Tanjahs Schuld

Tans Schuld

15. Februar 2021

Mama! Endlich, du gehst ja nie ans Handy! Ich hab dir schon fünfmal angerufen! Was hab ich dir gesagt? Das Handy soll immer bei dir sein wozu hab ich es dir gekauft? Das ist Michis altes. Aber es funktioniert ja! Hat eh nur rumgelegen, Michi hat sich das teure neue geleistet, Verschwender! Weißt du noch, was das gekostet hat? Anne redete wie ein Wasserfall ins Telefon, ohne sich an den anderen Fahrgästen im Bus zu stören. Na und? Ja, Anne sorgt sich eben um ihre Mutter, ruft sie an, um

Um was eigentlich? Egal. Sie ruft jedenfalls an, das ist das Wichtigste. Im Fernsehen sagen sie dauernd, die Jugend vergisst ihre Eltern, so kalt, so undankbar sei die neue Generation…

Blödsinn! Anne ist eine großartige Tochter. Sehr!

Warum sagst du denn nichts? Du röchelst bloß Geh doch schon runter, wir sind gleich da. Tschüss, Mama!

Tanja nickte und schloss für einen Moment die Augen. Alles schwamm, das Zimmer drehte sich, die Hände krampften sich an die eiskalten Eisengitter des Klinikbetts. Kalt, aber gut, das holt zurück in die Wirklichkeit. Sie musste jetzt noch ein bisschen liegen, dann hoch, die Lippen befeuchten, aufstehen. Sie musste unbedingt aufstehen, den cremefarbenen Bademantel mit kleinen pink-blauen Blümchen anziehen, den ihr ihre große Tochter, Johanna, zu Silvester geschenkt hatte, in die Pantoffeln schlüpfen und in den Eingangsbereich hinunterkommen. Die Pantoffeln mochte sie nicht, sie fand sie wie aus dem Krankenhaus, aber

Im Krankenhaus sind die Pantoffeln super, Micha! Die kann man leicht abwaschen, falls doch mal was passiert!, hatte Anne zu ihrem Mann gesagt, als der den Beutel für die Schwiegermutter packte. Was soll da schon passieren? Mama ist älter, da geht auch schnell mal was daneben!, sagte Anne, Handbewegung, ist doch logisch.

Also legte Michi das paar Pantoffeln in den Beutel, eine Nummer zu groß, aber andere zu besorgen, dazu war keine Zeit mehr…

Entschuldige, Tanja, seufzte Michael. Ich kauf noch bequemere, versprochen. Aber das alles ist doch halb so wild. Bald bist du wieder raus hier! Dann schmeißen wir die Dinger einfach weg. Und nimm die Mandarinen mit, isst sie gleich, ja? Vitamine! fügte er noch mit aufgesetzter Fröhlichkeit hinzu.

Anne fand übrigens, es wäre ziemlich unverschämt von ihrer Mutter, genau jetzt diese OP durchzuziehen. Irgendwas haben die Ärzte da bei ihr gefunden, bitte sehr. Aber Anne hatte eine schöne Dienstreise ans Meer geplant, und wohin dann mit ihrer Tochter Kathi? Beim Vater? Nie im Leben. Der würde Anne dann dauernd anrufen und fragen, ob Kathi die Schokolade darf oder was sie abends essen muss. Oma dagegen war besser als jede schweizer Depot-Bank: Kind einlagern und abmelden, solange man will, und das noch kostenlos. Mama hat schließlich Rente!

Kann das nicht warten mit deiner OP? warf Anne schon wieder ein. Muss jetzt nicht sein.

Doch ein später war für Tanja nicht möglich, zu lange hatte sie Frauenprobleme ignoriert. Der Arzt hatte klargemacht, wie ernst es ist.

Wollen Sie denn leben? Dann los! Und kein Zögern mehr!

Tanja rollte auf die Seite, kneifte die Augen zusammen, das Zimmer wand sich böse. Es schnürte ihr den Bauch zusammen, aber sie musste aufstehen.

Wohin so eilig, Tanja? rief die ältere Dame im Bett nebenan. Nicht, dass du umkippst!

Ich kippe schon nicht. Die Tochter ruft, sie ist da. Ist ja kein Ding, ich gehe langsam. Und der Arzt sagt, ich soll mich bewegen…

Soll sie ruhig raufkommen. Besuchszeiten interessieren deine Tochter offenbar nicht, reinlassen werden sie sie eh nicht.

Anne kann kein Krankenhausgeruch ab. Sie hat als Kind ja selbst so viel hier gelegen…

Wer mag das schon? Aber was muss, das muss, murmelte die Zimmernachbarin.

Wir kommen schon klar, danke.

Tanja setzte sich langsam auf, warf den Bademantel über. Ein kalter Schauer kroch ihr am Rücken entlang. Sie zitterte. Aber es musste gehen. Bis zum Aufzug, das war das Ziel.

Anne wartete bereits unten in der Eingangshalle mit metallenen Stühlen am Rand und Blumen in großen Schalen. Kranke in Bademänteln und Jogginghose saßen da, mit Verwandten und großen Taschen. Der große Fahrstuhl spuckte immer wieder Entlassene aus. Sie gingen mit ihren Taschen und wurden von Empfehlungen, Rezepten oder Papieren begleitet.

Anne blinzelte, schaute suchend zu jeder Gruppe von Entlassenen, zog Kathi an ihrer Seite.

Zappel nicht rum! Und zieh den Schal bis über die Nase, hier schwirren überall Viren! wies sie ihre Tochter scharf an.

Kathi gehorsam den rauen Schal bis fast zu den Augen. Schwitzen darunter, kaum zu atmen, die Halle roch nach Eintopf.

Wo bleibt sie? Braucht sie ewig, um vom dritten Stock runterzukommen? Ach, da kommt sie! Lauf schon, Kathi, hol Oma ab! Anne schob ihre Tochter zu dem bekannten cremefarbenen blumigen Bademantel.

Kathi rannte los, fast hätte sie Tanja umgeworfen.

Hey, langsam! Nicht, dass ich noch hinfalle! lachte Tanja und griff an ihren Bauch. Schnell die Hände weg, als Kathi erschrocken schaute. Was machst du überhaupt hier, Kathi? Du solltest doch nicht

Wen hätte ich denn mit Kathi lassen sollen? mischte sich Anne ein und zog ihre Mutter zu den Stühlen. Machen Sie bitte mal Platz, meine Mutter hat gerade eine OP hinter sich. Da setzen wir uns jetzt hin! Der Mann mit gestreifter Schlafanzughose räumte die Taschen zur Seite und drehte sich weg. Sein Sohn saß daneben, offenbar ein Besucher.

Na los, setz dich! Trau dich, Stuhl beißt nicht! kicherte Anne und plumpste Tanja aufs Polster. Die schützte die frische Naht und hoffte, die Narbe hält.

Da, hier sind Lebensmittel: Hähnchen, Nudeln, Michi hat extra alles gekocht. Ich sage ihm, Nudeln nach OP? Da kannst du doch Verstopfung kriegen!

Tanja hatte das Gefühl, alle schwiegen plötzlich, als hätte Anne besonders laut Verstopfung gesagt. Anne plapperte unbeeindruckt weiter.

Saft war im Angebot, Kirsch, weißt du. Magst du nicht, aber naja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, gell? Hier, Mama.

Tanja nahm brav die Kunstledertasche, schleppte sie mühsam näher zu sich, wohlwissend, bis zum Zimmer würde sie es kaum noch schaffen.

Danke, Kind. Kathi, zieh deinen Schal ab, sonst schwitzt du und wirst auf dem Heimweg noch krank, Tanja wollte Kathi den Schal abnehmen, aber Anne schnappte ihren Arm.

Willst du, dass sie sich was einfängt? Das ist ein Krankenhaus, überall Bakterien! Ich lasse Kathi doch hier nicht krank werden! zischte Anne und verengte die Augen zu schmalen Linien, fast wie eine Giftschlange.

Ach was, das ist doch keine Isolierstation, murmelte Tanja. Überhaupt, musste Kathi wirklich mit hierhergeschleppt werden? Kinder haben hier echt nichts zu suchen. Sie schüttelte bedauernd den Kopf.

Und wo hätte sie sein sollen? Allein zu Hause, damit ich bei jeder SMS einen Herzanfall kriege? Wenn du nicht angefangen hättest mit deiner OP, dann hätten wir alle weniger Stress! Aber gut, hoffentlich bist du bald durch. Was sagen die Ärzte? Anne schaute streng.

Sie sagen, ich soll mich viel bewegen, Tanja zuckte die Schultern. Aber das geht so schlecht, tut alles weh. Sie meinen, ich bräuchte einen neuen Stützgurt. Hier, im Kiosk, gäbe es die guten. Meiner taugt nichts mehr.

Blödsinn, die wollen bloß verkaufen! Michi hat schon einen sauteuren besorgt. Reicht! Bind einfach den Schal drum. Thema Geld: Ich wollte was! Anne wurde ganz weich in der Stimme, strich ihrer Mutter über den Bademantel: die Hand fühlte, wie Tanja zitterte, tätschelte aufdringlich noch einmal.

Was denn, Schatz? Tanja lächelte Kathi an, dieses hübsche Mädchen, so brav und ruhig, die Beine unter dem Stuhl, keine Wackelei, keine Fragen, aber die Augen groß und verunsichert. Ein Krankenhaus ist kein Ort für Kinder, das wusste Tanja sicher. Du hättest Kathi nicht mitbringen sollen. Was also?

Anne hatte Kathi extra mitgebracht. Mitleid zieht immer!

Also, fürs Wohngeld kam eine Rechnung. Dann Lebensmittel, und jetzt willst du doch auch noch einen neuen Gurt! Wir können doch kein Geld drucken, Mama. Johannes und Viktoria sind doch eh dauernd weg. Alles bleibt an mir hängen, weil ich um die Ecke wohne? Sollen sie! Also, schreib mir bitte hier deinen EC-Kartencode auf, ja?

Meinen was? Tanja blickte irritiert auf den Zettel.

Die PIN, Mama! Wer macht denn bitte dein Geld? Ich etwa? Schreib auf, ich hab extra Zettel und Stift. Kathi, ruhig! Anne war deutlich angespannt, ihre Mutter rückte nicht so ohne Weiteres raus mit dem Rentengeld, das doch fair geteilt werden sollte!

Ach so… Aber darf man das denn…? Tanja runzelte die Stirn.

Mama, ich bin doch nicht irgendeine Betrügerin! Ich bin deine Tochter! Die Jüngste, die so sehr gelitten hat auch durch dich! Traust du mir etwa nicht?!

Anne schob eine zaghafte Träne hinterher, drehte sich von den Leuten weg, die zuschauten.

Aber war das peinlich? Nein. Sollen ruhig alle sehen, wie die eigene Mutter die Tochter für eine Betrügerin hält!

Natürlich vertraue ich dir… Aber, aber im Fernsehen habe ich gesehen, da kann es zu Problemen kommen. Ich kann das doch machen, wenn ich zu Hause bin. Dann geb ich dir alles, wirklich.

Ob sie wirklich alles gibt? schoss es Tanja traurig durch den Kopf. Sie hatte so ein schlechtes Gewissen, so viel Schuld…

Ach Mama! Du bist unmöglich! Und für Kathi hast du auch wieder was dagelassen, überhaupt… Sag, wie lautet nun die Zahlenfolge? Anne hielt bereit.

Und ehrlich: Der Pelzmantel, den Freundin Claudia verkaufen wollte fast geschenkt sah schon an Anne im Kopf toll aus. Handtasche dazu? Klar. Wozu braucht Mutter noch Geld? Sie soll sparen für die Beerdigung später; es gibt Zuschüsse, dann muss man kaum was draufzahlen. Anne war vorbereitet: Mit ein bisschen Trara bei den Behörden, ließ sich da bestimmt noch mehr einsparen.

Ich empfehle, keine PIN an Dritte weiterzugeben, mischte sich auf einmal der Mann in gestreiften Schlafanzughosen aus der Nähe ein, hielt Annes eisigem Blick kurz stand. Er rückte den Kragen zurecht, zog seine Pantoffeln mit Kamilleblümchen unter den Stuhl. Dann setzte er sich automatisch gerader daneben, sein Sohn nickte.

Hören Sie lieber auf zu lauschen! Genau von Ihrer Sorte werden die alten Leute abgezockt! keifte Anne. Mama, komm, wir setzen uns woanders hin. Schreib endlich die Zahlen auf, mir ist heiß und ich will heim. Was glotzt du? Ich hab dir Essen gebracht, dafür Kathi hier quer durch Köln geschleppt, und du zickst rum! Na, dann erstick an deinem Geld! Dir verdank ich meine ganze kaputte Kindheit, und jetzt das! Kathi, wir gehen, Oma mag uns nicht!

Anne stand auf, zog missmutig den Mantel zu, schielte verstohlen nach den Leuten. Ja, sie glotzten. Gut so. Mutter mochte kein Theater.

Anne, warte doch! Ich schreibe es dir doch auf, warum bist du gleich beleidigt… rief Tanja im Hinterher.

Soll sie laufen, die Gutmenschin, sagte der Schlafanzugmann und sah den Eingang an. Die eigene Mutter ausnehmen Ich helfe Ihnen mit der Tasche, Romain! wandte er sich an seinen Sohn.

Romain seufzte, rollte die Augen. Sein Vater eben…

Bis zum Aufzug schweigend. Tanja drehte sich noch mehrmals um, ob Anne nicht doch stehenblieb, aber sie war weg.

Welcher Stock? Ich bin übrigens Jürgen Zacharias, stellte sich der Mann höflich vor. Von der Gastroenterologie. Und Sie?

Dritter. Chirurgie, sagte Tanja.

Ach, da ist im Flur diese schöne Palme, lachte Jürgen. War ich auch schon.

Sie stiegen beim dritten Stock aus und blieben am Flur auf einer Bank stehen. Jürgen stellte die Tasche ab, gestikulierte ärgerlich.

Warum lassen Sie so mit sich umspringen? Sie haben die großgezogen, jetzt benimmt sie sich wie ein Chef! Und nimmt noch das Kind als Vorwand vor! Widerlich! Kinder sollten…

Kinder müssen gar nichts. Die werden nicht gefragt, ob sie geboren werden wollen… antwortete Tanja nüchtern.

Also bitte?! Sie haben ihr das Leben geschenkt, alles gegeben, und sie! Jürgen verstummte, als Tanja schmerzverzerrt aufstöhnte.

Ich ruh mich hier aus. Gehen Sie ruhig, Tanja setzte sich müde.

Ich setz mich auch. Gibt ja kein Kommen und Gehen für Erwachsene, oder? grinste Jürgen.

Er roch angenehm. Sauber, ein bisschen nach Eau de Cologne. Das gefiel Tanja.

Sie lehnte sich zurück, entspannte sich. Die Nächte nach der OP waren grauenvoll, der Schmerz raubte ihr jede Erholung. Heute war das anders. Sie schlief fast schon ein.

Jürgen schob sich etwas näher.

Verurteilen Sie Anne nicht zu hart. Sie wissen nichts, sagte Tanja plötzlich. Es ist alles meine Schuld. Ihr war die Kindheit verdorben, wirklich. Ich muss das wieder gutmachen…

Wie meinen Sie das? Jürgen hustete, irritiert.

Sie ist die Jüngste, dann kamen noch Johanna und Viktor. Ich brachte Anne, viel zu früh, und kurz darauf sollte ich dienstlich weg. Tim, mein Mann, ließ mich fahren. Ich… ich fuhr. Warum?

Ist doch kein Skandal! Ich hab auch mal unseren Sohn allein gelassen, wieso auch nicht? Jürgen hob die Schultern.

Für eine Mutter schon! Und sie wurde krank, aus Sehnsucht wohl. Fast gestorben… Alles mein Fehler…

Tanja biss sich auf die Lippe. Anne sprach später oft davon, wie sie Mutter brauchte und sie nicht da war. Tanja fühlte sich schuldig.

Sie begann, Anne extra Geld zuzustecken. Der Vater war oft nicht einverstanden. Anne wurde verwöhnt, bekam was das Herz begehrte, das schönste Kleid zum Abschluss. Und immer wieder…

Deine Anne, die hält dich in Schach, ließ sich Johanna oft aus. Wir bräuchten Hilfe beim Wohnungskauf, aber du schmeißt Anne alles hinterher.

Doch Tanja konnte nicht anders. Das Bild: kleines Annelein allein im Flur des Krankenhauses, Tränen in den Augen…

Du solltest mal zur Psychologin, und die Freundinnen schüttelten den Kopf. Doch Tanja gab ihr alles.

Warum sollte ich mit einer alten Frau nach Hause fahren? hatte Anne einmal nach der Stadtfahrt gesagt.

Fahr mit mir doch, warb Tanja. Unser Bus kommt.

Fahr selbst, ich will nicht mit der Alten gesehen werden…

Ja, Tanja sah älter aus als sie war drei Schwangerschaften hatten sie ausgezehrt. Annes Schulkameraden hielten sie manchmal für die Oma.

Tanja hatte mit 18 geheiratet. Tim war ein guter Mann, arbeitsam, bodenständig. Nach seinem Tod half Michael, Schwiegersohn, wo er konnte.

In ihrem Beruf als Dozentin für Archäologie hatte Tanja einige Gräben übersprungen.

Mit dem Thema werden Sie noch unglücklich, hatte ihr Chef mal gemurmelt. Die Letzten, die darüber schrieben sind gestorben.

Aber Tanja zogs durch. Sie wollte ihr Buch veröffentlichen, doch das Geld fehlte. Der Dekan, Professor Ippen, winkte nur ab.

Also kämpfte sie sich durch, Teilzeit, Weiterbildungen Immer mit dem Gefühl: Anne bekam zu wenig. Der Mann sagte oft: Du machst das Mädel kaputt…

Anne heiratete jung, Michael, Kathi wurde geboren. Anne suchte sich lange keine Arbeit, ließ sich von Tanja helfen, überließ ihr oft die Kleine. Sie sei noch zu jung, wollte das Leben spüren. Michael war dauernd auf Dienstreise. Aber er respektierte die Schwiegermutter, unterstützte, half jedem.

Als Tim starb, organisierte Michael fast alles. Anne weinte theatralisch, Tanja war wie betäubt, Johanna und Viktor annähernd hilflos. Michael regelte.

Tanja erzählte Jürgen ihr Leben umständlich, warum? Weil sie müde war. Jürgen erinnerte sie, wie Tim einmal geseufzt hatte.

Ich habe Anne sehr lieb, möchte meine Schuld begleichen, seufzte Tanja. Vielleicht ist es richtig, ihr alles zu geben.

Jürgen seufzte, wie Tim es tat, fast ärgerlich:

Sie haben ein Monster erzogen. Sie saugt Sie aus! Und, egal was Psychologen sagen: Kinder schulden ihren Eltern Respekt! Die Liebe zeigt sich eben im Kümmern, im Sorgen. Es ist verdammt schwer, aber so ist das Leben.

Was soll ich tun? flüsterte Tanja.

Leben! Für sich. Und hören Sie auf, sich zu entschuldigen! Wie kommt ein Kind drauf, dass jemand ein Leben lang Büßer sein muss, nur weil er arbeitet?

Das hat ihr mal unsere Nachbarin ins Ohr gesetzt, lächelte Tanja.

Klar! Immer sind es die Nachbarn! lachte Jürgen.

In der folgenden Nacht schlief Tanja zum ersten Mal wieder ruhig. Morgens kam Schwester Mareike mit einem Blumenstrauß.

Für mich? Von wem? Tanja war verwundert.

Kam gerade, von den Gastro-Leuten. Jürgen hats mir ans Herz gelegt.

Bald bekam sie Pantoffeln mit Kamillenblümchen wie Jürgens und zur Entlassung fuhr sie Romain im Auto heim, Jürgen auf dem Beifahrersitz, beide unsicher, wie die Frage nach einem Treffen am besten zu stellen sei.

Bist du jetzt verliebt, Papa? spottete Romain.

In unserem Alter, Sohn da ist Zeit kostbar!

Anne rief weiter an, schimpfte, doch Tanja war jetzt viel beschäftigt und nahm nicht immer ab Jürgen bestand darauf.

Mama! Jetzt hast du einen Kerl, und ich? Anne schimpfte mit schmalen, scharfen Augen. Gerade wie damals!

Tanja errötete, schwieg, dann sagte sie ruhig:

Ich liebe dich, Anne. Alles, was ich getan habe, war für dich und uns. Aber ich bin nicht schuld. Es reicht jetzt!

Hinter ihr stand Jürgen, schaute streng. Anne zog Kathi mit sich fort. Es war vorbei.

Michael nahm Kathi mit zu seiner Mutter nach Oberammergau; Anne konnte sich ausheulen.

Für mich war das diese Lektion: Schuldgefühle fressen einen auf. Die Liebe zu den Kindern hört nie auf, doch manchmal muss man lernen, auch sich selbst zu lieben. Und den Mut fassen, neu zu beginnen selbst im dritten Stock einer Münchener Klinik, mit Pantoffeln voller Kamillenblümchen.

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Homy
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