Kein Entkommen: Wenn es keinen Weg ins Unbekannte gibt

Kein Ort zum Entkommen

Mathilde Stanislawna, erkennen Sie mich etwa nicht? Ich bins, Valentin Ihr einziger Neffe.

Valentin?!

Ein paar Sekunden lang atmete die Tante schwer.

Um Himmels willen! Ich dachte schon, du seist längst tot oder säßest im Gefängnis. Kein Anruf, kein Brief, gar nichts…

*****

Warum muss das jetzt passieren?! wunderte sich Valentin, während er vor dem Laptop saß und der Presslufthammer hinter der Wand seine Gedanken mit hämmernden Tönen durchbohrte. Eigentlich wollte er gar nichts hören, aber es gab keinen Ausweg.

Er hielt sich die Ohren zu, probierte Kopfhörer, stopfte seinen Kopf unter das Kissen…

Nutzlos.

Jeder neue Schlag war begleitet von einem kreischenden, metallenen Schaben, als würde Valentin nicht in seiner Altbauwohnung in Berlin-Friedrichshain sitzen, sondern auf einer Baustelle.

Wann hört das endlich auf?! Wie lange wollen die die Leute noch quälen?

In seinen Tagträumen stürmte Valentin oft ins Treppenhaus, trat die Stahltür ein und entriss seinem Nachbarn das gehassliebte Gerät.

Solche Dinge passierten bei ihm aber nur in Träumen oder vielleicht…

…auf den Seiten seiner neuen Geschichte.

Im echten Leben hätte ihm Nachbar Vitali mit dem Presslufthammer wahrscheinlich selbst eins übergezogen.

Ehemaliger Fallschirmjäger.

Groß wie ein zweitüriges Sofa und ein Blick, bei dem einem kalt wurde…

Also blieb Valentin nichts anderes als sich zu fügen.

Damit hätte er vielleicht sogar leben können hätte ihn nicht eines beschäftigt:

Der Chef eines renommierten Münchner Verlags hatte ihn nach seiner letzten Geschichte, einem mysteriösen Kriminalfall in einer Kleinstadt bei Augsburg, kontaktiert und ein Angebot für eine Zusammenarbeit gemacht.

Lukrativ, muss man sagen. Hohe Euro-Beträge waren versprochen.

Ich bin dabei! rief Valentin.

Gut. Nur eine Bedingung: Das Buch muss innerhalb von drei Monaten fertig sein.

Kein Problem.

Valentin neigte dazu, zuzusagen, bevor er nachdachte. So auch diesmal: Vereinbart, aber keine Ahnung, worum es gehen sollte.

Ein spannender Krimi sollte es werden: kein Problem für einen erfahrenen Autor wie ihn, glaubte er. Aber so einfach war es nicht.

Um wirklich zu fesseln, braucht man einen guten Einfall, einen ausgearbeiteten Plot, interessante Figuren. Und natürlich: das Verbrechen.

Leichter gesagt als getan. Beim letzten Mal brauchte er ein halbes Jahr für die Idee. Damals kein Zeitdruck. Jetzt nur drei Monate.

Und dann: die Renovierung. Der ewige Bohrhammer und mit ihm der Gedanke: Hier kann ich unmöglich schreiben!

Hotelkosten in Berlin? Unbezahlbar.

Wohngemeinschaft, Untermiete, Zwischenmiete? Viel Aufwand und wer weiß: Vielleicht fängt auch dort jemand an, Decken aufzureißen oder feiert eine monatelange Geburtstagsorgie.

Und kleine Mädchen an Klavieren können einem stundenlang das Gehirn verunstalten.

Nein, riskant ständige Umzüge würden teurer als jedes Hotel.

Plötzlich schepperte es nebenan, als wolle jemand sein Zimmer abreißen. Valentin zuckte und erinnerte sich, dass er auf dem Bett und nicht am Schreibtisch saß über ihm prangte das Bücherregal.

Den pochenden Kopf reibend, fiel ihm unerklärlicherweise die Telefonnummer seiner Tante ein: Mathilde Stanislawna.

Das Verhältnis: Nicht gut, nicht schlecht, irgendwie gar keins seit sieben Jahren, die Beerdigung der Mutter. Trotzdem: Ihre Nummer vergisst er nicht. Nach dem Rempler war sie wieder präsent. Ein Zeichen?

Hallo! hörte Valentin die vertraute Stimme und war seltsam erleichtert, dass seine Tante noch lebte.

Guten Tag, Mathilde Stanislawna. Hier spricht Valentin.

Valentin Valentin murmelte die Frau. Der Klempner etwa? Ich meine, ich habe Sie doch neulich komplett für den Wasserhahn bezahlt, oder etwa nicht? Oder haben Sie noch etwas vergessen?

Mathilde Stanislawna, erkennen Sie mich nicht? Ich bins, Valentin, Ihr Neffe.

Vali?

An ihrem Atem hörte Valentin, wie sie versuchte, die Gedanken zu ordnen.

Um Himmels willen! Ich dachte, du wärst tot oder im Gefängnis kein Lebenszeichen seit Jahren…

Nein, ich lebe noch, viel Arbeit, kam einfach nicht dazu, Sie anzurufen, stotterte Valentin.

Sieben Jahre Tag und Nacht nicht eine Minute frei? Bist du in Sklaverei geraten?

Nein, verstehen Sie, ich schreibe inzwischen Bücher. Krimis, sie verkaufen sich einfach besser.

Ein Schriftsteller?! Und dafür hast du damals Physik studiert? Deine Mutter und ich haben Tausende Euro reingepumpt… Alles für die Katz?

Es war einfach nicht das Richtige… Mathilde Stanislawna, eigentlich rufe ich wegen etwas Bestimmtem an…

Ah, das ist also kein Höflichkeitsanruf du brauchst etwas von mir?

Ja beziehungsweise nein… Also doch ja. Es geht um Ihre Datsche.

Wie bitte?! Du willst meine Datsche? Also, Valentin, bist du noch ganz bei Trost? Hat dich etwa der Hammer getroffen?

Woher wissen Sie das? Valentin rieb sich immer noch den Kopf. Sie haben mich falsch verstanden! Ich würde gerne nur eine Zeit lang dort wohnen.

Eigentlich steht sie gerade zum Verkauf. Besser gesagt, der Makler kümmert sich darum.

Könnten Sie das vielleicht noch drei Monate verschieben? bat Valentin hoffnungsvoll.

Vielleicht…

Echt?!

Aber erst sag mir: Warum brauchst du sie? Wenn du da junge Frauen mitbringst vergiss es! Keine Chancen!

Welche Frauen? Ich habe nicht mal eine Frau…

Valentin schilderte die Situation, ließ sie sogar live den pressesägenden Lärm des Bohrhammers hören.

Hören Sie das? Ich lüge Sie nicht an! Helfen Sie mir bitte!

Am Ende hatte Mathilde Stanislawna Einsicht und gestattete ihrem Neffen, drei Monate die Datsche zu nutzen, wenn er sie danach in einen vorzeigbaren Zustand bringen würde keine zwei Meter hohen Brennnesseln für die potenziellen Käufer.

Kein Problem! willigte Valentin ein Schicken Sie mir die Nummer des Maklers, damit ich den Schlüssel holen kann.

Später überkam ihn der Schrecken: Wann sollte er sich noch um den Garten kümmern, wenn die Zeit schon so knapp war? Aber vielleicht könnte er in der Stille das Buch früher fertigstellen und sich am Ende ums Aufräumen kümmern.

*****

Valentin hatte alles sorgfältig geplant, zumindest dachte er das. Es war Spätsommer, die meisten Berliner hatten die Datschen schon verlassen.

Er erwartete also, im Gartenverein von Zeuthen ganz allein zu sein.

Warm war es auch noch, der fehlende Komfort störte ihn nicht weiter.

Er kämpfte sich durchs Gestrüpp, zielstrebig Richtung Haus, als plötzlich…

Halt! Wer geht da?

Valentin erstarrte.

Wer ist da? Warum antwortest du nicht? Der Stimme nach zu urteilen, kam sie aus dem Nichts, nun schärfer.

Valentin.

Was machst du hier?

Zu Besuch.

Bei wem? Seit sieben Jahren wohnt hier niemand mehr! Bist wohl ein Langfinger, was?

Dieses Haus gehört meiner Tante, Mathilde Stanislawna. Hat mir erlaubt, für drei Monate hier zu wohnen. Also…

Komm mal her zum Zaun.

In welche Richtung? fragte Valentin, und drehte sich suchend im Kreis.

Links entlang.

Beim Näherkommen erkannte Valentin den alten Nachbarn Erich mit einem riesigen Hund. Ein Hund, dessen Blick darauf schließen ließ, dass er heute Lust auf Valentin-Steak hatte.

Valentin hatte ohnehin Angst vor Hunden seit Kindheitstagen. Erich war ein geselliger Typ.

Sie nannten ihn den Wächter des Vereins; und weil Erich einsam war, sprach er gern und viel. Und sein Hund hieß Treu, wie es sich für einen deutschen Hund gehört.

Ich wohne schon sieben Jahre hier, Valentin. Die Wohnung meiner Tochter überlassen, selbst hierhergezogen. Der da, mein Treu, ist mein treuester Freund.

Aha murmelte Valentin und wagte es kaum, dem Hund in die Augen zu sehen.

Außerdem kümmere ich mich um die Parzellen. Fast jeder hat Kühlschrank, Mikrowelle, Fernseher. Ich passe auf, dass nichts geklaut wird. Viel gibts nicht dafür, aber besser als nichts. Und du bleibst drei Monate?

Genau. Ich muss in Ruhe ein Buch schreiben. In der Stadt? Aussichtslos.

Das war klug von dir! Hier bist du wirklich allein. Nur du, ich und Treu sonst keiner!

*****

Nach dem Gespräch mit Erich, schleppte Valentin Lebensmittel, Laptop, Mikrowelle aus dem Auto ins Haus. Zum Glück gabs einen Kühlschrank und einen Fernseher brauchte er nicht. Er war ja nicht zur Unterhaltung da.

Der Anblick des mit Unkraut überwucherten Grundstücks ließ ihn resignieren…

Ich sollte es in Ordnung bringen. Ich muss ja drei Monate hier leben. Und vor dem alten Mann ist es peinlich bei ihm ist alles picobello.

Kraft seiner frustrierten Energie widmete Valentin die nächsten vier Tage der Grundreinigung. Am fünften Tag war nicht einmal mehr ein Gänseblümchen übrig.

Die gesammelten Pflanzenreste lagerte er auf dem hinteren Hof: Wer weiß, vielleicht braucht mal jemand Kompost.

Die ganze Zeit über beobachtete Treu schweigend jede Bewegung. Es lag eine unheimliche Ruhe in seinem Blick. Eine Stille, die einem kalte Schauer über den Rücken jagte.

Zum Glück trennte ein Zaun die Parzellen kein Grund zur Panik. Ohne den hätte Valentin wohl längst graue Haare bekommen.

So, jetzt an die Arbeit, murmelte Valentin, klappte den Laptop auf und lächelte. Genug Zeit, niemand störte. Keine Autos, keine Hähne, kein Bohrhammer nur Stille.

Doch das Glück währte nicht lang.

Sobald Valentin zu schreiben anfing, legte Treu auf der Nachbarparzelle los ein Dröhnen voller Leidenschaft.

Warum denn jetzt? wunderte sich Valentin.

Vier Tage lang, während des Aufräumens, hatte Treu nie gebellt. Und jetzt? Ein Dauerkläffer, den man hören konnte bis nach Königs Wusterhausen. Was war schlimmer Vitali mit dem Presslufthammer oder Treu?

Das Kuriose: Sobald Valentin nach draußen kam, schwieg Treu, wedelte mit dem Schwanz und sah ihn friedlich an. Kaum ging Valentin hinein, begann der Lärm von neuem.

Was soll das?

Erich war ratlos:

Keine Ahnung. Ich kann ihm schlecht ins Hirn gucken. Aber ich sag dir, du gefällst ihm.

Na, mir gefällt er aber nicht…

Das kommt noch! Wer Tiere nicht mag, hat sie einfach nicht wirklich kennengelernt. Ich kenne viele, die sagten nie einen Hund! und am Ende…

Aber irgendjemand hat Treu ausgesetzt, sonst wäre er nicht zu dir gelaufen.

Ja, das sind keine Menschen. Aber du passt ja jetzt auf…

*****

Später am selben Tag, es war bereits finster, fuhr ein Rettungswagen vor und man trug Erich auf einer Bahre raus. Valentin beobachtete alles aus dem schummrigen Klofenster.

Er hörte, wie Erich mühsam atmete und sagte:

Was nun? Wer kümmert sich um die Gärten, wer füttert meinen Hund? Er ist doch ganz allein…

Machen Sie sich keine Sorgen, meinte einer der Sanitäter freundlich. Sie werden gesund und können weitermachen. Aber wir dürfen Sie jetzt nicht hier lassen. Ein Infarkt ist kein Spaß.

Valentin lag die ganze Nacht wach, hörte Treu zum Mond heulen und schlief erst am Morgen ein. Es wurde ein langer Tag bis zum Abend und dann wieder: nächtliches Gejammer.

So vergingen mehrere Tage, dann kam der Bezirksbeamte.

Ohne Gruß schritt er vorbei, war über eine Stunde im Haus und verschloss es am Ende.

Entschuldigung, was ist los? fragte Valentin, als der Beamte gehen wollte.

Wer sind Sie überhaupt?

Ich leb hier nur auf Zeit.

Valentin erklärte alles wie Erich zuvor. Er zeigte seinen Ausweis, gab sogar Tante Mathildes Nummer an.

Ihr Nachbar ist gestorben. Infarkt.

Schade. So ein lieber Mann. Und was wird aus seinem Hund? Der ist jetzt ganz allein.

Keine Ahnung. Vielleicht nehmen Sie ihn? Oder lassen einfach laufen; der wird schon klarkommen.

Leicht gesagt: laufen lassen, dachte Valentin und starrte Treu an. Der saß immer noch angekettet da.

Du hast sicher Hunger? fragte Valentin, erkannte dabei die Sinnlosigkeit seiner Frage. Natürlich! Tagelang nichts gefressen.

Er holte ein ordentliches Stück Leberwurst, näherte sich dem Zaun und warf sie und traf daneben.

Basketball war nie Valentins Sport gewesen.

Die Wurst blieb einen halben Meter vor Treu liegen; die schwere Kette machte es unmöglich für den Hund, heranzukommen.

Noch ein Versuch, offener Blick wieder daneben. Dritter Versuch, gleiches Ergebnis.

Alle Flüche der deutschen Sprache auf den Lippen, kroch Valentin zitternd auf die Nachbarparzelle.

Treu hechelte, setzte sich, schielte nach dem Essen. Valentin warf die Stücke näher an den Hund weg waren sie.

Und dann tat er das, was er später bereute: Er löste die Kette und ging drei Schritte zurück. Da stürzte sich Treu auf ihn und begann, ihm das Gesicht zu lecken.

Aaaaaaah! schrie Valentin.

Umsonst weit und breit niemand, der es hörte.

Treu aber rannte nicht davon. Er wich Valentin nicht mehr von der Seite.

Na, meinst du, ich nehme dich jetzt zu mir? Valentin sprach zu dem Hund.

Wuff!

Denk nicht mal dran! Erstens, die Datsche gehört meiner Tante, sie hat tierisches Besuchsverbot verhängt! Zweitens, ich bin nur Gast. Drittens, ich bin quasi arbeitslos, weil ich durch dich mein Buch nicht schaffe und wohl kein Honorar bekomme.

Wuff!

Du hast schuld, dass ich nichts geschafft habe durch dein Dauergelärme…

Doch Treu schien Valentin nicht mehr zu fragen. Er wusste schon: Du bist jetzt mein Mensch.

Der Hund bellte nicht mehr, störte nicht mehr also hätte Valentin schreiben können. Nur: Jetzt, wo endlich Ruhe war, blieb er vor dem leeren Bildschirm sitzen. Der Kopf: leer.

Nun vermisste er beinahe den Lärm. Vielleicht hätte er aus den Erfahrungen mit Vitali, dem Ex-Fallschirmjäger mit Bohrhammer, einen Krimi gezaubert: Fundort Berlin, Tatwaffe: Presslufthammer.

Aber so werkelte Valentin nur noch im Garten.

Aus lauter Frust holte er Treus Hundehütte auf seine Parzelle eine stabile Holzkiste mit Gittertür. Während des Essens sperrte er Treu aus.

Warum? Weil der schamlos das Essen vom Tisch raubte.

Er deckte draußen den Tisch schönes Wetter, am liebsten im Freien , holte Kaffee aus dem Haus, kam zurück und der Tisch war leer.

Das kann doch nicht wahr sein! tobte Valentin.

Treu saß daneben, schielte und schleckte sich die Schnauze. So kam das Häuschen zur Strafe zu Valentin.

Lange hielt die Maßnahme nicht. Valentin versicherte sich, dass Treu in der Box steckte, die Tür zu und als er wieder rauskam: leere Teller.

Treu saß mit Unschuldsmine im Häuschen, der Schwanz wedelte.

Er untersuchte alles immer noch verschlossen. Das ist doch Geisterhand!

Noch einen Tag später beobachtete er durchs Küchenfenster alles genau. Diesmal kam ein dicker grauer Kater dazu!

Der Kater öffnete geschickt mit der Pfote das Türhäkchen, zusammen rannten der und Treu zum Tisch und plünderten im Nu alles.

Flugs schloss sich Treu zurück in sein Haus, der Kater machte das Türhäkchen zu.

Das gibts doch nicht, dachte Valentin. Gibt es das?

Ab jetzt aßen sie immer gemeinsam: Valentin am Tisch, Treu darunter, und der Kater den er Dreist taufte schnorrte sich dazu.

Zum Dank fing Dreist alle Mäuse im Haus und stapelte sie ordentlich vor Valentins Bett.

Der Fluch, den Valentin an diesem Sonntagmorgen ausstieß, dürfte bis nach Berlin gehört worden sein immerhin waren es 15 km bis dahin.

Bilanz: Zwei Wochen, kein einziges geschriebenes Wort, dafür Hund und Katze, die gefüttert werden wollen. Aber wie, der Kühlschrank ist leer…

Notgedrungen fuhr Valentin in die Stadt. Allein? Fehlanzeige. Treu und Dreist sprangen sofort ins Auto: Keine Absicht, sitzen gelassen zu werden.

Also gemeinsam auf Einkaufstour, inklusive aller nötigen Pausen, dauerte die Fahrt an die drei Stunden.

Danach war klar: Mit Tierfreundschaft lässt sich nichts planen alles läuft nach den Regeln von Treu und Dreist. Entkommen? Wohin, um Himmels willen.

*****

Nach dem Abendessen beschloss Valentin, am nächsten Tag beim Verlag abzusagen. Danach wollte er heimfahren. Für ihn war es vorbei.

Aber das Schicksal hatte andere Pläne.

Denn kurz nach Einbruch der Dunkelheit, beim dritten Becher Darjeeling, hörte er, wie gleich in der Nähe ein Motor röhrte aber kein Pkw, sondern laut und schwer.

Komisch. Er rief den Bezirksbeamten, schilderte sein Gefühl.

Der Beamte versprach bald nach dem Rechten zu sehen. Dann rollte ein weißer Sprinter in den Gartenweg Valentin war gerade im Klo, draußen warteten Treu und Dreist. Die Verandalampe war durchgebrannt Valentin blieb unsichtbar, sah aber sehr wohl, wie zwei Männer Nachbars Haus durchsuchten.

Kein Zweifel Diebe! Was tun, bis der Polizist kommt? Vielleicht sind sie weg, bevor jemand kommt. Und wenn sie Valentins Auto sehen, riechen sie Lunte…

Jetzt muss was passieren! murmelte Valentin und tastete nach der Klopapierrolle.

Er schlich aus dem Häuschen, wies seine tierischen Begleiter an, zu warten, und pirschte auf Nachbars Grundstück.

Im Laderaum des Sprinters türmten sich Fernseher, Mikrowellen, Kühlschränke. Sogar eine Spielekonsole war dabei.

Auf dem Grundstück begegneten ihm die beiden Männer. Sie kamen Valentin irgendwie bekannt vor, aber er wusste nicht, woher.

Ganz schön fette Beute lachte einer und balancierte einen Flachbildschirm.

Vor allem die alten Medaillen, die bringen ordentlich was bei Sammlern.

Plötzlich sahen sie Valentin.

Wer bist du denn?

Polizei! log Valentin. Sie sind auf frischer Tat ertappt. Legen Sie langsam die Hände auf den Rücken! Jeglicher Widerstand ist zwecklos!

Solche Sätze hatte er nur aus Fernsehkrimis jetzt kamen sie zum Einsatz.

Verdammt… stammelte einer und erblasste.

Doch der andere musterte Valentin.

Quatsch, das ist keine Polizei, Micha. Das ist doch der komische Nachbar, der meinte, er will schreiben. Der Alte hat doch davon geredet.

Ach ja! lachte sein Kumpan.

Kämpfen konnte Valentin nicht. Er verabschiedete sich innerlich schon von seinem Leben.

Doch als die beiden näherkamen, tauchten plötzlich Treu und Dreist aus der Nacht auf.

Die Katze sprang dem einen auf den Kopf Massage mit den Pfoten genannt und Treu warf den anderen zu Boden und sabberte ihm ins Gesicht.

Hilfääää! schrie einer.

Schrei, soviel du willst. Es hört doch keiner, dachte Valentin.

Der zweite Täter lag schon im Gras, schreiend, als Dreist ihm die Krallen zeigte.

Valentin band so gut es ging die Hände mit der Hundekette zusammen. Wenig später kam der Polizist und grinste, als er Kette gegen Handschellen austauschte.

Saubere Arbeit, Valentin. Ganz allein gegen zwei Diebe. Respekt!

Quatsch, ich war nicht allein, Valentin zeigte auf Treu und Dreist. Meine Freunde haben geholfen.

Das sind Freunde fürs Leben. Mit denen brauchst du dich vor nichts und niemandem fürchten. Pass gut auf sie auf…

Wohin denn auch? dachte Valentin.

Wer sind die beiden überhaupt? Kommen mir so bekannt vor…

Rettungssanitäter! Die klauen schon länger in verlassenen Datschen und ich war ihnen monatelang auf der Spur. Und du erwischst sie an einem Abend!

Der Polizist fuhr ab, Valentin rannte ins Haus. Eine grandiose Idee für seinen Krimi war geboren.

*****

Nach zweieinhalb Monaten gab Valentin das Manuskript ab und der Verlagsleiter konnte nicht mehr aufhören zu lesen.

Das ist ein Bestseller! Du kriegst dein Geld nach der Veröffentlichung und einen fetten Anteil vom Verkauf!

Bald verkaufte Valentin die Berliner Wohnung, kaufte seiner Tante das Grundstück ab, dazu den Nachbargarten von Erich beide vereint, und dazu noch mit dem Honorar ein neues Haus gebaut: Bad innen, Heizung modern.

Seither lebt Valentin dort vor den Toren Berlins, mit Treu und Dreist. Warum auch nicht?

Ringsum Ruhe und Frieden, aber vor allem: die besten Freunde an seiner Seite.

Am Tag schreibt Valentin am Laptop, abends drehen sie ihre Runde durchs Gelände und prüfen, ob alles in Ordnung ist. Er dankt dem Zufall und vor allem Vitali mit dem Presslufthammer. Denn hätte der nicht renoviert, wäre Valentin nie an diesen wundersamen Ort geraten…

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Kein Entkommen: Wenn es keinen Weg ins Unbekannte gibt
Wenn es schon zu spät ist