehin offiziell auf das Konto von Gertrud.

Ich mach das schon richtig, junges Fräulein. Und übrigens: Gertrud hat mir gerade den Tipp gegeben. Atme mal durch, Steffi, und lächle. Du arbeitest nicht am Wurststand, sondern im Pelzparadies. Warm, trocken, bald Mittagspause, und Gertrud Naja, das checkst du noch.

Mit mütterlichem Gastlächeln empfängt Marion selbst die kuriosesten Kunden.

Steffi blieb indes stehen, musterte Gertrud, das rote Unwetter auf dem Ehrenplatz. Ihre Kollegen umherschwirrend wie Marionetten nach stillen Kommandos.

Junge Frau! Schlafen Sie hier auf zwei Beinen? Zeigen Sie mir mal diese Jacke da hinten! rief eine der Damen.

Steffi riss die Jacke vom Bügel, langte sie rüber.

Hm Wo holen Sie denn solche Zwerge her? Wunderlich! Nein, das gefällt mir nicht.

Angebot wars! Vernünftiges Kleidungsstück. Sie sind einfach zu alt dafür, blaffte Steffi zurück.

Was? Unverschämt! Ach, bist du nicht die Hagedorn-Tochter? Von der feinen zu Fuß gegangen, was? Mutter auch? Macht ihr jetzt alles selbst? Na, Hauptsache, die Justiz war gründlich, oder?

Frau Berger Die kannte Steffi. Peinlich! Früher war diese Berger auf den Partys ihres Vaters. Nun stand sie vor ihr, voller Trumpf.

Ihr habts aber sauber vermasselt! Mal sehen, wie viels dafür nun gibt Viel Spaß weiterhin, Pelzfutter!

Und Frau Berger hörte gar nicht mehr auf, bis Steffi beim Rausrennen in Tränen ausbrach.

Berger fühlte sich prächtig. Doch plötzlich zog eine dicke rote Wolke an. Gertruds Hand lag schwer auf Steffis Schulter.

Lassen Sie mich helfen, meine Damen, säuselte Gertrud mit großem Ernst. Bei Ihrem adligen Gesicht empfehle ich unsere Solitäre die würde Ihnen ausgezeichnet stehen. Steffi, mein Kind, lass mich mal.

Sie drehte den Damen einige Einzelstücke zu. Steffi wurde freundschaftlich in Richtung Toilette bugsiert: Geh dich mal sammeln. Ich mags nicht, wenn Leute an den Kiemen erwischt werden. Später bring ich dir alles bei.

Am Ende dieses Tages schaffte Gertrud einen Verkauf und das war genug. Die Mädels buchten ohnehin einen Haufen Kunden immer auf Frau Hagedorn, weil von ihrem Platz am Dienstzimmer aus immer ein Tipp kam, wie etwas am sichersten läuft. Wankelmütige, genervte oder nur so zum Gucken Gekommene keine verlässt das Haus ohne Einkauf. Auf die Karte, bimmelts, Umsatz für die Chefin.

Eigentlich gebührt der Provisions-Euro immer dem, der verkauft hat, raunte Marion einer schlingenden Steffi beim Imbiss zu. Aber Gertrud? Die ist was Besonderes. Nicht für den Chef. Für uns.

Was ist denn an ihr so besonders? Nett, dass sie mich “gerettet” hat trotzdem. Sie hockt, guckt zu und kassiert die Prozente!

Klingt so, aber wir stehen bei ihr in der Schuld. Nicht finanziell iss mal was. Die Pause ist gleich rum.

Vor Ewigkeiten, in einer anderen Welt, stand Gertrud einmal vor dem Krankenhaus und wartete vergeblich auf ihren Mann. Sie entließ das leblos geborene Mädchen allein, Leonhard kam nicht. Sorgte nicht für sie. Gertrud erinnerte sich, wie sie sich ihren Pelzkragen fester um den Hals zog, nach Hause tapste, den Lärm in ihrer Wohnung loswerden wollte. Sie hatte ihren Mann zu sehr bedrängt; er hatte ihr nie verziehen.

Irgendwann, nach all den Dramen, arbeitete sie sich durch und bewarb sich, als der Pelzladen Pelzkränzchen gerade eröffnete. Die Jobanzeigen hingen noch im Schaukasten, mit Daumennagel ans schwarze Brett der Bäckerei geheftet. Sie lernte, sie gewöhnte sich ein, wurde sogar mal zur Filialleiterin. Sie brachte Norbert mit, als er gerade mal wieder vor den Zug springen wollte, kaufte ihm Essen und Kleidung, bis er fest im Leben stand.

Marion holte sie aus dem Bastelladen. Drei Kinder, Mann schwerkrank, trotzdem schmiss sich Marion rein. Hilde und Lotte kamen gleich mit die hielten sich für verarmte Baronessen mit Geschmackssicherheit.

Gertrud schulte, ordnete, hielt den Laden zusammen, während ihre Energie langsam nachließ, und sie schließlich aufhörte, die Geschäfte als Chefin zu führen. Das war entspannter, gesünder, denn ihre Gesundheit ließ sie mehr und mehr im Stich.

Steffi, schäm dich nicht, Verkäuferin zu sein. Das ist keine Schande! Lern, wachse, eigne es dir an. Später kannst du allen Damen ein Ass zeigen, sogar dir selbst. Den Fehlern deines Vaters bist du keine Rechenschaft schuldig. Dein Leben geht weiter. Siehst du Gertrud seufzte schwer. Weißt du, auf meinem Stuhl bin ich wie im Theater Menschen, Rollen, Überraschungen. Die Kunst, zu erkennen, was jemand wirklich braucht, das bleibt. Ich war für meinen Mann immer der Kragen, der wärmen wollte, der anpasste und dann war ich überflüssig. Für ihn. Und stand plötzlich mit nix da. Seitdem mach ich mich selbst glücklich.

Unterdes bugsierte Gertrud Steffi in ein sündhaft teures Pelzjäckchen: Probier doch mal die da drüben, vielleicht steht dir Königin besser

Norbert klebte schon mit Blicken an Steffi, aber Gertrud winkte ab. Erst mal lernen, der Rest kommt später!

Der Pelzladen war, wenn schon kein eigenes Werk, dann doch ihre Bastion. Das Design, die Ordnung, sogar der Duft: alles auf ihren Einfluss zurückzuführen. In München sprach man vom Pelzkränzchen. Bald würde auch Steffi das verstehen.

Im Dezember wurde Gertrud immer runder, die Ärzte wollten sie einweisen. Sie wollte nicht. Punkt.

Wer kümmert sich denn dann um die Mädels? war ihr Standardargument. Später, viel später

Sie ruinieren sich! die Ärztin Paulina drohte, doch Gertrud wich jedem Ratschlag aus und lenkte stattdessen Gespräch Richtung Glacé-Handschuhe im Sortiment.

Niemand wusste, wo die Energie herkam. Paulina fragte es schließlich: Nach dem, was Sie alles erlebt haben wie machen Sie weiter?

Vielleicht, weil eh keiner aufpasst, und ich dann nie mehr aufsteh, murmelte Gertrud trocken.

Doch sie irrte sich.

Das Pelzkränzchen brannte. Stundenlang stand Gertrud am Absperrband, selbst zu Norbert rollte sie sich durch den Rauch, holte, was an Infos blieb. Es blieb: Nichts.

Gertrud, was machen wir jetzt? weinte Marion. Kollegin Heidrun löffelte schon Herztabletten.

Ist doch alles versichert, Mädels. Kopf hoch. Vielleicht solls ja so sein.

Ein paar Tage später war sie im Krankenhaus diesmal niemandem Bescheid gebend. Wozu auch?

Als Steffi wenig später mit Obst und Säften auftauchte, war Gertrud erst bockig, doch insgeheim gerührt.

Na, was wird das jetzt? Besuchsdienst? Ich empfange niemanden!

Aber die Krankenschwester hat gesagt, Sie freuen sich über Gesellschaft, konterte Steffi und packte alles Mitgebrachte aus.

Lüg nicht! brummelte Gertrud.

Sie haben mich erzogen, nicht zu lügen! Ihnen gefällts, dass ich gekommen bin. Wie läufts?

Bestens. Darf nur nicht rauchen. Ach, Steffi, du würdest doch sicher einen kleinen Spaziergang klarmachen? machte sie spitzbübische Lippen.

Gehen können wir, rauchen nicht aber auf, los jetzt.

Steffi beobachtete Gertrud, wie sie versuchte, mit Gehstöckchen Schritt zu halten.

Und du so?

Papa soll bald rauskommen, Mama hat sich beruhigt, Oma ist auch wieder ganz die Alte. Ich arbeite jetzt wieder und habe das Studium fortgesetzt.

Na, schau an. So wird man stählern, mein Kind. Den leichten Weg kann jeder gehen Läden wie Pelzkränzchen sind halt auch endlich.

Gertrud versteckte sich rauchend hinter Hecken.

Steffi ließ sie gewähren. Sie war nicht zum Kontrollieren gekommen, sondern weil sie wollte. Sie wusste gar nicht, was sie sagen sollte das war auch nicht nötig.

Komm, trinken wir nen Kaffee, stieß Gertrud Steffi in die Seite.

Sie sollen nicht! Und warum ist ihr Hals schon wieder frei? Steffi klang wie ihre Oma.

Ach was. Ich hab genug von Muckefuck, jetzt gibts Kaffee! Gertrud stampfte, Steffi lachte und verdrehte die Augen

Kaffee tranken sie. Allerdings erst viel später, als Gertrud bei Steffi eingeladen war. Norbert brachte sie hin.

Gertrud war seit Ewigkeiten nirgends Gast gewesen hier nicht eingeladen werden, da sich nicht wohlfühlen, überall ein Klotz am Bein sein, das war früher.

Bei Steffi war alles anders. Omas alte Schule Gäste sind Gäste, Tisch, Musik, alles dabei. Der Mutter von Steffi würde eine taillierte Lammjacke übrigens famos stehen, die vor kurzem noch bei Gertrud hing

Die kommt noch, genauso wie Weihnachten mit Baumduft und ein pfiffiger Frühling mit Spatzengezwitscher. Alles wird noch auch ohne Pelzkränzchen. Und so solls sein.

Tante Gertrud und Steffi sind immer noch ein Team besuchen sich, plaudern, streiten, unterstützen sich. Steffi bestand darauf, dass Gertrud mit altersgerechtem Sport beginnt, und jetzt schwimmt sie regelmäßig, fühlt sich besser. Steffi steht vorm Abschluss, bereitet sich auf die Praxis vor. Gertrud jubelt mit. Und Steffi ist zufrieden.

Ihre Begegnung war kein Zufall. Sie mussten sich finden. Für beide. Und sie sind keine Kragen, weich und überflüssig, die man heute trägt und morgen vergisst. Nein, sie sind die, die mit leiser Kraft brennen und das ist wertvoller als jeder Pelz.

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Homy
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Die kunstvoll gefertigte Gorgetten-Halskette – Einzigartiges Accessoire für stilbewusste Deutsche
„Ach, Mädchen, du begrüßt ihn umsonst – heiraten wird er dich nicht. Und selbst wenn doch, wirst du dich mit ihm abmühen. Wenn der Sommer kommt und die hübschen Städterinnen ins Dorf strömen – was dann? Du wirst vor Eifersucht verbrennen. So einen Kerl brauchst du nicht“, mahnte Tante Maria immer wieder. Doch hört verliebte Jugend je auf die kluge Erfahrung des Alters? Mit kaum sechzehn Jahren verliert Varya ihre Mutter, ihr Vater ist seit Jahren auf Arbeitssuche in der Stadt verschollen – keine Nachrichten, kein Geld. Beim Begräbnis halfen alle Dorfbewohner zusammen; Tante Maria, die Taufpatin von Varya, steht ihr oft bei, zeigt ihr, wie man den Alltag meistert. Nach dem Schulabschluss bekommt Varya eine Stelle auf der Post im Nachbardorf. Stark und gesund, mit runden Wangen, grau blitzenden Augen und einer dicken blonden Zopf – so kennt man sie. Im Ort gilt Nikolai als der schönste Bursche, erst zwei Jahre aus der Bundeswehr zurück, wird er von allen Mädchen umschwärmt – selbst die Stadtdamen, die im Sommer ins Dorf kommen, sind ihm nicht abgeneigt. Eigentlich müsste er im Kino in Hollywood spielen und nicht als Fahrer im Dorf. Tante Maria bittet eines Tages Nikolai, Varya beim Reparieren des Zauns zu helfen. Ohne viel Worte hilft er aus, kommandiert und Varya folgt bereitwillig. Nach drei Tagen Zaunbau kommt er einfach so zu Besuch – und bleibt über Nacht. Bald wird Varya klar: Sie ist schwanger von Nikolai – und muss alleine zurechtkommen. Im Dorf tuschelt man, als Varya im Frühjahr nicht mehr ihren alten Mantel trägt und ihr Bauch zu sehen ist. Doch sie beschließt, das Kind zu bekommen und alleine aufzuziehen. Als die Geburt beginnt, rast Tante Maria mit Nikolai zur Klinik, quer durch den matschigen Weg. Varya gebärt einen starken Jungen – und kehrt schließlich mit ihm, schmutzigen Schuhen und voller Sorge für die Zukunft, ins Dorf zurück. Doch in ihrem Haus steht ein Kinderbett, Babyklamotten sind bereitgelegt – und Nikolai wartet am Tisch, entschlossen, Verantwortung zu übernehmen. Gemeinsam nennen sie ihren Sohn Sergej. Zwei Jahre später kommt noch eine Tochter, Nadja, zur Welt. Am Ende zeigt sich: Egal, welche Fehler du am Anfang des Lebens machst – du kannst sie immer wieder gutmachen… So spielt das wahre Leben – was denkt ihr darüber? Schreibt eure Meinung in die Kommentare und lasst ein Like da!