Weißt du was, Markus hat seine Verlobte Annemarie mit aufs Land genommen, ins kleine Dörfchen, wo er aufgewachsen ist. Da stand das alte Haus seiner Oma, das er geerbt hat nichts Großes, aber gemütlich. Sie haben sich schnell eingelebt, bisschen renoviert, Tiere angeschafft und auf einmal stand plötzlich seine Schwester, Katrin, mit ihren drei Kindern aus München vor der Tür.
Ich hab hier früher auch mal gewohnt!, hat sie gleich geprahlt. Immer zu Oma gekommen. Und dieses Jahr will ich ans Meer! Aber die Kinder, die lass ich wohl bei euch hier auf dem Dorf!
Markus schaut sie an: Und wer soll auf die drei aufpassen? Wir arbeiten beide Plötzlich hört er draußen ein Riesengebrüll. Er schaut aus dem Fenster, und da gings schon drunter und drüber.
Also, Markus hatte damals keine große Wahl. In der Stadt hatte er nichts, wohnte bei Katrin in deren winziger Wohnung zusammen mit dem ältesten Neffen in einem Zimmer. Katrin hat ihn ständig spüren lassen, wie lästig er war. Nur am Zahltag, wenn er ihr seine halbe Lohntüte als Untermiete überreichte, war sie ganz freundlich zu ihm. Ansonsten: Gemecker wegen jeder Kleinigkeit.
Dazu kamen ein Haufen Aufgaben: Teppiche ausschütteln, mit den Kindern rausgehen (eins, drei und sechs Jahre alt!), aufpassen, Betten beziehen Noch dazu war Katrins Mann entweder ständig in einer anderen Stadt zum Arbeiten oder mit Kumpels unterwegs, oder hat sich bei seinen Eltern ausgeruht. Das wusste Annemarie alles, als sie mit Markus zusammenkam. Der Kerl hat gutes Geld verdient aber immer nur für die Schwester. Als er sich schließlich mal was für sich selbst gönnte, stand er fast auf der Straße. Zwei Wochen durfte er noch für sie schuften, bis er raus war.
Praktisch war Markus für Katrin schon: Babysitter, Putzkraft und Nebenverdiener in einem. Als er ihr dann endgültig klargemacht hat, dass er ihr Gehalt nicht mehr abgibt, hat sie ihn vor die Tür gesetzt. So landete er dann mit seinen Sachen bei Annemarie in deren Studentenwohnheimzimmer
Im Dorf wars viel netter okay, keine Familie in der Nähe, aber Markus kannte die Leute von damals. Seine Mutter lebte zwar auch auf dem Land, aber einige Hundert Kilometer entfernt, und Annemaries Eltern noch weiter weg. Hilfe gabs also keine. Sie haben einfach geheiratet, ganz still, und langsam ihr Leben aufgebaut. Annemarie fing im Kindergarten an, Markus arbeitete im Sägewerk. Die Nachbarin schenkte ihnen sogar eine Ziege die durfte sie mit etwas Milch am Tag abbezahlen. Bald kamen Hühner und Schafe dazu. Reich wurden sie nicht, der Hof und Annemaries Näharbeiten sorgten aber für genug.
Ihren kleinen Paul hatten sie auch schon, Annemarie wieder zurück im Beruf nach der Elternzeit, die schwersten Zeiten vorbei
Und dann, Überraschung: Katrin tauchte auf. Sie hatte Markus seit Jahren nicht gesehen, die Kinder jetzt groß genug, und ihr Mann mal wieder zu seinen Eltern abgehauen.
Ich hab hier auch mal gewohnt!, wedelte sie herum. Markus verdrehte die Augen: Lange hast du es hier ja nie ausgehalten, nach einer Woche ohne Mama hast du schon geheult. Was sollte man hier auch machen? Es war furchtbar langweilig! Ich fahr ans Meer, du nimmst die Kids!
Markus schaute sie an: Und wer kümmert sich um die, wenn wir arbeiten? Ich bin manchmal ein paar Tage am Stück weg!
Na, das ist halt Land was soll schon passieren? Die passen auf sich auf. Vergiss es, du bleibst schön selbst da und kümmerst dich! Und Annemarie macht da eh nicht mit.
Warum fragst du überhaupt? Du bist doch mein Bruder! Sag deiner Frau einfach Bescheid. Und dein Mann? Der kommt nicht mit? Nein, der chillt zu Hause und will seine Ruhe. Ihr ruht aber euer ganzes Leben nur
Während die beiden so diskutieren, erkundeten Katrins Kinder fleißig das ganze Grundstück. Und dann draußen wieder Krach: Die Kids hatten das Schwein losgemacht, es rannte wie ein Wilder durch den Garten, Markus hinterher. Die Beete waren platt, die Ziege wurde als nächstes befreit, die halbe Kohlernte futsch.
Markus schimpft, Annemarie steht den Tränen nahe, aber die Kinder wieder draußen. Die sollen doch spielen! Ist doch Dorf!, ruft Katrin noch, außerdem habt ihr ja selbst ein Kind, der macht sicher auch genug Unsinn. Nein, der weiß, wie man sich benimmt!
Wieder Lärm. Jetzt waren die Kinder bei den Hühnern, wunderschöne bunte Rassen, jede legt andersfarbige Eier. Kaum machen sie die Tür auf, springt der Hahn sie an. Was seid ihr denn für ein Haufen hier! Passt ihr überhaupt auf euren Hof auf?
Der Hahn macht das richtig ihr solltet halt nicht die ganzen Türen aufreißen. Markus schüttelt den Kopf.
Dann meinte Katrin, Annemarie könne doch Urlaub nehmen und die Kinder betreuen. Stell dir vor, es passiert was!
Die haben ja noch nicht mal den Hund kennengelernt, der Nachbar hat nen wütenden Stier, abends gehen die Nachbarskühe vorbei Und bloß nicht nachts rausgehen, die Gänse sind schlimmer als unser Hahn. Sagst du das extra? Nur als Warnung…
Plötzlich kommt der Nachbar mit Katrins Ältestem. Der hat hinter der Garage gezündelt, dabei war es staubtrocken. Was, wenn da was passiert? Wer seid ihr eigentlich? blaffte der Nachbar.
Markus schüttelt resigniert den Kopf: Nee, Katrin. Nee. Diese Probleme brauche ich nicht. Am besten, du packst die Kids ein und nimmst sie mit ans Meer. Am Ende erschrecken sie noch die Möwen
Ihr seid alle seltsam hier! Und dabei habe ich dir damals geholfen und dich aufgenommen!
Für ein Jahr, weil ich keine andere Wahl hatte. Du hast mein ganzes Gehalt kassiert, erinnerst du dich?
So, Kinder, genug. Packt eure Sachen, ich bring euch zu Oma und Opa, entscheidet Katrin. Aber wir wollen mit dir ans Meer! Nix da!
Am nächsten Morgen waren sie weg. Und Markus und Annemarie saßen noch tagelang zusammen und haben sich kopfschüttelnd über diesen schrägen Besuch unterhaltenStille lag über dem kleinen Hof. Annemarie stand auf der Treppe, sah Markus an beide erschöpft, aber irgendwie auch erleichtert. In der Luft hing noch der Duft von Erde und Heu, und das ausgelassene Wiehern der Ziege schien das Chaos von gestern auszulachen. Kleine Kinderfüße stapften nicht mehr durch den Garten, keine fremden Türen wurden mehr aufgestoßen, der Hof atmete auf.
Plötzlich kam Paul barfuß aus der Scheune, ein dickes Ei in der Hand und das Gesicht verschmiert vom Brombeerpflücken. Papa, guck mal, was ich gefunden hab! Und die Hühner sind wieder drin! Ich hab dem Hahn Wasser gebracht. Markus lachte, als hätte er seit Wochen nicht gelacht, nahm Paul auf den Arm und drehte sich mit ihm im Kreis. Annemarie lächelte, blinzelte in die Sonne, und wusste: Jetzt war wieder nur ihre kleine Familie da, ihr Zuhause, ihr Alltag ruhig, ein wenig schief, aber voller Zuversicht.
Drinnen legte Markus das Ei auf den Tisch, Annemarie bereitete Pfannkuchen vor. Am Fenster sahen sie, wie die Nachbarin winkte, die Ziege wieder brav an ihrem Pflock stand und die Sonne golden über das Feld kroch. Kein Gebrüll, keine chaotischen Kinder, keine alten Rechnungen mehr. Nur das Aroma von frischem Teig und der Klang von Kindergelächter.
Markus zog Annemarie an sich. Weißt du eigentlich, murmelte er, dass ich noch nie so gern zu Hause war wie jetzt? Annemarie grinste. Ich auch nicht. Und wenn morgen wieder jemand auftaucht machen wir einfach die Tür nicht auf.
Paul hüpfte um sie herum. Draußen krähten die Hähne, und drinnen duftete es nach Neuanfang.



