Du, ich muss dir unbedingt was erzählen! Also stell dir vor: Das war in einem von diesen schnieken Glasbüros in der Frankfurter Bankenmetropole, weißt du? Alles hochmoderne Technik, überall Anzugträger und knallharte Entscheidungen halt so richtig “German Business Class”.
Und mitten in diesem edlen Konferenzraum war diese junge Frau, Theresa hieß sie, mit ihrer dunkelblauen Reinigungskraft-Uniform. Hände in Gummihandschuhen, das Haar ordentlich zum Dutt gebunden, ist sie da ganz ruhig die Glaswände entlang, bewaffnet mit ihrem Putzlappen. Drinnen, auf der anderen Seite der Scheibe? Zwei Geschäftsführer vom Allerfeinsten: Lennart und Benedikt. Die standen gerade über diesen Riesenbildschirm gebeugt lauter komplizierte Finanzdiagramme und wirtschaftliche Hochrechnungen, du kennst das. Für die Jungs gings nur ums große Geld.
Plötzlich schaut der Lennart zur Theresa rüber und dann, kein Scherz, flüstert er ziemlich laut zu Benedikt:
Sei mal entspannt, wegen Datenschutz. Hier schaffen Leute, die für den Reinigungsjob grad mal den Hauptschulabschluss haben. Die peilen eh nichts von solchen Zahlen.
Und dabei zieht er noch so richtig überheblich die Augenbraue hoch.
Der Benedikt grinst und winkt ab, wie nach dem Motto “Die stört hier so oder so nicht”.
Und weißt du, wie Theresa reagiert? Sie ist für einen Moment stehen geblieben, hat tief eingeatmet und dann ihren Lappen ganz langsam ausgedrückt. Halt, was die beiden nicht wissen: Theresa hat ein Studium in angewandter Mathematik an der Uni Heidelberg, aber nach ein paar harten Schicksalsschlägen ist sie halt fürs Erste als Putzhilfe eingestiegen, einfach weils sein musste. Also, statt sich das zu bieten zu lassen, geht sie ganz ruhig, aber bestimmt in den Raum, mit richtig fester Stimme, keine Spur von Angst.
Sie nimmt sich einfach den roten Filzstift und kringelt auf deren wichtigen Flipchart eine Variable ein. Anguckt den Lennart, schaut ihm direkt in die Augen und sagt:
Wenn ihr die Marge bei fünf Prozent lasst, kann eure Firma euch spätestens Freitag Adieu sagen. Probierts besser mal mit sieben Komma zwei Prozent.
Im Raum konntest du echt die Luft schneiden. Beide, Lennart und Benedikt starren sie an, komplett entgeistert. Lennarts Gesicht wechselt von rosigem Selbstbewusstsein auf einmal zu kalkweiß. Schaute erst auf die Berechnungen, dann auf Theresa, dann noch mal auf den Flipchart und dann hat er geschnallt: Da war wirklich ein dicker Rechenfehler!
Theresa legt ganz ruhig den Stift auf den Tisch, gibt noch son trockenes, fast schon amüsiertes Lächeln ab und sagt:
Einen schönen Tag noch, meine Herren. Ich hoffe, Sie haben immerhin den Realschulabschluss gemacht.
Und dann dreht sie sich um und verlässt den Raum wortlos und ehrlich gesagt maximal souverän. Und du hättest sehen müssen, wie die beiden Chefs auf ihren Stühlen hängen geblieben sind. Komplett platt, keine große Klappe mehr.
Und was denkst du? Keine Stunde später sucht der Lennart wie verrückt im ganzen Gebäude nach Theresa will sie direkt als Chefanalystin anstellen. Doch die war schon weg. Sie hat beim Empfang nur noch ihre Kündigung hinterlegt.
Weißt du, was ich denke? Man sollte nie jemanden nach der Uniform oder dem Job beurteilen. Wer weiß, ob die Person, die bei uns den Boden wischt, am Ende nicht mehr von Bilanzen versteht als der Vorstand selbst…





