Tagebuch
Was für eine Woche! Noch immer hallen die letzten Ereignisse durch meinen Kopf, als ich diesen Eintrag beginne. Vielleicht hilft es mir, all das aufzuschreiben in der Hoffnung, innerlich zur Ruhe zu kommen.
Heute Abend war ich wieder fast die Letzte im Büro. Der leere Korridor des Hamburger Verwaltungsgebäudes wirkte im schwachen Licht fast schon heimelig. Nur meine leisen Schritte und das entfernte Summen des Aufzugs waren zu hören. Die Wanduhr zeigte zwanzig vor acht ich bin ganze zwei Stunden länger geblieben. Seltsam, es fühlt sich nicht einmal mehr wie eine Belastung an. Vielmehr überkam mich dieses angenehme Gefühl, das nur aufkommt, wenn ein großer Brocken geschafft ist: Mein Projekt, in das ich die letzten drei Monate so viel Energie gesteckt hatte, ist abgeschlossen.
Noch in Gedanken an die unzähligen Änderungen und Konflikte mit dem Auftraggeber, stellte ich mir ein Schmunzeln vor ein schwieriger Typ war da noch untertrieben. Heute so, morgen ganz anders; in jeder Besprechung neue Wünsche, jeden Tag ein kleines Chaos. Die Kollegen meinten schon im Spaß: Wenn du seinen Namen auf dem Telefon siehst, einmal tief durchatmen! Manche hatten schon das Muskelzucken von der Anspannung das war wirklich nicht ohne.
Doch jetzt ist dieses Kapitel endlich vorbei. Der Vertrag ist unterschrieben, der finale Bericht verschickt. Und bald schon kommt die Prämie, für alle im Team. Das fühlt sich wie Gerechtigkeit an.
Birgit, du bist immer noch da? Es ist doch schon fast Nacht!
Ich drehte mich um. Natürlich es war Malte. Der junge Kollege aus dem Nachbarteam, immer irgendwie in meiner Nähe. Mal taucht er in der Kaffeeküche auf, mal beim Kopierer oder fragt scheinbar zufällig nach fachlicher Meinung besonders, wenn sonst niemand in der Nähe ist.
Ich lächelte höflich. Nett ist er, gar keine Frage aber zwanzig Jahre Altersunterschied. Seine Versuche, mir näherzukommen, sind gut gemeint, aber irgendwie unbeholfen und kindlich? Ich schätze seinen freundlichen Umgang, aber warum gibt er nicht langsam auf? Er ist doch sonst so vernünftig, müsste längst verstanden haben, dass da nie mehr als die Arbeit sein wird.
Ja, ich musste noch etwas fertig machen, antwortete ich möglichst freundlich, aber sachlich. Das Projekt ist endlich durch.
Malte kam näher, steckte die Hände in die Jackentaschen und suchte meinen Blick. Seine Mischung aus aufrichtiger Sorge und der Hoffnung, das Gespräch in die Länge zu ziehen, war kaum zu übersehen.
Wow, Glückwunsch! Die Gerüchte stimmen also, der Kunde war wirklich na ja nicht ganz einfach. Aber trotzdem, du solltest nicht so spät noch hier rumlaufen!
Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Nicht ganz einfach, das war freundlich ausgedrückt. Aber jetzt, im Rückblick, war alles nur noch halb so schlimm. Ende gut, alles gut.
Jetzt kann der ganze Laden mal durchatmen, sagte ich und bemühte mich, neutral zu klingen. Keine emotionalen Missverständnisse bitte ein falsches Wort reicht; dann interpretiert er alles wieder als Ermutigung.
Kann ich dich nach Hause fahren? Dein Auto ist doch in der Werkstatt, oder?, sprudelte es aus ihm heraus. Seine Hoffnung war fast niedlich so offenherzig, wie ein junger Hund, der gerade darauf wartet, etwas Gutes zu tun. Die Vorfreude in seinem Blick war offensichtlich. Ich konnte nicht anders, als innerlich zu seufzen. Ach, Malte Du bist charmant auf deine Art, aber das hier geht zu weit.
Danke, aber ich habe schon ein Taxi bestellt, erwiderte ich, bemüht, höflich, aber klar zu bleiben. Ich machte einen Schritt zum Ausgang.
Doch er schob sich keck vor mich, hob die Hand abwehrend. Birgit, das ist nicht sicher! Ehrlich du weißt doch gar nicht, wer da fährt! Am Ende steht ein Krimineller da, oder Schlimmeres!
Kurz war ich wirklich überrascht von dieser Dramatik. Er meinte es ohne Zweifel ernst, aber diese Sorge war zu viel des Guten.
Malte, antwortete ich bestimmt, mir passiert schon nichts. Ich nutze die Taxizentrale seit Jahren und kenne meinen Fahrer.
Ich trat jetzt resoluter an ihm vorbei, aber er blieb hartnäckig: Bei mir wärst du sicher. Mein Wagen ist fit und ich fahre vorsichtig
Aber bei mir wartet jemand, den ich gut kenne und es wäre einfach unhöflich, ihn jetzt warten zu lassen. Ich bemühte mich, weder genervt noch zu warmherzig zu klingen. Ein bisschen Nachdruck war jetzt nötig.
Erst als ich entschlossen zum Ausgang ging, blieb er zurück. Ich spürte seinen Blick in meinem Rücken enttäuscht, verletzt, ein bisschen hilflos. Anders ging es aber nicht.
Auf dem Flur dachte ich darüber nach, wie kompliziert es ist, wenn man klare Grenzen setzen will, ohne jemanden bloßzustellen besonders, wenn der Vater dieses Kollegen der Finanzchef ist. Könnte ich einfach ehrlich sein und sagen: Du, hör auf mit den Avancen, es wird nie was. Aber dann ist da womöglich noch Ärger für die ganze Abteilung.
Diese familiären Bande In diesem Unternehmen war das alles. Sich mit dem Sohn des Chefs anlegen? Das wäre ein Risiko.
Für Malte ist jeder Korb ein Affront daran sieht man, was Eltern alles möglich machen. Er war es wohl nicht gewohnt, ein echtes Nein zu hören, zumindest privat. Seine Hilfsbereitschaft ist ja wirklich herzerwärmend, aber sie macht es nicht einfacher.
Draußen wartete schon das Taxi. Ich stieg ein, nickte dem bekannten Fahrer zu und hoffte, dass Malte diesmal nicht aus Neugier hinterherfährt, wie letztes Mal. Ich lehnte mich zurück, ein tiefer Atemzug und die Anspannung ließ langsam nach. Zuhause wartet endlich Ruhe. Morgen wird alles professionell, planbar und normal.
***
Das Betriebsjubiläum Wahnsinn, dass die Firma schon dreißig Jahre besteht. Das Restaurant an der Elbe war dekadent geschmückt, ein Lichtermeer, feine Speisen, überall Gläser Sekt. Heute war alle förmlich gelöst: Wenig von dem sonst so nüchternen Ton, überall Gelächter und kleine Späße.
Ich hielt mich zurück und beobachtete. Das Glas Wasser in der Hand, freundliche Gespräche mit einigen Kollegen, sonst wenig. Bis natürlich Malte wieder ins Blickfeld rückt.
Erst am Rand, dann kommt er immer näher, mit jedem Glas Wein etwas fordernder. Schließlich stellt er sich direkt zu mir, entschlossen, aber nervös, das Lächeln fahrig. Ich spürte, es würde anstrengend werden.
Ich habe es beschlossen!, rief er lauter als nötig. In einem Monat heiraten wir! Bei mir zu Hause, du steigst aus und wartest auf mich!
Mir verschlug es für einen Moment die Sprache. Meinte er das ernst? Ich suchte in seinem Gesicht nach einem Scherz, aber da war keiner nur entschlossene Ernsthaftigkeit.
Bevor ich reagieren konnte, wollte er mich umarmen und küssen. Reflexartig wich ich zurück, kippte fast das Glas um. Jetzt platzte mir endlich der Kragen.
Sag mal, bist du noch ganz bei Trost?! Was redest du da von Hochzeit? Meine Stimme war ungewohnt laut, alle drumherum wurden still. Ich hab zigmal gesagt, dass ich nicht interessiert bin. Wegen deiner blöden Verehrerei bin ich ständig Gesprächsthema! Willst du das nicht endlich kapieren?
Er wollte ansetzen, aber ich ließ ihn nicht: Lass es einfach! Wenn du mich nicht in Ruhe lässt, kündige ich! Ich suche mir was Neues mein Ruf ist mir wichtiger als deine Launen.
Ringsum herum viele erstaunte Gesichter, ein Murmeln ging durch die Menge. Aber ich sprach, was schon so lange auf meiner Seele brannte. Und es tat gut.
Malte stand ratlos, wie vor den Kopf gestoßen. Die Selbstsicherheit war verflogen, er stammelte, brachte keinen Ton mehr heraus.
Ich warf ihm noch einen letzten Blick zu: Überleg es dir gut. Dann ging ich Richtung Ausgang frei. Endlich! Noch immer pochte mein Herz, meine Hände zitterten, als ich in den dunklen Flur trat. Ich spürte, wie viel Wut sich in den letzten Monaten angestaut hatte.
Meine Kollegin Jana stand schweigend neben mir, als ich hervorbrach: Es nervt, alles zu erdulden, weil seine Mutter im Vorstand ist. Glaubst du ernsthaft, ich finde keinen anderen Job? Ich bekomme ständig Angebote! Aber stattdessen muss ich mir diesen Kram gefallen lassen
Da kam aus dem Hintergrund eine strenge Stimme: Du brauchst nicht gehen.
Frau Dr. Vogel, unsere Geschäftsführerin resolut wie immer, tauchte auf, ihr Blick streng, aber ehrlich betroffen.
Tut mir leid für meinen Sohn, sagte sie leiser. Das wird Konsequenzen haben. Schon morgen ist er in Bremen das hier reicht.
Fast im selben Moment aus dem Saal ein empörter Ruf: Hört auf, für mich zu entscheiden! Und da kam Malte nach, rot vor Wut. Ich will nicht ins Ausland! Und nein heißt bei mir nicht nein! Hörst du, Birgit? Das lasse ich mir nicht gefallen!
Ich wurde blass, die Anspannung kroch wieder hoch. Frau Dr. Vogel wandte sich streng an Malte und einen Sicherheitsmann, der diskret näher kam: Bitte bringen Sie ihn hinaus und direkt nach Hause.
Malte murmelte noch etwas Unverständliches, knallte die Tür, und plötzlich war alles still.
Frau Dr. Vogel wandte sich noch einmal an mich, nun mit spürbarer Erschöpfung in der Stimme: Es tut mir wirklich leid. Ich verspreche Ihnen, so etwas kommt nicht wieder vor.
Sie nickte uns zu und verschwand. Jana und ich standen im Halbdunkel und ließen die Szene Revue passieren kaum zu glauben, was da gerade passiert war.
***
Wenige Tage später daheim: Mama, ich habe mich verliebt!, rief Nele und hüpfte auf mein Sofa. Ihre Augen leuchteten, sie konnte sich kaum beherrschen vor Glück. Es tat so gut, sie so zu sehen. In letzter Zeit war sie oft nachdenklich, jetzt aber voller Leben.
Und wie heißt dieser tolle Kerl?, fragte ich gelassen, innerlich rührte sich Vorfreude aber auch ein merkwürdiges Gefühl.
Malte!, hauchte sie glücklich, ohne zu merken, wie ich bei diesem Namen zusammenzuckte. Er ist fantastisch, Mama, wirklich! Alle beneiden mich Er ist eine Rarität!
Langsam stellte ich meine Teetasse ab. Alles kam wieder hoch die peinlichen Avancen, die Auseinandersetzungen im Büro, dieser skandalöse Abend…
Und wann lerne ich ihn kennen?, fragte ich, äußerlich entspannt, obwohl mir das Herz schwer wurde.
Nächste Woche, beim Omas Geburtstag! Da sind alle da Papa, Verwandte, du. Wir reden sogar schon von Hochzeit
Innerlich krampfte es mich zusammen. Aber ich riss mich zusammen, durfte Nele nicht verunsichern. Ruhig und freundlich sagte ich: Das klingt schön. Freue mich, denjenigen kennenzulernen, der dich so glücklich macht.
Sie warf sich erneut um meinen Hals: Du bist die beste, Mama!
***
Samstags war Hochbetrieb im Landhaus meiner Mutter bei Lübeck. Großmutter Gerda stellte Waffeln her, es duftete nach frischem Streuselkuchen. Onkel, Tanten, Cousins, Freunde alle halfen. Kinder tobten im Garten, Erwachsene schmückten das Esszimmer und diskutierten das Menü.
Mittags saßen wir schließlich mit über dreißig Leuten im großen Raum. Die Stimmung war locker, alle redeten, lachten, es wurde angestoßen.
Doch Nele und ihr Freund ließen auf sich warten. Oma schaute immer wieder auf die Tür bis eine Nachricht kam: Sind unterwegs, fangt an! Also starteten wir mit einem Glas Sekt und ich hoffte insgeheim, dass alles unkompliziert bliebe.
Als das Essen in vollem Gange war, öffnete sich die Tür. Strahlend betrat Nele den Raum, an der Hand ihren neuen Freund. Und da war es, das böse Erwachen Malte. Genau der, der alles in Bewegung gebracht hatte, stand grinsend da, direkt auf mich blickend, offenbar wissend, wie sehr mich diese Situation schmerzte. Er genoss es offenbar, mich so in der Familie bloßzustellen.
Darf ich vorstellen, mein Verlobter, Malte! rief Nele glücklich.
Die Verwandten tuschelten und begutachteten das Paar. Ich war wie gelähmt. Dann sah Malte meine Reaktion, und sein Siegessicheres Lächeln wurde breiter. Ich wusste: Das war seine Rache. Über Nele wollte er mich endgültig herausfordern seine Demütigung von damals rächen.
Schön Sie kennenzulernen, ich, begann er, reichte Oma Gerda die Hand, doch in diesem Moment hielt ich es nicht mehr aus.
Ich sprang auf, wurde laut. Raus mit dir! Jens, bring ihn zur Tür und wirf ihn gleich raus! Das ist doch nicht zu fassen jetzt willst du dich über meine Tochter an mir rächen?!
Stille. Alle schauten bestürzt, Nele wurde blass, begriff noch nicht, wie alles zusammenhing.
Sie fragte fassungslos: Was meinst du, Mama? Was ist hier los?
Ich schnaubte, ignorierte alle Blicke: Das ist der Kollege mit dem peinlichen Auftritt beim Jubiläum! Deine Mutter, Frau Dr. Vogel hätte dich versetzen sollen und was tust du? Versuchst mich über meine Tochter zu treffen.
Malte war kreidebleich. Bevor er kontern konnte, meldete sich Nele: Echt jetzt? Malte, du hast versucht, meine Mutter rumzukriegen? Und dann mit mir?
Verlegen versuchte Malte, die Fassung zu wahren. Doch nun lachte mein Bruder Jens los, donnerte auf die Tischplatte: Den Kerl kenne ich wollte dich damals im ganzen Betrieb heiraten! Dachte, das wäre ein Spaß jetzt ist die Show komplett!
Das brach das Eis. Ein Lachen, das nicht mehr zu unterdrücken war, ging durch die Familie. Selbst Tanten und Cousins kicherten plötzlich los. Das ganze Drama war so absurd, dass irgendwann auch Nele mitlachen musste erst gegen ihren Willen, dann ehrlich befreit.
Malte stand inzwischen am Eingang, rot vor Wut und Scham, und verschwand wortlos, die Tür knallend.
Sein Racheplan war spektakulär gescheitert. Es blieb nur das Gelächter der Familie und die Gewissheit, dass man die Dinge auch mit etwas Humor nehmen kann.
Als sich das Lachen gelegt hatte, legte mein Onkel Jörg Nele tröstend den Arm um die Schulter: Mach dir nichts draus, Mädel. Den Richtigen findest du noch clever, liebenswert, und am besten mit weniger Drama.
Wieder helles Lachen, diesmal warm und ehrlich. Und so wurde aus einer Peinlichkeit ein Abend, an dem wir alle ein bisschen enger zusammenrückten und ich spürte, alles wird gut.





