Es war viele Jahre her, als ich mit Friedrich, einem wohlbekannten Geschäftsmann aus München, für unser zweites Treffen ins Zum goldenen Hirsch eingeladen wurde. Das Restaurant atmete einen Hauch von vergangener Pracht: Samtvorhänge, Kristalllüster, Kellner, die fast geräuschlos durch den Saal glitten, als wären sie Teil eines alten Theaterstücks. Friedrich passte ausgezeichnet in dieses Bild maßgeschneiderter Anzug, ein glänzendes Armband, dazu das selbstsichere Lächeln eines Mannes, der gewohnt war, stets im Mittelpunkt allen Geschehens zu stehen.
Bestell ruhig, was immer du möchtest, warf er lässig hin, ohne einen Blick in die Karte zu werfen. Ich kann es nicht leiden, wenn eine Dame sich bei Tisch einschränkt. Seine Worte klangen fast wie ein Spruch aus einem Märchen und doch schlich sich Unbehagen in mein Herz. Vielleicht lag es an seinem prüfenden Blick oder daran, wie offen er von früheren Frauen sprach, die ihn so sagte er immer nur als Geldbeutel betrachtet hätten.
Ich entschied mich für eine Entenbrust auf Feldsalat und ein Glas trockenen Riesling. Friedrich ließ es sich gut gehen: Filetsteak, Tatar und eine Flasche teuren Spätburgunder. Er sprach von Geschäften, ließ sich über die Oberflächlichkeit der Menschen aus, schwadronierte über Werte und Nähe. Ich hörte zu, nickte höflich, doch tief in mir hatte ich das Gefühl, einer Prüfung zu unterliegen als ob ich mich jeden Moment einer listigen Frage stellen müsste.
Das Solo eines Schauspielers
Als der Kellner die lederne Mappe mit der Rechnung brachte, stoppte Friedrich nicht in seinem Monolog. Langsam glitt seine Hand zur Innentasche des Sakkos, dann zur anderen, schließlich klopfte er auf seine Hose. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich: Aus Sicherheit wurde gespielte Hilflosigkeit.
Verdammt… murmelte er, mir direkt in die Augen blickend. Ich fürchte, ich habe mein Portemonnaie entweder im Büro liegen lassen oder im anderen Wagen. Er hob die Hände und tat ahnungslos, aber Angst war nicht in seinem Blick zu erkennen. Er bat den Kellner nicht zu warten, suchte auch nicht sein Handy, um das Problem zu lösen. Stattdessen schaute er nur abwartend zu mir.
Was für eine dumme Situation, seufzte er und lehnte sich entspannt zurück. Hilfst du mir aus? Zahlst du vorerst, ich erstatte es dir später oder beim nächsten Mal, dann mit Zinsen.
Plötzlich war klar: Das war keine Verlegenheit, sondern ein lang vorbereiteter Test genau von der Sorte, über die er eben noch schwadroniert hatte.
Solche Geschichten kannte ich: aus Frauenforen, seichten TV-Serien nie hätte ich geglaubt, sie selbst und bei einem scheinbar seriösen, erwachsenen Mann zu erleben.
Die Logik seines Spiels war durchschaubar: Zahlt die Frau widerspruchslos für beide, dann ist sie brauchbar, eine, die rettet und schleppt. Lehnt sie ab, ist sie angeblich bloß auf Geld aus. An jenem Tisch saß mir längst kein Geschäftsmann mehr gegenüber, sondern ein Unsicherer, der sein Gegenüber auf die Probe stellen wollte.
Er war überzeugt, das Spiel gewonnen zu haben. In seiner Welt musste die Aussicht auf eine Liaison mit so einem begehrten Junggesellen mich dazu bringen, mein Portemonnaie zu zücken und die Rechnung zu begleichen.
Kalt und nüchtern
Ich öffnete meine Handtasche langsam und ruhig. Friedrich schien erleichtert sein Plan ging wohl auf.
Natürlich, ganz ohne Problem, sagte ich sanft und winkte dem Kellner.
Bitte trennen Sie die Rechnung, erklärte ich freundlich, aber bestimmt. Ich bezahle meine Bestellung. Für Steak, Rotwein und Dessert möge der Herr selbst aufkommen.
Sein Lächeln verschwand abrupt.
Wie bitte? zischte er und beugte sich zu mir. Ich hab doch aber meinen Geldbeutel nicht dabei!
Ich verstehe das, erwiderte ich und hielt mein Handy an das Kartenlesegerät. Aber wir kennen uns kaum. Für mein eigenes Essen zu zahlen ist selbstverständlich. Das Menü eines Mannes, der mich in so ein teures Lokal einlädt und dann alles Beste vom Feinsten auswählt das ist wahrlich nicht meine Verantwortung. Du bist erwachsen, du findest sicherlich einen Ausweg hier heraus.
Der Kellner erstarrte, blickte verlegen zwischen uns hin und her. Friedrich wurde rot Schicht für Schicht fiel seine Fassade, und darunter kam nichts als plumpe Respektlosigkeit zum Vorschein.
Im Ernst? Wegen ein paar Euro? Ich hätte es dir ohnehin zurückgezahlt. Das war doch bloß ein Test…
Und du weißt jetzt Bescheid, sagte ich, stand dabei schon auf. Ich bin niemand, den man herumkommandieren oder testen kann.
Fast schon war ich an der Türe, als ich spürte: Dies war noch nicht das Ende. Er blieb zurück, die Rechnung offen, wütend, verwirrt und ohne Geldbeutel.
Ich wandte mich nochmals um, griff einige zerknitterte Euro-Scheine und eine Handvoll Münzen aus dem Boden meiner Tasche.
Ach ja, ergänzte ich. Wenn dein Portemonnaie im anderen Wagen liegt, hast du wohl auch kein Geld fürs Taxi?
Ich legte das Kleingeld neben sein Glas mit teurem Wein.
Hier, fürs S-Bahn-Ticket. Sieh es als meinen Beitrag zu deinen Forschungen über die weibliche Seele.
Vereinzelte Gäste sahen neugierig her. Friedrich sah aus, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt.
Ich verließ das Restaurant.
Der Abend kostete mich am Ende bloß einen Salat und ein Glas Wein ein geringer Preis, um frühzeitig den wahren Charakter eines Menschen zu erkennen und sich Jahre an Ärger zu ersparen. Ob Friedrich seine Lektion gelernt hat? Kaum solche Menschen ändern sich selten.
Aber was hättet ihr getan? Hättet ihr den vergesslichen Herrn gerettet oder seid ihr, wie ich, lieber ehrlich geblieben?




