Ich bin 62 Jahre alt und unterrichte seit fast vier Jahrzehnten Deutsch und Literatur an einem Gymnasium in Hamburg. Mein Alltag folgt einem gewissen Trott: Pausenaufsicht auf dem Flur, Schiller und Goethe im Unterricht, lauwarmer Tee in der Thermoskanne und immer wieder neue Aufsätze, die korrigiert werden müssen.
Jeden Dezember gebe ich meinen Schülern das Projekt: Interview mit einer älteren Person über ihre schönste Weihnachtserinnerung. Das stößt selten auf Begeisterung.
Ein Auftrag, den sie nicht mögen.
Doch dieses Jahr kam die stille Johanna nach dem Klingelzeichen zu mir ans Pult.
Frau Breuer, dürfte ich Sie für mein Interview auswählen?, fragte sie, den Arbeitsbogen in der Hand.
Ich musste schmunzeln: Ach, liebe Johanna, meine Erinnerungen sind viel zu langweilig. Frag doch deine Oma oder einen Nachbarn, der spannende Geschichten zu erzählen hat!
Doch sie blieb hartnäckig und sagte bestimmt: Nein, ich möchte wirklich Sie interviewen. In ihren Augen lag ein besonderer Ernst.
Schließlich gab ich nach: Na gut, aber morgen nach dem Unterricht. Aber wenn du mich auf Christstollen ansprichst, dann warne ich dich: Ich bin kein Fan. Sie lächelte erleichtert: Abgemacht.
Nostalgie und Erinnerungen
Am nächsten Tag saß sie pünktlich im leeren Klassenzimmer, den Notizblock aufgeschlagen, wippte mit den Füßen.
Sie fragte ganz einfach: Wie haben Sie als Kind Weihnachten gefeiert?
Ich erzählte von missglücktem Christstollen, davon, wie mein Vater Weihnachtslieder von einer alten Schallplatte spielte, und vom Jahr, als unser Tannenbaum so schief stand, dass wir ihn an der Gardinenstange festbinden mussten.
Darf ich etwas Persönlicheres fragen?
Als sie wissen wollte, ob ich je ein festliches Weihnachtsabenteuer mit einem Freund hatte, wurde mir plötzlich sehr warm ums Herz eine alte, längst verschüttete Erinnerung.
Ja, mit ihm sein Name war Klaus. Wir waren jung und verrückt, schmiedeten Pläne für eine Zukunft, von der wir keine Ahnung hatten.
40 Jahre Suche
Ein paar Tage später kam Johanna aufgeregt zu mir zurück, ihr Handy in der Hand. Frau Breuer, ich glaube, ich habe ihn gefunden!
Ich war fassungslos: Wen hast du gefunden?
Sie konnte ihr Grinsen kaum verbergen und zeigte mir einen Beitrag: Suche das Mädchen, das ich vor 40 Jahren geliebt habe. Mein Herz schlug wie wild.
Das war mehr, als ich mir je hätte vorstellen können.
Das Bild auf dem Bildschirm ich, mit 17, im blauen Anorak, mit Zahnlücke.
Soll ich ihm schreiben?, fragte sie, mit erwartungsvollem Blick. Ich brachte kein Wort heraus.
Als Johanna anbot, den Kontakt herzustellen, wurde mir klar, dass er mich all die Jahre nicht vergessen hatte, mich immer noch suchte.
Am Ende tauschten wir ein paar Nachrichten aus und verabredeten uns in einem Café in der Innenstadt. Ich wählte ein schlichtes Outfit, in dem ich mich so zeigte, wie ich heute bin.
Eine Begegnung, die alles änderte
Als ich ihn sah, war er natürlich ein anderer als früher, aber seine Augen waren dieselben warm und aufrichtig. Ingrid, sagte er, und in diesem Moment zwischen Gestern und Heute wusste ich wir hatten uns nie wirklich verloren.
Unsere Unterhaltung holte viele Erinnerungen zurück; wir lachten, wurden nachdenklich, erzählten uns von den Wegen, die unser Leben genommen hatte und dass keiner den anderen vergessen konnte.
Du warst all die Jahre etwas Besonderes für mich.
In diesem Augenblick empfand ich Hoffnung und tiefes Verstehen: Das Leben war noch lange nicht vorbei. Klaus und ich hatten damals keine Chance, aber jetzt konnten wir vielleicht ein neues Kapitel schreiben.
Mein Fazit
All die Jahre und Schwierigkeiten hatten ihren Sinn. Die Begegnung mit Klaus zeigte mir, dass Hoffnung nie umsonst ist. Darauf kommt es im Leben an: zu wissen, dass es immer einen Neuanfang geben kann. Jetzt blicke ich mit Vorfreude in die Zukunft was immer sie für uns bereithält.





