Schatten
Nachdem Andreas nach mehreren Jahren aus dem Koma erwacht war und das Krankenhaus endlich verlassen konnte, fühlte sich alles wie eine vollkommen neue Realität an. Es war nicht so, dass plötzlich schwebende Taxis durch München flogen, Autos über die Köpfe hinwegrauschten oder die Menschen sich plötzlich wie in schrillen Modenschauen kleideten nein, alles war irgendwie wie immer und doch vollkommen anders
Am meisten verblüffte ihn, wie wenig Beachtung den Phänomenen um ihn herum geschenkt wurde. Es war, als ob das Unglaubliche längst Teil einer routinierten Normalität geworden war. Die Leute hetzten von Termin zu Termin, erledigten ihre Einkäufe, starrten auf Handys und schienen für Wunder wie für Katastrophen gleichermaßen blind geworden zu sein. Wie konnte das sein?
Andreas, diese Schatten, die du siehst, tauchten genau in dem Jahr auf, in dem du ins Krankenhaus gekommen bist. Alles begann damals mit dem Test der neuen Hadronen-Bombe. Die Wissenschaftler führen es auf diese Versuche zurück, weil die Zerstörungskraft und das Nachbeben damals die ganze Welt erschüttert und verunsichert haben jeder war schockiert, vom Physiker bis zur Bundeskanzlerin. Aber ach, was weiß ich schon, ich hab von Physik nie viel verstanden, lachte Frau Ingeborg Schnell, eine enge Freundin seiner Mutter seit ewigen Zeiten. Ich erzähl dir das so, wie ichs damals in den Nachrichten und Talkshows aufgeschnappt hab. Mittlerweile ist es ruhiger geworden im Fernsehen, aber im Internet findest du noch alles, wenn dich die wissenschaftlichen Details interessieren.
Damals jedenfalls war die Hölle los: Stürme tobten, Tsunamis, der Himmel war tagelang gelblich, das Wetter drehte frei. Es gab Erdbeben bis nach Hessen, wie ich mich erinnere, und eine eigenartige Lichtschleife zog sich von den Polen aus durch die Atmosphäre, fast wie das Licht beim Schweißen auch nachts war es taghell, trotz Staub und Asche. Alle rechneten jeden Moment mit einer andauernden Explosion oder dem Entstehen eines Schwarzen Lochs, aber schlagartig war der Spuk vorbei. Ob da wirklich jemand über uns wacht?
Warum nicht, würde mich nicht wundern. Und wie hat die Natur darauf reagiert?
Naja, wie soll ich sagen die Katastrophe war perfekt. Viele Tier- und Pflanzenarten sind ausgestorben, die Bäume in den Parks verbrannten an den Wipfeln, die Ozeane haben sich erwärmt, Korallenriffe zerfielen, und plötzliche Vulkanausbrüche haben den Rest besorgt. Erst als der Staub sich wieder legte, tauchten die Schatten auf. Auf einmal gab es neben der normalen Welt auch die Welt der Schatten. Wenn du genau hinschaust, laufen plötzlich zwei Filme ein stummes Schwarzweißkino, und keiner wundert sich mehr darüber. Menschen gewöhnen sich halt an alles, sogar an sowas.
Wie, du meinst, wir können einen Parallelwelt-Film schauen? fragte Andreas und ließ sich mit einer Tasse Tee in den Sessel sinken, während er Ingeborg musterte.
Ja, so ungefähr erklären das die Fachleute. Manchmal kommts mir vor wie eine endlose Serie. Du schaust zum Nachbarhaus und daneben erscheint dieselbe Fassade, manchmal ein bisschen anders, und in der Wohnung läuft das Leben quer durch die Wände. Ich nenne das: Die aufregende Schattenwelt.
Sind das wie Wellen, die durch Beton gehen? Komisches Gefühl, wie in einem alten Kino, alle sitzen und schauen einen S/W-Film, und keiner zuckt mit der Wimper. Ist das nicht irgendwie gefährlich? Na gut, die Wissenschaftler werden sich schon Gedanken machen
Ach, Andreas, das Einzige, was sich bei uns groß verändert hat, sind die Preise. Alles wird teurer und niemand kann sich mehr groß was leisten. Hast du Rücklagen? Sonst wirds schwierig ohne festen Job.
Ein bisschen was hab ich beiseite, das reicht erstmal. Für ein bescheidenes Leben wohl.
Mehr brauchts auch nicht heutzutage. Sparsamkeit ist wieder angesagt.
Nach dem Plausch bei Ingeborg die für Andreas so ein bisschen wie eine Ersatzmutti und der Fels in der Brandung war machte er sich langsam, so gut die noch schwachen Beine es zuließen, auf den Heimweg zu seiner Wohnung in der Gagarinstraße. Immer wieder blieb er stehen und beobachtete diese Schattenwelt: Da, ein Mann kommt nach Hause, begegnet seiner Frau hübsch oder nicht erkennt man nur an den Umrissen nimmt den Hut ab, scheint in seine Richtung zu zeigen Stehen sie in Kontakt? Sehen die uns auch?
Ach Quatsch, davon hab ich noch nie gehört, das ist sicher ein Zufall, beruhigte ihn sein Kumpel Thomas, mit dem er in den letzten Jahren am meisten Kontakt hatte. Die Schatten bemerken uns nicht so geht jedenfalls die Theorie.
Daheim riss Andreas die Fenster auf, um die abgestandene Luft rauszulassen. Sein Blick fiel auf das Bild von Judith und Sebastian, seiner Ex-Frau und seinem Sohn. Sebastian ist jetzt echt schon 16, verrückt, murmelte er.
Mit Judith hatten sie sich ein Jahr vor dem Unfall getrennt. Sie waren jung, wollten beide ihr Glück finden, und als die Gesprächsthemen aufgebraucht waren, blieben sie freundschaftlich und vollzogen die Scheidung fast emotionslos. Klar, manchmal fehlten ihm Nähe und Familie, aber eigentlich hängte er nur an seinem Sohn, Sebastian Andreas.
Am nächsten Morgen verschlang Andreas stundenlang Berichte und Foren im Netz, alles über die Folgen der Hadronenbombe: Energie, Quarks, Barionen, all diese Begriffe. Am Ende schafft sich der Mensch irgendwie immer selber ab, dachte er genervt. Viel schlauer war er nicht, aber offensichtlich tappten die Experten selbst im Dunkeln, außer Spekulationen gab es nichts Greifbares.
Nachdem er sich mit Sebastian auf ein Treffen verabredet hatte, kochte er sich abends etwas, öffnete ein bayerisches Bier, füllte sich ein Glas und knipste dann doch nicht das Licht aus. Er wollte noch weiter auf dieses Schattenleben schauen all die Szenen, die wie auf eine unsichtbare Leinwand gemalt durch die Wände kamen: Zwei Leute, vermutlich ein Paar, die Tochter wuselt herum, einer geht in die Küche, die andere macht mit dem Staubsauger zu Gange Haushaltskram eben. Es wirkte manchmal fast beängstigend, als sei er ein Voyeur, der seine eigene Parallelwelt beobachtet und sich fragt, ob nicht auch jemand anders zuschaut.
Er schaltete schließlich das Licht aus, die Schatten lösten sich auf, als er die Vorhänge zuzog und das grelle Licht der Stadt verbannt wurde.
Sag mal Thomas, glaubst du eigentlich, das ist wirklich eine Parallelwelt, exakt wie unsere? fragte er ein paar Tage später, als sie mit Thomas Tochter durch den Englischen Garten spazierten.
Gute Frage, hab ich noch nie drüber nachgedacht. Ich hab einfach immer angenommen, das ist ein Doppelbild unserer Welt.
Aber ist das eine exakte Kopie von heute, oder läuft da was anderes? Ein zweites Leben? Vielleicht drehen Kleinigkeiten alles
Kann sein. Vielleicht ist jeder Schatten einfach eine Ausweichversion unserer selbst. Stell dir vor, du gehst zur Kreuzung und läufst links statt rechts. In deren Welt geht dein Schatten-Ich dann eben woanders hin. Hast du nicht schon mal drüber nachgedacht, wies weitergegangen wäre, wenn du damals was anders entschieden hättest?
Eigentlich schon mein Umzug damals von Rosenheim nach München. Hätte ich da widerstanden, wäre ich vielleicht nie nach München gezogen
Genau das mein ich ja. Such dich mal im Schatten-Rosenheim, vielleicht ist da was anders.
Interessante Idee, Thomas. Ich fahr nächstes Wochenende mal nach Rosenheim zum alten Haus, bin gespannt, was ich entdecke.
Lass hören, wies war!
Ein paar Tage später, Ende Oktober, machte Andreas sich auf den Weg nach Rosenheim die Bäume leuchteten goldrot, am Land lag Nebel in den Wiesen. Als er beim alten Elternhaus ankam, wartete er, bis der Nebel sich lichtete, und starrte dann minutenlang in die Schattenwelt. Jedes Detail war zu erkennen, wie durch eine Transparentfolie gespiegelt: Und dann, plötzlich ein Haus, das aussah wie das ihrer früher, die Frau mit langen Haaren, der Hund, Sebastian das war eindeutig seine Familie! Nur eben in dieser Zwischenwelt, leicht verschoben und stumm wie im Schwarzweißfilm.
Von da an wurde es sein Wochenende-Ritual: Er fuhr raus, setzte sich gegenüber dem Haus auf eine Bank und beobachtete sein alternatives Familienleben, wie eine melancholische Serie voller unerfüllter Möglichkeiten. Fehlt nur noch ein Soundtrack, dachte er manchmal.
Eines Tages fragte er Judith, ob sie ihn dahin begleiten wolle. Es brauchte Überredung, aber schließlich saßen sie zusammen im Wagen und beobachteten schweigend das Schattenhaus: In der Küche werkelt ein Mann, Sebastian kommt herein und holt sich ein Glas Wasser, der Hund springt herum, die Frau mit langen Haaren umarmt Mann und Kind. Judith sagte nach langem Schweigen nur: Solche Haare hatte ich, seit der Uni, nicht mehr.
Er warf ihr einen Blick zu. Tränen glitzerten auf ihrer Wange. Sie schaute wie gebannt.
Verstehst dus jetzt?
Ja. Ich verstehe alles verdammt gut, Andreas.
Auf dem Heimweg schwieg sie. Als sie ausstieg, sagte sie nur knapp: Tschüss. Er blieb noch einen Moment regungslos sitzen.
Daheim schaute Andreas auf sein Handy keine Nachrichten, außer lästiger Werbung. Er schrieb Sebastian, ob die Mama wieder daheim sei; kurze Antwort: Ja, ist sie.
Als er später im Bett lag und das Handy auf Nicht stören stellen wollte, sah er Judits Nachricht: Danke für den Ausflug und das Kino. Hat mir gefallen. Falls du nochmal rausfährst ich komme gern mit.
Zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte Andreas ehrlich. Ja, ich fahre wieder hin. Ich freu mich, falls du wieder dabei bist. antwortete er.
So, mein Freund, das war mein Update du merkst, alles bleibt seltsam, aber irgendwie auch vertraut. Bis bald, ich halte dich auf dem Laufenden!





