Die Kapitänstochter

Papa? ruft Leni, während sie schnellen Schrittes die breite Marmortreppe mit den geschwungenen Geländern aus hellem Holz hinaufeilt. Die Stufen führen zum großen Glasdach, das mal irgendein überambitionierter Architekt entworfen hat. Was machst du überhaupt hier?

Vor der Tür sitzt ein Mann auf einem kleinen Koffer, gekleidet in gestreiftem Shirt, alter Marinejacke und viel zu weiten Seemannshosen.

Die sind tatsächlich zu groß geworden oder ich zu klein, schmunzelt er und zieht am Hosenbein. So ist das, Lenchen

Die früher immer auf Hochglanz polierten Schuhe sind nun verstaubt, die Spitzen leicht angestoßen, die Absätze schiefgetreten. Leni, die ein Auge für Details hat, bemerkt das sofort. Erst als ihr Vater sich erhebt und sich leicht hinkend verbeugt, merkt sie, wie sehr er an seinem rechten Bein leidet. Und überhaupt: Er ist abgemagert. Vom einstigen Kapitän der Binnenschifffahrt ist wirklich nichts mehr übrig ein alter, hagerer Mann steht da, und die Uniform passt schon lange nicht mehr zu ihm, was Leni fast amüsiert zur Kenntnis nimmt.

Und warum bist du hier? Mit Sack und Pack sie nickt zum Koffer. Ein kurzer Anruf wär auch nett gewesen.

Ach, ich wollte euch nicht zur Last fallen, Lenchen. Ihr habt doch eure Familie Andreas Vogt, Lenis Vater, wird plötzlich verlegen. Es hat sich halt so ergeben

Ja, Papa, ich hab eine Familie. Meine eigene, sagt Leni scharf und mustert ihren Vater mit Abneigung. Aber gut, komm rein. Wenn du schon mal da bist, erzähl, was los ist.

Langsam und hinkend betritt Andreas die Wohnung, stellt den Koffer ab und schaut sich um. Wie früher möchte er die Arme ausbreiten und einen tiefen Atemzug nehmen, als könne er damit den Duft von Zuhause einfangen. Aber die Diele ist eng, und Leni, die sich gerade die Schuhe auszieht, drängelt ungeduldig. Die Schnalle klemmt, Lenis Hände zittern vor Eile. Drinnen herrscht Chaos Ehemann Florian und Sohn Tom haben morgens verschlafen und alles stehen und liegen lassen. Leni wollte später aufräumen, nach dem Einkauf, nach dem Friseur Jetzt aber schämt sie sich vor ihrem Vater. Ganz wie damals als Kind.

Lene! Was ist denn das für ein Durcheinander? Dein Zimmer ist dein Spiegelbild! Was machst du denn da? Bücher auf dem Boden, Zettel mit Gekritzel?! Andreas Vogt, damals noch jung, die braunen Locken fest gegelt, tadelt streng. In fünf Minuten ist ALLES aufgeräumt, klar? Und das Bett! So macht man das doch nicht! Du bist die Tochter eines KAPITÄNS, Lene. Merk dir das Keines Kesselflickers aus der Nachbarschaft! Mach dich mal gerade!

Oft hätte Leni lieber ganz normal gelebt, als Tochter eines Kfz-Mechanikers, Onkel Karl. Normal sein, essen, lesen, Musik hören, tanzen, Freunde einladen, ohne dass Papa abnickt. Aber sie war nun mal Vogts Tochter, und das zog sich durch die ganze Kindheit.

Das Bett musste exakt gemacht werden, Frühstück gab’s nur in ordentlicher Montur. Faulenzen und krankmachen undenkbar.

Auf Papas Schiff hat niemand gefaulenzt. Also auch Leni nicht.

Lass das Mädchen doch mal in Ruhe, Andi! Leni erinnert sich, wie ihre Mutter, Gertrud, manchmal für sie Partei ergriff. Meistens schwieg sie dann doch und streichelte Leni nur tröstend über die Schultern.

Gertrud war eben die Frau eines Kapitäns. Fürs Einfachsein war da kein Platz. Ihr wurde auch regelmäßig der Kopf gewaschen sie ließ gern mal was rumliegen, ein Stück Wäsche auf dem Stuhl, und dann kamen abends Kollegen zu Besuch

Dieser Mechaniker, Karl, hat damals lange um Gertrud geworben. Blumen, Tanz am Main, Spaziergänge. Nach einem Ausflug auf dem Schiff brachte sie allerdings nur ein Foto von Andreas mit Karl wurde abserviert.

Was jetzt, Gertrud, einfach so vorbei? fragte Karl eines grauen Novembertags.

Ja, das Herz will, was es will, sagte sie und machte die Tür zu

Andreas gefiel ihr gut. Uniform, der stolzierte Gang, die Freundinnen waren neidisch.

Die Hochzeit war klein, im Restaurant am Main. Kollegen, Familie, ein paar Freundinnen. Gesang, Tanz, aber dann stand Andreas auf, beendete den Abend abrupt. Sie mussten heim.

Ach komm, lass uns noch sitzen! Ist doch unser Tag! Gertrud war beschwingt, legte ihm die Arme um den Hals, küsste ihn.

Das reicht. Morgen gibt’s wieder Arbeit.

Sein Vater, Hans Vogt, rot im Gesicht, erzählte stolz jedem am Tisch von seinem Sohn, dem Befehlshaber, klug, gerecht, ein echtes Vorbild.

Die Gäste nickten und gratulierten.

Nur Gertruds Freundinnen rollten etwas die Augen. Vielleicht, weil sie mehr erwartet hatten. Oder weil Gertrud Glück gehabt hatte.

Die Feier war schnell vorbei.

Als Leni drei Jahre später zur Welt kam, war Andreas auf Fahrt. Konnte noch nicht einmal zur Entlassung aus dem Krankenhaus erscheinen.

Du packst das schon, Gertrud! Du bist doch die Frau eines Kapitäns! brüllte er übers Telefon. Gertrud knetete sein altes Ringelshirt und hatte Angst. Vor der Geburt, vor dem Alleinsein sie war ja selbst noch fast ein Kind.

Gertrud, ich helfe dir. Komm, stütz dich auf mich Karl, der Mechaniker, hatte sie besucht, half, als sie schwer atmend im Flur saß. Die Wehen hatten sie überrumpelt, vielleicht zu lange gewartet, weil Andreas angeordnet hatte, bitte bei ihm zu gebären, nicht vorher

Gertrud versuchte zu lächeln, trotz Schmerz. Andreas sagte immer, sie sei das Gesicht der Familie, glücklich müsse sie aussehen so gehörte es sich. Dabei hatte sie mehr als genug von all den Erziehungsanweisungen.

Ob das Geschirr liegen blieb, der Boden mal nicht gewischt war, Mittagessen vergessen egal, dann hat Andreas gekocht, geputzt, Wäsche erledigt und geschimpft, als gehöre das alles zur Offiziersausbildung.

Nach der Geburt meldete Andreas sich, ließ sie im Krankenhaus anrufen, Hauptsache, die Frau hält durch.

Ein Kapitänsweib muss tapfer sein!

Und so stand Gertrud, stützte mühsam den Bauch, hielt das Telefon, nickte ernst, während die anderen im Zimmer tuschelten: Der hält sie sicher an so streng, wie er seine Matrosen

Auch Leni wurde gedrillt. Früh heiraten, gleich mit 19. Bloß raus aus dem Elternhaus. Andreas fand die Idee, die Familie zu verlassen, undenkbar, plädierte fürs Zusammenleben erfolglos. Gertrud regelte eine kleine Zweizimmerwohnung am anderen Ende von Frankfurt für Leni und Florian, während Andreas bereits an Land versetzt war und ein Büro leitete. Die alte Wohnung im Altbau mit der berühmten Treppe und dem Mechaniker Karl im Erdgeschoss blieb Leni.

Niemals! Was treiben die jungen Leute nur? Wein und Tanz und nichts im Kopf! so Andreas, als er vom geplanten Auszug erfuhr. Hier ist unser Zuhause. Ich verlasse das höchstens mit den Beinen zuerst!

Doch Gertrud lachte nur müde.

Ach, Andreas! Damals, als du zu mir kamst, hattest du nur einen Koffer mehr nicht! Die Wohnung hab ich besorgt. Also lass gut sein, Soldat. Ich habe entschieden. Wenns dir nicht passt, dann geh zu deinen Eltern.

Andreas wollte wütend aufspringen, aber Gertrud legte ruhig die Hand auf seinen Arm.

Bleib sitzen. Leni geht nun ihren Weg, egal, was du sagst. Und du bist ein normaler Binnenschiffer, kein Admiral!

Gertrud war tougher geworden, hatte gelernt, für sich einzustehen.

Als Leni heiratete, merkte Gertrud, dass sie ihren Mann nicht mehr liebte. Sie blieb noch ein paar Monate, zog zu einer Freundin, dann ging sie ganz. Scheidung, Schluss, aus.

Mama! Wie kannst du nur?! Er kommt doch zu uns! flüsterte Leni, damals hochschwanger.

Dann lass ihn nicht ins Haus. Das ist DEIN Leben. Es reicht, wirklich, winkte Gertrud ab. Und falls ich dir Unrecht getan habe, vergibs mir. Ich fahr jetzt, das Taxi wartet.

Leni war wie vor den Kopf gestoßen. Sie wusste, ihr Vater würde nicht ruhen. Würde sie in Ruhe lassen?

Erstaunlicherweise schon. Kein Anruf, keine Nachfrage, nichts. Später erfuhr Leni, dass ihr Vater bei der Schifffahrt aufgehört hatte.

Er besuchte Tom zweimal als Baby. Bei beiden Besuchen hatte Andreas das Kommando: Kind abhärten, füttern, Haushaltsregeln für Florian und Pläne für Toms Zukunft. Und vor allem: Sauberkeit, Disziplin wie es sich für den Vogtschen Haushalt gehört.

Und in den Zimmern Ordnung! polterte er beim letzten Besuch. Das ist hier ein Hexenhaus, kein Stammhaus! Leni, das ist unser Erbe!

Florian war nicht da, Leni war eingeschüchtert. Aber dann, plötzlich kehrte der Mut zurück.

Geh. Sofort. Verschwinde! Es reicht. Ich weiß nicht, wie ich halbwegs normal wurde, und Tom werde ich dich nicht verderben lassen. Du hast Mama das Leben schwer gemacht, sie ist weg, jetzt wir? Nein. Ab mit dir!

Andreas stolperte vor die Tür. Versuchte noch etwas zu sagen, winkte ab und verschwand.

Seitdem nur noch selten Anrufe, Grußkarten, gelegentlich Geld. Leni rührte es nicht an.

Jetzt steht er doch wieder hier, abgemagert, fremd, ein Abbild des früheren Sturmkapitäns.

Hast du Hunger? Ich mach dir was warm. Moment. Leni will in die Küche, doch ihr Vater hält sie sanft am Arm.

Sie zieht ihre Hand los.

Sie haben mich jetzt endgültig in Rente geschickt, Leni. Kein Schiff mehr, nichtmal mein Büro, sagt Andreas leise. Ich dachte vielleicht darf ich ein Weilchen bei euch. Hab kaum noch was, schlaf auch zur Not auf dem Klappbett.

Leni holt tief Luft.

Nein. Und nochmal nein. Du hast doch eine Wohnung, Mama sei Dank und wir unser eigenes Leben. Hör auf, Papa. Es reicht einfach. Sie blockt seine Versuche ab, zu widersprechen. Es ist eng genug. Du spinnst wohl!

Mit fester Stimme stellt sie eine Pfanne auf den Herd. Sie kocht ihm eine Kleinigkeit, dann soll er bitte verschwinden. Endlich ist sie froh, nicht mit ihm zusammenzuleben! Florian war der Erste, der ihr einen Heiratsantrag gemacht hat. Sie hat angenommen, wie eine Rettungsleine. Ob sie ihn geliebt hat? Sie weiß es selbst nicht. Aber sie sind zusammengewachsen. Es passt.

Und Papa? Passt einfach nicht mehr rein.

Ich kann doch im Abstellraum schlafen murmelt Andreas.

Auch nicht. Da stehen Gläser. Überall steht was! Hier, iss was und dann ruf ich dir ein Taxi.

Sie fragt nicht, was mit seinem Bein ist. Er fragt ja auch nicht nach Tom. Dann interessiert es sie eben auch nicht.

Andreas isst gierig, fast schon tierisch. Früher war alles korrekt, Messer und Gabel, Serviette. Jetzt…

Leni schaut ihn missmutig an.

Ach so, stimmt, du willst ja immer alles getrennt serviert kriegen Fleisch und Soße. Aber hier gibt’s das halt nicht, stichelt sie.

Egal. Schmeckt gut, ehrlich. Leni Andreas will ihre Hand nehmen. Sie entzieht sich und gießt Tee ein.

Nichts dazu. Sie erinnert sich: Papa trank den Tee nie einfach so. Sie wühlt im Vorratsschrank, zieht ein altes Glas Johannisbeermarmelade hervor sein Favorit.

Hier, mach auf! nun gibt sie Kommandos, wie er früher. Los. Na also Früher hast du das doch mit links.

Sie kämpft mit dem festklebenden Deckel, verletzt sich prompt.

Ach, so ein Mist! schimpft sie. Wozu bist du eigentlich hier?

Muss verbunden werden. Waschen und abkleben. Es blutet, Leni murmelt Andreas und bemüht sich, zu helfen.

Lass, ich mach das schon.

Sie sucht Verbandszeug. Doch alleine schafft sie’s nicht. Plötzlich hilft er doch, pustet sogar vorsichtig auf den Finger.

Tuts weh? fragt er zaghaft.

Geht schon. Willst du Tee? fragt sie, scheinbar gelangweilt.

Damals, als ihre Mutter sich in den Finger schnitt, blieb Andreas stur in seinem Zimmer.

Ich hab sonst keinen Ort mehr meint Andreas plötzlich trotzig, starrt auf die Tischdecke. Die Hände zuckt er ruckartig zur Faust.

Wie? Du hast doch deine Wohnung! Die hat Mama dir sogar offiziell gelassen. Leni wird hellhörig.

Nein, so war das nicht. Sie hat mich in der Wohnung gelassen, ja. Jetzt aber setzt sie mich raus, seit sie weiß, dass ich krank bin. Hat sie nichts erzählt? Er atmet schwer.

Kein Wort. Was hast du denn? Und was heißt krank?

Alt werden halt. Die Gefäße, das Bein. Sie sagen, man müsse operieren, in Berlin vielleicht. Aber mein Herz macht wohl nicht mehr mit. Ich wohn seit drei Tagen am Bahnhof. Es ist peinlich. Leni, wenigstens duschen dürfte ich doch?

Klar

Während Andreas mühsam im Bad herumwerkelt, ruft Leni ihre Mutter an. Gertrud geht erst nach mehrmaligem Klingeln ran, klingt verschlafen.

Ach, Leni, was ist?

Wieso schmeißt du Papa aus der Wohnung? Jetzt steht er hier! Was soll ich mit ihm machen? Was hat er und warum hilft dein neuer… Ach, na, Klaas! Der arbeitet doch in einer Klinik?

Ach, Leni, Klaas hat besseres zu tun. Dein Vater hatte eine Wohnung die alte, vermietet, dann für ein Schrebergartenhäuschen verkauft, das wir geteilt haben. Jetzt will Klaas’ Sohn mit Freundin bei uns wohnen sie ist schwanger. Also muss dein Vater raus, sorry. Stell dich nicht so an!

Gertrud nennt die Wohnung ihre, dabei war ihr Status als Kapitänsfrau der Grund, warum sie sie bekam.

Mama, einfach so einen alten Mann auf die Straße? Was soll ich machen? Sagt Klaas, er soll seinen Sohn selber unterbringen. Und ich will Papa nicht hier!

Leni unterbricht sich, sie will nicht sagen, dass er alt und mitleiderregend wirkt.

Sorry, Lene. Ist jetzt so. Grüß Florian und Tom. Ich meld mich am Wochenende!

Leni stoppt, der Hörer wird aufgelegt.

Krach aus dem Bad. Leni eilt hin.

Alles gut Bin nur gestolpert. Andreas klingt gebrochen.

Altwerden ist bitter, denkt Leni. Früher hat er mit ihrer Mutter am Mainufer Spaziergänge gemacht. Ganz gerade, die Hände verschränkt. Hatte Haltung.

Jetzt schafft er kaum fünf Minuten am Stück. Die Parkbänke sind besetzt, er schwitzt, schämt sich.

Leni ist ratlos. Hilfe findet sich Onkel Karl, der Mechaniker aus dem Erdgeschoss. Sie trifft ihn auf der Treppe.

Mein Vater! Er ist gestürzt bricht es aus ihr heraus.

Karl kommt, trägt Andreas fast aus dem Bad.

Das Bein hat nachgegeben. Tut mir leid um die Handtücher, Leni, brabbelt Andreas, beschämt.

Kaltes auf den blauen Fleck! Schnell, jetzt nicht stehen bleiben, Leni! kommandiert Karl.

Sie macht alles automatisch. Holt Tiefkühlware, Tropfen für den Kreislauf, Wasser.

Danke, Karl murmelt Andreas. So trifft man sich wieder.

Ruh dich aus! Keine Dummheiten. Ich ruf den Notarzt! will Karl, aber Andreas winkt ab.

Nein wegen so was Ich geh bald. Will euch nicht aufhalten.

Wohin willst du denn so? Leni schüttelt den Kopf. Jetzt ruh dich mal aus.

Sie bleibt bei ihm sitzen.

Bist du böse auf mich? fragt Andreas leise. Ich konnts nicht anders machen. Du weißt ja nicht, wie das mit deiner Mutter war, früher

Hast nie groß darüber geredet, brummt Leni.

Ja Sie war flatterhaft, verpeilt. Der ganze Haushalt blieb an mir hängen. Ich hab zu viel erwartet, wahrscheinlich. Und wie auf dem Schiff versucht, alles in Ordnung zu halten. Irgendwann gings nicht mehr, dann wurd ich streng. Hatte gehofft, so klappts

Und ich? Was konnte ich denn? Ich war doch nur ein Kind!

Ich hab dich so erzogen, wie ich es kannte. Nach der Geburt war ich kaum da. Hab dann extra frei genommen, alles gelernt: Windeln, Fläschchen, alles. Hab dir vorgesungen Und als ich weg war, immer angerufen und gefragt, ob alles läuft

Hättest weniger erziehen, mehr lieben sollen! Weißt du, warum ich so früh geheiratet hab? Weil ich weglaufen musste. Und jetzt will ich nicht, dass du dich hier festklammerst. Ich will frei sein und lasse auch Tom frei!

Andreas setzt sich schwerfällig, zieht sich zusammen, stemmt sich auf. Er bleibt Kapitän Haltung bis zuletzt.

Ich verstehs, Leni. Ich geh gleich. Es war eine blöde Idee.

Er schiebt den Koffer Richtung Flur.

Wo willst du jetzt hin? Mit dem Bein! Oder heißt das, ICH schmeiß dich raus? fragt Leni.

Ja. Ist schon richtig so. Tschüs, Leni. Und verzeih.

Er schleppt sich die Treppe hinab. Draußen, vor dem Haus, läuft ihm Florian über den Weg.

Herr Vogt? Hätte Sie fast nicht erkannt! Gehen Sie schon? So geht das nicht! Kommen Sie zurück, ich hab Melone dabei! Und Tom freut sich schon. Komm, jetzt mit rein! packt ihn unter den Arm.

Leni steht im Flur. Die Tür weit auf. Sie hat eben wieder mit Mama gesprochen. Gertrud riet nur, Vater ins Heim zu geben.

Hast du ihn denn gar nicht geliebt? fragt Leni still.

Wie denn? So ein Feldwebel! lacht Gertrud und legt auf. Klaas Sohn ist ja mit Freundin auf dem Weg zu ihr.

Papa Lass uns nochmal neu anfangen, hm? flüstert Leni. Eigentlich tut ihr der Vater sogar leid. Keiner liebt ihn. Und das ist einfach falsch.

Andreas wird operiert, wird langsam wieder fitter. Die Krücken vergisst er ständig auf dem Spielplatz oder im Supermarkt.

Tom läuft hinterher und bringt sie ihm nach. Er liebt Großvater, den Seewolf, der ihm von Strom und Schiffen erzählt, von Auslaufen und Heimkehren.

Tom kennt den alten Kapitän nicht mehr als Schreckgespenst. Für ihn ist Andreas einfach: Opa. Eine zweite Chance.

Ein Jahr später, mitten im Winter, steht Gertrud vor der Tür, der eigene Schlüssel passt noch, sie klopft den Schnee ab, schaut sich um.

Mama? Leni kommt aus der Küche.

Ich bins Ziehe zurück, Klaas und ich sind durch, Männer eben. Leni, mach mir das Gästezimmer frei.

Sie stockt, erkennt Andreas in der Tür.

Du auch hier? Nun ja. Halbe Wohnung ist meine. Also sie verzieht den Mund.

Aber Leni streift schon die Schürze ab, kommt ihrer Mutter entgegen.

Mama, warum hast du gar nicht gesagt, dass du kommst? Wir ziehen um, Florian wird versetzt nach Berlin Dienstwohnung, und Tom kommt natürlich mit.

Ach ja? Und der Vater?

Papa kommt mit. In Berlin gibts ‘ne super Klinik. Also, Mama, zieh dich aus, magst du Tee?

Gertrud bemerkt erst jetzt Kisten, Koffer, leere Regale und das allgemeine Packchaos im Flur.

Ihr zieht um? Und ich zähl nicht mal? sie scharrt mit dem Fuß im Gepäck Ich hab mein Leben für dich gegeben, Leni! Und jetzt das! Und dann bist du auch noch zum Vater übergelaufen! Das Porzellan lässt du hoffentlich da? Und Bilder? Sie läuft die Wohnung ab, inspiziert alles, wie eine aufgebrachte Vermieterin. Na gut, dann geht eben.

Leni bleibt stumm. Vielleicht stimmts. Sie ist nun mal zum Vater gewechselt und es ist gut, dass sie gehen. Ihre Mutter hat sich verändert. Oder zeigt endlich ihr wahres Gesicht.

Andreas Vogt war ein komplizierter Vater, aber als Opa ganz großartig. Mit Tom lebt er jetzt ein zweites Leben, lässt Fehler und Schwächen zu, weil er selbst schwach wurde.

Das hat gedauert der Kapitän verschwand erst nach und nach. Die OP, Toms Offenheit, das Leben eben haben ihn verändert. Und Leni bereut nicht, dass ihr Vater in ihr Leben zurückgekehrt ist. Jeder will doch geliebt werden. Jeder.

Gertrud kommt nicht zur Verabschiedung. Sie sitzt in ihrem Sessel, schaut still aus dem Fenster.

Ab jetzt kann sie sich selbst genügsam bemitleiden, weil sie von allen verlassen wurde: der tyrannische Mann, der zweite Mann und nun Tochter und Enkel. Nun ist sie dran, bemitleidet zu werden von Freundinnen. Wenigstens die Wohnung blieb.

Ja ja, dann hab ich wenigstens ein schönes Plätzchen zum Altwerden. Sollen sie machen, was sie wollen, wird sie sagen und geht zum Geschirrspülen, lässt es aber wieder bleiben. Früher haben das immer die Männer erledigt. Zeit, wieder einen zu finden! Aber nie mehr einen Kapitän, bloß nicht! Die sind einfach zu anstrengendIm Berliner Winter, als der Schnee dumpf die Stadt einhüllt und im Treppenhaus der Wind wie früher an Deck pfeift, bleibt Leni allein am Fenster stehen. Florian baut in der neuen Küche Regale auf, Tom läuft quietschvergnügt mit Opa um den Wohnblock, sie rufen sich Leuchtturm-Befehle zu gegen das Grau. Leni atmet langsam aus. Es ist still.

Sie denkt an die Marmortreppe, an Uniformen und Aufbrüche, an Gertruds sture Blicke und die klammernde Angst, selbst nicht zu genügen. Jetzt packt sie letzte Teller, eine Vase, das Foto vom alten Schiff alles, was sie wirklich noch braucht.

Später, als Andreas und Tom heimkommen und den Flur mit Schnee bedecken, bleibt Leni stehen, ganz gerade, wie früher, und ruft: Handschuhe aus, beide! Sonst gibts nasse Finger! Andreas lacht auf, Tom stolpert, sie alle lachen, und im Echo hallt weder Befehl noch Bitterkeit. Einfach Familie.

An diesem Abend, während Leni den Tee mit Marmelade reicht und Tom sanft einschläft, erzählt der alte Kapitän zum ersten Mal von dem Tag, an dem er fast alles verloren hätte und warum er zurückgekommen ist. Nicht, weil das Schiff ihn nicht mehr wollte. Sondern weil er eine zweite Heimat fand, kleiner, wärmer, verzeihender. Sie sitzen zusammen so lange, bis das Licht ausgeht und, ganz in Ruhe, das neue Leben beginnt.

Draußen wirbelt der Wind den Schnee gegen das Fenster. Drinnen knistert leise die Heizung. Keiner hat mehr das Kommando. Und keiner muss endlich gehen.

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Homy
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