Sprich mit mir, Krapfen

Sprich mit mir, Brösel

Hab keine Angst, Brösel! Alles ist gut! Sie werden gleich noch ein bisschen weiter schreien und dann beruhigen sie sich… Hoffentlich

Klara drückte ihren treuen Begleiter noch fester an sich und schloss die Augen. Angst durfte sie nicht haben. Sie war doch schon groß. So hatte Oma Helene es gesagt. Wenn man schon fünf Jahre alt ist, dann zählt man schon zu den Großen. Für alle war sie bald groß. Sogar beim Impfen hatte sie nicht mehr geweint. Das wäre doch peinlich! Nur mit Brösel konnte sie noch klein sein, so wie immer. Er kannte sie so, wie sie war. Brösel hatte sie von ihrer Mutter bekommen, gleich nach der Geburt. Ein tapsiger, leicht schielender Plüschbär, das allergrößte Geschenk und ihr bester Freund. Ihm konnte sie alles erzählen. Und er rannte nicht, wie ihre Anna ihre beste Freundin gleich zur Erzieherin und petzte. Brösel starrte sie nur mit seinen runden Knopfaugen an und schwieg. Aber er verstand alles, da war sich Klara ganz sicher. Und in Momenten wie jetzt, wenn sie Angst hatte, tröstete er sie. Mit ihm fühlte sie sich geborgen, er war warm und vertraut. Ihre Eltern waren auch ihre Liebsten, aber sobald sie so schrien, waren sie wie Feuer und Stacheln. Klara wusste nicht, wie sie das sagen sollte, aber für sie wuchs dann im gesamten Haus eine riesige Hecke mit spitzen Dornen, wie im Märchen von Dornröschen. Niemand konnte sich mehr nahe kommen, man schrie nur noch aus der Entfernung, ohne sich je zu erreichen.

Klara verstand nicht, warum Eltern sich überhaupt stritten. Sie waren doch Erwachsene, was gab es für Streit? Erwachsene, so hatte Oma Helene ihr erklärt, sollten miteinander reden, eine gemeinsame Sprache finden… welche, wusste sie nicht mehr genau, aber es war eine Sprache, das war sicher. Vielleicht waren es ja gar keine kleinen Streitigkeiten wie bei Kindern, sondern richtige, große Kränkungen? Solchen war Klara bisher noch nie begegnet, aber jetzt wusste sie sicher, dass es sie gab. Bestimmt waren solche Kränkungen noch furchtbarer als alles, was sie sich vorstellen konnte. Ihre kleinen Streits mit Anna reichten schon, dass sie nicht einmal mehr Lust auf Eis hatte, sondern nur noch weinen wollte. Also mussten große Kränkungen das alles viel schlimmer machen.

Klara öffnete die Augen und lauschte. Es war still gewordendas bedeutete, Mama saß weinend im Bad und Papa war in der Küche und schmollte. Ihre Zeit war gekommen. Klara rappelte sich vom Boden hinter dem Bett auf, wo sie die ganze Zeit gesessen hatte, und holte tief Luft. Ihr Zimmer war wirklich schön geworden. Mama hatte ewig Tapeten und Möbel ausgesucht und Klara gefragt, was ihr gefiel. Ein weißes Bettchen mit rosafarbener Decke, ein schicker Kleiderschrank, der all ihre Kleider beherbergte, Regale voller Spielsachenso viele, dass Klara manchmal sogar vergaß, was sie eigentlich alles hatte. Hier wollte sie nicht weg. Es war gut. Fast ruhig jetzt.

Doch Brösel schaute sie an und Klara schniefte:

Ich weiß, Brösel! Warte, bleib hier, ich geh allein.

Sie setzte Brösel auf das Kopfkissen und trat aus dem Zimmer. Erst zur Mamadas war immer schwieriger. Die Badezimmertür war wie immer verschlossen. Klara klopfte leise.

Mama?

Was ist?

Darf ich zu dir kommen?

Die Tür öffnete sich, und wie immer saß ihre Mama am Badewannenrand.

Muss du aufs Klo?

Nein, ich möchte nur zu dir. Klara holte tief Luft, trat über die Schwelle. Sie mochte nicht, was nun kam. Mama würde wieder weinen, sie an sich drücken, versprechen, dass alles gut wird. Und Klara würde auch weinen, aber nicht, weil sie Mitleid mit Mama hatte, sondern weil sie genau wusste: Alles wird nicht einfach gut. Weil es immer wieder so war. Ein bisschen Glück, dann wieder all die Dornen.

Klara wischte sich die Augen.

Mama, wieso?

Was denn, mein Schatz?

Warum schreit ihr so miteinander? Wenn ihr euch nicht liebhabt, sagt Oma Helene, dann könnt ihr vielleicht voneinander Abstand nehmen? So macht man das doch, wenn man sich mit Freunden streitet. Dann klappt es auch mit dem Beruhigen.

Mareike erstarrte und sah Klara lange an. Bis zu diesem Tag hatte Klara nie angesprochen, was zu Hause passierte. Mareike dachte, Klara bekäme den Streit gar nicht mitsie sei noch zu klein, um das zu verstehen.

Klara, Kind, warum sagst du so was? Ich liebe deinen Papa…

Das stimmt nicht, Mama.

Klara!

Wenn du ihn lieb hättest, würdest du nicht so schreien. Mit mir schimpfst du doch auch nicht so, oder?

Mareike war ratlos. Wie sollte man einem Kind erklären, dass es kompliziert ist mit Beziehungen? Dass Schreien nicht immer Hass heißt… oder vielleicht doch? So eine einfache Kinderfragewarum? Was sollte sie antworten?

Da muss man sich hinsetzen und nachdenken, was man falsch gemacht hatso! Klara strich Mama über die Wangen und tupfte Tränen fort.

Das sagt auch Oma Helene, was? Mareike lächelte schwach.

Genau! Und sie hat rechtmit Anna hab ich mich auch wieder vertragen. Danach haben wir uns weniger gestritten. Nur noch, wenn sie Frau Becker etwas petzt.

Du bist ganz schön groß geworden… Mareike drückte Klara an sich.

Nein, Mama, ich bin noch klein. Wenn ich groß wäre, Klara schob sich von Mama weg, hätte ich nicht mehr so viel Angst.

Wovor hast du denn Angst? fragte Mareike besorgt.

Was, wenn ihr euch wieder so anschreit und dann beide weggeht?

Wohin denn?

Wo es ruhig ist. Man kann doch nicht da bleiben, wo man sich nicht wohlfühlt, oder? Dir gehts doch schlecht, stimmts, Mama?

Schlecht… Moment, hast du Angst, dass wir dich allein lassen? Das fürchtest du?

Ja… Und nun brach es aus Klara heraus. Dann bleibe nur noch Brösel. Und wenn er wieder verloren geht wie im Taxi? Dann bin ich ganz alleine. Ich hab Oma Helene gefragt, aber sie ist zu alt, um noch Mama zu spielen!

Klara! Liebes! Ich werde dich niemals verlassen! Du bist doch mein Kind!

Und? Wenn ihr so schreit, vergesst ihr mich doch, oder?

Wir denken immer an dich… Mareike verstummte. Klara hatte recht. Für einen Moment vergaß sie alles in ihrer Kränkung, sogar Klara. Irgendwann war aus ihren Worten eine Peitsche geworden, die alles traf. Wann war sie so geworden?

Sie hatten sich im zweiten Unijahr kennengelernt. Mareike war in Eile, prallte im Flur in einen lang aufgeschossenen, schüchternen Kerl. Seine Brille zerschellte, sie murmelte nur ein hastiges Entschuldigung, dann rannte sie weiter zum Prüfungssaal.

Sorry! war das Letzte, was sie rief, und schaffte es in letzter Sekunde hinein.

Sie bestand mit einer Eins, verließ das Gebäude tanzenddann, endlich: Sommer, Semesterferien, Mecklenburgische Seenplatte!

Der schmächtige Brillenträger wartete unten, blinzelte sie an und lächelte.

Na, Schnellzug, hast du wieder einen engen Fahrplan?

So nannte er sie dann immer: “Mein kleiner Dampfzug.” Besonders, wenn sie beleidigt war.

Du schnaufst so süßda kann ich gar nicht böse sein!

Und alle Schwestern kicherten, als er im Kreißsaal rief:

Nicht schnaufen, Dampfzug! Pressen!

Wann hatte er aufgehört, sie so zu nennen? Wann wurde aus Lächeln Streit?

Mama?

Was denn, Liebes?

Seid ihr so traurig miteinander? Bist du verletzt?

Mareike spielte mit Klaras Locken. Klares Haar war ganz nach dem Vater: goldblond und unbändig.

Hauptsache nicht meine dünnen Haare! hatte sie oft zum Mann gesagt.

Unsinn, deine Haare sind toll!

Friseurin und Schnitt sind super. Stell dir vor, wenn Klara mal meine Mähne kriegt. Und mit deinen Augen! Die Jungs werden verrückt!

Sie bekam wirklich was sie wollte: wildes Weizenhaar und meerblaue Riesenaugen. Klara war schon jetzt hübsch. Mareike lächelte bei dem Gedanken. “Das Wichtigste ist, den richtigen Mann zu wählen”, hatte ihre Mutter immer gesagt. Inger war ein toller Vaterder Beste! Für ihn war Klara das Größte. Das war es, was sie ärgerte: Dass nicht sie, sondern Klara das Zentrum seiner Welt war.

Sie erinnerte sich, wie Inger sie zur Seite schob und direkt nach Klara fragte:

Wo ist meine Prinzessin! Da bist du ja! Ich habe deine Lieblingsschokolade!

Nach dem Spielen sah er mit Kopfhörern Filme und bemerkte gar nicht, wie Mareike das Kind ins Bett brachte und die Wohnung aufräumte.

Er lachte und sang im Auto mit Klara, hörte dabei nie, was Mareike sagte. Hinterher musste sie immer alles wiederholen.

Und wenn Klara krank wurde, wurde er laut. Vor zwei Jahren schrie er sie das erste Mal an, als Klara hohes Fieber hatte und Mareike nach einer schlaflosen Nacht am Abend völlig mit den Nerven fertig war.

Glaubst du, ihr wird durchs Heulen besser? Reiß dich zusammen! Was für eine Mutter bist du?

Da hatte Mareike wirklich aufgehört zu weinen. Nicht weil es besser wurde, sondern weil etwas in ihr riss und sie sich schrecklich klein fühlte. Eine schlechte Mutter… Danach war alles um sie farblos, grau. Sie drückte ihre Lippen auf Klaras Stirn und merkte erst später, dass das Fieber gesunken war. Klara wurde gesundaber das Gefühl der Ohnmacht blieb.

Klara blickte ihre Mutter an und wartete. Keine Tränen mehrZeit für Papa.

Ich geh mal zu Papa.

Klara schlüpfte aus dem Badezimmer.

Weine nicht mehr, ja?

Mareike antwortete nicht, sondern betrachtete ihr Leben mit Inger in Gedanken wie auf einer Perlenkette. War wirklich so vieles schlecht geworden? Und was war gut?

Natürlich gab es Schönes. Ihr Leben vor der Hochzeit, die Art, wie Inger sie am Anfang ansah, wie seine Augen hinter der Brille verdunkelten, wenn sich ihre Blicke trafen.

Warum guckst du so?

Weil du wunderschön bist! Und ich frage mich nur…

Was denn?

Warum ich?

Warum ich dich gewählt habe?

Genau.

Du bist aber auch nicht ohne! Sie versuchte zu scherzen, aber sobald dieser Glanz in seinen Augen verschwunden war, verstummte sie. Du bist der Beste…

Dann strahlte er wieder, und alles war gut.

Warum wusste sie damals so sicher, was sie sagen wollte? Aber heute nicht mehr?

Klaras Geburt, ihre ersten Schritte, ihr erstes Wort, der erste gemeinsame Urlaub. Eine geglückte Rückkehr in den Job, als er ihr sogar einen Kuchen backteobwohl er normalerweise einen Bogen um die Küche machte. Sie haben den Kuchen nie aufgegessen, weil er so süß war, dass es sie fast zum Weinen brachte, als sie den Rest entsorgen musste.

Ich mach dir noch einen, heul nicht. Diesmal wird er besser. Oder wir machens wie bei den Königen und bewahren das Stück hundert Jahre im Schrank auf…

Oder als sie die Wohnung kauften: Sie saßen am Boden, weil das Geld für Möbel fehlte, und feierten mit einem Glas Sekt, während Klara auf der Luftmatratze schlief.

Da brauch ich wohl auch noch eine zweite Tochter, lachte Inger und nahm sie in den Arm.

Noch eine?

Willst du etwa bei einem Kind bleiben?

Mal sehen…

Ich weiß ja schon, aber ein Haus haben wir noch nicht. Also, zwei Zimmerdas reicht fürs Erste.

Das zweite Kind kam nie. Woran es lag, wussten die Ärzte auch nicht. Erst sorgte sie sich, dann ließ sie es bleiben. Sollte es sein, dann käme es. Mit der Zeit wurde die Luft dicker. Erst kleine Sticheleien, dann immer massivere Spannungen, bleischwere Sätze hängten zwischen ihnen und füllten die enge Wohnung. Hätte Klara ihr vom Dornenstrauch erzählt, hätte sie erstaunt zugenickt.

Mareike drehte den Wasserhahn auf und kühlte ihr Gesicht ab. Schluss! Gutes, Schlechtesman könnte ewig zählen. Klara hatte recht. Wenn Kränkung das Zusammenleben vergiftet, muss man eine Entscheidung treffen.

Sie stellte sich kurz vor, Inger wäre nicht mehr da. Dass er nie wieder käme, ihre Tochter nicht mehr abends umarmte… Ein Schauer lief ihr über den Rücken.

Klara tappte leise in die Küche. Ihr Vater saß, dem Fenster zugewandt.

Papa?

Klarchen! Warum schläfst du denn nicht?

Ist noch früh! Klara kletterte auf seinen Schoß. Ihr habt gestritten…

Entschuldige.

Warum?

Wir haben uns gestritten?

Ja.

Ich weiß nicht, wie das passieren konnte.

Bist du auch böse auf Mama? Klara betrachtete sein Gesicht. Sie hätte früher alles aussprechen sollen. Stattdessen saß sie immer nur mit Brösel da. Als sie und Anna sich stritten, holte Frau Becker sie beide, ließ sie alles erzählen und fragte dann: Ist es gut, wenn ihr nicht mehr Freundinnen seid?

Mama hat gesagt, sie ist böse, ja? Inger roch an Klaras Haaren, so vertraut.

Nein, ich weiß das auch so.

Woher nur?

Wenn ihr euch lieb habt, umarmst du Mama. Dann lacht sie. Wenn du böse bist, schreist du. Stimmt das?

Inger betrachtete sie.

Du bist wirklich schon groß.

Hat Mama auch gesagt.

Und sonst?

Sie liebt dich. Und mich.

Klara sah, wie sich das Gesicht ihres Vaters veränderte, wie der Ärger aus den Falten wich. Zufrieden kletterte sie herunter.

Ich geh zu Brösel, ja? Allein sein mag er nicht.

Klar, geh nur Inger blickte ihr nach, nachdenklich. Wann hatte das angefangen mit den Streits, den Worten, die alles wie eine Mauer machten? Es passierte einfach. Erst die Geburt, dann wurde Mareike zurückhaltender. Klar, ein Kind braucht Aufmerksamkeit. Aber warum war die Wärme verschwunden? Früher war sie weich und freundlich wie ein Frühlingssonnenschein. Dann war sie plötzlich schroff, diskutierte auch Kleinigkeiten gleich gereizt oder wütend. Er glaubte ständig, falsch zu sein. Kein Lächeln mehr, das er früher so vermisst hatte. Mareike öffnete kaum noch mit Freude die Tür, presste die Lippen zusammen, wenn er sie küsste. Er begann, alles auf Klara zu konzentrieren, um jeglichen Streit zu vermeiden.

Fehler von ihmdas wusste er. Er erinnerte sich noch genau an den Tag, als Mareike weinend mit der fiebernden Klara saß und ihm die Kraft fehlte, sie zu trösten. Dann hatte er auf sie geschrien. Noch immer schämte er sich deswegen. Nach diesem Satz Uns verbindet nur Klara. Ohne sie… war zwischen ihnen alles anders geworden. Mareike verließ das Zimmer und sprach seitdem nur noch das Nötigste mit ihm. Es blieb das Gefühl, dass sie wie Nachbarn lebten. Die einzige Verbindung war Klara.

Er dachte daran, was seine Mutter ihm einst gesagt hatte. Da war er fünfzehn, und wollte wissen, wie man sich Mädchen gegenüber verhält.

Übernimm Verantwortung, das schätzt jede Frau.

Und wenn sie Schuld hat?

Denk darüber nach, was du selbst hättest tun können, dass sie sich abwendet. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber in Beziehungen tragen am Ende beide Schuld oft mehr der Mann.

Warum?

Weil Frauen selten die Führung übernehmen. Sie folgen. Besonders in der Familie. Gib ihr Wärme, Geborgenheit dann geht es auch dir gut. Aber sie ist kein Arbeitspferd.

Was meinst du?

Manche Männer denken, wenn die Frau alles ohne Klage schultert, sei alles gut. Aber das ist es nicht. Freie Hände für deine Frau, wenigstens eine Stunde am Tag, das ist der Garant für dein Glück. Und wie du deine Frau nach der Hochzeit behandelst, das macht den Unterschied.

Inwiefern?

Sie ist am Anfang das Wertvollste für dich. Später wird sie Alltag aber sie erinnert sich an alles, was vorher war. Denk immer daran.

Mama, wieso redest du von Familie ich will doch gar nicht heiraten.

Mag sein, aber eines Tages wirst du mir danken.

Inger lächelte in die Dunkelheit.

Danke, Mama…

Noch eine Weile stand er in der Küche, dann holte er tief Luft, öffnete den Kühlschrank und suchte nach der Milch.

Klara konnte nicht einschlafen. Sie lag mit einem Arm um Brösel, den anderen um Mama, die schon lange schlief. Ihr Gesicht war erschöpft und traurig, eine neue Falte zwischen den Brauen. Gab es die früher? Klara streichelte die Falte glatt, Mama seufzte im Traum und sie verschwand. Klara umarmte sie, seufzte. Morgen sollte bitte ein freundlicher Tag werden. Sie hatte diesen Spruch oft gehört, aber meistens waren es nur Worte gewesen. Sie kniff die Augen zu und wünschte es sich ganz fest.

Den Wecker im Elternschlafzimmer hörte Mareike am nächsten Morgen nicht. Sie sprang auf, schaute auf den kleinen Katzenwecker, der bei Klara hing, und erschrak. Zu spät für den Kindergartenund wohl auch für die Arbeit. Gut, dass heute keine wichtigen Termine anstanden. In der Küche klimperte ein Löffel, und Mareike runzelte die StirnInger war noch da. Überraschend. Leise, damit Klara nicht aufwachte, ging sie ins Bad. Sie hoffte, Inger würde vorher gehen, sodass sie heute noch Zeit hätte zum Nachdenken bevor sie ihm begegnete. Doch als sie in die Küche trat, stand er am Herd und kochte Kaffee.

Morgen… Er drehte sich um, rote Augen, tiefe Schatten darunter.

Mareike wollte etwas erwidern, blieb aber am Tisch stehen: Dort stand ein Kuchen mit krummen Butterrosen, eindeutig selbst gemacht. Was sollte das? Wenn Inger ihn gebacken hatte, dann musste er die ganze Nacht daran gearbeitet haben. Er hatte sogar die Spritztüllen gefunden, die sie monatelang gesucht hatte.

Sie sah ihn an. Er trat auf sie zu.

Es tut mir leid, Mareike. Es tut mir leid für alles. Ich war ein so unaufmerksamer Mann. An all dem bin ich schuld. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Du und Klara. Ohne dich gäbe es uns nicht. Ich weiß, ich kann nicht alles wieder gut machen, aber… vielleicht denkst du wenigstens darüber nach?

Mareike sah ihn lange an und trat dann näher heran, legte ihm eine Hand auf den Mund.

Wir nehmen uns beide nichts. Ich muss wirklich nachdenken. Über vieles.

Lange?

Bestimmt noch sieben Monate.

Inger starrte sie verwundert an, verstand nicht sofort.

Was schaust du so? Ja, du hast richtig verstanden.

In diesem Moment kam Klara mit Brösel auf dem Arm in die Küche, rieb sich die Augen.

Habt ihr euch wieder vertragen?

Die Eltern sahen sich an.

Wow! Und warum steht da ein Kuchen? Gibts den jetzt schon zum Frühstück?

Heute darf alles sein! Inger zog Mareike an sich und flüsterte: Ich liebe dich. Gib mir eine neue Chance.

Du mir auch, flüsterte Mareike und wandte sich an Klara: Aber ungewaschen gibts keinen Kuchen!

Bin gleich zurück! Klara setzte Brösel auf einen Stuhl. Zwei Stücke bitte, für uns beide.

Bären essen keinen Kuchen.

Dann muss ich eben helfen.

Jahre später spaziert Mareike durch den Park, schiebt einen Buggy und eilt zur Schule, um Klara abzuholen. Kleiner Jonas wird wach, quengelt leise und klammert sich an sie. Doch warme, vertraute Hände umarmen sie von hinten.

Gib her, Inger nimmt seinen Sohn und nickt ihr zu: Wir warten hier.

Mareike lächelt und geht zur Schule. Morgen beginnen Klaras Ferien, die Fahrkarten sind gekauft, Koffer gepackt, Jonas wird zum ersten Mal das Meer sehen. Sie denkt zurück an die drei letzten Jahrewie schwer vieles war. Ihre Versuche, die Beziehung zu retten, ihre Auszeit mit Klara bei den Großeltern, die Versöhnung, zu der Schwiegermutter Helene viel beigetragen hatte, ihren Abschied nach schwerer Zeit, Jonas Geburt, seine ersten Schritte und Zähne und wie er statt Mama als Erstes Papa sagte.

Klara bei ihrer ersten Einschulungernst und ein bisschen ängstlich, fast so weiß wie ihre Schleifen, aber dann lief sie stolz ins Klassenzimmer.

Mama!

Klärchen! Mareike schloss sie in die Arme. Und, wie liefs?

Am besten! Frau Hartmann hat gesagt, nur Anna und ich sind perfekte Schülerinnen.

Großartig! Die Mutter lächelte.

Und Papa? Jonas?

Sie warten im Park.

Gut. Und Brösel?

Natürlich nehmen wir Brösel mit! Mareike lachte. Er sitzt im Wagen.

Klara atmete erleichtert auf. Jonas hatte sie ihren liebsten Brösel geschenktmit einem Bruder teilt man das Beste. Trotzdem vermisste sie ihn heimlich, das konnte sie nur der Mama gestehen.

Als sie im Park ihre Eltern mit Jonas sah, wie sie sich lachend den kleinen Bruder zureichten und liebevoll stritten, beugte sich Klara zu Brösel, den sie im Wagen schob, und flüsterte:

Glaubst du, jetzt bleibt alles gut?

Brösel schaute sie mit runden Knopfaugen an und schwieg. Doch Klara war sich sicher, dass sie die Antwort auf ihre Frage in seinem Blick erkannt hatte.

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Homy
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