Verlorenes Gepäck – Wenn das Reiseabenteuer am Gepäckband beginnt

Verlorenes Gepäck

Der Koffer wog anders, als er sollte.

Schon am Gepäckband ahnte Paulina es. Die vertrauten zwölf Kilo fühlten sich plötzlich anders an schwerer, komprimierter, mit ungewohntem Schwerpunkt. Aber das graue Hartschalengehäuse sah ganz genauso aus wie ihres: Plastik, vier Rollen, ein Kratzer in der linken Ecke. Sie griff zum Griff und verließ die Halle.

Der Flughafen München roch nach Kaffee und nassem Steinboden. Hinter den Fenstern nieselte typischer Märzregen, der eher an Nordsee als an Frühlingsferien denken ließ. Paulina seufzte. Die Konferenz für Stadtbegrünung war bestimmt ein guter Anlass, von Hamburg nach München zu fliegen aber nicht gut genug, um deswegen in Feststimmung zu geraten.

Sie war einunddreißig. Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Stadtplanung, eine gemietete Einzimmerwohnung mit achtundzwanzig Quadratmetern, Bücherstapel an der Wand entlang. Sonntags rief die Mutter in Lübeck an und fragte immer das Gleiche: Na, wie siehts aus? Noch immer niemand? Und Paulina antwortete wie immer: Mama, ich arbeite doch. Als ob das all ihre Antworten rechtfertigte.

Die Fahrt mit dem Taxi bis zum Hotel dauerte zwanzig Minuten. Der Fahrer fragte, ob sie im Urlaub sei. “Geschäftlich”, war Paulinas kurze Antwort. Er nickte, als hätte er damit gerechnet.

Das Zimmer war klein, aber sauber, mit Blick auf einen grauen Streifen der Isar. Auf dem Fensterbrett stand eine Kunstblume eine Geranie, die noch nie eine Geranie war. Paulina stellte den Koffer aufs Bett, knipste die Schlösser auf und öffnete den Deckel.

Da stockte sie.

Drinnen: Herrenkleidung.

Ein grob gestrickter Pullover dunkelgrün, riechend nach Heu, nicht nach Parfum. Die Größe passte nie zu ihr, die Schultern viel zu breit. Jeans. Turnschuhe in Größe 43, im Tütchen. Ein Ladegerät, wie sie es nicht besaß. Eine Tüte mit Samen, die Aufschrift fremdsprachig, offenbar botanisch. Und ein Notizbuch, dick, mit Ledereinband und einem Gummiband.

Das war nicht ihr Koffer. Paulina setzte sich ans Bett und starrte auf die fremden Sachen. Der gleiche graue Koffer, vier Rollen, Kratzer an dem selben Eck. Doch ein fremder Koffer. Jemand hatte in München ihre Sachen gegriffen Bücher, das Kleid für ihre Präsentation, der Laptop mit Vortrag, das eingerahmte Foto der Mutter. Und sie hatte seinen genommen.

Fünf Minuten war sie wie erstarrt. Dann wählte sie die Nummer vom Flughafen. Der Anrufbeantworter bat sie, in der Leitung zu bleiben. Nach elf Minuten wurde sie durchgestellt, eine Dame nahm ihre Daten, die Flugnummer, das Etikett auf und bat um Geduld. Sie würden zurückrufen. Ganz sicher.

Paulina legte auf und blickte wieder auf den geöffneten Koffer. Das Notizbuch lag zuoberst, so als wäre es zuletzt darin verstaut worden. Die Lederhaut war an den Ecken abgewetzt, das Gummiband schlaff.

Sie wusste, dass man es nicht tun sollte. Fremde Dinge berühren, fremde Leben, fremde Notizen. Es war wie Gespräche belauschen oder abends in fremde Fenster spähen. Es gehörte sich einfach nicht. Paulina stand auf, ging einige Male im Zimmer auf und ab, schenkte sich ein Glas Wasser ein. Trank. Und sah wieder zum Notizbuch.

Ihre linke Schulter, etwas niedriger als die rechte vom ewigen Tragen ihrer Notebooktasche, beugte sich vor. Die fingerspitzen des Zeige- und Mittelfingers von der Maus blank poliert strichen über das Leder. Es fühlte sich weich und warm an.

Sie öffnete das Notizbuch.

***

Die Handschrift war eigenwillig. Die Buchstaben lehnten nach links, rund, mit langen Bögen beim u und r. Kein hastiges Schriftbild nachdenklich. Ein Mensch, der so schrieb, sprach wahrscheinlich auch langsam.

Der erste Eintrag begann ohne Datum.

Heidelberg. Am Morgen zu Fuß aufs Philosophenweg. Die Stadt unten wie ein endloser Garten, den keiner zu schneiden wagt. Bäume zwischen den Häusern, Büsche auf den Balkonen. Habe eine Platane am Seilbahn-Eingang skizziert. Der Stamm wie die Karte eines unbekannten Landes: helle Flecken, dunkle Inseln. Drei Stunden gesessen, bis mir kalt wurde.

Paulina blätterte um.

Wien. Im Botanischen Garten einen Affenbrotbaum gezeichnet. Kein echter, natürlich ein Bonsai. Doch die Wurzeln sahen aus, als wollten sie aus dem Topf fliehen. Ein ernsthafter Baum in lächerlicher Größe. Vielleicht bin ich auch so.

Sie lächelte. Zum ersten Mal heute.

Sie blätterte weiter. Und weiter.

Ein Parkett von Einträgen: Marrakesch, Porto, Köln, Dresden. Immer ging es um Orte und Pflanzen. Offenbar war der Mann viel unterwegs, zeichnete Bäume und dachte sich seine Geschichten dazu. Kein einziges Wort über Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten. Nur Grünes. Büsche, Stämme, Kronen, Wurzeln. Dazwischen Skizzen schnell, treffsicher, lebendig. Ein Ast mit drei Blättern. Eine Wurzel, die einen Stein umklammert.

Marrakesch. Einen Orangenbaum mitten auf dem Basar gesehen. Händler hatten Tüten und Preisschilder in die Äste gehängt. Doch der Baum steht da. Zweihundert Jahre ist er sicher alt. Hat alle Märkte, alle Händler überlebt. Habe versucht, ihn zu zeichnen. Die Hände zitterten von der Hitze.

Porto. Glyzinien am Flussufer hängen so tief, dass sie mit den Köpfen streifen. Die Portugiesen weichen aus. Die Touristen fotografieren. Ich stand da und dachte: Hier ein Baum, den Grenzen nicht binden. Wächst, wie er will. So möchte ich sein.

Paulina merkte plötzlich, dass sie schon vierzig Minuten las. Draußen war es dunkel geworden. Regen trommelte nervös ans Fenster.

Sie blätterte weiter.

Köln. War in einem verlassenen Park am Stadtrand. Linden, drei Mann breit, Wurzeln hatten den Asphalt gesprengt. Früher spazierten hier Menschen. Jetzt nur noch die Bäume. Und ich. Habe eine Linde gezeichnet. Stand wie ein Wächter gerade, stark, kein Blatt regte sich. Dachte: So sieht Treue aus. Man hält Stellung, wartet, bis jemand zurückkommt.

Paulina sah, dass der Schreiber in jedem Eintrag Bäume ansprach, als wären es Freunde. Ohne Scham, ohne Filter. Bäume als Vertraute. Und sie fragte sich, warum das so wichtig war.

Dann stieß sie auf einen Eintrag, der sie innehalten ließ.

Dresden. Zwei Jahre nach der Scheidung. Vierzehn Jahre mit Lena, seit dem Studium. Sie sagte: Du liebst Bäume mehr als Menschen. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht konnte ich Menschen nicht so lieben, dass sie es fühlen. Ich glaube nicht mehr, dass ich finde. Nicht einen Baum einen Menschen. Der versteht, warum ich Wurzeln zeichne.

Paulina klappte das Notizbuch zu. Legte es aufs Nachtkästchen, stand auf, trat ans Fenster.

Es regnete immer noch. Die Isar erschien dunkel und glatt, kein Licht am jenseitigen Ufer. Unten klappte eine Tür, jemand lachte junge Stimmen, ausgelassen, fremd.

Einunddreißig. Mietwohnung. Bücherstapel. Noch immer niemand? Zuletzt war da jemand vor sechzehn Monaten. Paulina hatte gar nicht gemerkt, wann sie aufhörte zu suchen. Eines Abends kam sie von der Arbeit, setzte sich in die kleine Küche und spürte: Es ist gut so. Oder nicht gut aber gewohnt. Und Gewohnheit wird zum Glück, wenn man nicht zu lange nachdenkt.

Sie kehrte zum Koffer zurück und räumte alles vorsichtig wieder ein. Da fiel es ihr ein.

Der Brief.

Jener, den sie im Flugzeug angefangen hatte, aus Langeweile, weil der Flug zwei Stunden verspätet war. Sie hatte ein Blatt und einen Stift herausgeholt einfach, um die Hände zu beschäftigen, keinen Tagebucheintrag, nur so eine erwachsene Dummheit. Lieber Unbekannter, ich wünsche mir, jemanden zu treffen… Sie hatte nicht fertiggeschrieben. Vor der Landung wanderte das Blatt in das Kofferfach. Und wurde dort vergessen.

Und eben dieses Blatt befand sich jetzt in ihrem richtigen Koffer, den jemand anders hatte. Ein Mann, dessen Reisebuch sie gerade las.

Paulina setzte sich aufs Bett. Ihre Wangen glühten.

***

Am nächsten Morgen, wieder ein Anruf beim Flughafen.

Fundbüro, hier spricht Sabine, es klang müde, aus dem Hintergrund raschelte etwas, wie Gebäck.

Ich hatte gestern schon gemeldet. Flug Hamburg Frankfurt München, Etikett Nummer …

Einen Augenblick. Das Geknusper verstummte. Gut. Die Anfrage ist aufgenommen. Wir melden uns, sobald was passiert.

Wie lange dauert das?

Im Regelfall drei bis zehn Werktage.

Zehn?

Arbeitstage. Oder es geht schneller. Bleiben Sie erreichbar?

Paulina legte auf, blickte auf den fremden Koffer. Sie brauchte Kleider. Die Konferenz begann übermorgen. Ihr einzig tragbares Kleid, der Laptop, die Schuhe alles bei einem Fremden.

Sie ging in die Stadt. Ein Einkaufszentrum lag fünfzehn Minuten entfernt. Sie kaufte Hose, Bluse, Unterwäsche, Handyladekabel. An der Kasse fragte die Verkäuferin:

Koffer verloren?

Verwechselt.

Macht beinahe jeder. Koffer sehen ja alle gleich aus.

Paulina lächelte gequält. Das tröstete irgendwie.

Sie steuerte die nächste Apotheke an Zahnbürste, Zahnpasta. Dann ein Cappuccino, im Stehen, am Tresen einer Cafébar. Auf dem Rückweg rief sie die Mutter an.

Gut angekommen? Wie ist das Wetter?

Es regnet.

Hast du einen Schirm dabei?

Mama, ich habe meinen Koffer verloren.

Wie denn das? Gestohlen?

Im Flughafen verwechselt. Jemand hat meinen genommen, ich seinen.

Ein Moment Schweigen.

Dann läuft jetzt irgendwo einer mit deinen Sachen herum. Was denkt der wohl über deine Bücher?

Mama…

Was? Das meine ich ernst. Dein ganzer Hausstand reist ja mit.

Paulina verschwieg das Reisetagebuch mit den Bäumen und die linkslastige Handschrift. Und den Eintrag aus Dresden. Sie sagte: Das wird schon, Mama und legte auf.

Im Hotelzimmer öffnete sie erneut den Koffer.

Nicht um zu lesen, sondern um nach einem Hinweis zu suchen Name, Kontakt, irgendwas. Im Innentaschenreißverschluss fand sich eine Visitenkarte.

“Thomas Reuter. Landschaftsarchitektur. Planung, Beratung, Gartengestaltung.”

Samt Handynummer.

Paulina tippt eine Nachricht im Messenger:

“Guten Tag, ich glaube, im Münchner Flughafen haben wir die Koffer vertauscht. Ich habe Ihren. Grau, mit Kratzer. Darin war Ihr Notizbuch, jetzt habe ich Ihre Nummer. Melden Sie sich?”

Die Antwort kam nach neun Minuten.

“Guten Tag, ich habe heute erst gemerkt, dass ich nicht meinen Koffer habe. Bücher, Notiz, Kleid also sicher nicht meiner. Bin auch in München. Treffen wir uns zum Tauschen?”

Paulina las das nochmal: Bücher. Notiz. Kleid. Er hatte ihren Koffer geöffnet.

“Ja, gerne. Wo passt es?”

“Café Zur Brücke am Klenzeufer, zehn Uhr morgen? Ich bringe Ihren Koffer mit.”

“Super. Ich auch.”

Sie legte das Telefon weg. Dann nahm sie es und las wieder: “Bücher, Notiz, Kleid.” Er kannte den Inhalt ihres Koffers. Vielleicht hatte er ihr Notizbuch mit Ideen gelesen, das Foto der Mutter in Rahmen. Vielleicht auch den angefangenen Brief.

Paulina schloss die Augen. Stellte sich vor, wie er, irgendwo im Hotelzimmer oder im Café, den Zettel in Händen hielt. Liniertes Papier, mit Ecken, voller Eile. Und las Worte, die niemand je lesen sollte.

Sie griff zum Tagebuch und las den Eintrag aus Dresden noch einmal.

“Ich glaube nicht mehr, dass ich finde.”

Und sie sie hatte “Lieber Unbekannter, ich wünsche mir, jemanden zu treffen…” geschrieben. Und dieses Blatt lag nun in den Händen eines Mannes, der Bäume zeichnete und jemanden suchte, der es versteht.

Zufall. Abwegiger, alberner Zufall mit identischen Koffern.

Oder nicht?

Am Schreibtisch schlug Paulina das Notizbuch auf und las die letzten Seiten. Nach Dresden kamen noch einige Einträge.

“Kassel. Frühling. Der Balkon so zugewuchert, dass die Nachbarn klagen. Hundertvierzehn Pflanzen ich habe gezählt. Lena hätte gesagt: ‘Du bist verrückt.’ Aber Lena ist weg. Und sich beschweren kann nur der Ficus. Der schweigt. Perfekter Zuhörer.”

Und zuletzt:

“Flug nach München. Botanischer Garten. Das Tulpenbaum soll über hundert Jahre alt sein. Urlaub. Erstes Mal seit zwei Jahren, dass ich ohne Arbeit fahre. Eigenartig, einfach so zu reisen. Als müsse man das rechtfertigen.”

Paulina schloss das Buch, verstaute es im Koffer, schloss den Reißverschluss.

Er reiste nach München wegen eines Baumes. Sie wegen der Konferenz zur Stadtbegrünung. Er zeichnete Pflanzen in fremden Städten. Sie schrieb über die Rückkehr von Grünflächen in ihre Stadt. Und irgendwo dazwischen vertauschten sich zwei graue Koffer.

Paulina lag auf dem Bett, fand keinen Schlaf. Sie dachte darüber nach, wie seltsam das Leben spielt. Man lebt, arbeitet, packt Koffer, schließt Reißverschlüsse und dann stellt ein Zufall das Leben auf den Kopf.

***

Das Café Zur Brücke lag am Klenzeufer zwischen Kastanien und einem Laternenmast. Glasfront, helle Holztische, der Duft von frischen Brötchen und Zimt. Die Kellnerin eilig, aber freundlich.

Paulina kam zwanzig Minuten zu früh. Sie konnte nicht im Hotel sitzen bleiben. Sie suchte sich einen Platz am Fenster, stellte den Koffer daneben und bestellte Tee. Die Hände zitterten, als sie die Karte nahm. Es ging nur um Austausch. Koffer zurück, fertig.

Doch das stimmte nicht. Der Tag steckte voller fremder Geschichten, die ihr seltsam nahe waren.

Sie erkannte ihn sofort.

Der Mann kam pünktlich mit grauem Koffer. Groß, in dunkelgrüner Jacke exakt die Farbe des Pullovers aus dem Koffer. Auf der Stirn die Bräunung von Sonnenbrille: als trüge er sie immer. Er blieb am Eingang stehen, erkannte Paulinas Koffer. Kam an den Tisch.

Paulina? Die Stimme weich, mit Pause, als hätte er das Wort erst gesucht.

Ja. Thomas?

Er nickte, setzte sich. Beide Koffer nebeneinander, wie Zwillinge.

Seltsam, sagte er, ich habe doch aufs Etikett geschaut.

Ich auch.

Offenbar Kärtchen vertauscht. Oder wir waren beide unaufmerksam.

Oder die Koffer haben sich verbündet.

Er schmunzelte, nur ein Mundwinkel. Paulina dachte, seine Lächeln war wie seine Schrift zurückhaltend, aber warm.

Ich muss mich entschuldigen, sagte Thomas.

Wofür?

Ich habe Ihren Koffer geöffnet. Dachte, es wäre meiner. Bis ich die Bücher sah.

Ich habe Ihren geöffnet. Verwirrung dauerte.

Pause. Er drehte die Löffel zwischen Fingern. Große Hände mit Erde unter den Nägeln nicht schmutzig, nur gewohnt.

Ich habe in Ihrem Notizbuch gelesen, gestand er leise, die Entwürfe für Artikel, über Grünflächen, Höfe, Urbanistik. Interessant. Eigentlich durfte ich nicht…

Ich habe Ihr Reisetagebuch gelesen, sagte Paulina.

Er sah auf.

Alles?

Alles.

Schweigen. Draußen rauschten die Wellen an den Uferwall, zogen sich zurück. Ein Junge warf Krümel für die Möwen.

Dann wissen Sie von Heidelberg, sagte Thomas.

Und von Wien. Und vom Affenbrotbaum-Bonsai.

Und von Köln.

Von der Linde, die wie Treue steht.

Er sah weg.

Und Dresden.

Paulina nickte. Er verstand.

Sie wissen Dinge über mich, die ich sonst nie erzähle, sagte er.

Sie auch über mich.

Er schwieg. Holte dann einen gefalteten Zettel aus der Tasche. Paulina erkannte ihn sofort ihr Blatt.

Ich habe das im Koffer gefunden, sagte Thomas. Und gelesen. Ich sollte nicht, aber

Paulina sah auf das Papier. Ihre Wangen erröteten wieder.

Blödsinn, murmelte sie. Geschrieben, weil mir langweilig war.

Lieber Unbekannter, las Thomas auswendig, ich wünsche mir jemanden, mit dem man schweigen kann. Nicht weils nichts zu sagen gibt, sondern weil auch so alles klar ist. Ich bin müde zu erklären, wer ich bin. Ich will, dass jemand mein Bücherregal anschaut und es versteht. Ich will, dass jemand …

Bitte, bat Paulina leise.

Der Satz bricht ab, sagte er. Ich will, dass jemand… und dann nichts mehr. Sie haben nicht weitergeschrieben.

Ich wusste nicht wie.

Ich schon, sagte Thomas, ich hätte denselben Satz geschrieben. Nur von Bäumen statt Büchern.

Sie sah ihn an. Die braune Sonnenbrillenmarke, die Hände mit Erde, den ruhigen Blick.

Sie wissen von meiner Mutter in Lübeck, sagte sie.

Rahmenfoto. Hübsche Frau. Sie sehen ihr ähnlich.

Sie wissen, was ich arbeite.

Notizen über Stadtgrün. Ich bin Landschaftsarchitekt. Fachlich spannend, dann mehr.

Sie wissen, dass ich allein bin.

Ich sehe, dass Sie für vier Tage fünf Bücher mitnehmen. Dass Sie das Mutterbild lieber im Koffer haben als digital. Dass Sie handschriftlich schreiben, obwohl Sie am PC arbeiten. Und dass Sie einen Brief an einen Unbekannten schreiben, den es gar nicht gibt.

Paulina schwieg.

Und ich, fuhr Thomas fort, zeichne Bäume im Notizbuch, bin seit zwei Jahren geschieden und habe hundertvierzehn Pflanzen auf dem Balkon, weil kaum jemand bleibt, der zuhört. Sie wissen das.

Ich weiß es.

Dann haben wir einander in fremden Dingen gelesen. Und treffen uns, als hätten wir die ersten Dates übersprungen.

Paulina lachte, knapp, überrascht. Thomas lächelte breiter.

Ich kenne Sie besser, als ich wollte, meinte er, Sie mich auch. Ungerecht, oder das Ehrlichste, was je geschah.

Weil keine Vorbereitung da war?

Eben. Ein Koffer ist wie ein Abdruck. Man arrangiert nicht, legt ein, was gebraucht wird. Und danach weiß man, wer einer ist.

Paulina sah auf die beiden Koffer mit denselben Narben.

Lust auf einen Spaziergang? fragte Thomas. Gleich um die Ecke liegt der Botanische Garten. Ich wollte das Tulpenbaum ansehen.

Ich weiß, sagte Paulina. Steht im letzten Eintrag.

Er nickte, leerte die Tasse, erhob sich.

Sollen die Koffer hier warten? fragte sie.

Die haben sich viel zu erzählen.

Sie verließen das Café. Der Regen hatte morgens aufgehört, das Ufer glänzte. Die Kastanien ragten gerade in den Himmel, kein Blatt bewegte sich. Paulina musste an die Linde aus Köln denken. An Treue und Geduld.

Erzählen Sie mir etwas, das nicht im Tagebuch steht, bat sie.

Ich habe Angst vor Tauben, sagte Thomas ernsthaft.

Tauben?

Als Kind ist eine ins Fenster geflogen und hat sich auf meinen Kopf gesetzt. Seitdem bleibe ich fern.

Paulina kicherte. Er schmunzelte mit.

Und Sie? fragte er. Was steht nicht im Koffer?

Ich streite manchmal mit Büchern, laut. Wenn ein Autor Unsinn schreibt, rede ich dagegen an.

Und wer gewinnt?

Der Autor meistens. Aber ich gebe nicht auf.

Sie schlenderten am Ufer entlang. Paulina empfand es seltsam, an der Seite eines beinahe Fremden zu laufen, den sie aber so gut aus Notizen, Handschrift, Baumskizzen kannte als hätte man den Roman eines Autors gelesen und würde nun auf den Schöpfer treffen.

Sie schrieben in Dresden, dass Sie nicht mehr glauben, jemanden zu finden, sagte sie.

Ich erinnere mich.

Sie haben meinen Koffer gefunden.

Und Sie meinen.

Sie schwiegen. Doch es war kein schweres, sondern genau dieses Schweigen, das Paulina in ihrem Brief so ersehnte.

Der Botanische Garten hob sich hinter einem schmiedeeisernen Tor ab Baumkronen ragten über die Häuserreihe.

Dort drüben steht es, zeigte Thomas, das Tulpenbaum. Sehen Sie? Der Stamm wie eine Säule. Hundertzwanzig Jahre alt, hat drei Kriege überstanden.

Und blüht immer noch?

Jeden Mai.

Er zog aus der Tasche ein kleines Skizzenbuch, keinen großen, sondern ein handliches. Bleistift. Skizzierte. Stämme, Äste, Kronenumriss. Die gebräunte Stirn, zusammengekniffen in der Sonne.

Darf ich Sie was fragen? sagte Paulina.

Nur zu.

Was dachten Sie, als Sie meinen Brief fanden?

Er blickte nicht auf.

Dass ich wissen will, wie er endet.

Ich schrieb doch, dass ich selbst nicht weiß, wie.

Und jetzt?

Paulina schwieg erneut. Licht fiel durch das Blätterdach und tupfte ihr Gesicht wie Sommersprossen.

Sie verweilten drei Stunden im Garten, schlenderten zu jedem markanten Baum. Thomas erzählte nicht wie ein Guide, sondern wie ein Freund, der vorstellt. Er zeichnete, Paulina sprach über ihre Arbeit: von Hinterhöfen, die zu Gärten werden sollten, über Widerstände im Amt, über den alten Herrn, der dreiundzwanzig Apfelbäume entlang der Einfahrt pflanzte und sich mit der Verwaltung stritt.

Dreiundzwanzig Apfelbäume? Thomas hob eine Braue.

Jedes bekam einen Mädchennamen. Er meinte, sie seien ihm näher als die Nachbarn.

Kann ich verstehen. Mein Ficus heißt Arkadi. Er ist fünf Jahre alt. Einziger, der die Scheidung unbeschadet überstand.

Arkadi?

Sieht so aus: ernst, etwas bucklig, robust.

Paulina lachte. Seit einem Jahr in Hamburg hatte sie mit niemandem so ungehemmt gesprochen. Einfach so: Zwei Menschen mit Bäumen namens Arkadi.

Sie setzten sich auf eine Bank unter das Tulpenbaum. Ein halber Meter Abstand. Keiner röckte näher.

Sie haben morgen Ihren Vortrag, sagte Thomas.

Ja, mittags.

Über was?

Über die Rolle von Grünflächen für das Wohlbefinden. Langweiliges Thema.

Nur für manche. Für mich nicht.

Möchten Sie kommen?

Als Gast auf einer Konferenz?

Einer langweiligen über Bäume.

Ich verbringe mein Leben auf langweiligen Fachveranstaltungen über Bäume.

Sie lachten. Es fühlte sich an wie im Tagebuch: Echt, richtig, vollkommen ungestellt.

Der Rückweg war geruhsam. Thomas berichtete aus Kassel: vom Balkon, den er in einen Dschungel verwandelte, von der Nachbarin, die Pflanzen während seiner Abwesenheit goss und dann Tee trank. Von der Zeit nach der Scheidung, in der er sich Monate lang zurückzog, dann einfach ein Ticket nach Heidelberg buchte, weil der Flug günstig war.

Und dort angefangen zu schreiben?

Gezeichnet habe ich immer. Aber in Heidelberg musste ich plötzlich Worte dazusetzen.

Paulina nickte. Sie kannte das Gefühl wenn man so viel in sich trägt, dass Linien nicht mehr ausreichen.

Am Café Zur Brücke stand der Koffer wie sie ihn abgestellt hatten. Zwilling nach Tagen der Trennung. Thomas nahm seinen, Paulina ihren. Jetzt stimmte es wieder.

***

Am Abend saß Paulina auf dem kleinen Hotelstuhl, kalter Tee in der Hand. Ihr Koffer stand in der Ecke endlich ihrer: mit Notizbuch, Büchern und dem Kleid für die Präsentation. Sie öffnete alles war an Ort und Stelle: der Laptop, das Ladegerät, das Mutterporträt. Fünf Bücher, der Notizblock. Bis auf den einen Zettel.

Auf dem Stuhl lag eine Zeichnung.

Thomas hatte sie ihr beim Auseinandergehen übergeben. Ein Blatt aus dem Skizzenbuch, sorgfältig herausgetrennt. Zu sehen war ein Baum, unbekannt, mit ausladendem Kronendach und dicken Wurzeln, die wie Sonnenstrahlen weggingen.

Was ist das? fragte Paulina.

Ein Baum für Städte ohne Grün. Ich habe ihn erfunden. Noch gibts ihn nicht aber Sie sind doch Stadtplanerin. Sie können ihn ja pflanzen.

Dann war er gegangen. Kein Blick zurück. Aber Paulina hatte doch gesehen, wie er am Eck einen Augenblick zögerte.

Sie saß mit der Zeichnung da und dachte: Jemanden zu finden, mit dem man schweigen kann, das ist vielleicht der, bei dem Schweigen mehr sagt als alles andere. Und dieser Mensch bog eben hinter die Ecke mit ihrem Brief in der Tasche.

Sie griff ihr Handy.

Danke für den Baum. Ich pflanze ihn.

Die Antwort kam eine Minute später.

Ich meine das ernst. Wenn ich den Hof begrünen soll wollen Sie als Wissenschaftlerin drüberschauen?

Ja.

Dann brauche ich Ihre Adresse in Hamburg. Ich verschicke Skizzen ganz altmodisch per Post.

Paulina lächelte. Tippte die Adresse. Schickte sie. Dann fügte sie hinzu:

Mein Briefkasten ist klein. Für große Pläne müssen Sie selbst vorbeikommen.

Die Antwort: Das merke ich mir.

Sie legte das Handy weg. Hinter der Wand flimmerte leise der Fernseher eines Nachbarn. Ein Abend wie viele. Ein Hotel wie alle. Aber dies war anders, Paulina merkte das. Sie saß und lächelte einfach so. Der Anlass war so absurd, dass sich telefonische Erklärungen gegenüber ihrer Mutter verbieten würden: Mein Koffer wurde verwechselt, und ich traf einen Menschen. Klingt nach dem Anfang eines schlechten Films.

Sie öffnete ihren Koffer und nahm aus dem Seitenfach ein leeres Blatt und einen Stift dort, wo sonst der unfertige Brief lag, der nun bei Thomas war. Er hatte ihn behalten. Sie hatte nicht danach gefragt.

Paulina setzte sich an den Tisch, legte das Blatt hin und schrieb:

Lieber Unbekannter, ich wünsche mir, jemanden zu treffen, mit dem man schweigen kann. Nicht weil es nichts zu sagen gibt, sondern weil auch so alles klar ist. Ich bin müde, zu erklären, wer ich bin. Ich will, dass jemand mein Bücherregal anschaut und alles versteht. Ich will, dass jemand…

Sie hielt inne. Blickte auf die Baumzeichnung an der Wand.

Schrieb einen Namen darunter.

Thomas.

Dann faltete sie das Blatt, legte es in das Seitenfach des Koffers. Als schlösse sich ein Kreis.

Draußen rauschte die Isar. Münchens März roch nach nassem Erdreich und dem Frühjahr, das noch nicht begonnen hatte, aber schon versprochen war. Der Regen war längst vorbei, am Himmel über dem Fluss ein Streifen rosa Licht zwischen den Wolken.

Paulina schaltete das Licht aus. Morgen stand sie im Kleid, das zwei Tage im falschen Koffer gelegen hatte, vor dem Konferenzsaal und sprach über Stadtgrün. Und in der dritten Reihe, vielleicht, saß jemand, der Bäume für Städte ohne Bäume zeichnete.

Übermorgen gab es einen Spaziergang. Thomas wollte ihr eine Zypressenallee zeigen, deren Kronen sich so dicht berühren, dass ein grüner Tunnel entstand. Der gefällt Ihnen, schrieb er, als Forscherin. Und so überhaupt.

Dann wieder Hamburg. Und Kassel. Zwei verschiedene Städte, zwei Leben. Aber dazwischen nun: eine Papierzeichnung, die per Post kam. Eine Adresse im Messenger. Und ein vollendeter Brief.

Der Koffer stand an der Wand. Grau, mit Kratzer links. Der gleiche wie gestern. Aber alles um ihn herum war anders.

Das Gepäck war gefunden.

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Homy
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