Die Wohnungsfrage

Wohnungsfragen

Wer sind Sie?, fragte Hedwig, als sie die Tür öffnete und eine Frau mit einem leicht panischen, aber gleichzeitig entschlossenen Gesichtsausdruck vorfand.

Carla, stellte sich die Besucherin zögerlich vor und nestelte am Henkel ihrer Handtasche. Die Verlobte von Siegfried.

Wessen Siegfried?

Na, Ihr Ex-Mann.

Ach, Uwe meinen Sie?

Genau.

Sagen Sie das doch gleich Siegfried, pah! Den hab ich in zwanzig Ehejahren nie so genannt. Für mich war er immer einfach Uwe. Also, wie kann ich Ihnen helfen?

Könnte ich vielleicht kurz reinkommen?

Nein, erwiderte Hedwig und verschränkte die Arme. Sagen Sie, was Sie zu sagen haben, hier im Flur. Ich hab genug zu tun. Die Kinder sind in der Schule, das Mittagessen will noch gekocht werden, etwas Ordnung geschaffen und dann gehts ab zur Arbeit.

Carla bemüht sich mühevoll um einen schüchternen, rührenden Eindruck Lippen vorgeschoben, Wimpern tief, Hände demütig auf dem Bauch gefaltet.

Entschuldigung, Hedwig, hauchte sie. Das Ganze ist mir wirklich unangenehm. Einfach war das nicht für mich.

Doch Hedwigs Herz schmolz davon nicht gerade dahin. Gehärtet durch Jahre des Alleinseins und Haushaltshürden, glaubte sie weder an Zufälle noch an Fremde mit aufgerissenen Rehaugen.

Angenommen, Sie stehen also jetzt hier. Was wollen Sie von mir?, fragte sie kühl.

Carla wollte nicht so leicht aufgeben, setzte weiter ihren geplagten Unschuldsblick auf und legte ein leises Seufzen nach kurz, aber theatralisch.

Sie mögen mich nicht, oder? Ist das so offensichtlich?

Nein, ich ärgere mich nicht über Sie, schnitt Hedwig sie ab. Aber ich mag Sie auch nicht.

Komisch.

Was daran?

Ich hätte mir dieses Treffen irgendwie netter vorgestellt, seufzte Carla, inbrünstig und melodramatisch. Ich dachte, wir trinken vielleicht einen duftenden Latte Macchiato, naschen Frankfurter Kranz ich hab sogar welchen besorgt. Sie zog eine Packung mit Kirschkuchen aus der Tasche. Mit Kirschen. Uwe meinte, Sie stehen auf Kirschen.

Und warum sollte ich? Hedwig gönnte dem Kuchen nicht mal einen Blick.

Weiß nicht richtig, murmelte Carla bedächtig, tastend nach Worten. Ich lese viel und schaue gern so deutsche Vorabendserien. In denen laufen Treffen wie unseres immer ganz charmant ab. Ex- und Neue werden Freundinnen, tauschen Geheimnisse aus, lästern gemeinsam über den Mann Und wir könnten ja

WIR könnten was, bitte?

Na, befreundet sein. Sie und ich.

Nein, sagte Hedwig ohne Zögern.

Warum nicht?

Weil wir keinen Anlass dazu haben, erwiderte Hedwig nüchtern.

Und Uwe ich meine Siegfried? Das ist doch eine Verbindung! Er ist der Vater Ihrer Kinder, ich liebe ihn. Das schweißt doch zusammen!

Hedwig konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Schicken Sie Uwe jetzt schon als Botschafter?

Nein, nein, wirklich nicht! Carla winkte heftig ab. Das war meine Idee, ganz alleine. Uwe weiß von nix. Ich bin hier auf eigene Faust.

Hedwig zog eine Augenbraue hoch. Und? Haben Sie vorher was getrunken?

Nein! Na gut… vielleicht ein winziges Schlückchen. Ich trink eigentlich gar nicht, aber heute Nur zum Mut-Antrinken. Carla lächelte verlegen. So ein Besuch, das macht einen nervös. Ich hab tagelang geprobt.

Die Tür der Nachbarin ging knarrend auf und Frau Meier lugte hinaus Urgestein der Hausgemeinschaft und wandelndes Archiv aller Sticheleien von Erd- bis Dachgeschoss.

Aha, sagte Frau Meier, musterte beide und ließ sich nicht weiter stören. Wer ist das denn? Ach so, die Neue. Dann machen Sie mal weiter.

Grüß Gott, Frau Meier, bemühte sich Hedwig, freundlich zu bleiben. Brauchen Sie was?

Frau Meier winkte ab. Ach, reden Sie ruhig. Ich horch nur ein bisschen.

Also gut, seufzte Hedwig. Gibts sonst noch was?

Salz vielleicht? Frau Meier tat unschuldig.

Hedwig runzelte die Stirn. Sie haben doch gestern eine ganze Packung von mir bekommen.

Ach stimmt, ganz vergessen, bekannte Frau Meier und blieb demonstrativ in der Tür stehen, als sei das Hausflurtheater besser als Tatort.

Frau Meier begann nun, Carla auszufragen. Das ist sie doch, die letzte Woche bei deinem Uwe war, oder? In dieser schwarzen Mütze, mit den knallroten Stiefeln. Hab ich alles gesehen!

Hedwig drehte sich langsam zu Carla. Stimmt das? Sie waren bei uns, als wir noch verheiratet waren?

Carla wurde knallrot. Spielt das jetzt eine Rolle? Das ist ewig her. Zweimal vielleicht.

Vier Mal, verbesserte Frau Meier mit spitzer Zunge. Dreimal abends, einmal mittags. Hab ich aus dem Fenster gesehen.

Hedwig blickte zum Fenster und dann wieder zu Carla. Warum hat mir das niemand gesagt?

Damals hatte ich doch den Herzinfarkt, rechtfertigte sich Frau Meier stolz. Als ich ausm Krankenhaus kam, war alles eh schon vorbei.

Alles klar, murmelte Hedwig, irgendwas sonst noch?

Das reicht jetzt, sagte Frau Meier und verzog sich in die Wohnung die Tür ließ sie einen Spalt offen.

Hedwig fixierte Carla. Die nestelte immer noch nervös am Handtaschenriemen.

Also, was wollen Sie eigentlich wirklich?

Dass Sie unser Glück nicht stören, murmelte Carla.

Unser? Sie und Uwe? Wir sind doch längst geschieden!

Ja, aber

Was genau störe ich?

Sie füttern ihn doch immer durch! Jeden Sonntag sitzt er bei Ihnen und isst!

Er kommt zu seinen Kindern, erwiderte Hedwig geduldig. Wir haben zwei Kinder. Sie brauchen einen Vater!

Carla wurde lauter: Das erzählt er Ihnen vielleicht! Aber in Wirklichkeit gehts nur ums Essen! Ihre Käsekuchen, Ihr Schweinebraten… O-Ton Uwe! Die Kinder sind ihm doch schnuppe! Und Sie führen das weiter, als Grund, dass er kommt!

Hedwig schwieg und starrte Carla an.

Carla tupfte sich die Tränen ab. Ich muss an diesen Sonntagen immer hören, wie toll Sie gekocht haben. Hedwig hats anders gemacht, Hedwig servierte anders, bei Hedwig gabs nie was zu meckern und irgendwann liebt er mich nicht mehr und geht zurück zu Ihnen!

Hedwig seufzte. Auf einmal tat ihr Carla fast leid. Dieses ängstliche Häschen, das schon beim Wort Schweinebraten nervöse Schluckaufs bekam.

Zurück zu mir? fragte sie sanfter. Ich bin fast wieder verlobt. Sie müssen sich wahrlich nicht vor mir fürchten.

Carla, mittlerweile mutig vom letzten Rest aus ihrer Flachmann-Reserve, zog selbigen hervor und nahm einen kräftigen Schluck. Ihre Stimme wurde energischer.

Also hören Sie doch bitte auf, ihn zu verköstigen. Lassen Sie ihn einfach nicht mehr rein! Wenn er die Kinder sehen will, gerne aber dann bei mir. Ich mach durchaus was Warmes!

Verstehen Sie, antwortete Hedwig, ich kann ihm doch nicht verwehren zu essen, wenn er den Tag bei uns verbringt.

Dann lassen Sie ihn gar nicht erst rein! Er kann die Kinder abholen und mit denen ins Café gehen! Oder zu sich!

Hedwig wollte entgegnen, dass es halt nicht so einfach sei, aber da sprang Frau Meier schon wieder herein.

Das wird schwer, verkündete sie. Die Wohnung gehört nämlich Uwe! Wie wollen Sie ihn aussperren?

Frau Meier!, rief Hedwig. Musste das jetzt sein?

Na freilich! Carla hätte es eh bald erfahren. Dann lieber von mir als aus bösem Munde.

Carla brauchte etwas, um das alles zu verarbeiten.

Wirklich?, fragte sie eisig. Die Wohnung gehört Uwe und Sie sperren mich aus?

Hedwig zuckte mit den Achseln. So ist es offiziell bin ich und die Kinder gar nicht hier gemeldet.

Frau Meiers Kopf tauchte wieder kurz auf: Die sind bei ihrer Mutter in der Altbauwohnung gemeldet. Die hat ihnen die Wohnung doch geschenkt! Aber die Hauptsache: von irgendwas müssen Sie ja leben!

Stimmt, seufzte Hedwig. Die Miete aus Mamas Wohnung plus Uwes Unterhalt davon leben wir. Wie könnte ich da Uwe von seiner eigenen Wohnung aussperren oder ihm den Sauerbraten verweigern? Ein anderer hätte uns längst vor die Tür gesetzt!

Das wäre wenigstens konsequent, meinte Carla leise.

Aber nicht Uwe! Der ist halt ein edler Tropfen. Noch dazu will er meinen zukünftigen Mann hier mit anmelden, sobald wir heiraten!

Na, Sie habens aber wirklich getroffen!, entfuhr es Carla.

Nicht mein Verdienst, sagte Hedwig ruhig. Alles Uwe. Der Mann mit dem Herz am rechten Fleck.

Carla wurde immer missmutiger. Und die Wohnung hat er auch noch vor der Ehe gekauft, nicht?

Korrekt.

Vielen Dank, murmelte Carla drohend, und stapfte Richtung Aufzug.

Wann sind Sie denn geboren, Hedwig? fragte sie noch beim Gehen.

Im August. Hedwig verstand nicht, warum das jetzt relevant war.

Ach was, auch noch Löwe! Wir hätten Freundinnen werden können!

Kaum, sagte Hedwig schlicht.

Doch, doch, legte Carla nach. Vielleicht im nächsten Leben. Glauben Sie an sowas?

Dafür fehlt mir schlicht die Zeit, konterte Hedwig.

Carla nickte verständnisvoll. Der Alltag, was? Der schluckt einen auf. Das ist wirklich traurig. Ach, Hedwig, wie leid Sie mir tun.

Danke, erwiderte Hedwig trocken.

Kaum war der Lift zu, spähte Frau Meier wieder aus dem Spalt. Warum haben Sie das gemacht, Frau Meier?

Tja, einer muss ja mal gegen solch fremdenfeindliches Verhalten vorgehen, sagte sie mit schelmischem Grinsen. Na, wird schon, Hedwig.

Aber jetzt gibt Carla Uwe die Hölle heiß! Und dann fliegen wir raus! Das war vielleicht nicht so clever, finden Sie nicht?

Das sagt sich leicht, antwortete Frau Meier. Carla ist so vorsichtig wie ein Beamter beim Rentenantrag. Die macht erst Theater, wenn sie ganz sicher auf der sicheren Seite steht. Bis dahin bleibt alles beim Alten.

Hedwig ließ Frau Meier stehen und schloss die Tür. Einerseits war sie erleichtert, andererseits schämte sie sich.

Nächsten Sonntag kam Uwe wie immer bei Hedwig vorbei. Doch diesmal blockte sie ab: Heute kocht jeder für sich. Entweder bestellst du was, oder packst ein Lunchpaket!

Was ist los, Hedwig? Warum so frostig?

Ist besser für alle, glaub mir.

Uwe zuckte die Schultern, packte die Kinder und ging in den Stadtpark. Danach gabs Pommes im Brauhaus.

Seitdem erledigt Uwe die Kinderbesuche außerhalb. Er holt sie ab, futtert mit ihnen Currywurst, bringt sie heim. Hedwig sieht es vom Fenster und denkt: Vielleicht hatte Carla ja doch Recht. Es ging nicht um die Kinder, sondern um Rouladen und Kartoffelknödel.

Sie bereute nichts. Sie hatte ihr Leben, ihre Pläne, einen neuen Mann. Uwe blieb Vergangenheit. Mit all seinen Sonntagsschnitzeln.

**Finale**

Das Gespräch über die Wohnung kam natürlich trotzdem genau einen Tag nach der Hochzeit. Carla war noch leicht beschwingt vom Sekt, Uwe sowieso mit Restalkohol, sodass die Kommunikation zu wünschen übrig ließ.

Welche Wohnung denn, Liebes?, kratzte sich Uwe am Kopf.

Na, deine! Wo deine Ex wohnt!!

Die ist doch gar nicht meine. War immer Hedwigs. Von ihrer Mutter geschenkt. Ich hab nur mitgewohnt.

Wie jetzt?! Mir sagte man, die ist von dir!

Wer sagte das?

Egal! Also wohnst du jetzt bei mir und hast nix Eigenes?

Richtig die letzten Jahre hab ich in einer WG gewohnt. Heiraten ist günstiger.

Carla sackte in sich zusammen. Alles umsonst. Sie fühlte sich so hintergangen wie jemand, der feststellt, dass in seiner Überraschungsei-Figur das Fahrrad fehlt.

Du veräppelst mich nicht?

Warum denn? Hier: Adresse kannst im Grundbuch nachgucken!

Carla winkte erschöpft ab und zog sich ins Schlafzimmer zurück. Uwe zuckte mit den Schultern und schnitt sich das letzte Hochzeits-Tortenstück ab.

Carla lag da und grübelte: Wer hatte ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt? All die Andeutungen, das Koffeekränzchen-Trauma und dann fiel es ihr ein: Frau Meier und ihre spitze Zunge. Es war wie verhext. Und Hedwig hatte brav mitgespielt.

Aber Carla irrte sich. Hedwig hatte nichts geplant. Frau Meier war einfach alt, vielleicht ein bisschen bösartig und für jeden Klatsch zu haben.

**Philosophische Schlussfolgerung**

In dieser Geschichte gibts keine Helden, keine Schurken. Hier sind Menschen, die sich fürchten, lieben, Fehler machen. Frauen, die Familie und Wohnung gleichermaßen verteidigen. Männer, die nicht recht wissen, was sie wollen. Nachbarinnen, die sich einmischen, und Ex-Frauen, die Ex-Männer halt nicht hungern lassen können.

Hedwig wollte Carla nicht belügen. Es war einfach ein Reflex im Stress. Jetzt plagte sie das Gewissen, aber es war zu spät.

Carla wollte niemandem was Böses. Sie hatte schlicht Angst, Uwe zu verlieren.

Uwe wollte keinen verletzen. Er mochte einfach deftiges Essen und war vollends hilflos am Herd.

Frau Meier wollte nicht schaden, sondern suchte nur Abwechslung in ihrer wohlgefüllten Langeweile.

Und am Ende standen alle irgendwie ein bisschen dumm da. Hedwig, weil sie sich selbst einredete, sie könne Uwe einfach aussperren. Carla, weil sie dachte, die Wohnung gehöre Uwe. Uwe, weil er glaubte, man könnte ihn des Essens wegen lieben. Und Frau Meier, weil sie meinte, ein gutes Gerücht bringe einen grauen Tag zum Leuchten.

Tatsächlich wollten sie alle dasselbe: geliebt werden. Nur eben auf ihre jeweils ganz deutsche Art: Hedwig mit Butterkuchen, Carla mit Eifersucht, Uwe mit schnörkelloser Wurstbrot-Romantik, Frau Meier durch ungefilterte Neugier.

Geändert hat sich durch all das, wie immer, kaum etwas. Hedwig hat die Wohnung und die Kinder, Carla den Uwe, Uwe eine eifersüchtige Frau und Frau Meier ihr Abenteuer.

Im Endeffekt lernten sie, was alle in deutschen Mietshäusern wissen: Früher oder später kommt alles raus. Aber bis dahin darf man ruhig ein kleines bisschen tricksen. Und manchmal ist die Wahrheit halt einfach zu steil. Dann hilft auch mal ein Kirschkuchen weiter.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: