Der Ehemann kam als ein völlig anderer Mensch zurück

Ehemann kam als ein anderer zurück

Hast du Brot gekauft?

Er sah mich an, als hätte ich etwas in einer völlig fremden Sprache gesagt. Kein Unverständnis, nein. Einfach eine Pause. Eine lange, unangenehme Pause, die überhaupt nicht zu unserem Alltag passte.

Welches Brot?, sagte er schließlich. Kein fragender Tonfall, einfach so. Als eine reine Feststellung.

Das Gewöhnliche. Roggenbrot aus der Eichenkrone, dort kaufst du es doch immer.

Er stellte die Einkaufstasche auf den Boden, musterte die Küche, als sähe er sie zum ersten Mal.

Ich war nicht im Laden.

Ich nickte und drehte mich wieder zum Herd. Nichts Außergewöhnliches, redete ich mir ein. Er ist müde. Eine Woche war er nicht da, Tagung in Hannover, fremdes Hotel, fremdes Essen, fremde Luft. Natürlich ist er erschöpft.

Aber Brot brachte er immer mit. Siebzehn Jahre lang, jedes Mal, wenn er von irgendwoher zurückkam, sei es eine kurze Dienstreise oder länger, ging er in die Eichenkrone an der Ecke Schillerstraße und brachte Roggenbrot. Das war kein abgesprochener Brauch, nicht Notwendigkeit, einfach Teil seiner Art, wieder heimzukommen.

Ich rührte in der Suppe, schwieg.

Er heißt Bernhard. Bernhard Schmidt. Ich bin neunundfünfzig, er ist zweiundsechzig. Wir wohnen in Mainz in einer Zweizimmerwohnung im vierten Stock, gekauft 1999, als unsere Klara noch klein war. Klara ist schon lange erwachsen, wohnt in Berlin, ruft sonntags an. Ich arbeite in der Schulbibliothek, Bernhard ist seit drei Jahren in Rente, liest aber nebenbei Vorlesungen zu Baunormen an der Fachhochschule. Unser Leben läuft ruhig und gleichmäßig, fast nie Streit. Das muss man verstehen. Es gab keinen Grund für das, was nach seiner Rückkehr begann.

Beim Abendessen sprachen wir kein Wort. Er aß sorgfältig und blickte auf den Tisch. Ich rechnete damit, dass er gleich über die Tagung reden würde, über Kollegen, das Hotel, den Aufzug, der nicht funktionierte, das Heimweh nach Mamas Bohnensuppe. Er hat immer am ersten Abend etwas erzählt.

Und, wie wars in Hannover? fragte ich.

Gut.

Die Tagung war erfolgreich?

Ja.

Ich legte den Löffel zur Seite.

Bernhard, alles in Ordnung mit dir?

Er schaute mich an. Seine gewöhnlichen, grauen, leicht müden Augen.

Alles klar. Nur müde.

Ich räumte den Tisch ab. Er ging ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa mit dem Handy in der Hand, als wäre alles ganz normal. Bloß das Brot fehlte. Das Gespräch fehlte. Und etwas anderes, wofür ich keinen Namen hatte.

Die erste Nacht schrieb ich auf Müdigkeit, die zweite auch.

Am dritten Tag, es war Freitag, erlebte ich das erste wirklich Seltsame.

Ich trank meinen Morgenkaffee am Fenster, schaute in den Hof. Er kam aus dem Bad, ging in die Küche, füllte sich ein Glas Wasser. Dann griff er ins Regal nach dem Glas mit Buchweizen, öffnete es, roch daran, stellte es wieder zurück. Ich schwieg. Aber Bernhard isst keinen Buchweizen. Nie. Schon bei unserem Kennenlernen hat er lachend gesagt, Buchweizen sei das langweiligste Essen der Welt, erfunden für Leute ohne Phantasie. Wir haben immer darüber gelacht. Ich kochte Reis, Gerste, Hirse alles, aber keinen Buchweizen.

Und jetzt hielt er das Glas, als wolle er probieren.

Hast du etwa Lust auf Buchweizen?, fragte ich locker.

Nein, antwortete er und ging wieder ins Zimmer.

Ich schaute dem Glas lange nach.

Samstag rief Klara an.

Papa ist wieder zurück? fragte sie sofort.

Ja, seit Mittwoch.

Wie gehts ihm?

Ich zögerte nur einen Moment.

Er ist müde von der Reise. Alles ist gut.

Na dann. Mama, ich komme im Oktober vorbei, ja? Lukas und ich haben Urlaub.

Natürlich, ich freue mich.

Ich sagte ihr nichts weiter. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass Papa kein Brot geholt und am Buchweizen gerochen hat? Klingt nicht wichtig. Klingt nach nichts.

Aber ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Nicht mit dem Kopf, sondern auf eine andere, dumpfe Weise, irgendwo unter den Rippen, wo es einfach blinkt.

Am Sonntag schlug ich einen Spaziergang vor. Wir gingen manchmal sonntags in den Volkspark, nicht immer, aber recht oft. Er mochte die Bank am Teich, kaufte uns einen Becher Apfelschorle, wenn der Stand offen war, beklagte sich über seinen Rücken, ich empfahl Gymnastik, er winkte ab, wir lachten. Einer dieser kleinen, unwichtigen Rituale.

Gehen wir in den Park? schlug ich vor.

Er sah vom Handy auf.

Welcher Park?

Volkspark. Das Wetter ist schön.

Er überlegte. Das war ebenfalls seltsam, denn üblicherweise kam sofort ein Klar oder Einen Moment, nur die Jacke. Da gab es nichts zu überlegen.

In Ordnung, sagte er schließlich.

Wir schwiegen beim Gehen. Ich erzwang kein Gespräch, sondern beobachtete. Er blickte um sich, ohne besonderes Interesse, aber auch ohne die übliche Gelassenheit eines Sonntagsspaziergangs. Wie jemand, der eine unbekannte Route läuft und versucht, sich alles zu merken.

Am Eingang zum Park stand ein älterer Herr mit einem spanielartigen, rundlichen Hund.

Sieh mal, Basti, sagte ich. So nennen wir alle fülligen Spaniels, seit unsere Nachbarin Frau Schneider vor acht Jahren einen hatte, der genauso aussah und so hieß. Unser kleiner Insider.

Bernhard schaute auf den Hund. Keine Reaktion.

Basti, wiederholte ich leise.

Ein netter Hund, sagte er höflich. Neutral.

Ich blieb an einem Rosenstrauch stehen, tat so, als betrachtete ich die Hagebutten. Mein Herz schlug viel zu schnell für einen Sonntagsspaziergang.

Er erinnerte sich nicht an Basti. Oder tat so. Aber warum sollte er so tun?

Am Teich gab es den Apfelschorle-Stand nicht mehr, wohl schon fürs Jahr abgebaut. Bernhard setzte sich auf die Bank und schaute aufs Wasser.

Hier ist es schön, sagte er.

Wir sind oft hier.

Ja?

Ich wandte mich ihm zu.

Bernhard. Wir kommen seit mindestens zehn Jahren fast jeden Sonntag.

Er nickte. Ruhig, ohne Unsicherheit.

Stimmt wohl. Ich meine nur, es ist schön hier.

In mir zog sich etwas zusammen und wurde nicht wieder locker. Erst nachts fand ich eine erklärende Theorie dafür, während ich ihn ruhig atmen hörte. Es gibt dafür in der Psychologie einen Begriff, das hatte ich mal gelesen: Nach starkem Stress können sich Menschen so verändern, dass es scheint, als wäre es nicht mehr der gleiche. Einen medizinischen Begriff; ich erinnerte ihn nicht. Doch es hatte keinen ersichtlichen Auslöser gegeben. Eine Woche Tagung, Hannover. Das ist doch kein Grund sich zu verwandeln.

Um drei Uhr ging ich in die Küche, trank Wasser, stand am Fenster. Draußen im Hof war alles leer, die Laterne flackerte. Ich sagte mir: Geduld. Vielleicht ist einfach etwas passiert, das er nicht erzählt. Vielleicht Streit, schlechte Nachrichten, vielleicht belastet ihn etwas. Kommt vor, vor allem mit über sechzig, nach einem Leben voller Prüfungen und unbekannter Zukunft.

Ich kehrte ins Bett zurück. Er lag auf der Seite, zum Fenster. Ich legte vorsichtig die Hand auf seinen Rücken, wie immer. Er rührte sich nicht.

Am Montagmorgen rief ich meine Freundin Nina an. Wir kennen uns seit dem Studium, sie lebt am anderen Ende von Mainz und arbeitet in einer Praxis als Empfangsdame. Nina ist direkt, schnörkellos, und das schätze ich.

Nina, darf ich zu dir kommen?

Was ist los?

Ich weiß nicht genau. Muss einfach reden.

Komm um fünf, dann bin ich da.

Bei Nina ist es immer warm und es riecht nach Streuselkuchen, auch wenn sie gar keinen gebacken hat. Wir saßen in ihrer Küche, tranken Tee und ich erzählte. Brot, Buchweizen, Basti, das Stimmt wohl am Teich.

Nina hörte zu, kommentierte nicht. Dann meinte sie:

Mara, das kann eine Depression sein. Oder Anfang von was mit dem Gedächtnis. Ihr seid doch beide schon was älter.

Nina, er ist zweiundsechzig.

Na und. Bei Herrn Winkler aus dem fünften fings auch mit zweiundsechzig an.

Bernhard hat nie schlechtere Erinnerung gehabt. Er wusste immer alles besser als ich.

Alles ändert sich mit der Zeit.

Ich blickte in meine Tasse.

Nina, das ist keine normale Vergesslichkeit. Er schaut mich manchmal an… so, als wäre ich ein höflicher Fremder.

Nina brach ein Stück Kuchen ab.

Und, schläfst du gut?

Kaum.

Siehst du. Du steigerst dich zu sehr rein. Er ist einfach von der Reise geschafft, vielleicht war was in der Arbeit. Gib ihm Zeit.

Ich nickte. Vielleicht hatte sie Recht. Bestimmt sogar.

Doch auf dem Heimweg dachte ich an das Glas Buchweizen und wie untypisch diese kleine Geste war. Das Gefühl in mir blieb.

Zuhause war er da. Saß am Küchentisch und schrieb. Ich stellte den Wasserkocher an, packte Lebensmittel aus. Er sah mich nicht an.

Ich war bei Nina.

Mhm.

Sie hat Kuchen mitgegeben.

Er hob den Kopf und betrachtete den Kuchen.

Mit was?

Kraut. Dein Lieblingskuchen.

Eigentlich mag ich keinen Krautkuchen.

Ich stellte die Tasche ab. Langsam.

Bernhard.

Ja?

Du hast schon als Kind Krautkuchen gemocht. Das hast du mir erzählt. Deine Mutter hat ihn immer gebacken.

Er schaute mich ruhig an.

Sie hat mit Apfel gebacken.

Schweigen.

Seine Mutter hieß Anneliese Schmidt, sie starb vor zwölf Jahren. Ich kannte sie gut, war oft in ihrer Küche, sah zu, wie sie Krautkuchen buk, mit viel Hingabe. Das war ihr Markenzeichen.

Bernhard, Anneliese hat immer mit Kraut gebacken, sagte ich leise. Ich erinnere mich genau.

Vielleicht auch, ist lange her, antwortete er und zuckte mit den Achseln, widmete sich wieder den Unterlagen.

Ich ging ins Wohnzimmer, stellte mich ans Fenster, sah hinaus. Welt wie immer, grauer Herbsttag.

Anneliese hat immer Krautkuchen gebacken. Ich erinnerte den Geruch, den engen Raum, das geblümte Wachstuch auf dem Tisch. Bernhard wusste das besser als ich, er hat oft davon erzählt. So ein Detail vergisst man nicht.

Ich holte mein Handy, suchte Veronika, seine Schwester. Sie lebt in Kiel, sieht Bernhard selten, aber sie sind in Kontakt. Ich rief an.

Mara!, sie ist immer laut und herzlich. Wie gehts euch?

Gut, Veronika. Weißt du noch, womit Mama meistens gebacken hat?

Eine kleine Pause.

Na, mit Kraut, klar. Und Ei. Warum?

Nichts. Ich wollte nur das Rezept nachfragen. Danke.

Ich legte auf. Meine Beine fühlten sich weich an. Lächerlich, weiche Knie wegen Krautkuchen, aber ich konnte mich nicht bewegen.

Etwas mit dem Gedächtnis, vielleicht Neurologie, Alter oder sonst was. Wir müssen zum Arzt. Ehrlich darüber sprechen.

Beim Abendessen fragte ich:

Bernhard, hast du öfter Kopfschmerzen?

Nein.

Schläfst du gut?

Ja.

Willst du mal wieder zum Arzt? Einfach zur Kontrolle.

Er legte die Gabel hin.

Wozu?

Blutdruckmessung zum Beispiel. Der letzte Check ist ewig her.

Den messe ich daheim selbst. Ist in Ordnung.

Bernhard, ich mache mir Sorgen.

Er schaute mich sehr lange an, forschend.

Glaubst du, mit mir stimmt etwas nicht?

Ich kümmere mich bloß.

Mara, ich bin in Ordnung. Es reicht.

Er konnte so abschneiden. Keine laute Stimme, nur eine unübertreffliche Grenze. Ich kannte das und drängte sonst nicht.

Aber diesmal beobachtete ich ihn weiter: wie er aß, wie er die Gabel hielt, den Kopf neigte saß er immer so? Ich meine, war er nicht sonst gerader? Rechterhand, ja, er ist Rechtshänder…

Ich räumte ab, verschwand im Bad. Im Spiegel stand eine müde Frau mit kurzem, grauem Haar, die Lachfalten hat. Bernhard nannte sie früher Lachfalten, weil sie durch Lachen entstanden und nicht durchs Alter. Ich sagte mir: Du übertreibst, Mara. Vielleicht hält er die Gabel eben mal anders. Menschen ändern sich. Besonders nach Dingen, die du nicht mitbekommst.

Ich wusch mich, legte mich ins Bett.

In der Nacht wachte ich auf nicht von einem Geräusch, sondern von plötzlicher Stille. Die andere Seite des Bettes war leer und kalt.

Ich stand auf, sah Licht in der Küche. Er saß am Tisch und schrieb von Hand, was an sich schon ungewöhnlich war.

Bernhard?

Er schaute ruhig auf.

Kann nicht schlafen, sagte er.

Was schreibst du?

Meine Gedanken.

Darf ich sehen?

Pause.

Das ist privat.

Ich schaute ihn an. Er hielt meinen Blick aus.

Bernhard hat nie Das ist privat gesagt, wenn ich etwas wissen wollte. Siebzehn Jahre fragt man vieles, natürlich hat jeder seinen Raum, aber nie schon bei Kleinigkeiten so einen Tonfall.

Gut, sagte ich und ging.

Im Bett hörte ich, wie er noch schrieb, dann leise ins Schlafzimmer kam und wach lag.

Am nächsten Morgen lag kein Notizbuch mehr auf dem Küchentisch.

Ich suchte es. Warum, kann ich nicht sagen. Ich sah in Küchenschubladen nach, im Nachttisch, das hatte ich nie zuvor getan. Da war nur Brille, alte Münze, Zettel. Das Notizbuch war weg.

Er hatte es mitgenommen.

In der Schule war es ruhig wie immer. Es roch nach Papier und ein wenig nach Staub beruhigend. Ich sortierte zurückgebrachte Bücher, beantwortete Fragen unserer jungen Kollegin Lena, suchte Zeitschriften heraus. Ein ganz normaler Tag.

Mittags überlegte ich in der Personalstube: Woran merkt man, dass ein Mensch sich verändert hat? Nicht in Details oder im Alter, sondern im Innersten. Was ist das, wenn du jemanden seit siebzehn Jahren kennst, seinen Geruch, sein Lachen, seine Ängste, seine Vorlieben und plötzlich ist etwas verschoben und du weißt nicht, wohin?

Das nennt man wohl psychologische Substitution, fiel mir ein. Manchmal, nach schweren Erlebnissen, hat man das Gefühl, jemand sei ausgetauscht. Kann ein Symptom sein, Nachwirkung von Stress. Wenn Kinder erwachsen sind und man auf einmal feststellt, dass man den Menschen neben sich gar nicht mehr kennt.

Aber ich kannte Bernhard. Ganz sicher.

Abends war er vor mir daheim. Stand in der Küche und blickte aus dem Fenster.

Was machst du?, fragte ich.

Schauen.

Worauf?

Einfach nur schauen.

Ein seltsamer Satz, besonders von Bernhard. Er war kein Träumer, sondern jemand, der nur stillstand, wenn er etwas plante.

Wie war der Tag? fragte ich.

Normal. Vorlesung wie immer.

Und die Studenten?

Studenten halt.

Ich holte Hähnchenfleisch aus dem Kühlschrank, begann zu kochen.

Erzähl mal von Hannover, schlug ich vor, ohne mich umzudrehen.

Was genau?

Irgendwas. Du warst doch eine Woche weg.

Eine kleine Pause.

Hotel, ganz normal. Seminarraum an der Universität. Wir haben uns einen neuen Wohnkomplex angeschaut. Das wars.

Und Kollegen? Kanntest du jemanden?

Ein paar von der Hochschule.

War Herr Schröder dabei?

Herr Schröder, Leiter der Abteilung, arbeitet mit Bernhard seit drei Jahren, sie fuhren sogar letzten Sommer gemeinsam angeln ich kannte seine Geschichten gut.

Schröder? Nein, der war nicht dabei.

Er ist sonst immer auf solchen Tagungen.

Diesmal nicht.

Ich drehte mich wieder weg. Vielleicht stimmte das.

In der Nacht schrieb ich eine SMS an Frau Schröder: Guten Abend. War Ihr Mann gut zurück aus Hannover?

Nach ein paar Minuten Antwort: Mein Mann war nicht dort. Er wurde nicht eingeladen. War die ganze Woche zu Hause. Warum?

Ich schrieb zurück, ich hätte mich vertan.

Ich lag lange wach. Bernhard wusste offenbar nicht, ob Schröder in Hannover war. Ein Kollege, mit dem er so viel Zeit verbrachte.

Oder er wusste es und log mich an. Aber warum?

Ich suchte nach Erklärungen: Vielleicht gab es Streit, er möchte nicht reden, vielleicht war er gar nicht in Hannover?

Stopp. Jetzt wirds zu viel. Aber der Gedanke blieb.

Am nächsten Tag schlug ich vor, neue Vorhänge zu kaufen. Der große Dekoladen Wohnpalais an der Kaiserstraße, wo wir ab und zu waren. Bernhard langweilte sich dort stets unglaublich, schlich durch die Abteilung, lies mich entscheiden, dann holten wir Quarktaschen in dem Café nebenan. Auch so ein kleiner Brauch.

Fahren wir heute? fragte ich.

Wohin?

Ins Wohnpalais. Neue Gardinen.

Er zuckte die Schultern.

Von mir aus.

Ich ließ mir viel Zeit, fragte ihn absichtlich nach Stoffen. Er antwortete zerstreut. Dann:

Holst du danach Quarktaschen?

Wo?

Da gleich um die Ecke. Ich zeigte. Dort gehen wir immer hin.

Er sah mich an.

Das Café? Das kenne ich nicht.

Ich lächelte. Einfach so, ruhig.

Du hast es nur vergessen. Komm, ich zeigs dir.

Wir gingen hin, standen vor dem altmodischen Laden mit brauner Markise, der seit Jahrzehnten existierte.

Hier. Schau.

Er musterte das Café.

Ach ja, sagte er schlicht. Noch nie bemerkt.

Wir kauften zwei Quarktaschen. Ich beobachtete, er aß normal, fragte, ob es mir kalt sei. Alles wie gewohnt nur einmal schaute er sehr lange auf das Schild.

Bernhard, fragte ich vorsichtig, erinnerst du dich an uns?

Er schaute mich verwundert an.

Was meinst du? Du bist Mara, meine Frau.

Ich weiß, dass ich Mara bin. Aber erinnerst du dich an … uns?

Was ist los, Mara?

Nichts. Du bist einfach… anders in letzter Zeit.

Alle verändern sich.

Das ist komisch. So sagst du das zum ersten Mal. Früher hast du gesagt: Menschen ändern sich nicht.

Er schwieg. Kaut weiter.

Vielleicht tue ich es ja doch, meinte er leise.

Heimweg im Bus, ich sehe aus dem Fenster. Die Angst, den eigenen Menschen nicht mehr zu erkennen, ist keine Einbildung, das passiert. Und meistens steckt etwas dahinter, was derjenige verschweigt.

Am Donnerstag, während er auf Arbeit war, ging ich in sein Arbeitszimmer bei uns einfach das dritte Zimmer in der umgebauten Altbauwohnung. Da stand sein Schreibtisch, Regal und Ordner.

Ich wollte nicht rumschnüffeln. Aber ich öffnete die erste Schublade.

Darin lag das Notizbuch.

Ich nahm es heraus. Blätterte vorne leer, aber später dicht beschrieben, mit kleiner, ordentlicher Handschrift, nicht Bernhards breiter Schrift. Fast kalligraphisch.

Ich las.

Da stand: Mara. Ehefrau. 59. Arbeitet in Bibliothek. Tochter Klara, Berlin. Kaffee ohne Zucker. Sucht neue Gardinen. Nina, Freundin, arbeitet in Praxis. Dann: Krautkuchen, mag sie angeblich. Volkspark sonntags. Spaniel, Name Basti, Witz. Dann: Anneliese, Mutter, Kraut oder Apfel abklären.

Mir blieb die Luft weg.

Wie aus der Perspektive eines Fremden, der unser Leben studiert. Sich Details merkt, um nicht aufzufliegen.

Ich schloss das Notizbuch, legte es zurück. Ging in die Küche, trank ein Glas Wasser.

Klarer Gedanke: Wer ist dieser Mensch?

Er lebt seit einer Woche in meiner Wohnung. Sieht aus wie Bernhard. Sagt die richtigen Dinge. Kennt meinen Namen, weiß von Klara, meinen Kaffeegeschmack und macht sich Notizen, um nichts zu vergessen.

Ich rief in der Schule an, nahm mir frei. Saß im Wohnzimmer. Suchte rationale Erklärungen.

Amnesie vielleicht. Oder ein dissoziativer Zustand, wie aus dem Lehrbuch. Vielleicht ist in Hannover etwas passiert und er versucht nun in Ruhe, alles wieder zusammenzusetzen. Und schämt sich zu sprechen.

Das könnte vieles erklären. Fast alles.

Nur nicht die Handschrift.

So was fällt mir nicht besonders auf, aber Bernhards Schrift kenn ich in- und auswendig: auf Einkaufszetteln, Geburtstagskarten, kleinen Nachrichten. Immer groß, krakelig. Der Schriftzug im Heft das könnte er nie schreiben.

Stopp. Menschen können die Schrift ändern, nach Schlaganfällen zum Beispiel. Aber sonst wäre alles besser sichtbar. Sprache, Motorik…

Ich rieb mir das Gesicht.

Er kam um sieben heim. Ich hatte gekocht, den Tisch gedeckt, mich zusammengerissen. Warum weiß ich gar nicht.

Bist du erschöpft? fragte er. Du warst doch nicht bei der Arbeit.

Hat nur der Kopf wehgetan.

Er nickte, stellte seinen Aktenkoffer ab, wusch sich die Hände.

Am Tisch betrachtete ich ihn: Wie sich Vermissung zeigt: Nicht als körperliches Verschwinden, sondern so, wenn die Hülle bleibt, aber innen sich etwas verflüchtigt hat.

Bernhard, sagte ich.

Hm?

Erzähl mir von uns. Wie haben wir uns kennengelernt?

Er hob den Kopf, ohne Eile.

Warum?

Ich will es hören. Deine Version.

Er legte die Gabel beiseite und dachte nach.

Über gemeinsame Freunde. Auf einem Geburtstag. Du hattest ein blaues Kleid an.

Das stimmte. Geburtstagsfeier von Susanne, am 23. September 1997, blaues Kleid.

Dann haben wir uns nochmal getroffen. Dann kamen wir zusammen.

Pause.

Und dann? fragte ich.

Wir haben geheiratet. Klara kam zur Welt. Wohnung gekauft.

Bernhard. Als du mir den Antrag gemacht hast, wohin sind wir gefahren?

Er schwieg lange.

Ich weiß das nicht mehr. Ist lange her.

Du hast doch immer gesagt, du erinnerst dich an jedes Detail. Auf unserer Silberhochzeit hast du die Geschichte erzählt.

Stille.

Weißt du noch Basti, den Spaniel von Frau Schneider?

Pause.

Nein.

Und deine Mutter?

Ich kann das Gesicht erinnern. Die Stimme. Aber sonst … nichts.

Ich starrte ihn an. Er schaute auf seine Hände.

Wann fing das an?

Ich kann es nicht sagen. Stückweise.

Und du hast mir nichts erzählt?

Ich wusste nicht wie.

Darum schreibst du alles auf.

Ja.

Dein Schrift ist anders.

Er schwieg, stellte die Tasse ab.

Das weiß ich.

Wie erklärst du dir das?

Schweigen. Er schaute mich an. Ich harrte aus.

Bernhard. Bist du wirklich Bernhard? Mein Bernhard?

Zum ersten Mal sah ich in seinen Augen etwas Echtes. Traurigkeit? Unsicherheit? Oder noch etwas anderes.

Mara, sagte er. Ich weiß es nicht.

Ich sah auf seine Hände, die Falten im Gesicht, die grauen Haare.

Ist das ehrlich? fragte ich.

So ehrlich, wie ich kann.

Draußen regnete es. Mainzer Herbstregen. Die Tropfen trommelten auf das Blech am Fensterbrett.

Was soll ich tun? fragte ich den Raum.

Ich weiß es nicht, antwortete er, diesmal ehrlich.

Ich holte mir eine Tasse Kaffee, stellte mich ans Fenster. Schaute raus.

Er kam langsam näher.

Mara.

Ja?

Ich erinnere deinen Tonfall. Schon immer. Deine Stimme.

Ich drehte mich nicht um.

Das ist wenig.

Ich weiß.

Der Regen wurde stärker, ein Auto hupte in der Ferne.

Ich brauche Zeit, sagte ich leise.

Ist in Ordnung.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht.

Verstehe ich.

Ich drehte mich zu ihm. Er stand da, wollte offensichtlich etwas sagen, zögerte.

Bernhard, möchtest du hierbleiben?

Einige Sekunden Pause.

Ja. Ich möchte hierbleiben.

Ich blickte ihn an den Mann, der Erinnerungszettel führt, meinen Namen und meine Kaffeeliebe kennt, von Hopp und Basti nichts weiß, aber die Tasse wie immer hält.

Dann geh und kauf Brot. Roggenbrot. Aus der Eichenkrone an der Schillerstraße.

Er nickte, nahm die Jacke, ging zur Tür, blieb stehen.

Mara.

Was?

Erzähl mir später von dem Antrag.

Ich sah ihn lange an.

Vielleicht, sagte ich.

Die Tür fiel zu. Ich stand mit dem Kaffee am Fenster und hörte seine Schritte im Treppenhaus. Vierte Etage, sechzehn Stufen, wie immer.

Er ging durch den Hof, ich sah ihn: Kragen hochgestellt gegen den Regen.

An der Ecke bog er Richtung Eichenkrone.

Ich wusste nicht, was ich fühlen oder denken sollte. Nur Stille, wo sonst Gedanken waren und das Gefühl, dass noch nicht alle Antworten gegeben waren.

Das Handy vibrierte. Nina.

Wie gehts dir? fragte sie sofort.

Ich weiß es nicht.

Hast du mit ihm geredet?

Ja.

Und?

Ich sah aus dem Fenster, die leere Ecke.

Nina, könntest du mit jemandem leben, der nicht mehr weiß, wer er ist?

Pause.

Hat er das so gesagt?

Ungefähr.

Mara, das ist Chefsache fürs Krankenhaus. Das ist zu groß für Küchengespräche.

Ich weiß.

Was wirst du tun?

Ich stellte meine Tasse auf die Fensterbank.

Ich weiß es noch nicht. Er ist Brot holen.

Was für Brot?

Roggen, wie immer.

Nina schwieg.

Du machst mir Sorgen, Mara.

Alles ist in Ordnung. Ich ruf dich später an.

Ich nahm meine Tasse, trank einen Schluck inzwischen war der Kaffee fast kalt, aber noch immer gut.

Sechzehn Stufen. Ich habe sie immer gezählt.

Zwanzig Minuten später knallte unten die Haustür. Treppengeräusche. Sechzehn Stufen nach oben.

Ich blieb am Fenster stehen.

Schlüssel drehte sich. Tür ging auf.

Hier, sagte er aus dem Flur. Roggenbrot. Das letzte.

Ich dreht mich um. Er stand mit dem Brot im Türrahmen. Durchnässt, Haare klebten an der Stirn.

Leg es auf den Tisch, bat ich.

Er tat es.

Wir sahen uns an.

Willst du Tee? fragte ich.

Gerne.

Ich stellte Wasser auf. Er hängte die Jacke auf, setzte sich an den Tisch. Ich hörte ihn schweigen. Nicht bedrückend, einfach still.

Mara, sagte er leise, erzähl mir irgendwann von damals.

Wasserkocher begann zu rauschen. Erst leise, dann immer stärker.

Ich stand da und dachte.

Nicht jetzt, sagte ich schließlich. Vielleicht später.

Okay, sagte er.

Der Wasserkocher klickte.

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Homy
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