Ich habe mit 34 eine geschiedene Frau mit Tochter geheiratet. Mein Vater sagte: Überlegs dir, Matthias. Zwei Jahre später wusste ich er hatte recht. So gings mir…
Ich bin vierunddreißig. Vor zwei Jahren habe ich Sabine geheiratet sie ist einundvierzig, geschieden und hat eine achtjährige Tochter, Gretel. Damals schleppte mich mein Vater in die Küche und drückte sich gar nicht diplomatisch aus:
Matthias, überleg nochmal. Eine Frau mit einem Kind vom Ex das ist keine klassische Familie. Du steigst mitten in einen laufenden Film ein, und es kann sein, dass dich niemand auf der Besetzungsliste eingeplant hat.
Ich winkte lässig ab:
Ach Papst, wirklich. Wir lieben uns doch! Gretel ist ein ganz normales Mädchen, wir zwei werden uns schon irgendwie arrangieren. Das passt schon.
Mein Vater zuckte nur mit den Schultern:
Wie du meinst. Später sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.
Wie das bei Söhnen eben so ist ich habe nicht zugehört. Ich war überzeugt, Sabine und ich, das wird was Richtiges. Eine neue Familie, ihre Tochter akzeptiert mich, das wird wie im Sonntagsfilm vielleicht nicht rosarot, aber ehrlich und herzlich.
Da lag ich mächtig daneben.
Der erste Monat solange die rosa Brille hielt
Wir haben im Juni geheiratet. Ich bin zu Sabine gezogen eine typische, gemütliche Zweizimmerwohnung am Stadtrand von Köln. Gretel wohnte natürlich mit uns. Ihr leiblicher Vater zahlte Unterhalt und holte sie einmal im Monat zum Wochenende.
Ich bemühte mich, einen Draht zu Gretel zu finden. Brettspiele angeboten, bei den Hausaufgaben geholfen, Kino vorgeschlagen. Mal wollte sie, mal nicht meistens antwortete sie einsilbig und guckte mich skeptisch an, als beobachtete sie einen Fremdkörper auf ihrem Sofa.
Sabine beruhigte mich jedes Mal:
Gib ihr Zeit, Matze. Sie muss sich erst daran gewöhnen.
Ich wartete brav, doch das mit dem Gewöhnen zog sich. Die Spannung wuchs eher, als dass irgendetwas entspannter wurde.
Wenn ich gekocht habe: Das ess ich nicht. Fernseher an? Mach aus, ich muss lesen. Wenn ich Sabine in der Küche umarmte: Mama, können wir bitte gehen?
Und jedes Mal stellte Sabine sich auf ihre Seite:
Matze, sei nicht beleidigt. Sie ist halt noch ein Kind.
Ich war auch nicht beleidigt. Ich verstand nur immer deutlicher: In dieser Bude war ich Statist kein Familienoberhaupt, nicht einmal gleichberechtigt, eher so der Kumpel vom Installateur.
Der Moment, als mir klar wurde: Ich zahle für ein fremdes Kind und bin trotzdem der Böse
Nach drei Monaten wurde das Thema Geld aktuell. Sabine arbeitete als Praxismanagerin, bekam so um die 1.500Euro netto. Ich war Ingenieur im Werk, brachte um die 4.500Euro heim. Plus Kindergeld vom Ex.
Aber die Ausgaben explodierten. Gretel brauchte dringend eine neue Schuluniform also schicke Sachen aus dem Katalog , dann Ballett, dann Nachhilfe in Englisch, dann das neueste Smartphone, weil alle in der Klasse eins haben.
Sabine sprach es harmlos an, so ganz nebenbei:
Matze, du verstehst das ja ein Kind braucht solche Sachen. Du hast doch nichts dagegen, etwas mehr beizusteuern?
Ich half natürlich. Monat für Monat wanderte so ziemlich die Hälfte meines Gehalts in Gretels Ausstaffierung. Der Rest für Miete, Lebensmittel, Strom, Kleinkram. Irgendwann blieb nichts mehr übrig.
Einmal war ich mutig und sprach es an:
Sag mal, Sabine, könnten wir die Kosten ein bisschen gerechter verteilen? Vielleicht kannst du ja auch mehr dazugeben?
Sie wurde schmallippig:
Ich verdiene nicht viel. Und habe Gretel alleine acht Jahre großgezogen. Das war dir doch klar, als du eingezogen bist.
Schon aber ich hätte nicht gedacht, dass ich irgendwann alles zahle.
Wer denn sonst? Ihr Vater? Der zahlt Unterhalt, das wars. Du bist jetzt Ehemann und Stiefvater. Das ist deine Aufgabe.
Das Wort Aufgabe hat mich härter getroffen als meine Steuererklärung. In dem Moment wurde mir bewusst: Ich bin nicht aus Liebe hier. Nicht, weil ich gebraucht werde. Ich bin eine Funktion. Ein wandelnder Taschengeldautomat.
Als dann noch der Ex kam war endgültig klar, wer hier das Sagen hat
Ein halbes Jahr nach der Hochzeit stellte sich Sabines Ex ein. Ulf seinen Namen muss man sich merken, weil so heißen in Deutschland Ex-Männer in Wohlstandsmidlifecrisis seit Harald Juhnke. 45, Geschäftsmann, fährt BMW, das Kinn stolz gen Himmel. Er brachte Gretel ein neues Fahrrad und so viele Puppen, dass selbst Barbie vor Neid errötet wäre.
Gretel fiel ihm kreischend um den Hals und Sabine lächelte fast sanft wie eine Frau, die den Schokoladenpudding für die Nachspeise vorbereitet. Ich stand daneben, fühlte mich nicht wie ein Teil der Familie, sondern wie der Portier.
Ulf klopfte mir auf die Schulter:
Na, Matthias, immer fleißig, was? Respekt, dass du das stemmst!
Ich nickte blöd was sollte ich sagen?
Pass gut auf die beiden auf, sagte er noch. Ich bin dauernd unterwegs Geschäft und so, du weißt ja. Zum Glück fuhr er dann davon.
Sabine hatte den ganzen Abend gute Laune. Ich verbrachte die Zeit am Küchentisch und fragte mich zum ersten Mal ernsthaft: Warum bin ich eigentlich noch hier?
Später versuchte ichs:
Sag mal, Sabine, warum zahlt Ulf eigentlich seit zwei Monaten den Unterhalt nicht?
Sie winkte ab:
Schlechte Umsätze, gibt sich wieder.
Für Puppen und Fahrräder reichts aber, murmelte ich.
Sie blickte mich unterkühlt an:
Matze, lass das. Es ist schließlich sein Kind, er darf ihr etwas schenken.
Und zahlen?
Wir stritten uns heftig. Gretel bekam alles mit, weinte, und am Ende war ich der Böse ich hätte das Kind traumatisiert.
Point of no return als ich endgültig zum Pflichtbewussten ernannt wurde
Im Frühling kam der Höhepunkt. Wir waren bei Sabines Mutter in Düsseldorf zum Geburtstag. Die kippte schon den dritten Sekt und hatte plötzlich den Aufklärungsbedarf:
Matthias, sei ein Mann. Sabine braucht Unterstützung, und Gretel braucht einen Vater. Wenn du Verantwortung übernimmst, dann gefälligst richtig!
Mir riss der Faden. Direkt am Esstisch:
Ich muss keinen retten! Gretel hat einen Vater den Herrn Ulf! Dann soll der Verantwortung übernehmen und nicht ich!
Stille. Sabine wurde leichenblass, Gretel fing an zu schluchzen. Die Schwiegermutter presste die Lippen zusammen:
War wohl ein Fehler, dich in die Familie aufzunehmen, junger Mann.
Sabine griff Gretel und sagte nur:
Wir gehen. Zu Mama. Wir müssen nachdenken.
Eine Woche später lag der Scheidungsantrag im Briefkasten. Sabine forderte den hälftigen Wert meines Autos, das wir zusammen angeschafft hätten und Unterhalt für Gretel bis 18 wie es für faktische Stiefväter üblich ist.
Mein Anwalt meinte trocken:
Herr Stein, wenn das belegt wird, müssen Sie mit Unterhalt rechnen.
Ich saß im Auto und rief meinen Vater an:
Papa, sorry. Du hattest recht.
Ich will kein Hab ich doch gesagt loswerden. Zieh deine Lehren, Junge, und steh wieder auf. Das Leben geht weiter.
Was ich gelernt habe und warum ich es bereue
Jetzt läuft der Scheidungsprozess. Mein Auto wird verkauft, Sabine bekommt ihren Anteil. Vielleicht muss ich sogar Unterhalt zahlen.
Bereue ichs? Ja nicht die Ehe, sondern, dass ich nicht auf meinen Vater gehört habe. Dass ich dachte, ich kann eine fremde Story retten und hab dabei meine eigene verloren.
Nicht jede geschiedene Frau ist ein Problem. Aber wenn sie einen Partner als Kreditinstitut betrachtet und das Kind dich vom ersten Tag an als Gegner sieht dann lauf. Sofort. Es wird nicht besser. Auch nicht mit der Zeit.
Ich hab auf ein Happy End gehofft und zwei Jahre meines Lebens und die Hälfte meines Besitzes gelernt: Das war teuer.
Hatte ich Unrecht, als ich ging, nachdem ich offiziell zur Zahlstelle erklärt wurde, oder hätte ich das alles vorher wissen müssen?
Ist die Frau schuld, wenn sie einen Mann als Geldquelle nutzt, oder darf sie Hilfe erwarten?
Und vor allem: Wenn ein Mann eine geschiedene Frau mit Kind heiratet ist er automatisch verantwortlich für das Kind wie der biologische Vater, oder bleibt es doch eine freiwillige Entscheidung?




