Die scheinbare Ehefrau, das echte Herz

Die Schein-Ehefrau und das echte Herz

Gregor stapfte über den Bahnsteig und genoss die ersten zaghaften Sonnenstrahlen, als hätten sie sich heldenhaft durch den norddeutschen Winter gekämpft, der mal wieder einfach kein Ende nehmen wollte. Sieben Jahre hatte Gregor in den Wäldern rund um Schwerin geschuftet, als Holzfäller Knochenarbeit, gefährlich, aber immerhin sprang dabei ein ordentlicher Batzen Geld heraus. Nun fuhr er also mit einem Kopf voll Vorfreude nach Hause, in sein geliebtes mecklenburgisches Dorf, die Tasche voller Geschenke für Mutter und Schwester bunte Halstücher, Schokolade, jede Menge Schnickschnack aus der großen Stadt. Wenn das kein Anlass für Freude war.

Junge, wohin des Weges? Steig auf, ich nehm dich mit! Er zuckte zusammen dieser krächzende, aber doch vertraute Ausruf ließ sich nicht verwechseln.

Gregor drehte sich um und sah Fritz mit seinem klapprigen Pferdewagen, drauf selbst der Opa mit Schiebermütze, immer noch so drahtig, wie man es von ihm kannte.

Opa Fritz! Erkennen Sie mich etwa nicht wieder? Gregor grinste und hastete zur Kutsche.

Der Alte schob die Mütze aus der Stirn, kniff die Augen zusammen. Langsam da oben mit dem Erkennen im Alter konnte das eben schon mal dauern.

Na sowas! Der Gregor? Das gibts doch nicht! Dachte, dich ziehts gar nicht mehr zurück in unser Kaff! Du hättest ruhig mal schreiben können deine Mutter ist grauer geworden, so sehr hat sie sich gesorgt.

Lag halt in der Wallapampa da kam die Post nur, wenn es der Wind gut meinte. Alle drei Monate vielleicht mal ein Brief. Aber wie gehts zu Hause? Mutter, Vera?

Und die Kleine, die Nichte ist die jetzt eigentlich schon in der Schule? Gregor lächelte versonnen. Das letzte Mal hatte er sie vor drei Jahren gesehen, noch als Knirps mit Zöpfen.

Der Alte wurde ernst, das Pferd spitzte die Ohren. Junge, von all dem weißt du ja offenbar gar nichts Es ist schlecht. Deine Mutter sie ist vor fast drei Jahren gestorben.

Gregor wurde kreidebleich und klammerte sich an den Kutschbock. Wie? Sie war doch immer kerngesund

Herzprobleme. Zack, weg war sie. Na wenigstens musste sie nicht leiden. Und deine Schwester Vera… Die ist abgerutscht, irgendwann einfach abgehauen, und die kleine Anni zurückgelassen. Ihr Mann tot. Dann die Mutter. Sie ist daran zerbrochen.

Und Anni? Gregors Stimme war nur noch ein Flüstern.

Im Winter hat sie die Kleine einfach verlassen. Drei Tage saß das Mädel allein im Haus, wir habens nur gemerkt, weil meine Frau die Schreie durchs Dorf hörte. Hungrig, durchgefroren, hat sie erst mal die Tapete von der Wand gekratzt, um sich zu wärmen. Sie liegt jetzt im Kinderheim. Erst Krankenhaus, dann Heim.

Die Fahrt verlief schweigend; Gregor starrte hinaus auf die Felder seines Kindesglücks, auf den Fluss, in dem er früher mit seinem Vater Fische gefangen hatte. Alles schien blasser als in seiner Erinnerung, als lägen Erinnerungen und Farbe unter der Winterpatina.

Nach einer halben Stunde hielten sie am verwilderten Hof. Der Garten bestand nur noch aus Brennnesseln, das Haus halb eingestürzt, schief wie Gregors Laune. Er hatte beim härtesten Frost im Wald keinen Ton verloren, nicht, als ihm ein Baum das Bein eingequetscht hatte. Doch jetzt, da er in das leere Heim blickte, konnte er nicht anders und weinte.

Kopf hoch, Junge, sagte Fritz und klopfte ihm unbeholfen auf die Schulter. Du bist jung und zäh. Machst du schnell wieder flott. Komm erst mal mit zu uns da gibts Abendbrot und Tee. Meine Frau wird sich freuen.

Danke, Fritz. Ich bleib erstmal hier. Schau später mal vorbei.

Den ganzen Tag hackte Gregor sich die Sorgen vom Leib er mähte Unkraut, reparierte den Zaun und schleppte Steine, bis selbst ihm die Hände zitterten. Nachdenken? Nur über den nächsten Handgriff.

Am Abend kamen Fritz und seine Frau Klara vorbei. Sie umarmte Gregor mit gerunzelten, aber gütigen Händen. Na sieh mal einer an, du bist ein richtiger Mann geworden! Aber iss was du bist ja ein Strich in der Landschaft! Am improvisierten Tisch gab es deftige Kohlrouladen, Schwarzbrot und Schmalz, dazu eine ordentliche Portion Klatsch und Trost.

Weiß jemand, wo Vera abgeblieben ist? fragte Gregor vorsichtig.

Klara schüttelte den Kopf. Zu viel auf einmal. Mann tot, Mutter tot sie ist nach Hamburg, heißt es, aber keiner weiß was Genaues.

Und jetzt? Was wird aus Anni? Soll ich sie holen? Sie kennt mich doch kaum noch.

Kinder erinnern sich mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf, meinte Fritz leise.

Eine Woche später, Gregor wohnte wieder in einem bewohnbaren Häuschen, Fenster repariert, bunte Geranien von Klara im Fenster, machte er Nägel mit Köpfen: Er fuhr in die Stadt, Anni besuchen.

Er kaufte eine Puppe im Kleinstadt-Spielzeugladen. Die Verkäuferin, dunkelhaarig und mit einem charmanten Lächeln, beriet ihn: Wie wärs noch mit einem Gesellschaftsspiel? Kommt immer gut an! Ist pädagogisch und spart Nerven.

Anni erwartete ihn mit Skepsis. Das Gesicht blass, die Zöpfe dünn, das Kleid ein bisschen zu groß. Aber immerhin. Die Puppe, das Spiel es rettete die Situation.

Ich bin dein Onkel Gregor, sagte er, ein bisschen hilflos.

Sie hob das Kinn: Ich weiß. Oma hat stets gesagt, du bist der Beste im Holzfällen.

Und dann, ganz leise: Darf ich nach Hause gehen?

Wirst du geärgert hier? wollte Gregor wissen.

Sie nickte und die Tränen liefen. Die Großen ärgern mich immer, und Fräulein Schulze sagt, dass mich nie jemand abholt.

Gregor schwor sich stumm, das Mädchen nie im Stich zu lassen, und marschierte schnurstracks ins Büro des Heimleiters.

Ich würde Anni gern zu mir holen. Ich bin der nächste Angehörige, platzte Gregor gleich heraus.

Der Leiter seufzte. Sind Sie berufstätig? Verheiratet?

Das nicht Ich bin alleinstehend und arbeite gerade erst wieder aber Geld ist da!

Regeln sind Regeln. Ohne feste Anstellung und Ehefrau keine Chance auf Sorgerecht.

Das war dann wohl die deutsche Bürokratie in ihrer vollen Schönheit. Gregors Hoffnung sank auf null.

Im letzten Bus zurück nach Hause fiel ihm natürlich! im selben Gang die hübsche Verkäuferin aus dem Spielzeugladen auf den Schoß.

Ach, Sie sind es! Wohnen wohl auch in Lichtenhagen? Ich heiße übrigens Franzi.

Gregor.

Er erzählte Franzi seine ganze Tragödie, während der Bus durch die mecklenburgische Pampa schaukelte. Und Franzi, stets hilfsbereit, meinte: Im Laden brauchen wir noch einen Lagerarbeiter offizielle Anstellung mit Stempel, versteht sich. Und naja, so eine Schein-Ehe, das kriegt man doch mit ein bisschen Papierkram geregelt…

Gregor lachte zuerst noch gequält, aber nach der dritten Busstation wurde er mutiger: Franzi würdest du für eine Zeit lang meine Ehefrau spielen? Für Anni? Nicht aus Liebe einfach nur für den Schein. Ich zahle auch gut!

Franzi überlegte kurz, aber dann blickte sie Gregor entschlossen an: Für Geld? Ach was. Für Anni ja. Klar. Und sie zwinkerte.

So landeten die beiden am nächsten Tag beim Standesamt. Noch nie war eine Scheinehe in Lichtenhagen so schnell geschlossen worden der Grund wurde zu Protokoll gegeben: Alles nur fürs Kind, keine Sorge.

Zwei Monate, unzählige Formulare und Kontrollbesuche später: Anni trug endlich ihren hellen Sommerrock, stand auf der Treppe und heulte vor Freude, weil sie wirklich heim durfte.

Natürlich musste Franzi eine Zeitlang mitspielen: Sie dekorierte Gregors Schlafzimmer mit ihren Kleiderbügeln und einem Foto ihrer Großmutter, gab sich beim Kaffeetrinken mühsam natürlich und las Anni abends Märchen vor alles für den guten Schein.

Anni gewöhnte sich so sehr an ihre Tante Franzi, dass Gregor schmunzelnd feststellen musste, dass das Ganze bald gar nicht mehr wie gespielt wirkte.

Eines Abends, als er Anni ins Bett brachte, fragte sie: Gregor, kann Franzi nicht für immer bei uns bleiben?

Gregor antwortete, so ehrlich er konnte: Das wäre schön, aber sie hat auch ihr eigenes Leben.

Nach ein paar Tagen zog Franzi zurück zu ihrer Oma. Es wurde still im Haus, und Anni vermisste sie und Gregor auch. Selbst die Geranien im Fenster schienen ein wenig die Köpfe hängen zu lassen.

Bis Anni kurzerhand beschloss: Wir besuchen Franzi. Schluss, aus, ich halt das nicht mehr aus.

Also marschierten sie los, bewaffnet mit einem Feldblumenstrauß, dem hübschesten Kleid und einem Plan.

Franzi, die gerade im Garten die Wäsche aufhing, war baff aber sie freute sich. Beim Abendessen zwinkerte Anni: Na, Onkel Gregor, jetzt kannst du Franzi auch mal richtig fragen, ob sie bleiben will.

Gesagt, getan mit zittriger Stimme und einem Sträußchen in der Hand. Franzi war zuerst verdutzt, dann gerührt. Und von der Küche aus hörte man Oma Martina, wie sie losprustete: Na endlich, diese Heimlichtuerei wurde langsam langweilig!

Es folgte ein Lachen, das alle Sorgen wegfegte.

Kurze Zeit später wurde tatsächlich geheiratet klein, aber fein, mit Blechkuchen, Akkordeon und Polonäse durchs ganze Dorf. Anni war Blumenmädchen, Opa Fritz spendete den Sherry. Jeder wusste: Jetzt haben wir eine richtige Familie.

Heute lebt Gregor glücklich zwischen Bauprojekten, Franzi verkauft immer noch Spielzeug, Anni spielt Nachmittags mit den Nachbarskindern. Sie hat ein eigenes Zimmer, eine Lieblingspuppe und endlich Sicherheit.

Einmal pro Woche gehts zum Kaffeetrinken zu Oma Klara und Opa Fritz. Weißt du noch, wie wir damals? Und Gregor sagt: Damals war alles schwierig, aber heute? Da lache ich drüber.

Denn manchmal stellt das Leben dir ein Bein, und du kannst entscheiden: Liegst du heulend am Boden oder stehst du wieder auf und nimmst das Glück, das plötzlich neugierig durchs Fenster guckt.

Und wenn man lieb ist und mutig, dann wird aus einer Scheinehe ganz leicht ein echtes Zuhause in aller Bescheidenheit und mit einem Augenzwinkern.

Ende.

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Homy
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Die Kapitänstochter