Der Serviettenring auf der Festtagstafel

Tagebuch, 29. Januar

Nein, sagte Andreas. So einfach, so deutlich, dass ich mitten im Zimmer stehen blieb, die Ohrringe noch in der Hand. Du gehst nicht mit.

Ich sah ihn an. Er stand vor dem Spiegel in seinem neuen Anzug dunkelblau, feine Nadelstreifen, vermutlich hat er mehr dafür bezahlt, als ich vor zwanzig Jahren in Monaten verdiente. Die Krawatte festgezogen, die Haare mit Gel ordentlich gelegt. Er betrachtete mich nicht im Spiegel, nur sich selbst.

Was heißt das, ich gehe nicht mit?, fragte ich. Meine Stimme war ruhiger als erwartet.

Heißt, dass du heute Abend nicht mitkommst. Punkt.

Ich legte den Ohrring zurück auf den glänzenden Frisiertisch. Das Hotelzimmer war teuer, alles wirkte fremd und ein wenig aufgesetzt: schwere Vorhänge in Messingfarbe, ein Bett aus dunklem Holz, der Teppich so weich, dass die Absätze lautlos einsanken. Das Hotel Berliner Hof war das beste in München. Ich war zum ersten Mal hier, und noch vor drei Stunden habe ich mich drauf gefreut wie ein Kind: die dicken Handtücher befingert, an den kleinen Duschgelflaschen gerochen.

Vor drei Stunden war alles anders.

Andreas, sagte ich leise, wir hatten das abgesprochen. Ich hab mir extra das Kleid gekauft. Du hast selbst gesagt, der Abend ist wichtig Herr Siegmund will die Familien kennenlernen.

Ich habe es mir überlegt.

Warum?

Er drehte sich endlich um. Sah mich direkt an, und etwas an seinem Blick nahm mir kurz die Luft. Es war kein Zorn. Irgendwas Schlimmeres.

Nina, sieh dich doch an. Schau einfach hin.

Ich sah mein Spiegelbild. Eine Zweiundfünfzigjährige Frau im knielangen, dunkelgrünen Kleid. Schlicht, gut ausgesucht, extra beraten lassen in der Kaufingerstraße. Die Haare selbst gesteckt, anständig geworden. Mein Gesicht war normal nicht mehr jung, mit Fältchen, aber lebendig.

Und, was siehst du?

Die Hände, Nina.

Mein Blick wanderte zu meinen Händen. Breite, kräftige Hände mit rissiger Haut an den Knöcheln, Schwielen an den Daumenwurzeln. Die Nägel hatte ich sauber gemacht und in Beige lackiert, doch die Form blieb einfach, nicht elegant wie bei den Ehefrauen auf den Firmenfotos, die Andreas mir manchmal zeigte.

Was ist mit meinen Händen? Ich kannte die Antwort.

Da sind Leute heute. Wichtige, die Partnerinnen und Vorstände. Sie werden es merken.

Was merken?

Stell dich nicht dumm. Du weißt genau, was ich meine. Deine Hände… die sehen aus wie…

Wie Arbeiterinnenhände?, flüsterte ich.

Andreas schwieg und wandte sich wieder zum Spiegel, zupfte an der Krawatte die längst perfekt saß.

Ich will niemandem erklären, was du gemacht hast. Wo du gearbeitet hast. Das sind andere Kreise, Nina. Andere Themen. Das passt einfach nicht.

Zwanzig Jahre hab ich geschuftet, damit du da reinpasst, sagte ich. Jetzt zitterte meine Stimme nur ein bisschen. Zwanzig Jahre. Ich hab in Schichten geputzt, als du studiert hast. In der Spülküche im Wirtshaus, an der Kasse bei der Baustelle, auf dem Viktualienmarkt verkauft, damit du dein Fernstudium machen kannst. Diese Hände, Andreas, haben deine Bücher bezahlt. Deinen ersten Anzug. Dein erstes Handy, mit dem du dich vernetzt hast!

Ich weiß, sagte er, ohne sich umzudrehen. Aber das spielt heute keine Rolle mehr.

Ein paar Sekunden stand ich nur da, sah ihm auf den Rücken, im teuren Anzug, und fragte mich, ob da noch der Andreas war, den ich kannte. Der, der 1998 auf meiner Schulter geweint hat, als sein Vater im Krankenhaus lag und kein Geld für die Medizin da war. Der, der mir geschworen hat, alles zurückzugeben. Und dass ich der wichtigste Mensch für ihn bin.

Der war da nicht mehr.

Du willst, dass ich im Zimmer bleibe?

Ich will, dass du mir heute nicht im Weg stehst. Der Abend ist entscheidend. Herr Siegmund entscheidet, wer Regionalleiter wird. Verstehst du? Meine ganze Karriere. Das hab ich mir acht Jahre aufgebaut.

Wir, sagte ich. Wir.

Nina. Jetzt war seine Stimme so, wie ich es geschäftlich nannte. Neutral, emotionslos, leicht müde. Er spricht so mit Mitarbeitern. Nicht jetzt, bitte. Bleib hier, bestell dir etwas zu essen aufs Zimmer, schau fern. Ich bin nicht zu spät zurück.

Du schämst dich für mich, sagte ich.

Er schwieg. Das Schweigen war Antwort genug.

Ich trat ans Fenster. Unten lag die Münchner Maxvorstadt im Abendlicht, vereinzelt Schneeflocken, die auf die Fensterbank fielen. Ich mochte den ersten Schnee immer als Kind bin ich mit Maria raus, um Schneeflocken auf der Hand zu schmelzen. Maria hat immer gesagt, sie weinen, weil sie nicht verschwinden wollen. Ich hatte damals gelacht.

Gut, sagte ich.

Andreas atmete hörbar auf. Ich spürte, wie etwas in mir zu einem festen, harten Klumpen unter den Rippen wurde.

Ich wusste, du verstehst es. Nach dem Abend wird alles anders, Nina. Versprochen. Wir fahren wohin du willst, ich kaufe dir…

Geh einfach, Andreas.

Er nahm sein Jackett, überprüfte noch mal Handy und Brieftasche. Zögerte an der Tür.

Geh nicht ans Telefon, lass niemanden herein. Zimmer ist bis morgen bezahlt, es ist alles inklusiv.

Geh.

Die Tür fiel ins Schloss. Ich hörte das Klacken des elektronischen Schlosses. Es dauerte, bis ich begriff, was passiert war. Dann ging ich hin, drückte die Klinke. Die Tür blieb zu.

Noch einmal, und noch einmal.

Er hatte mich von außen eingeschlossen. Extra an der Rezeption darum gebeten? Oder war das einfach so, mit diesen teuren Hotelzimmern? Es war egal. Das Ergebnis war, dass ich dort stand im teuren Hotelzimmer, im dunkelgrünen Kleid und nicht hinauskam.

Ich setzte mich auf die Bettkante.

Weinen konnte ich nicht. Mein Kopf war leer, so wie es ist, wenn einem plötzlich das Rauschen fehlt.

Wie lange ich so saß, weiß ich nicht. Irgendwann stand ich auf, schaltete den Fernseher an. Da war irgendwer im Anzug, der redete, aber die Worte kamen nicht an. Also wieder aus.

Am Minibarregal trank ich ein Glas eiskaltes Wasser, was die Trockenheit im Mund etwas besserte.

Dann klopfte ich zaghaft an der Tür. Natürlich kam keine Antwort. Ich konnte anrufen an der Rezeption. Was würde ich sagen? Mein Mann hat mich eingeschlossen? Ich stellte mir das Gesicht der Empfangsdame vor, höfliches Nichtverstehen, Rückruf vom Manager, Nachfragen. Und dann würde Andreas es erfahren. Was dann?

Ich lachte kurz auf. So war es also: nach über zwanzig Jahren denke ich immer noch zuerst daran, wie ER reagiert. Alte Gewohnheit.

Ich griff zum Telefon auf dem Nachttisch, wählte Andreas’ Nummer. Er hob nicht ab, rief eine Minute später zurück: Ich bin beim Abendessen. Alles gut, leg dich hin, und er legte auf.

Ich betrachtete wieder meine Hände. Die Hände, die alles mitgetragen haben der kleine Schnitt unter dem rechten Daumen, damals beim Stullenmachen für Andreas erste Uni-Prüfung. Die Schwiele, die seit Jahren nicht mehr wegging, von den Packstunden im Lager bei dem Großhändler, alles für Andreas ersten richtigen Anzug.

Er bekam den Job. Wir haben damals Kartoffeln gebraten und nur zu zweit gefeiert. Er hat gesagt, ohne mich ginge nichts.

Elf Jahre her.

Draußen war es inzwischen dunkel, der Schnee lag, der Himmel klarte auf, Sterne traten hervor. Ich stand am Fenster, legte die Stirn ans kalte Glas das half.

Plötzlich ein vorsichtiges Klopfen an der Tür.

Jemand da? Zimmerdienst. Soll ich vielleicht die Handtücher tauschen?

Die Tür ist verschlossen! Von außen, sagte ich.

Kurze Stille. Wie verschlossen?

Von außen, mit einem Schlüssel. Ich komme nicht raus.

Noch eine Pause. Dann das Ploppen einer Hotelkarte, ein Klick und die Tür öffnete sich.

Draußen stand eine junge Frau, vielleicht dreißig, im grauen Hotelkittel, dunkle Haare, offenes Gesicht. Sie sah mich prüfend und so seltsam es klingt verständnisvoll an. Wirklich Verständnis, nicht Mitleid.

Gehts Ihnen gut?

Ja. Alles bestens. Danke.

Ich bin Olga.

Nina.

Wir standen uns einen Moment still gegenüber.

Wie lange saßen Sie so?, fragte sie.

Zwei Stunden, etwa?

Wollen Sie raus?

Ja, sagte ich, erst im Sprechen realisierend, wie sehr.

Kommen Sie, hier im siebten Stock ist der Wintergarten. Da ist abends kaum jemand, sehr ruhig. Ich zeig es Ihnen.

Ich nahm meine kleine Tasche, warf die leichte Strickjacke über und atmete im Flur die frische Luft im Kontrast zum stickigen Zimmer ein Segen.

Im Aufzug fragte ich sie: Häufig so was? Gäste, die eingeschlossen werden?

Olga zögerte. Kommt vor.

Im siebten Stock brachte sie mich durch einen unscheinbaren Gang. Dahinter ein Raum, wie ich ihn im Hotel nicht erwartet hätte: Wintergarten mit gläsernem Dach, Palmen, Zitronenbäumchen, große Pflanzen, deren Namen ich nicht kenne. Korbstühle mit kleinen Tischen, hell gefliester Boden. Über dem Glasdach funkelten Sterne, irgendwie wirkten sie dort klarer.

Setzen Sie sich. Ganz ruhig hier. Es kommt niemand, sagte Olga. Wenn Sie wollen, bin ich noch bis zehn da. Sonst rufen Sie an.

Ich nickte, sie ging wieder. Ich ließ mich in den Korbstuhl sinken, schloss die Augen.

Ich dachte an eine Bäckerei. Mein alter Traum, so alt, dass ich ihn fast vergessen hatte. Vor fünfzehn Jahren wollte ich das Andreas erzählen. Ein kleines Geschäft, Brot, Brötchen, Kuchen. Meine Mutter hat gebacken, die Oma auch. Andreas lachte nur, nicht böse, sondern leicht. Sagte: Klar, mach das. Mehr war da nicht.

Dann ging es ums Geldverdienen, sein Job, Umzüge. Dreimal in fünfzehn Jahren immer, weil es seine Karriere forderte. Ich habe mitgezogen, Arbeit gesucht, neue Nachbarn, Wohnungen eingerichtet. Ich war die gute Ehefrau. Ich habs versucht.

Ich öffnete die Augen, betrachte das Zitronenbäumchen neben mir. Die gelbe Frucht glänzte, so klar.

Verstecken Sie sich auch hier?

Die Männerstimme überraschte mich. Am Rand des Wintergartens saß ein älterer Mann, wohl siebzig, kräftig, dabei nicht schwerfällig, im offenen Sakko, zurückgekämmtes graues Haar, müde, aber wache Augen.

Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen.

Stört nicht. Genügend Platz. Er lächelte leicht. Ich auch.

Davon geschlichen? Unten ist großer Empfang gerade.

Nein. Ich war nicht eingeladen.

Er betrachtete mich freundlich. Ich bin geflüchtet. Ist mein Event, aber ich hatte genug.

Warum?

Zu viel Gerede. Zu viel Wollen. Nach Jahren merkt man das alles sofort und es ermüdet.

Ich nickte. Ich wusste, was er meinte.

Und Sie? Warum hier?

Die Zimmerfrau meinte, hier sei es schön.

Recht hat sie. Bin selbst zum dritten Mal hier. Wir sind seit Wochen da: erst Verhandlungen, jetzt das Bankett. Meine Tochter hat bestanden, alles zu lassen wie es ist. Sie organisiert hier alles.

Ihre Tochter?

Ja. Das macht sie hervorragend. Die Wärme im Lächeln wirkte ehrlich. Ich bin Siegmund.

Jetzt wusste ich es, bevor ich fragte alles passte: Haltung, Müdigkeit, Abend unten.

Siegmund… Sie sind Herr Siegmund? Sicher war ich nun.

Genau. Und Sie?

Nina. Nina Schubert.

Wieder Stille. Draußen schoben sich Wolken vor die Sterne. Die Luft war grün, ruhig.

Sie sind also beim Abendessen…, fing ich an.

Unten sitzt mein Führungsteam. Ich hätte ein Personal-Gespräch ankündigen sollen, aber… ehrlich, ich habe es noch nicht entschieden. Vielleicht bin ich deshalb geflohen.

Was für eine Ironie, dachte ich. Mein Mann bemüht sich unten um seinen Eindruck, und der Chef sitzt hier oben mit mir und hat sich noch gar nicht entschieden. Dinge, die das Leben schreibt…

Ist Ihnen schlecht?, fragte ich, weil sein Gesicht plötzlich aschfahl wirkte.

Er war zusammengesunken, als würde die Luft fehlen.

Gleich gehts wieder, murmelte er.

Was geht vorbei?

Kennt man hoher Blutdruck vielleicht.

Erstmalig so?

Heute das erste Mal. Unten war es stickig. Frische Luft sollte helfen. Er verstummte.

Ich trat an ihn heran, schaute auf seine Lippen, seine Hand die Finger umklammerten die Lehne.

Wo tuts weh?

Brust. Und Arm.

Links?

Ja.

Ich reagierte automatisch, ohne zu überlegen. Fand seinen Puls viel zu schnell und flacher Rhythmus. Haben Sie Tabletten? Nitrospray, Aspirin?

Ein Nicken Richtung Sakko. Ich fand das Etui, entnahm Nitrat und Aspirin.

Eine Tablette unter die Zunge, sagte ich.

Er machte es ruhig mit, vertraute mir förmlich die nächste Minute an. Ich hielt seine Hand einfach, weil das in solchen Momenten hilft. Mehr war nicht zu tun. So hatte ich es gelernt: Vater, Nachbarin, irgendwann weiß man, was zu tun ist.

Gehts besser?

Ein bisschen.

Ich zückte mein Handy, kontaktierte die Rezeption, erklärte kühl, schnell und präzise: Notarzt, sofort zum Wintergarten, akute Beschwerden.

Wir warteten. Ich ließ seine Hand nicht los. Wir redeten sinnlos langsam über Zitronen am Baum, den ersten Schnee, warum es überhaupt Wintergärten gibt. Er atmete wieder stoßweise.

Sind Sie Ärztin?

Nein. Das Leben war eben die Lehrmeisterin.

Er lächelte schwach. Nicht die schlechteste.

Schon stürmte Personal herbei, mit ihnen eine Frau Mitte vierzig im Kostüm unverkennbar die Tochter, Katja. Sie eilte aufs Vater zu, sah mich und hielt inne.

Papa!

Ist gut, Katja. Diese Dame hat geholfen.

Katja warf mir einen langen, ernsten Blick zu. Das war kein Misstrauen, sondern Dankbarkeit.

Danke.

In zwanzig Minuten war der Notarzt da riet dringend zum Klinik-Check, keine unmittelbare Lebensgefahr, aber Abklärung sei geboten. Siegmund sah zu mir.

Kommen Sie einen Moment mit?

Wohin?

Zurück ins Restaurant. Fünf Minuten, geht das Katja?

Katja schaute auf die Uhr, auf ihn, dann auf mich. Fünf Minuten.

Wir fuhren zusammen hinunter. Ich ging einfach mit, wusste selbst nicht warum.

Unten im Festsaal wurde es still, als wir eintraten weißes Tischtuch, schwere Gläser, teure Abendkleider und Anzüge. Als die Blicke Siegmund und mich wahrnahmen, wurde es fast schockartig still.

Ich entdeckte Andreas erst spät: Mittig, am Tisch, neben einem Herrn mit Brille. Er sah mich, und ich las sein Gesicht Wort für Wort: Überraschung, Verwirrung, und als er Herrn Siegmund an meiner Seite sah, blankes Entsetzen.

Herr Siegmund trat vor.

Entschuldigen Sie die Unterbrechung. Ein medizinischer Zwischenfall, nichts Ernstes. Bevor ich gehe, möchte ich etwas sagen. Er drehte sich zu mir. Diese Dame hier, Frau Nina Schubert, hat mir gerade sehr geholfen. Ruhig, sachlich, beherzt. Ich will, dass Sie das wissen.

Im Saal eisige Stille.

Ich weiß nicht, wer sie ist. Aber sie wusste auch nicht, wer ich bin. Und hat trotzdem geholfen.

Verschwiegene Sekunden. Dann sagte der Kollege mit Brille: Ich glaube, das ist die Frau von Herrn Schubert.

Herr Siegmund blickte zu Andreas.

Herr Schubert?

Andreas stand auf, hölzern. Ja, das ist meine Frau.

Warum war sie nicht eingeladen?

Er öffnete den Mund, schloss ihn.

Sie… Sie war nicht wohl.

Herr Siegmund schaute zu mir. Sie sieht gesund aus. Warum waren Sie nicht beim Abendessen?

Ich blickte auf meine Hände.

Mein Mann hat mich im Zimmer eingeschlossen. Weil er meinte, hier passe ich nicht hinein.

Die Stille war jetzt schreienstill.

Andreas Gesicht: Entsetzen, Niederlage, Verwunderung ich konnte es nicht benennen. Das alles spielte keine Rolle mehr.

Ich zog meinen Ehering ab, ging zum Tisch, legte ihn neben sein Glas.

Ich hole meine Sachen und fahr zu Maria. Die Papiere kannst du hinbringen, wenn du so weit bist.

Zum Herrn Siegmund sagte ich: Gute Besserung. Hören Sie auf die Ärzte.

Katja ergriff meine Hand, nur kurz.

Ich verließ einfach den Saal.

Im Flur traf ich Olga, die Zimmerfrau.

Sie hatte offensichtlich gelauscht, machte aber keinen Hehl daraus.

Alles gut?

Wirklich alles gut.

Olga ging weg und holte mir einen Becher heißen Tee.

Ist immer da in der Hotelküche – nehmen Sie.

Ich nahm den Becher, trank und dachte: So ein Gefühl von Erleichterung hatte ich ewig nicht. Die Anspannung fiel ab, der Rücken erinnerte sich noch daran, aber sie war fort.

Wo hast du vorher gearbeitet?, fragte ich Olga.

Überall etwas. Kassiererin, später Café. Jetzt schon zwei Jahre Hotel.

Café besser?

Ja, dort riechts nach Essen, hier nur nach Waschmittel.

Ich musste lächeln.

Kannst du backen?

Ein bisschen verdutzt, dann: Klar. Oma hat mir Brot, Hefezopf beigebracht.

Sehr schön.

Ich gab den Becher ab, holte im Zimmer meinen Koffer. Schaute auf das schwere Holzbett, den Frisiertisch, wo der Ohrring lag, den ich nie trug.

Den steckte ich ein.

Im Aufzug rief ich Maria an, die sofort abhob. Komm vorbei. Hab schon Kartoffelsuppe gemacht.

Woher weißt du…

Ninchen, ich kenn dich vierzig Jahre. Du rufst genau so nur an, wenn du kommen sollst. Komm!

Ich trat raus in die kalte Münchener Nacht. Schnee, gelber Laternenschein. Das Taxi kam schnell, der Schweiger im Fahrersitz war angenehm.

Ich sah aus dem Fenster und dachte nein, ich sah. Sah die Backstube: kleine Ladentheke, Holzregal, Brotkörbe, Morgensonne durchs Fenster. Kunden, die nicht nur Brot holen, sondern auch ein Stück Zuhause.

Ich sah es deutlich wie nie.

***

Acht Monate später.

Die Bäckerei Das Warme Eck eröffnete im September, in einer ruhigen Seitenstraße nahe Sendlinger Tor. Das Lokal fanden Maria und ich zuvor ein Blumenladen, hohe Fenster, gute Aufteilung. Wir wählten die Fliesen, die Farben, sogar die Form der Theke.

Ich wollte Holzregale Maria war skeptisch: schwer zu reinigen. Dann gab sie nach. Sie sehen wunderschön aus.

Rezepte hob ich aus der Erinnerung und aus Omas alter Kladde. Schon die Seiten rochen nach Kindheit. Roggenbrot, Apfelkuchen, Quarkplunder, Honiglebkuchen alles, wie die Frauen unserer Familie seit Generationen backten.

Olga kam nach einem Monat zu mir. Sie rief tatsächlich an.

Sie meinten das mit der Backstube wirklich, oder? Ich könnte… also falls Sie jemanden brauchen…

Klar, komm vorbei!

Sie war eine richtige Verstärkung backte nach Gefühl, nicht nach Thermometer, und ihr Hefeteig wurde immer perfekt. Manche Dinge kann man eben nur von Hand zu Hand weitergeben.

Mit Katja, Herrn Siegmunds Tochter, traf ich mich nach drei Monaten auf einen Kaffee. Sie wollte nochmal danke sagen, im Ernst. Er habe ihr erzählt, wie wichtig meine Hand war, dass er sich nicht allein fühlte.

Sie war sachlich und herzlich zugleich, Finanzmensch mit weichem Kern. Später kamen wir öfter ins Café, sie unterstützte uns mit Steuer-Tipps, und ich kochte ihr Tee.

Herr Siegmund kam zwei Wochen nach seiner Entlassung vorbei. Wie läufts mit der Bäckerei? Im Aufbau. Wir schauen in den ersten Wochen vorbei, meine Tochter sagt Ihnen wann.

Sie hielten Wort am Tag der Eröffnung waren sie die ersten Kunden. Siegmund trug einen normalen Wintermantel, sah gesund aus, Katja führte ihn am Arm. Ich schnitt den ersten noch warmen Laib Brot für sie auf.

Sind Sie glücklich?, fragte er beim Tee.

Ich überlegte, genau. Ja. Ohne Einschränkung: ja.

Es war proppevoll. Die Leute standen bis auf die Straße Nachbarn, Bekannte von Maria, Laufkundschaft. Das Brot war in drei Stunden ausverkauft.

Olga flitzte zwischen Ofen und Ladentisch, Maria quatschte an der Kasse mit jedem. Ich stand an meinem Tisch, knetete Teig. Der Geruch von frischgebackenem Brot durchzog alles, kroch aus dem Laden hinaus auf die Straße.

Die Hände taten ihre Arbeit starke Hände, mit Schwielen und kleinen Narben. Gute Hände. Meine Hände.

Ob Andreas von der Bäckerei weiß? Wahrscheinlich, in München erfährt man alles. Die Stelle hat er nie bekommen, der Termin war schon vor dem besagten Bankett entschieden, sagte Katja. Das Treffen im Ballsaal hat in Wahrheit nichts geändert alles lag längst offen.

Ich dachte selten daran. Es ist einfach vorbei. Jetzt war Platz für Brot, Hefe und für Olgas geschickte Hände. Maria lacht wie immer zu laut über eigene Witze. Herr Siegmund kommt alle zwei Wochen, holt ein Roggenbrot und ein Stück Quarkkuchen. Katja bleibt danach manchmal zum Tee.

Der Teig war bereit. Ich portionierte, schob die Laiber in den Ofen.

Draußen schneite es. Der erste richtige Schnee in diesem Jahr, riesige Flocken deckten die Fensterbretter.

Ich wischte mir die Hände am Schürzenband ab, trat ans Fenster.

Da stand er. Andreas. Gegenüber auf der Straße, ohne Mütze, im langen Mantel. Er schaute auf die erleuchtete Backstube, auf das Treiben, auf die Schlange. Stand nur da, beobachtete.

Ich sah ihn an. Er sah mich nicht vielleicht wollte er nicht.

Das Gefühl, auf jemanden zu schauen, der einst zwanzig Jahre das ganze Leben war, und nichts zu empfinden, außer milde Traurigkeit, wie beim Anblick eines alten Fotos es überraschte mich. Keine Wut, keine Sehnsucht, kein Wort, das gesagt werden müsste. Nur Stille.

Er drehte sich nach einer Weile um, ging langsam die Straße entlang.

Ich sah ihm nach, bis er im Schneetreiben verschwand. Dann kehrte ich zurück zur Backstube.

Der Duft nach Brot war warm und schwer in der Luft, wie ein Schutz. Noch genau wie damals, wenn Mama sonntags gebacken hat: Zuhause ist es gut.

Frau Schubert, noch drei Brote, ja?, rief Olga.

Die letzten für heute. Morgen gibts Nachschub!

Ich fang um acht an.

Ich komm um sieben.

Maria trat zu mir, schmunzelte: Hast du ihn gesehen?

Ja.

Und?

Nichts besonderes. Ein Mensch, der geht.

Sie lächelte, fasste meine Hand, drückte sie.

Ich drückte zurück.

Draußen fiel Schnee. Die letzten Brote gingen in den Ofen. Olga lachte mit den Kunden. Das Warme Eck war gefüllt von Brotduft, von Zimt in den Quarktaschen und manchmal blieb jemand draußen stehen, atmete ein und wurde ein Stück leichter.

Ich holte das Brot aus dem Ofen. Der Ton beim Draufklopfen war genau richtig.

Das Brot war gelungen.

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Homy
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