Ein Vater träumte von einem Sohn, doch geboren wurde eine „nutzlose“ Tochter, die er aus seinem Herzen verbannte.

Die Nachricht, dass ihm eine Tochter geboren worden war, erreichte Wilhelm Brenner im Büro des Sägewerks, ausgerechnet am Zahltag. Die Männer zählten schon ihre D-Mark-Noten und gingen mit leeren Kaffeekannen nach Hause, während er noch vor dem Werktor stand und die zerknitterten Scheine in der Hand drückte.

Verflixt noch mal, knurrte Wilhelm zwischen den Zähnen und spuckte in den Kies. Hab ich die Leni nicht gebeten, nen Jungen zu bekommen? Und jetzt drückt sie mir so ein Mädchen aufs Auge.

In seinem Inneren kochte Wut und Enttäuschung über seine Frau Leni. So sehr, dass er überhaupt keine Lust hatte, nach Hause in das leere Bauernhaus zu gehen, wo jetzt nicht einmal mehr eine vertraute Stimme zu hören sein würde. Während Leni mit dem Neugeborenen noch im Krankenhaus in Regensburg lag, packte Wilhelm ein paar Sachen in eine Segeltuchtasche, steckte ein frisches Hemd und ein Stück Brot dazu und zog zu seiner Mutter, ins Nachbardorf auf der anderen Seite der Donau, knapp zwanzig Kilometer entfernt.

Leni, nach der Geburt erschöpft, kehrte zwei Wochen später mit ihrer Erstgeborenen in ein verlassenes, aber aufgeräumtes Haus zurück. Offenbar hatte Wilhelm vor dem Fortgehen klar Schiff gemacht. Sie legte das winzige, in Decken gehüllte Mädchen auf das Bett und setzte sich daneben, den Kopf auf die Arme sinken lassend. Schultern zuckten vor lautlosen Tränen. Das Mädchen, ein kleiner Kloß mit niedlichen Grübchen im Nacken, schlummerte selig und schmatzte manchmal leise im Schlaf. Leni sah das Kind an und dachte bitter: Wer hätte gedacht, mein Herz, dass du uns entzweien würdest?

Wilhelm war ein großer, kräftiger Mann mit kantigem Kiefer und der Sturheit, die im Dorf als eigensinnig galt. Widerspruch duldete er nicht; ein falsches Wort nahm er gleich persönlich. In seinem Kopf hatte sich festgesetzt, dass ein Sohn das Leben weitertragen müsse schließlich war auch er als Nachzügler nach zwei Schwestern auf die Welt gekommen und überzeugt, dass mit ihm der Familienname Brenner stand und fiel. Und jetzt ein Mädchen! Überflüssiger Ballast.

Wilhelms Mutter bemühte sich, zwischen den Fronten zu vermitteln, doch Wilhelm blieb hart: Nicht bevor das Mädel aus dem Haus ist, komm ich zurück. Und die zwanzig Kilometer wurden für Leni zur unüberwindbaren Kluft.

Kaum von der Geburt erholt, stürzte sich Leni wieder in die Arbeit. Im Jahr 1957 sprach niemand viel über Mutterschutz: Der Hof musste versorgt, die Kühe gemolken werden. In der Hoffnung, Wilhelms Herz zu besänftigen, gab sie ihrer Tochter einen starken Namen: Gerlinde ein typisch bayerischer Name, der im Dorf Respekt auslöste. Das Kind war wider Erwarten ruhig und kräftig. Kein Geschrei, kein Gezeter. Mit einem halben Jahr griff sie schon fest nach den Stäben des Gitterbetts, mit einem Jahr schaukelte sie begeistert auf dem hölzernen Schaukelpferd, das der Nachbar gebaut hatte. Sprechen und laufen lernte sie früh, und mit eineinhalb Jahren plapperte Gerlinde schon munter drauflos, tobte durch die Stube wie ein Wirbelwind, den nicht einmal die Großmutter bremsen konnte.

Im Kindergarten wurde Gerlinde sofort Anführerin: Griffig, flink, stark kein Junge in ihrem Alter wollte sich mit ihr anlegen. Mit drei besänftigte sie den fünfjährigen Nachbarsbengel, der ihr die Sandschaufel klauen wollte, kurzerhand selbst. Ihr eigenständiges Wesen trat immer klarer zutage: Sie ging nicht zu jedem auf den Arm, ließ sich nicht von jedem herumkommandieren. In einer abgetragenen Bluse, mit einem Weidenstock bewaffnet, vertrieb sie fremde Kühe aus dem Vorgarten. Woher diese Furchtlosigkeit?

Wilhelm ließ sich davon wenig beeindrucken er fand Trost bei einer geschiedenen Frau im Nachbardorf, Annegret Mittmann, die schon zwei Kinder hatte. Bald verbrachte er seine Abende bei ihr. Annegret, eine stattliche, lebensfrohe Frau, wusste, wie man mit Männern umging: Sie hörte zu, staunte über alles und versprach, ihm einen Sohn zu schenken.

Ich bring dir den besten Buben auf die Welt, Willi, hauchte sie ihm im Bett zu.

Bring mal, murmelte Wilhelm, zunehmend skeptisch.

Doch die Zeit verstrich und Annegret wurde nicht schwanger. Vielleicht wollte sie auch nicht wirklich. Wilhelms Stimmung wurde grimmiger: Seit zwei Jahren war er bei ihr ohne eigene Kinder. Die fremden aufzuziehen lohnte sich nicht, ein eigener sollte her.

Da hörte Wilhelm Gerüchte aus seinem Heimatdorf: Sein Töchterchen, die Gerlinde, wachse wie ein richtiger Junge auf stark, gerecht, mutig. Und das schon mit drei! Wieder versuchte seine Mutter, ihm ins Gewissen zu reden: Willst du nicht wenigstens mal nach dem Kind schauen? Blut ist dicker als Wasser. Zuerst wollte Wilhelm nicht, aber dann fand er bei Annegret seltsame Kräuterpäckchen im Schrank offenbar ging sie zur Dorfheilerin. Ein ungutes Gefühl kroch ihm in die Knochen.

Ohne ein Wort packte er seine Sachen und zog zurück nach Hause. Annegret schimpfte ihm noch hinterher, die Kräuter wären für ihre Gesundheit, aber Wilhelm war schon weg.

Nach vier Jahren betrat Wilhelm zum ersten Mal wieder sein Haus und seine Tochter stand vor ihm: dünn, zerzaust, in einem ausgebleichten Baumwollrock, sah sie ihn misstrauisch an. Sie blieb auf Abstand, auch als er einen Lebkuchen aus der Tasche zog.

Schau, wie sie glotzt, brummte Wilhelm und schaute Leni vorwurfsvoll an.

Leni, überglücklich über Wilhelms Rückkehr, winkte ab:

Ach, Willi, wir haben immer nur gut von dir gesprochen. Ich hab gehofft, du kehrst zurück, wir sind doch Familie!

Sie liebte ihn trotz allem. Wilhelm war selten freundlich, oft grob, schlug schon mal mit der Faust auf den Tisch oder drohte mit Schlägen. Gerlinde verstand mit fünf schon vieles. Sobald ihr Vater die Stirn runzelte, zog sie sich in sich zurück, ballte die kleinen Fäuste.

Du Grobian, zischte sie. Pass auf, gleich gibts was!

Wilhelm ärgerte sich sichtlich, dass ausgerechnet die Tochter den Trotz zeigte, den er selbst unterdrückte.

Als Leni schließlich einen Sohn bekam Paul , war Wilhelm vordergründig zufrieden. Gerlinde übernahm alle Aufgaben als große Schwester: trug Paul auf dem Arm, fütterte ihn, wechselte Windeln, spielte mit ihm, solange die Mutter auf dem Feld war.

Doch Wilhelms Freude war von kurzer Dauer. Auch weiterhin ließ er zu Hause den Tonfall eines Befehlshabers walten; Leni schwieg meist aus Angst. Gerlinde hingegen (sie war jetzt sieben) stampfte schon mal mit dem Fuß auf:

Dann sag ich eben dem Polizisten im Ort, dass du gemein bist!

Wilhelm fuhr erschrocken auf:

Du freche Göre! Bringst du mich noch zur Polizei?

Er versuchte, Gerlinde mit der Rute zu züchtigen, doch sie hielt stumm aus, biss die Lippen zusammen, kein Weinen. Wilhelm glaubte, das Mädchen sei endlich gefügig. Am nächsten Tag aber holte Gerlinde tatsächlich den Dorfpolizisten.

Leni war entsetzt und versuchte zu vermitteln:

Herr Meininger, so streng ist unser Willi gar nicht. Er sorgt für uns, arbeitet hart, ist kein Trinker. Das war doch nur zu unserem Besten

Der Polizist sah Gerlinde an, dann Leni, sprach ein ernstes Wort: So etwas könnte bis zum Jugendamt gehen. Wilhelm senkte schuldbewusst seinen Blick, gelobte Besserung.

Von da an war Wilhelm vorsichtiger, wenn Gerlinde dabei war; ganz trauen konnte er ihr nicht mehr. Doch gelegentlich blaffte er sie weiterhin an: Du wildes Ding

Als Leni ein drittes Mal schwanger wurde und die kleine Angela zur Welt brachte, kümmerte Wilhelm sich kaum noch Gerlinde übernahm die Sorge für die Schwester. Nach der Schule machte sie die Hausaufgaben, aß schnell etwas und war bis zum Abend mit Angela beschäftigt.

So wuchs Gerlinde in die Rolle der Verantwortung hinein. Als sie die achte Klasse beendete, erklärte sie, sie wolle in die Stadt ziehen und weiterlernen. Wilhelm lief rot an und schien jeden Moment zu platzen:

Und wovon willst du leben? Setzt dich schön an unseren Tisch und frisst uns die Haare vom Kopf, was?

Gerlinde, inzwischen fünfzehn und kräftig, sah ihn fest an:

Ich hab gesagt, ich geh. Ich will was lernen.

Von mir bekommst du keinen Pfennig, fauchte Wilhelm.

Ich will doch gar nichts von dir. Sorge du für die Kleinen, Vater

Wütend griff Wilhelm zum Ledergürtel, doch Gerlinde schnappte sich einen Kochlöffel als Waffe:

Leg dich bloß nicht mit mir an!

Leni warf sich dazwischen. Wilhelm, angesichts der Entschlossenheit seiner Tochter, ließ ab, fluchte und stürmte aus dem Haus.

Geh, sagte Leni leise. Irgendwann wird alles besser. Geh.

Du solltest dich scheiden lassen, platzte es aus Gerlinde.

So was macht man doch nicht flüsterte Leni bestürzt. Das versteht im Dorf niemand

Dann ertrags weiter. Aber ich beuge mich ihm nicht.

Kurz darauf verließ Gerlinde das Dorf. Leni drückte ihr am Bus ein paar D-Mark-Scheine in die Hand, sorgsam über die Jahre zurückgelegt.

Für den Anfang, raunte sie. Von mir. Pass auf dich auf.

Der Zug brachte Gerlinde nach München. Dort hatte sie sich für eine technische Schule eingeschrieben Technik faszinierte sie immer. Sie nahm einen Job als Reinigungskraft im Rathaus an, verdiente wenig, kam aber über die Runden, bat nie um Hilfe.

Im Wohnheim lernte sie ihre Zimmernachbarin Marianne kennen, eine aufgeweckte, lockige junge Frau vom Land, die weniger zum Lernen als zum Flirten gekommen war.

Schau dir mal die Jungs hier an! Vor allem der große, Max dessen Vater ist Abteilungsleiter! schwärmte Marianne.

Ich will hier was werden, konterte Gerlinde nüchtern.

Na, du bist vielleicht eine!

Sie kümmerte sich um Marianne, half bei Klausuren, jobbte nebenbei. Marianne nannte Gerlinde die Unermüdliche.

Ein junger Dozent für Thermodynamik, Dr. Andreas Vogler, fiel den beiden gleich ins Auge. Jung, schlank, mit Brille eher zurückhaltend. Die Klasse war laut, hörte ihm kaum zu. Als schließlich einige Burschen offen störten, stand Gerlinde auf:

Ruhe jetzt! Wenn ihr kein Interesse habt, raus aus dem Raum!

Alle verstummten. Der Respekt vor Gerlinde war bekannt. Vogler nickte ihr dankbar zu und hielt weiter seine Vorlesung.

Einige Zeit später vertraute Marianne ihr an:

Sag mal, der Dr. Vogler schaut dich aber mit anderen Augen an

Unsinn, wehrte Gerlinde ab. Und überhaupt ist er verheiratet.

Doch Andreas merkte sich ihre Entschlossenheit, die Kraft hinter dem ruhigen Blick.

Nach der Schule blieben die Kontakte in die Heimat locker. Paul lernte Kfz-Mechaniker, Angela folgte der Mutter in die bescheidene Hausarbeit. Wilhelm meckerte weniger, gab sich aber weiterhin reserviert.

In München arbeitete Gerlinde nach der Ausbildung als Technikerin. Die Männer im Betrieb akzeptierten sie schnell, bewunderten ihre Tatkraft.

Marianne hatte bald geheiratet, aber ihr Mann entpuppte sich als Muttersöhnchen, die Ehe ging in die Brüche.

Gerlinde selbst blieb nach einer schwierigen Beziehung mit ihrem Arbeitskollegen Stefan allein zurück. Nach der Geburt ihrer Tochter Julia änderte sich vieles: Der Vater des Kindes zog sich immer mehr zurück, ließ sie alleine, zahlte den Unterhalt nur sporadisch.

Die Idee, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, wurde für Gerlinde zur Lebensaufgabe. Sie schickte Julia in die Kita, arbeitete, sparte und half sogar noch ihrem Bruder Paul, der nach München kam, um eine Ausbildung zu machen.

Sogar die Mutter Leni kam manchmal zu Besuch. Wilhelm, mittlerweile älter geworden, taute auf, wenn er die Enkeltochter erlebte. Attendiert saß er beim Familienfest im Eck und beobachtete, wie Gerlinde mit Dr. Vogler ins Gespräch kam, der inzwischen Single war und zufällig wieder aus dem Nachbardorf in München gelandet war.

Die verborgenen Gefühle zwischen Gerlinde und Andreas flammten wieder auf, als sie sich eines Nachmittags auf dem Markt trafen. Gemeinsam verbrachten sie einen Nachmittag, kamen ins Gespräch über Familie, Beruf, das Alleinsein.

Als Andreas sie am Abend nach Hause begleitete, nahm er Gerlindes Hand:

Darf ich dich morgen wiedersehen?

Ja, antwortete sie leise.

Ein paar Monate später zog Gerlinde mit ihrer Tochter und Andreas in ein kleines Haus am Stadtrand, umgeben von Apfelbäumen und einem bunten Garten, den sie selbst anlegte. Die kleine Julia nannte Andreas bald Papa.

Wilhelm, inzwischen alt und ruhig, besuchte die Familie an Sonntagen, brachte selbst gebackenes Brot mit. In stillen Momenten sagte er zu Andreas:

Pass gut auf sie auf, und nickte Gerlinde zu. Sie ist hart im Nehmen. Aber sie hat das Herz auf dem rechten Fleck.

Mit der Zeit wurde aus Gerlindes eisernem Willen und ihrer Fähigkeit, Widrigkeiten zu trotzen, ihr größtes Kapital. Das Haus wurde zum Treffpunkt für die ganze Familie. Im Spätsommer saßen sie im Garten, tranken Apfelsaft, und Julia las Opa Wilhelm aus ihren Schulheften vor.

An einem lauen Nachmittag fragte Julia die Mutter:

Mama, bist du jetzt glücklich?

Gerlinde schaute auf das bunte Treiben, auf Andreas, der Blumen goss, auf den Vater, der in der Sonne döste, auf ihre Tochter an ihrer Seite und nickte:

Ja, ich bin glücklich. Weil ich nicht aufgegeben hab, auch wenn es schwer war.

Das Leben hatte Gerlinde gelehrt: Oft sind es die Unbeachteten, die stark werden und zuletzt Halt geben. Und manchmal muss man seinen eigenen Weg gehen, um am Ende das Glück zu finden, das man nie erwartet hätte. Denn in einem selbst liegt die Kraft, das Leben zu gestalten mit Mut, mit Güte und mit einem offenen Herzen.

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Homy
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