Galina öffnete leise die Tür und trat ins Haus – wer weiß, vielleicht machen die Mütter gerade Pause… Aber weit gefehlt! Aus der Küche drangen laute Stimmen, die Mütter stritten schon wieder miteinander. Sie waren so in ihre Diskussion vertieft, dass sie Galinas Ankunft gar nicht bemerkten.

Waltraud öffnete leise die Tür und schwebte in die Wohnung, als wüsste sie, dass vielleicht die Mütter schlummerten Doch nichts da! Aus der Küche brandeten laute Stimmen, die Mütter fochten erneut einen Wortkrieg aus. So sehr waren sie vertieft in ihr Gezänk, dass sie Waltrauds Ankunft nicht bemerkten.

Mütter so nannte Waltraud ihre eigene Mutter, Hannelore Fichtner, inzwischen 82 Jahre, und ihre Schwiegermutter, Irmgard Krauß, noch ein wenig älter, bereits 84. Waltraud selbst war auch nicht mehr ganz jung 59, aber sie arbeitete weiterhin als Krankenschwester im Behandlungszimmer der Dorfgemeinschaftspraxis. Der heutige Tag hatte es in sich: Arbeiter beider Hallen der Kleinstadtfabrik mussten durch die medizinische Untersuchung, jede Menge Blutabnahmen zum Test auf Syphilis. Waltraud träumte davon, Abendbrot zu essen und sich endlich auszuruhen, aber das Schicksal wollte es anders die Mütter trugen wieder mal ihren Kleinkrieg aus.

Vor drei Jahren war ihr Mann gestorben, die einzige Tochter lebte weit entfernt und kam nur selten. Deshalb nahm Waltraud das Angebot der Schwester gerne an, die Mutter zu sich zu holen. Kurz entschlossen fuhr sie in die Stadt und brachte Hannelore heim.

Bei der Schwester war nämlich die Tochter frisch verheiratet, das junge Paar noch mitten im Studium, und alle hausten nun gemeinsam bei den Eltern. In der Zweizimmerwohnung wurde es eng, während Waltraud mit ihrer großzügigen Dreizimmerwohnung allein war.

Die Mutter war sofort angetan: ein kleiner Fachwerkbau mit nur acht Parteien, die Wohnung modernisiert, im Erdgeschoss gelegen, sodass man jederzeit hinaus ins Freie konnte, um auf einer Bank zu verweilen. Allerdings, andere Damen ihres Alters gab es im Haus nicht zum Plaudern war niemand da.

Zwei Jahre lebten sie zu zweit, bis Anfang des folgenden Jahres auch die Schwiegermutter aus dem Dorf nachziehen musste. Sie war ganz alt und konnte in dem morschen Holzhaus nicht mehr alleine hausen. Von ursprünglich drei Kindern hatte sie alle überlebt.

Waltraud fand, gemeinsam hätten die beiden bestimmt mehr Spaß. Zum ersten Mal seit vielen Jahren ließ sie Irmgard gründlich durchchecken. Die Ärzte entdeckten Diabetes, verschrieben Tabletten, eine Diät und unterstützende Mittel fürs Herz.

Die beiden Mütter bekamen das große ehemalige Mädchenzimmer. Zunächst herrschte Frieden, aber keine Woche später begann das lustige Schauspiel. Es reichte schon, dass der Gehstock an der falschen Stelle stand beide gingen am Stock. Abends schnarchte die eine, die andere furzte leise und schämte sich. Klagen trugen beide stets zu Waltraud wohin sonst?

Um zu schlichten, überließ Waltraud Irmgard ihr Schlafzimmer und zog selbst ins Wohnzimmer. Der Frieden hielt nur kurz. Die alten Damen verließen ihre Räume und suchten Zank.

Hannelore hatte ihr Arbeitsleben als Köchin in der Betriebskantine verbracht, Irmgard als Melkerin auf dem Bauernhof.

“Du hast gut reden, dein Leben lang in der warmen Küche und hast umsonst gespeist und dich ordentlich rund gegessen. In den Kantinen habt ihr die Leute ausgetrickst, die Frikadellen hingen nur aus Brot zusammen, Fleisch kaum zu finden, und saure Sahne habt ihr mit Wasser gestreckt. Mir hätt’s dort gefallen! Ich war ab fünf Uhr früh im Stall”, pflegte Irmgard zu wettern.

“Und ihr habt vom Hof nie Milch gestohlen, was? Auch saure Sahne, die beste noch dazu! Mir hat das Kantinenleben gereicht: Da kamen tiefgefrorene Fleischhälften, die Hände bibberten beim Zerlegen, die schweren Töpfe schleppte niemand freiwillig. Du hättest halt was lernen und in die Stadt gehen sollen, anstatt dein Leben lang Kuhschwänze zu drehen”, konterte Hannelore.

So ging das Tag für Tag. Nach dem Streit schluckten beide Baldrian und griffen sich ans Herz. Waltraud hatte ernstlich Angst, dass sie sich noch im Eifer mit den Krücken verletzen könnten.

“Worüber geht heute euer Disput?” fragte Waltraud, als sie ins Geschehen platzte.

Endlich bemerkten die Mütter Waltraud.

“Sie hat zwei Pralinen gegessen, dabei darf sie das doch nicht! Du selbst hast gewarnt, dass sie ins Koma fallen könnte. Immer mampft sie Süßes und versteckt die leeren Papierchen unters Kopfkissen!”, klagte Hannelore über Irmgard.

“Und du? Hast das Glas mit der frischen Milch zerdeppert und die Scherben nicht hinterm Schrank weggeholt da liegen sie jetzt ein Leben lang”, konterte Irmgard.

“Also, meine Lieben! Meine Schwester hat angerufen, die jungen Leute ziehen bald aus. Mama, du gehst also bald zurück in die Stadt. Für Irmgard gibt es keine Alternative, ihr Häuschen verfällt komplett, sie bleibt bei mir. Es reicht, ihr bringt mich noch zur Verzweiflung, ihr müsst euch trennen”, schloss Waltraud ihren Monolog.

Stille senkte sich auf die Szene und die beiden Mütter verzogen sich in ihre Winkel. Drei Tage blieb es ruhig dann aber suchten beide das Gespräch und baten Waltraud, sie nicht auseinanderzureißen.

“Ich will nicht zurück in die Stadt, hier gehts mir so gut! Du gibst mir die Spritze, wenn ich sie brauche, und die Luft ist viel besser schick mich bitte nicht weg”, flehte Hannelore mit feuchten Augen.

“Wir hören wirklich auf zu streiten, Ehrenwort, glaub uns ein letztes Mal! Alleine wäre mir furchtbar langweilig ohne Hannelore, und ich fühlte mich schuldig”, bat Irmgard mit traurigem Blick.

Tatsächlich von da an stritten sie nicht mehr. Sie begriffen, dass es nichts zu teilen gab und dass das Leben für beide nie einfach war.

Fortan lebten sie friedlich zusammen, schauten endlose Serien im Fernsehen und erzählten abends Waltraud vom Gesehenen. Im Sommer saßen sie auf der Bank, ließen sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Und dann, eines Traums Endes würdig, verabschiedeten sie sich leise die eine kurz nach der anderen, im Abstand eines halben JahresManchmal hörte Waltraud abends das unterdrückte Kichern der beiden aus dem Schlafzimmer. Dann tuschelten sie über alte Feste, Liebschaften und Lieder, und Irmgard holte die Mundharmonika hervor, während Hannelore im Takt mit dem Gehstock auf dem Boden klopfte.

Eines Nachts, als draußen Regen auf das dunkle Fachwerkfenster trommelte, trat Waltraud noch einmal leise ins Zimmer. Dort lagen ihre beiden Mütter Seite an Seite eingeschlafen, die Köpfe dicht zusammen, wie Mädchen nach einem langen Plaudertag. Zwischen ihnen lag eine leere Pralinenschachtel, und auf Hannelores Schürze balancierte ein halbvolles Glas Milch. Irmgard brummte im Schlaf ein altes Volkslied.

Waltraud lächelte. Sie deckte ein wenig besser zu, schloss die Tür und spürte ein leises Glück in sich aufsteigen. In der Stille des Flurs wurde ihr klar: Liebe war keine Frage von Verwandtschaft; manchmal genügte es, die alten Wunden zu verbannen und miteinander zu lachen. Und auch wenn draußen der Regen nie ganz aufhörte in ihrem kleinen Haus war Frieden eingezogen, und keiner mochte ihn so schnell wieder hergeben.

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Homy
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Galina öffnete leise die Tür und trat ins Haus – wer weiß, vielleicht machen die Mütter gerade Pause… Aber weit gefehlt! Aus der Küche drangen laute Stimmen, die Mütter stritten schon wieder miteinander. Sie waren so in ihre Diskussion vertieft, dass sie Galinas Ankunft gar nicht bemerkten.
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