35 Jahre lang war ich Vorsitzende der Medizinischen Begutachtungskommission und entzog ohne Zögern Menschen die Anerkennung als Schwerbehinderte, wenn ich der Meinung war, dass sie arbeiten könnten. Ich war stolz darauf, das Geld des Staates zu sparen. Doch als mein Ehemann einen Schlaganfall erlitt und meine eigenen Kolleginnen ihm mit einem Lächeln die Windeln verweigerten Er kann doch noch den Arm bewegen! , begriff ich, dass ich mein Leben lang ein Kettenhund eines Systems war, das Alter und Schwäche verachtet.
In unserem Land wird dir ein Behindertenstatus nicht einfach zuerkannt du musst ihn dir hart erkämpfen, als müsstest du nachweisen, dass du fast schon tot bist. Und ich war jahrelang jene Wand, an der sich Menschen ihre letzte Hoffnung abschlugen.
Mein Name ist Brigitte Schuster. Ich bin achtundsechzig Jahre alt. Bis zum letzten Jahr war ich Leiterin der medizinisch-sozialen Begutachtung im Bezirksamt einer großen Stadt sagen wir Stuttgart. Tausende Menschen gingen durch mein Büro: Beinamputierte, Blinde, Krebskranke, Diabetiker.
Mein Ruf war der einer harten Frau aus Stahl. Ich kannte alle Tricks, durchschaute alle Simulanten. Ich erkannte diejenigen, die nur wegen Wohnvorteilen oder einer höheren Rente eine Einstufung beantragten.
Mein inoffizieller Auftrag von oben war klar, auch wenn man ihn nie laut aussprach: Haushaltsmittel schonen. Weniger anerkannte Schwerbehinderte mehr Prämien für die Leitung.
Ich stufte Menschen herunter, denen mehrere Finger fehlten. Ich sagte ihnen direkt ins Gesicht:
Sie haben ja noch die andere Hand. Sie könnten als Pförtner arbeiten oder das Telefon bedienen. Der Staat trägt nicht die Verantwortung, Sie zu versorgen. Wir nehmen Ihnen die zweite Gruppe ab, geben Ihnen die dritte arbeiten Sie! Nächster bitte!
Ich verweigerte Müttern von Kindern mit zerebraler Lähmung teure Spezialrollstühle und verschrieb sie stattdessen auf billige Modelle aus deutscher Produktion, in denen die Kinder unter Schmerzen schrieen. Meine Argumentation:
Das sind unsere Vorschriften. Die deutschen Produkte sind nicht schlechter. Das muss man eben ertragen.
Ich schlief mit reinem Gewissen. Ich war überzeugt davon, ein Staatstreuer zu sein: Ein Schutzschild gegen Trittbrettfahrer. Meine Bezahlung war gut, das Lob der Vorgesetzten sicher, ich hatte einen Dienstwagen und ein gemütliches Haus.
Bis das Schicksal mich einholte.
Ein Schlag und alles war vorbei.
Mein Mann, Hans, war neunundsechzig. Ein starker, lebensfroher Mann, jahrzehntelang Ingenieur in einem Werk. Wir wollten in Rente gehen, ein Haus auf dem Land kaufen und uns um die Enkel kümmern.
Alles änderte sich an einem sonnigen Julimorgen im Schrebergarten massiver ischämischer Schlaganfall.
Als ich in die Intensivstation stürmte, wich die Ärztin meinem Blick aus.
Frau Schuster, Sie sind ja selbst Medizinerin, Sie wissen… Die rechte Seite ist völlig gelähmt. Der Schluckreflex ist gestört. Sprechen kann er nicht mehr. Er wird überleben, aber das ist eine tiefe Behinderung.
Nach einem Monat holte ich Hans nach Hause. Mein starker, stolzer Mann war zu einem hilflosen Kind im Körper eines großen Mannes geworden. Er lag im Bett, starrte mit einem lebendigen Auge an die Decke, aus dem Mundwinkel lief Speichel.
Es begann die Hölle, die jede Frau kennt, die einen Pflegefall zu Hause betreut. Alle zwei Stunden wenden, um Druckstellen zu verhindern. Windeln wechseln. Mit der Spritze pürierte Suppe füttern. In zwei Monaten nahm ich zehn Kilo ab, ruinierte meinen Rücken und verlernte, länger als drei Stunden am Stück zu schlafen.
Das Geld reichte vorne und hinten nicht. Hans Rente ging für eine Pflegekraft drauf, wenn ich arbeiten musste, und für Medikamente. Wir brauchten die Pflegestufe 1 und eine individuelle Pflegehilfsmittelversorgung sprich: kostenlose Windeln, eine Antidekubitusmatratze und ein Pflegebett.
Ich sammelte alle Unterlagen zusammen und ging zum Amt. Zu meiner eigenen Behörde ins Nebenzimmer.
Doch nun saß ich auf der anderen Seite des Tisches.
Die Sitzung leitete meine frühere Stellvertreterin, Karin Hoffmann. Eine Frau, die ich selbst zum Durchgreifen erzogen hatte.
Ich schob Hans im geliehenen Rollstuhl in das Büro.
Karin blickte über ihre Brille. In ihren Augen war kein Mitleid, sondern derselbe kühle, prüfende Blick, den ich selbst 35 Jahre lang den Antragstellenden zugeworfen hatte.
Sie trat zu Hans, bat ihn, den linken, gesunden Arm zu heben. Mühsam hob er ihn zitternd.
Sehen Sie, Brigitte, da ist doch noch eine Verbesserung zu erkennen. Die linke Seite funktioniert, Reflexe sind da.
Karin, er macht in die Windeln! Er kann nicht sprechen! Wie soll das eine Verbesserung sein? Wir brauchen die höchste Pflegestufe und die Matratze, die Druckstellen kommen schon! Meine Stimme war kaum hörbar.
Karin seufzte und lächelte herablassend. Genau wie ich es früher tat.
Brigitte, Sie kennen doch die Richtlinien. Pflegegrad 1 kriegt man nur bei völliger Hilflosigkeit. Ihr Hans kann sich immerhin mit der linken Hand einen Löffel an den Mund führen. Das gilt als Teilselbständigkeit. Wir stufen Sie auf Pflegestufe 2 ein.
Und die Windeln? Meine Stimme zitterte. Ich brauche fünf Stück pro Tag! Unsere Rente reicht dafür nicht!
Laut Gesundheitsministerium stehen bei Stufe 2 drei Windeln täglich zu. Die Matratze gibt es erst später. Sie müssen schon rechtzeitig umdrehen, Brigitte. Unser Etat ist nicht grenzenlos das haben Sie mir selbst beigebracht. Nächster bitte!
Der Boomerang.
Ich schob meinen Mann hinaus auf den Flur.
Dort saßen dutzende Menschen. Alte mit Gehstöcken. Frauen ohne Haare nach der Chemotherapie. Mütter mit Kindern im Rollstuhl. Sie saßen stundenlang in einem stickigen Flur, um diesen kühlen Damen im Kittel zu beweisen, dass sie wirklich leiden. Dass sie leben wollen.
Ich blickte sie an und plötzlich erinnerte ich mich an jeden einzelnen.
An den alten Afghanistan-Veteran ohne Bein, dem ich das Rezept für eine gute Prothese aus deutscher Herstellung verweigerte, Sie sind doch eh nicht mehr der Jüngste, unsere deutsche reicht fürs Laufen in der Wohnung. Er weinte damals in meinem Büro.
An die Frau mit Krebs im Endstadium, der ich eine geringere Pflegestufe gab Sie können doch noch zu Hause nähen, Krebs ist heutzutage behandelbar. Sie starb zwei Monate später.
Da begriff ich, dass ich nicht das Staatsgeld gespart hatte. Ich hatte alten Menschen ihre Würde genommen. Ich war ein kleines Rädchen in einer gefühllosen Maschine, die Kranke dazu zwingt, sich für ihre Not zu schämen.
Und nun zermalmte diese Maschine mich.
Ich ging auf die Knie vor Hans Rollstuhl. Mein Ehemann, mein starker, schöner Hans, der mich früher auf Händen trug, saß sabbernd da. Sagen konnte er nichts. Aber sein lebendiges Auge blickte mich an. Darin stand eine einzelne, bittere Träne. Er hatte alles verstanden. Er wusste, dass er abgeschrieben war. Dass sein Leben und die Steuern, die er vierzig Jahre lang gezahlt hatte, offenbar weniger wert waren als eine Windel mehr.
Verzeih mir, Hansi, schluchzte ich, den Kopf auf seine Knie legend, mitten in diesem düsteren Flur. Verzeihen Sie mir alle. Herrgott, verzeih mir.
Am Tag danach reichte ich meine Kündigung ein. Ich verzichtete auf meine Beamtenpension und ging im Streit.
Ich verkaufte unser Auto, kaufte Hans ein gutes Pflegebett und eine hochwertige Matratze aus deutscher Produktion. Die Windeln bezahle ich aus eigener Tasche.
Aber ich tat noch mehr.
Heute arbeite ich unbezahlt. Ich bin eine ehrenamtliche Sozialberaterin für Schwerbehinderte.
Tag für Tag begleite ich alte und kranke Menschen zu diesen gefürchteten Kommissionen. Ich kenne jede Anweisung, jeden Trick, jedes von den Sachbearbeitern versteckte Ministeriumsschreiben.
Wenn mal wieder eine eiserne Lady einer alten Dame nach dem Schlaganfall Windeln verweigert, lege ich die Gesetzestexte auf den Tisch, drohe mit einer Anzeige und erkämpfe Rollstühle, Pflegehilfen, Medikamente. Ich schlage das System mit seinen eigenen Waffen.
Mein Hans wird wohl nie wieder aufstehen. Die Ärzte sagen, seine Zeit ist begrenzt.
Doch jedes Mal, wenn ich für einen fremden alten Mann die Pflegestufe 1 und Hilfsmittel erkämpfe, komme ich nach Hause, setze mich zu meinem Mann ans Bett, nehme seine warme, willenlose Hand und sage:
Heute haben wir wieder jemanden gerettet, Hansi.
Und ich glaube, er lächelt dann sogar ein wenig.
Wir leben in einer harten Welt, in der Alter und Schwäche als Makel gelten. Doch eines Tages läutet diese Glocke für jeden von uns. Keine Position, kein Name schützt dich vor Schlaganfall oder Krebs.
Wenn du heute den Schwachen Mitgefühl verweigerst, wunder dich morgen nicht, wenn das System dich achtlos übersieht.
Haben Sie selbst schon mit Härte und Bürokratie bei der Anerkennung einer Behinderung für sich oder einen Angehörigen gekämpft? Warum, glauben Sie, verlieren Menschen mit ein wenig Macht so schnell ihre Menschlichkeit ist es die eigene Wahl, oder sind sie doch nur Opfer eines herzlosen Systems?
Denn eines ist sicher: Wirkliches Mitgefühl ist das Fundament einer menschlichen Gesellschaft.




