Das aufgetaute Herz

Das aufgetaute Herz

Der Frühling kam dieses Jahr außergewöhnlich früh und mild nach Nürnberg. Die Luft im März schmeckte nach Neubeginn, als hätte die Stadt einen tiefen, belebenden Atemzug genommen. Die letzten Schneeflecken schmolzen schneller als sonst und zogen sich als fahle, graue Inseln hinter den Häusern zurück. An den Zweigen der Kastanien quollen pralle, grüne Knospen hervor und übersäten den Hof hinter dem Mietshaus wie winzige Smaragde. Von irgendwoher mischte sich der feine, versprochene Duft von Krokussen und Schneeglöckchen unter das helle Zwitschern der Meisen ein zarter Hauch, leise und doch verführerisch, wie das Flüstern eines Versprechens.

Durch die geöffnete Balkontür fielen Sonnenstrahlen in das Zimmer von Annemarie. Das Licht malte tanzende Quadrate auf den Parkettboden und spielte über den schlichten, weißen Vorhängen. Es war, als würde der Tag Annemarie hinauslocken, in den Hof, ins neue Leben der Stadt.

Doch Annemarie, vierzehn, schon mit den grauen Rändern einer frühen Enttäuschung, saß auf dem breiten Fensterbrett, die Knie an die Brust gezogen, und starrte nachdenklich in den Innenhof. Sie hatte längst begriffen: Das Leben ist oft nicht gerecht; Glück ist flüchtig so vergänglich wie der Tau, der morgens am Fensterglas funkelt und verschwindet, wenn die Sonne steigt.

Alles hatte an einem Frühlingsmorgen zwei Jahre zuvor begonnen einem Tag, der ihr bis heute wie ein Hohn vorkam. Die Wolken waren weiß und harmlos über die Wiese gezogen, die Sonne streichelte die Straßenbahnschienen, und der Wind spielte kichernd in den Haaren der Menschen, die ihre Mützen längst zuhause vergessen hatten. Annemarie kam euphorisch aus der Schule: Sie hatte die Mathe-Olympiade der Stadt gewonnen und platzte fast vor Stolz.

Papa, ich muss dir was ganz Tolles erzählen!

Niemand kam zur Tür. Es war still zu still. Kälte kroch Annemarie durch die Glieder, ein spitzer Stich irgendwo in der Brust. Sie stellte ihren Rucksack ab und ging, das Herz schwer, ins Wohnzimmer.

Ihre Mutter stand am Fenster, einen neuen Koffer an der Seite der glänzte, beklebt mit leuchtenden Stickern aus einer anderen, glücklicheren Welt. Ihr Vater, Ernst, stand daneben, das Gesicht wie versteinert.

Annemarie, Liebling die Stimme der Mutter zitterte ein wenig , ich fahre weg. Ich habe einen anderen Mann kennengelernt Wir ziehen zusammen.

Der Moment sprang wie Glas. Gedanken flackerten und lösten sich auf, zwischen olympischem Stolz und dem Verlust wogte ein kilometerweites Dazwischen.

Aber was ist mit uns? Du bist doch meine Mama! Annemaries Stimme brach, als hätte jemand mit zu viel Kraft an den Saiten einer Geige gezupft.

Ich bleibe deine Mutter die Frau ging vor ihr in die Hocke, ihre Finger warm, aber für Annemarie kaum zu spüren. Aber ich will jetzt mein Glück finden, weißt du?

Und wir? Was ist mit uns? Ein dicker, rauer Kloß in Annemaries Kehle, ihr Atem gepresst.

Natürlich seid ihr mir wichtig. Die Mutter drückte sie fest, fast zu fest. Aber jetzt lebe ich erst einmal woanders. Ich rufe an, ich besuche euch. Das verspreche ich.

Annemarie löste sich, schaute ihre Mutter eine Ewigkeit lang an. In ihren Augen glitzerten Tränen wie Morgentau, und doch lag da auch das warme, vertraute Lächeln von früher. Nur jetzt schien es fremd, wie eine Maske, die etwas anderes verbarg.

Am nächsten Tag war die Mutter fort. Einen Monat später kam eine Postkarte darauf: Annemaries Mutter, ein unbekannter Mann mit strahlendem Lächeln am Meer, das Blaue, Ferne, das unter der Sonne glitzerte. Annemarie riss die Karte in kleine Stücke, als wolle sie den Schmerz zerreißen, aber das Bild war längst eingebrannt. Jedes Mal, wenn sie daran dachte, spürte sie einen eisigen Druck um ihr Herz und das Atmen fiel schwerer.

Seitdem misstraute Annemarie allen Frauen, die sich an ihren Vater heranwagten. Die sind alle gleich, redete sie sich ein, beobachtete durch das Fenster die aufblühenden Magnolien, die ihr vorkamen wie ein Spott der Natur auf ihren Schmerz. Erst freundlich, dann weg und vergessen. Annemarie verbarrikadierte sich, wurde spröde und stachelig wie ein Igel bei Gefahr.

Doch Ernst, ihr Vater, wollte sein Restleben nicht allein verbringen. Ein halbes Jahr später brachte er die erste Besucherin: Sybille. Sie marschierte mit selbstbewusstem Schritt in die Wohnung, beäugte Annemarie von Kopf bis Fuß als messe sie ihren Wert, und verkündete in kommandierendem Ton:

Nun, dann lernen wir uns mal kennen. Ich werde darauf achten, dass du im Haushalt hilfst und brav deine Hausaufgaben machst.

Annemarie ballte die Fäuste, ihre Nägel gruben kleine, weiße Halbmonde in die Hände. Heißer Zorn kochte in ihr hoch sie verlangte nicht nach Ansagen!

Ich komme auch ohne Sie klar, murmelte sie, und auch wenn sie tapfer klingen wollte: ihre Stimme zitterte.

Sei nicht frech Sybille zog die Brauen zusammen, das Gesicht wurde hart Ich sorge jetzt für Ordnung in diesem Haus!

Schon nach einer Woche zeigte sich, was Ordnung bedeutete. Eines Morgens stürmte Sybille ins Zimmer, seufzte über die Chaos-Landschaft aus Büchern und Heften und begann ohne zu fragen, penibel alles aufeinanderzuschichten.

Hier siehts ja aus wie auf dem Bahnhof! In meinem Haus herrscht Disziplin!

Annemarie war noch halb verschlafen, doch die Wut ließ sie abrupt wach werden.

Das ist nicht Ihr Haus, und ich kann das selber aufräumen.

Dazu bist du zu jung! Ich bringe dir bei, wies hier laufen soll.

Am selben Tag wollte Annemarie ihre Freundin Theresa zum Schulprojekt einladen. Doch Sybille blockierte das Festnetztelefon, stellte sich wie eine Mauer davor:

Keine Gäste! Ich will meine Ruhe, und laute Gruppen dulde ich hier nicht.

Aber wir arbeiten nur fürs Geschichtsprojekt Annemarie spürte, wie ihr die Tränen in die Kehle rückten, bitter und schwer.

Keine Diskussion. Du hast ohnehin zu viel Freizeit. Jetzt räumst du auf.

Abends klagte Sybille beim Abendessen ein Gericht, das so fade war wie die Stimmung lauthals:

Ernst, deine Tochter ist unverschämt und respektlos! Gestern habe ich sie was gefragt, und sie hat mich fünf Minuten ignoriert!

Annemarie? Ihr Vater war ratlos, eine Spur Unsicherheit in seinem Blick.

Sie fragte, warum ich nicht abgewaschen hätte Annemarie zuckte die Schultern, bemühte sich ruhig zu bleiben, doch innen kochte es. Ich war mit den Hausaufgaben beschäftigt. Und ich bin nicht ihre Haushaltshilfe!

Siehst du! Frech ist sie, hört nicht auf Erwachsene!

Annemarie explodierte:

Weil Sie nicht meine Erwachsene sind! Sie sind überhaupt niemand!

Sybille wurde rot, knallte ihre Serviette auf den Tisch:

Ernst, dein Kind ist außer Kontrolle!

Ihr Vater rieb sich erschöpft über die Stirn Annemarie kannte dieses Zeichen: Wenn alles zu viel wurde und er nicht mehr weiterwusste.

Annemarie, entschuldige dich, sagte er leise.

Nein. Sie hat hier gar nichts zu sagen! Das ist auch meine Wohnung, falls du das vergessen hast!

Zwei Tage später war Sybille fort. Annemarie spürte ein stumpfes Siegesgefühl, das nicht richtig nach Freude schmeckte. Sie stand reglos am Fenster und beobachtete, wie Sybille mit klackernden Abätzen und ihrem Koffer zur U-Bahn ging. Geschieht ihr recht, dachte Annemarie, aber es blieb ein schaler Nachgeschmack.

Ein Jahr lang blieb es ruhig, bis Ernst zum zweiten Mal jemanden vorstellte. Diesmal hieß sie Beate mit sanftem Lächeln, gepflegtem Nagellack und einem Parfüm, das schwer und süß nach Luxus roch. Ihr Ton war zu glatt, ihre Freundlichkeit zu perfekt, um echt zu sein.

Ernst, Liebling säuselte Beate beim Abendessen, den Arm auf die Schulter ihres Vaters gelegt könntest du mir vielleicht einen Pelzmantel kaufen? Der Winter wird wohl eisig

Du hast doch einen Mantel, murmelte er.

Aber ein Pelz bedeutet Stil und als Frau neben so einem großartigen Mann wie dir will ich auch angemessen gekleidet sein!

Annemarie presste die Zähne aufeinander, so hart, dass ihr Kiefer schmerzte. Diese Frau war gekommen, um abzukassieren. Immer wieder wollte Beate neue Teller, Möbel, Kleinigkeiten doch verändert hat sich nie etwas. Bis Annemarie eines Abends ihren Vater zur Rede stellte:

Papa, weißt du eigentlich, wofür dein Geld gerade so verbraten wird?

Er legte die Zeitung beiseite, die Müdigkeit wie ein grauer Schatten unter seinen Augen.

Was willst du damit sagen?

Nur Sie fragt ständig nach Geldern für dies oder das aber ich habe noch nie was davon gesehen.

Er schwieg lange, fuhr sich durchs Gesicht, und dann wusste Annemarie, dass er ahnte, was war.

Ich weiß es, Papa. Sie ist nicht deinetwegen da, sondern wegen deines Kontos.

Als Ernst am nächsten Tag sparsamer mit Geld wurde, explodierte Beate. Sie stürmte in Annemaries Zimmer, keifte:

Wegen dir ist Ernst geizig geworden!

Ich sag nur die Wahrheit. Du bist nicht wegen ihm hier, sondern wegen dem Geld. Zum Glück hat er das gemerkt.

Beate flüchtete, knallte die Tür. Ernst saß später stumm im Sessel. Mit belegter Stimme fragte er:

Annemarie, warum lässt du niemanden an dich ran?

Weil sie dich nicht lieben. Für die bist du ein Geldautomat. Du verdienst jemand Besseres. Eine richtige Familie.

Danach stellte ihr Vater lange niemanden mehr vor. Annemarie dachte, vielleicht brauchten sie auch niemanden sonst. Sie begann kleine Dinge zu genießen: Ernst, wie er morgens pfeifend in die Küche ging, wie er über ihre Witze lachte, oder sonntags Lieblingspfannkuchen buk, obwohl das nie sein Ding gewesen war. Fast war sie glücklich, sich vorzustellen, dass es wieder wie früher werden könnte.

Doch dann, im April, als in der Hofeinfahrt die ersten Schneeglöckchen und Krokusse durchbrachen, kam Ernst eines Tages nicht allein nach Hause.

Annemarie, das ist Tanja. Seine Stimme unsicher, seine Hände nervös am Jackensaum. Tanja, das ist meine Tochter Annemarie.

Tanja war anders. Sie machte keine großen Gesten, versuchte nicht, Annemarie zu umarmen, nannte sie nicht Schatzi oder Maus. Als Annemarie das Gespräch verweigerte und demonstrativ das Fenster bewunderte, lächelte Tanja einfach.

Hallo Annemarie. Ich freue mich dich kennenzulernen.

Ihre Stimme war leise, freundlich und nicht aufdringlich. Annemarie wurde misstrauisch. Noch eine, die so tut Warten wir ab!

Doch Tanja blieb sanft. Als sie eines Abends in der Küche Salat schnitt, drehte sie sich um und fragte einfach:

Was meinst du, Annemarie, ist Öl oder Joghurtdressing passender zu den Tomaten?

Keine Erwartung, kein Zwang. Nur Interesse.

Äh, mit Joghurtdressing schmeckts besser, glaube ich.

Danke! Ich hoffe, mit uns beiden wirds irgendwann so normal, wie Freunde es sind.

Im Laufe der Wochen ließ Tanja nie spüren, dass sie Annemarie ändern wollte. Nach dem Essen ließ Annemarie absichtlich ihren Teller stehen. Tanja spülte einfach leise weiter, schenkte ihr ein Lächeln kein einziger Vorwurf. Das verwirrte Annemarie.

Ein anderes Mal erwischte Tanja sie beim Zeichnen. Sie staunte über Annemaries Bild vom Nürnberger Stadtpark im Sonnenuntergang und die Bewunderung war ehrlich.

Das ist wunderschön, Annemarie. Wie lange übst du schon?

Wenig später hörte Annemarie Tanja leise zu Ernst flüstern:

Ich weiß, dass es für Annemarie schwer ist. Ich will keine zweite Mutter sein. Ich möchte einfach nur für euch da sein.

Annemarie stand im Flur, das Herz wie ein aufgescheuchter Vogel in ihrer Brust. Zum ersten Mal war da keine Forderung, sondern Verständnis.

Am Abend in der Küche schob sich Annemarie nervös durch die Tür:

Brauchst du Hilfe?

Tanjas Lächeln war so warm und ehrlich, dass Annemarie sich unwillkürlich entspannte.

Gern! Willst du die Tomaten würfeln?

Gemeinsam arbeiteten sie Seite an Seite. In der Küche roch es nach Petersilie und warmem Brot. Der Eisklumpen in Annemaries Brust schmolz langsam.

Möchtest du wirklich nicht meine Mama sein? fragte Annemarie plötzlich, ohne sie anzusehen.

Tanja nickte.

Deine Mutter bleibt für immer deine Mutter. Aber ich wünsche mir, dass wir Freundinnen werden können. Wenn du das willst.

Diese Ehrlichkeit berührte Annemarie tiefer, als alles zuvor. Sie blickte auf. Tanjas Augen offen, warm, voller Mitgefühl.

In Ordnung, flüsterte Annemarie. Das Wort war wie ein zaghaftes Versprechen, und zum ersten Mal knirschte der Boden unter ihr nicht bedrohlich.

Danke dir. Das bedeutet mir viel.

Als sie am Abend Apfelkuchen vorbereiteten, half Annemarie zum ersten Mal freiwillig. Tanja zeigte ihr, wie man den Teig knetet, und lobte:

Du machst das toll!

Der Duft von Äpfeln und Zimt zog durch die Wohnung, als Ernst nach Hause kam. Zu dritt saßen sie später am Tisch, das Kerzenlicht flackerte, der Apfelkuchen dampfte. Ernst lachte:

Wirklich, Mädchen, ich habe zweimal Glück im Leben: mit euch beiden.

Annemarie musste kichern; die Enge in ihrer Brust löste sich. In Tanjas Blick lag das Versprechen: Ich gehe nicht weg.

Nach dem Abendessen half Annemarie beim Abwasch. Tanja meinte leise:

Es bedeutet mir viel, dass du mir vertraust.

Mir auch gestand Annemarie. Früher hatte ich einfach Angst, dass alles immer wieder so schlimm wird.

Das verstehe ich. Aber wir gehen langsam. Und du kannst immer sagen, wenn dir was zu viel ist.

Danke. Machen wir so.

Später lag Annemarie im Bett und starrte in den Sternenhimmel draußen über Nürnberg. Die Unruhe war still. Vielleicht war die Welt gar nicht so ungerecht, wie sie geglaubt hatte. Vielleicht gibt es doch Menschen, die bleiben und Frühling, der mehr bringt als Schmerz: Hoffnung und neues Glück.

Mit einem kleinen Lächeln und dem Gefühl, geborgen zu sein wie unter einer weichen Decke in kalter Nacht, schlief Annemarie ein das erste Mal seit Jahren ohne Angst.

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Homy
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Das aufgetaute Herz
Ich möchte nicht im Alter allein gelassen werden