Verantwortung für das eigene Schicksal übernehmen

Verantwortung für das eigene Glück

Sabine stand am Fenster des Lehrerzimmers und blickte zerstreut hinaus auf den Pausenhof. Die Schülerinnen und Schüler eilten über die Wege: Die einen lachten herzhaft und warfen dabei den Kopf in den Himmel, andere diskutierten wild gestikulierend, und wieder andere schlichen einfach mit gesenkten Köpfen und starrten auf ihr Smartphone, als gäbe es auf der Welt nichts Wichtigeres. In Sabines Kopf drehten sich seit Tagen dieselben Gedanken wie beim Karussell auf dem Münchener Frühlingsfest nur leider ohne jede Freude.

Ganz mechanisch strich sie mit der Hand über die Fensterbank und wischte eine Staubschicht weg, die womöglich gar nicht existierte. Es lag dieser vertraute Mix aus Kreidestaub und alten Lehrbüchern in der Luft ein Geruch, der sie jedes Mal zurück in ihre eigene Schulzeit in Augsburg katapultierte: Sabine im neuen Kleid und lackierten Schuhe, die Flure voller Hoffnungen und leiser, großer Träume. Mal war sie in Gedanken die gefeierte Schauspielerin, dann Abenteurerin im Himalaya, ein anderes Mal Nobelpreisträgerin. Daraus geworden ist: das Geographiezimmer, ein Berg an Hefte und der Alltag. Träume lösen sich eben oft schneller auf als Aspirin im Wasser.

Na, Sabinchen, bist du schon wieder am Grübeln? ertönte hinter ihr die Stimme von Heike, Kollegin, Freundin und Seele, die besser wusste, was Sabine fühlte, als Sabine selbst.

Sabine drehte sich um und bemühte sich um ein Lächeln, aber es wurde mehr Grimasse als Ausdruck von Fröhlichkeit.

Ach, ich hab nur nachgedacht, antwortete sie und versuchte, möglichst nonchalant zu klingen. Aber ihre Stimme verriet sie.

Heike musterte sie eine Weile und stemmte sich ans Fenster. Ihr Blick war so durchdringend, als hätte sie Röntgenaugen und Sabines ungelüftete Gefühle förmlich im Gepäck.

Es liegt nicht am Wetter, und das weißt du doch, meinte Heike mit einem warmen Unterton. Es geht um Max, oder?

Sabine seufzte ein Seufzer, in dem Resignation und Unsicherheit einen eleganten Walzer tanzten. Er entscheidet selbst. Ich dachte immer, ich wüsste besser, was gut für ihn ist dass ich ihn vor den Fehlern bewahren kann, die ich selbst gemacht hab.

Sie wandte sich rasch wieder dem Fenster zu, damit Heike die Tränen in den Augen nicht sah rotzig, wütend, und so gar nicht einladend. In Erinnerung tauchte die Szene aus der Küche von neulich auf: Max, der plötzlich viel zu groß und reif im Türrahmen stand und verkündete, er nehme jetzt die Unterlagen aus der Uni und studiere was Neues.

Eigentlich war Max auf Sabines Drängen hin mit großartigen Abiturnoten auf das renommierte Jurastudium an der Uni München gegangen. Sabine war mehr geplatzt vor Stolz als die Blase der Immobilienpreise in Berlin. Sie hielt es für ihr persönliches Verdienst ihr Gerede von Reputation, ihren Listen von Möglichkeiten, stete Ermutigung und strenge Führung. Der erste Kurs: alles Einsen, von den Professoren wurde Max in den Himmel gelobt, ob seiner Gewissenhaftigkeit und Klugheit. Jedes Mal, wenn Sabine ihn umarmte, ihr Lieblingsspruch: Siehst du, ich habs dir doch gesagt! Mit dir wird was, du wirst ein Top-Jurist! Das ist Schicksal, glaub mir!

Max nickte freundlich, aber seine Augen wirkten irgendwie abwesend, als ob er in einer Parallelwelt lebte, in der Paragrafen nur Füllmaterial waren. Er erledigte alles gewissenhaft und bestand jede Prüfung aber der berühmte Funke Leidenschaft blieb aus. Sabine schob das auf die üblichen Anfangsschwierigkeiten: Er wird schon noch warm mit dem Ganzen. Das vergeht, wenn erstmal der Alltag kommt.

Der Sommer kam mit brachialer Hitze; Augsburg wurde regelrecht gebacken, und die Wohnung ohne Klimaanlage war eine mittlere Zumutung. Sabine stellte fest, dass ihr die Luft immer mehr fehlte und zwar nicht nur die draußen, sondern auch die zwischen ihr und Max. Das Knistern wurde zur Dauerspannung, wie ein bayerisches Gewitter kurz vorm Platzregen, und mit jedem verschwiegenen Abendessen und jeder ausweichenden Antwort wurde es drückender.

Nach der letzten Prüfung im Sommer warf Max den Entschluss in den Raum wie einen bayrischen Kartoffelknödel: unumstößlich und schwer zu ignorieren. Sabine stand gerade mit Salatschüsseln in der Hand in der Küche, als er hereinkam die Entschlossenheit in seinem Gesicht war greifbar.

Mama, ich hole meine Unterlagen aus der Uni und wechsle zur Wirtschaft. Das interessiert mich, sagte Max neutral, fast wie jemand, der gerade einen Versicherungstarif kündigt.

Sabine verstand im ersten Moment nur Bahnhof. Was heißt, du holst die Unterlagen? Du hast den ersten Kurs glänzend bestanden! Die ganze Nachbarschaft redet von meinem streberhaften Sohn!

Max setzte sich ihr gegenüber, schaute ihr offen in die Augen. Ich weiß, Mama. Aber Jura ist nix für mich. Ja, ich hab alles stets gewissenhaft gemacht, aber Glück gebracht hat mir das nicht. Da brodelte schon das Magenknurren aus Protest und Sabine legte das Messer ab kleine Zeichen von Nervosität.

Sie versuchte, ernst und eindringlich zu klingen: Max, du kannst das nicht einfach hinwerfen. Das ist ein sicherer Job, gutes Gehalt, Ansehen, alles, was ich mir für dich gewünscht hab! Du weißt doch, ich bin Lehrerin für Geografie, weil mich damals keiner beraten oder mal getriezt hat. Ich wollte, dass bei dir alles besser läuft!

Aber Max schüttelte nur sanft den Kopf: Ich bin jetzt achtzehn ich habe das Recht, meine eigenen Fehler zu machen. Sabine spürte Empörung und Angst und ein leises, unangenehmes Gefühl: Vielleicht hatte Max sogar Recht.

Du enttäuschst mich, brach es aus ihr heraus, ihre Stimme brüchig. Ich habe alles für dich getan

Wer hat denn entschieden, was für mich gut ist?, fragte er höflich, aber klar. Es ist mein Leben. Und ja, vielleicht läuft was schief. Aber dann ist es meine Erfahrung.

Max sprach so ruhig und gefasst, dass Sabine gar nicht anders konnte, als ihm wirklich zuzuhören. Schließlich stand er auf, legte ihr warm und fest die Hand auf die Schulter. Mama, du hast mir beigebracht, dass man nach einem Rückschlag immer weitermachen muss. Lass mich das jetzt selbst erleben. Und danke, dass du immer für mich da bist.

Das kapiert man besonders gut, wenn plötzlich statt des kleinen Jungen, der Märchenbücher vorgelesen bekommen wollte, ein junger Mann vor einem steht.

Sabine schluckte. Mach es, wie du meinst. Ich bin für dich da. Was immer passiert.

Max schmunzelte zum ersten Mal seit Langem entspannt und ohne den ständigen Druck. Er drückte sie und Sabine spürte, wie der Stress von Wochen sich langsam in Luft auflöste.

Danke, Mama. Das bedeutet mir viel.

Max verschwand im Zimmer, während Sabine wie betäubt in der Küche sitzen blieb. Der Salat war jetzt endgültig durchgezogen, sie spürte aber plötzlich ein anderes Hungergefühl den Appetit auf Freiheit. Auf die Chance, Entscheidungen zu treffen. Das Recht, einfach sie selbst zu sein.

Danach änderte sich tatsächlich alles wenn auch nicht so, wie Sabine es befürchtet hatte. Max zog ins Wohnheim der Wirtschaftsfakultät, jobbte als Mathe-Nachhilfelehrer für Oberstufenschüler der FOS. Er meldete sich oft, überraschend oft, um von neuen Freunden, inspirierenden Seminaren und den ersten Misserfolgen mit mehr Humor als Frust zu berichten. Seine Stimme klang lebhafter, und Sabine bemerkte, dass sie zum ersten Mal seit Jahren wieder die Funken von Begeisterung spürte.

An einem Abend, als die Kleinen schon im Bett verschwunden waren und ihr Mann Fußball schaute, öffnete Sabine den Laptop. Die Hände zitterten ein kleines bisschen, als sie suchte: Wirtschaftsstudium Bayern. Neugier kämpfte mit Skepsis, aber sie las Programmbeschreibungen, Bewerbungsfristen, Praktikumsmöglichkeiten. Und irgendwo in den Tiefen schlummerte endlich wieder dieses seltene Kribbeln: Neugier.

Vielleicht hatte Max wirklich Recht. Es zählt, was man gerne macht. Sabine selbst unterrichtete Geografie nur, weil sie da eben reingerutscht war, nicht aus Leidenschaft. Vielleicht war es Zeit, zumindest bei Max loszulassen. Oder ihn sogar ein Stück zu begleiten.

Am nächsten Tag hob sie gefühlt zehn Mal das Telefon, bevor sie schließlich Max anrief.

Hi, Max, ich bins, sagte sie und bemühte sich um einen Ton, der Souveränität vorspielt, aber die Aufregung rieselte trotzdem mit.

Hallo, Mama, kam Max Stimme vertraut und unverkrampft aus der Leitung. Kein Anflug von Eiszeit eher echtes Interesse.

Sabine stotterte kurz und dann platzte es raus: Ich wollte mich mal entschuldigen. Ich hab dich vielleicht ein bisschen zu sehr gedrängt. Das war falsch. Es tut mir leid.

Kurzes Schweigen Sie hätte fast gedacht, das Gespräch bricht ab. Doch dann sagte Max ruhig: Danke, Mama. Tut mir auch leid, dass ich so abrupt war. Vielleicht hätte ich es einfach anders erklären müssen.

Wollen wir uns mal treffen?, schlug Sabine vor. Vielleicht auf ein Stück Kuchen?

Beide stimmten zu und am nächsten Tag saßen sie beim Bäcker Wimmer am Gärtnerplatz vor der Scheibe mit Tee und dem berühmten Schwarzwälder Kirsch, das Max als Kind immer bestellte. Als Max hereinkam, fiel Sabine auf, wie erwachsen er plötzlich aussah aber das vertraute Funkeln in seinen Augen war noch da.

Hallo Mama, sagte er beim Hinsetzen.

Schön, dich zu sehen, lächelte Sabine und meinte es so ehrlich wie lange nicht.

Eine Weile saßen sie einfach so. Dann sagte Sabine: Weißt du, vielleicht hast du sogar recht. Vielleicht sollte man wirklich das machen, was einen begeistert. Ich unterrichte seit Ewigkeiten Geografie hätt ich damals was anderes versucht, wärs vielleicht auch ganz was geworden. Aber jetzt ist es wohl zu spät.

Max schüttelte vehement den Kopf. Wieso zu spät? Du bist doch jung! Es gibt Weiterbildungen, Kurse, tausend Möglichkeiten. Oder einfach ein cooles Hobby. Hauptsache, es brennt ein Funke!

Sabine musste grinsen. Mit drei Kindern, Familie und Job? Wo soll ich die Zeit dafür hernehmen?

Aber Max ließ das nicht gelten. Na klar ist das machbar! Du kannst doch z. B. Schulausflüge selbst organisieren erinnerst du dich an deine Geschichten vom Allgäu? Ich hab die Geschichten noch im Ohr, für mich war das, als wär ich dabei gewesen

Wortlos starrte Sabine auf ihre Kuchengabel, vor dem inneren Auge wieder die leuchtenden Sonnenaufgänge in den Bergen, den Geschmack von Heu im Allgäuer Tal und das Gefühl von echter Freiheit.

Stimmt, sagte sie dann leise. Damals sind wir mit der Uni fast zweihundert Kilometer zu Fuß durchs Allgäu gestiefelt das war Abenteuer pur!

Max Augen fingen zu leuchten an. Da schau her! Dir liegt das Erzählen im Blut. Veranstalte doch Wanderungen, einen Naturkundeklub. Mach am Wochenende kleine Touren das liegt doch total im Trend! Ich helf dir auch, wenn du willst.

Sabine dachte erstmals ernsthaft drüber nach. Warum eigentlich nicht? Vielleicht war der Alltag gar nicht so in Stein gemeißelt, wie sie immer meinte. Vielleicht konnte man wirklich kleine Abenteuer in die Welt der Routine schleusen.

Gute Idee, gestand sie. Vielleicht fang ich wirklich damit an. Endlich die Routine mal austricksen!

Max grinste wie in Kindertagen: breit, offen, und mit diesen berühmten Grübchen. Ich helfe dir, versprochen! Und danke, dass du mich verstehst es bedeutet mir viel.

Sabine blinzelte, die Tränen diesmal vor Erleichterung. Sie ergriff Max Hand: erwachsen, fest, warm.

Auch ich muss mich entschuldigen. Ich wollte doch immer nur dein Bestes, damit du es besser hast als ich

Ich weiß, erwiderte Max. Komm, lass uns beide was Neues wagen. Du mit Ausflügen und ich mit Wirtschaft. Und wir bleiben ein Team, klar?

Sabine spürte, wie die Last der letzten Monate langsam verschwand. Sie lächelte zum ersten Mal seit Ewigkeiten ganz unbeschwert.

Deal, sagte sie leise. Und was lernst du im ersten Semester? Welche Professoren unterrichten? Was hast du als nächstes vor?

Max konnte gar nicht aufhören zu erzählen: Die Studiengänge, Praxisprojekte, das erste Uni-Fest, Praktikumspläne. Sabine hörte zu und zum ersten Mal spürte sie echtes Interesse nicht als Mutter, sondern als Partnerin im Leben.

Sie saßen noch lange bei Tee und Kuchen. Max bestellte später sogar noch ein zweites Stück eins mit Erdbeeren wie früher , und plötzlich redeten sie über Filme, Reisepläne, Bücher. Sabine wurde klar, wie groß die Nähe zu Max inzwischen war. Es war wie ein Neuanfang für beide.

Als sie aus dem Café traten, war die Sonne fast untergegangen, und das orangegoldene Licht tauchte München in einen Hauch von Spätsommer. Es duftete nach Herbstblättern und ein bisschen nach Abenteuer. Max nahm Sabine sanft unter den Arm.

Komm, ich bring dich zur Tram, meinte er fürsorglich.

Danke, mein Großer, lachte Sabine und spürte das warme Gefühl bis in die Zehenspitzen. Morgen geh ich übrigens gleich ins Schulamt und kläre, ob ich einen kleinen Schulkurs für Naturtouren anbieten darf. Vielleicht fange ich klein an mit Spaziergängen an die Isar oder in den Englischen Garten.

Spitze!, rief Max und drückte sie. Ich schick dir ein paar Links zu schönen Touren rund um München. Da gibts herrliche Routen entlang der Würm und Richtung Starnberger See. Und es gibt sogar Foren, wo man Tipps und Kontakte bekommt.

Sie gingen Seite an Seite, und Sabine merkte, dass sie gar keine Angst mehr hatte nur noch Hoffnung. Hoffnung auf ehrlicheres Miteinander mit Max und vielleicht darauf, dass die kleinen Träume ihren Platz im Alltag bekommen würden. Nicht für Prestige oder Titel sondern für das gute Gefühl, das Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen. Und es zu genießen.

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Homy
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