Statt meiner selbst
Die Stiefmutter wusste genau, dass Anneliese keine Lust hatte, den verwitweten Bäcker zu heiraten. Es lag nicht daran, dass er eine kleine Tochter hatte, und auch nicht an seinem Alter. Nein, sie hatte schlicht und einfach Angst vor ihm. Sein stechender Blick fuhr ihr durch Mark und Bein, sodass ihr Herz zu rasen begann, als müsste es die Pfeile seiner Augen abwehren. Anneliese schlug die Augen nieder und hob sie nur langsam wieder. Doch dabei sah jeder, dass ihre Augen voller Tränen glänzten.
Diese Tränen rollten lawinenartig über die vor Scham geröteten Wangen. Ihre Hände zitterten, und kleine Fäuste wollten sich gegen Stiefmutter und den vorgeschlagenen Bräutigam wehren. Ihre Zunge, dieser elende Verräter, flüsterte: Ich werde gehen.
Na also, passt doch! Wer würde sich schon gegen so ein Haus, so einen Mann und so einen Herrn entscheiden! Er hat seiner ersten Frau jeden Staubkorn von der Schürze gepustet. Sie war so schwach und kränklich, immer hustend, immer erschöpft. Er machte drei Schritte, während sie einen schleppte. Blieb sie stehen, atmete wie eine Lokomotive, und er umarmte sie leise und beruhigend nie schrie er, wie dein verrückter Vater es tat.
In der Schwangerschaft war sie kaum zu sehen, lag fast nur im Bett. Nach der Geburt stand er nachts zu dem Kind auf, sie aber wurde immer schwächer.
So erzählte seine Mutter. Und du, kräftig wie die Kühe auf der Weide, du wirst im Herrgottswinkel sitzen. Du bist geschickt, kennst dich aus, kannst flechten, dreschen, spinnen und weben. Ein junger Mann ist nichts für dich ungestüm, noch wankend im Charakter. Der Bäcker ist ehrlich und offen, über ihn weiß man alles. Welch ein Glück! Ich werde selbstgebrannten Korn machen, wir sitzen am Abend zusammen, und der Witwer braucht eh keine große Hochzeit. Und Aussteuer sollst du nicht sammeln: Seine Kammer ist randvoll, hat er gesagt.
Friedrich hatte seine erste Frau aus Liebe geheiratet, obwohl er wusste, dass Helene schwach und kränklich war. Seine Mutter meinte, der starke, angesehene Mann brauche eine robuste Frau statt einer Schwächlichen, aber keine Vernunft der Dorfbewohner oder Verwandten konnte ihn umstimmen nur Helene und sonst niemand.
Einer erzählte überall im Dorf, er müsse wohl verhext sein, denn nur ein Verzauberter würde sein Leben mit Sorge, Krankheit und Schmerz einrichten. Die Ärzte sagten, Helenes Lunge sei so schwach, ein kleiner Husten reiche für eine Lungenentzündung oder noch Schlimmeres. Friedrich glaubte, seine Liebe würde den Tod von ihr abhalten; er würde für sie sorgen, sie gesund pflegen, und das Unglück würde sich vertreiben lassen. Anfangs verlief nach der Hochzeit alles gut. Glücklich und vergnügt genossen sie ihr Eheglück.
Doch nach der Schwangerschaft war, als würde ihre gesamte Lebenskraft verkehren Schwäche überall, Mattigkeit und Schwindel. Sie konnte weder Wäsche machen, noch die Kuh melken, noch ihr prachtvolles Haar kämmen. Die Ärzte sagten, das sei Schwangerschaftsübelkeit, nach der Geburt erhole sie sich gewiss. Friedrich versorgte Helene liebevoll, mit keinem Vorwurf. Seine Mutter nörgelte Tag und Nacht, dass er statt einer guten Frau ein Problem ins Haus gebracht habe, doch Friedrich verteidigte seine Frau wie ein Habicht sein Nest. Schließlich bat er die Mutter, sie in Ruhe zu lassen.
Helene gebar ein Mädchen, und Friedrich hoffte, Glück und Kraft würden heimkehren. Das Glück kam, aber kurz. Nach einer Erkältung ging es mit Helene bergab, sie wurde nur noch schwächer.
Sie kam ins Krankenhaus, und der Landarzt sagte einfach: Ihre Lunge zerfällt.
Helene wusste, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte; sie lächelte gequält, mehr ein Schmerz als ein Lächeln, die Lippen formten Freude, die Augen aber verrieten Angst um den kommenden Tag und um ihre Tochter. Ihr abgemagerter Körper, die eingefallene Brust, dürren Hände, schmale Schultern alles sprach wortlos von der nahen Gegenwart des Todes.
Helene bat ihren Mann um ein letztes Gespräch.
Kein Mensch gebar sich, um Gottes Plan zu ändern. Unsere Liebe ist ausgekämpft, ich bin müde von Schmerz und Sorgen. Vergib mir dir und der Kleinen auch. Ich wurde zum Unglück geboren und habe euch beides gebracht.
Friedrich nahm ihre brennenden Hände; ihr schwerer, stockender Atem verriet ihm, dass ihre Minuten gezählt waren.
Verschwommen redete sie von Liebe, umklammerte ihre Tochter im Geiste, bis sie dann leise sagte: Heirate Anneliese. Sie wird dir eine gute Frau sein, eine gute Mutter für die Kleine sie hat selbst Schlimmes erlebt, weiß mit Stiefmüttern und unbarmherzigen Vätern umzugehen. Sie ist geduldig, fleißig, herzlich. Sei nur gut zu ihr, so wie zu mir. Betrachte sie, als wäre ich in ihr bei dir geblieben. Vergib die Worte, aber meine Sorgen um die Tochter fressen meine Seele. Deine Entscheidung bleibt immer Gottes Handwerk aber tu der Tochter niemals Unrecht, sonst verfluche ich dich aus dem Grab. Die letzten Worte sprach sie langsam und ernst, und drückte dabei, was sie konnte, Friedrichs Hand.
Er weinte, das Bild der Frau verwischte hinter seinen Tränen, doch an ihrem Atem spürte er ihr Dahingehen. Ihr ruhiges, freundliches Gesicht mit einem Lächeln blickte ins Leere, die Hand hielt noch immer seine.
Friedrich küsste sie, von Kopf bis Fuß, jammerte und gelobte, alles zu tun, was sie wollte. Deswegen hielt er nach einem Jahr Wort und fragte bei Anneliese an.
Die Stiefmutter bereitete alles vor, und Friedrichs Schwiegermutter unterstützte es, weil sie für ihre Enkelin eine gute Mutter wünschte. Sie war selbst schon ziemlich altersmüde, bangte um ihre letzten Monde und wollte, dass Enkelin und Schwiegersohn gut versorgt waren.
Sie wusste besser als jede Dorfbewohnerin, was Friedrich durchlebt hatte, und für seine Liebe zu ihrem Kind hätte sie ihm die Füße geküsst und Gott für sein Glück auf den Knien angefleht.
Die Verlobung verlief wie im Nebel. Da Friedrich sah, wie seine Tochter ohne Mutter litt, entschloss er sich, Helenes Bitte zu erfüllen. Schon lange beobachtete er Anneliese: sittsam, schön, gehorsam sie erinnerte ihn sogar an Helene: das gleiche Flechtzopf, das Lächeln, der Gang.
Manchmal hätte er sie am liebsten fest umarmt und geschwiegen, den Geist der verstorbenen Frau vor sich sehend. Anneliese wusste nicht, warum sie zugesagt hatte; vielleicht, weil sie Stiefmutters Dienst überdrüssig war oder keinen Betrunkenen Vater mehr abdecken wollte, oder vielleicht das Mitleid mit Friedrichs Tochter sie wusste es nicht. Sie begriff dennoch: Sie müsste Friedrich lieben und gewinnen.
Nach der Verlobung brachte Friedrich Anneliese mit nach Hause, um, abseits der überfröhlichen Stiefmutter, die Tochter kennenzulernen.
Helene verließ selten das Haus, war fast ständig bei ihrer Tochter Clara. Jede Sekunde bestaunte sie das kleine Mädchen. Nachts, so erzählte Friedrich, fand er seine Frau, wie sie über das Bett gebeugt leise mit Clara sprach, als wollte sie ihr Leben nach dem Tod noch anweisen.
Clara war ein typisches Heimkind: bei Fremden stets scheu, ihre Welt war ihr Vater, Mutter, Großmutter und noch die nörgelige Oma. Friedrich führte Anneliese durchs Haus, um sie mit Clara bekannt zu machen, und war überrascht von Claras Neugier: Sie brachte ihre Spielzeuge, wollte mit Anneliese spielen, suchte ihre Nähe, lächelte und strich mit der Hand über ihren Arm. Im Spiel zupfte Anneliese ihr mutig die glänzenden, von der Mutter geerbten Haare zurecht.
Komm, ich frisiere dich wie eine Prinzessin, schlug Anneliese vor.
Friedrich beobachtete die Szene und sein Herz war seltsam leicht vor Erleichterung. Er hatte sich gesorgt, weil Clara ständig nach der Mutter fragte, durchs Fenster starrte, hoffend, sie würde zurückkehren. Wollte jemand ins Haus, rannte Clara wie aufgezogen zur Tür, in Erwartung, die Mutter kehre endlich heim. Aber Stillhalten und Trost reichen eben nicht das Herz eines Kindes braucht Geborgenheit, Wärme, Mutterhände. Friedrich wusste um die Lücke und fürchtete, sich zu täuschen.
Doch als er sah, wie Clara traurig das Gesicht verzog, weil Anneliese ging, spürte er Frieden. Clara nahm Anneliese an die Hand, führte sie ins eigene Zimmer, schlug die Decke zurück, polsterte die Kissen zurecht wie kleine Wirtschafterin, kletterte vor Freude aufs Bett und sprang bis zur Zimmerdecke.
Anneliese erinnerte sich, wie ihre Stiefmutter sie einst ins Haus brachte, später mit Brotstücken knauserte, heimlich Süßes nur den echten Töchtern gab, für Fehlleistungen mit Schlägen drohte. Sie dachte an die durchgetretenen Flickenröcke der Stiefschwestern, an den besoffenen Vater, den sie oft bedeckte während die Seele vor Mitleid zerriss, an die Flüche der Stiefmutter, dass sie sie verscheuchen würde wie unnützes Vieh, an all das… Mit dickem Kloß im Hals tastete sie nach Clara.
Sie umarmte das Kind fest und legte sich dazu. Das Mädchen schlief an ihrer Seite tief und zufrieden ein. Friedrich wusste vor Rührung nicht mehr, wie er sich verhalten sollte, tranken später Tee und lächelten sich schweigend an. Er ließ Anneliese nicht mehr zurück ins alte Haus.
Und das war es. Eine Ehefrau gehört eben an die Seite des Mannes, nicht dorthin, wo sie niemand erwartet…




