In meinem Tagebuch heute muss ich etwas Besonderes festhalten. Meine Mutter, eine ältere Dame mit einem gebrochenen Herzen nach einem Herzinfarkt, bekam von mir einen ganz besonderen Gefährten geschenkt: eine winzige Zwergspitz-Hündin, die wir liebevoll Gretel nannten. Es war kein gewöhnliches Geschenk, sondern eine kleine Seele, gedacht, um Freude und Trost in ihren Alltag zu bringen. Und tatsächlich Gretel brachte das Lächeln zurück auf Mutters Gesicht, sie wurde wieder lebensfroher und kräftiger. Gemeinsam gingen sie täglich durch den Park, Gretel mal an einem feinen roten Lederhalsband, mal in einer schicken Tasche, wie es in Berlin so üblich ist.
Gretel war verspielt, verschmust und unglaublich brav so ein Hund, der einem sofort ans Herz wächst. Eines Tages machte Mutter wieder einen ihrer Spaziergänge durch den Treptower Park, als ein teurer Mercedes neben ihr hielt. Im Auto saßen ein junger Mann und eine junge Frau, beide ganz schick gekleidet. Sie schwärmten sofort von Gretel, baten mehrmals, sie kurz streicheln zu dürfen. Mutter zögerte zwar, aber aus Höflichkeit hielt sie Gretel ans geöffnete Fenster. Plötzlich griff die Frau blitzschnell zu und der Mann fuhr mit quietschenden Reifen davon.
Mutter rannte, so schnell es ihre alten Beine erlaubten, schrie und weinte hinterher aber der Wagen verschwand in der Berliner Abenddämmerung. Sie stürzte zu Boden, schlug sich heftig und verlor schließlich das Bewusstsein. Die Nachbarn fanden sie, riefen sofort den Notarzt, und sie kam ins Krankenhaus. Ich besuchte meine Mutter; wie sie da lag, blass und schwach, nur Gretels Namen leise flüsternd, Tränen über die Wangen laufend es zerbrach mir das Herz.
Natürlich wollte ich nicht tatenlos zusehen. Die Nachbarn hatten das auffällige Kennzeichen behalten. Ich kontaktierte meine Freunde bei der Polizei Berliner Schnauze und Erfahrung sei Dank, sie fanden schnell heraus, wo der Wagen stand. Es war tatsächlich eine Luxusvilla in Grunewald, das Haus eines reichen, aber wohl wenig mitfühlenden Menschen.
Ich fuhr selbst hin. Wie ich die Tür öffnen konnte, spielt keine Rolle; wichtig war nur, dass ich Gretel fand. Die Kleine war völlig erschöpft, hatte seit der Entführung weder gefressen noch getrunken, jammerte nur noch leise vor sich hin. Den beiden jungen Leuten war schnell klar geworden, dass ein lebendiges Wesen keine Spielerei ist sie hatten Gretel achtlos sich selbst überlassen.
Ich nahm Gretel zurück. Mutter und sie, beide noch schwach, fanden wieder zueinander. Nach vielen Wochen hatten sie sich erholt. Aber ihre Spaziergänge haben sich verändert: Sie sind vorsichtiger geworden; Gretel verschwindet sofort in ihrer Tasche, sobald sich jemand nähert.
Am Ende ist alles gut ausgegangen, doch für mich bleibt eine tiefe Erkenntnis zurück: Man darf das Glück anderer nicht rauben. Man weiß nie, wie viel Halt so eine winzige Freude einem Menschen geben kann sei es ein altes Fahrrad, ein kleiner Stadtgarten, ein unscheinbarer Preis oder eine zarte Hundeseele. Gerade diese scheinbaren Kleinigkeiten halten Menschen am Leben.
Denn das, was gestohlen wurde, bringt niemandem echtes Glück. Im Gegenteil man kann damit das ganze Leben eines anderen zerstören. Auch wenn es so klein und unbedeutend erscheint, wie das Gewicht einer Hundeseele, die doch das ganze Herz einer alten Frau war.
Das ist meine Lehre aus alldem: Lass anderen ihre kleinen Freuden, nimm ihnen ihr Glück nicht denn genau das macht unser Menschsein aus.





