Ich muss zum Arzt, aber sie nennen mich immer nur „Oma“…

Ich muss zum Arzt, und sie nennen mich Oma…

Oma, Sie sollten besser nicht in der Rushhour fahren, sagte ein junger Mann mit Kopfhörern, ohne Hilde Brandt auch nur anzusehen. Sie stören hier nur.

Sie stand am Haltegriff, eingekeilt zwischen fremden Rücken und Ellenbogen. Die Worte hallten so laut durch den Bus, dass jeder sie hörte. Ihr Herz zog sich zusammen, Sekundenlang dachte sie, sie bekäme keine Luft mehr nicht nur wegen der stickigen Wärme im vollen Bus, sondern wegen der Scham.

Stimmt, pflichtete ihm eine junge Frau mit Handy bei. Die bekommen Rabatte und fahren absichtlich zu Stoßzeiten. Sollten lieber daheim bleiben.

Hilde griff fester an das kalte Metall. Ihr Knie schmerzte, in der Brust stach es, und nun drehte sich auch noch alles im Kopf. Sie wollte etwas sagen, erklären, dass sie zum Kardiologen für neun Uhr bestellt war und nicht anders hingehen konnte. Dass sie die fünf Straßen bis zur Praxis nicht zu Fuß schaffen würde, wenn jeder Schritt so weh tut. Dass sie sich diese Gedränge nicht zum Vergnügen antut.

Aber kein einziges Wort kam über ihre Lippen. Sie senkte nur den Blick und versuchte, noch kleiner und unsichtbarer zu werden, als könnte sie sich in dieser Menge verärgerter Menschen auflösen.

Buslinie 47 zuckte an den Ampeln durch Mannheim. Die Stadt war gerade erst erwacht, und um acht Uhr waren die Busse überfüllt mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Hilde wusste das, fürchtete diese Fahrten im Berufsverkehr jedes Mal. Aber was tun, wenn der Termin beim Kardiologen nur um neun zu bekommen war und Frau Dr. Müller nur vormittags Sprechstunde hatte?

Gestern Abend hatte sie lange vorbereitet: Alle Unterlagen zurechtgelegt, die Versichertenkarte eingepackt, die letzten Arztbriefe aus dem Krankenhaus, zur Sicherheit auch Tabletten Nitroglyzerin, man weiß ja nie. Vor dem Schlafen stellte sie sich den nächsten Tag vor: Aufstehen um sechs, Waschen, Anziehen, Frühstücken. Um halb acht los, der Weg zur Haltestelle zieht sich, wenn jeder Treppenabsatz Kraft kostet.

Früher hätte sie sich keine Gedanken über so eine Fahrt gemacht. Sie war ja selbst jahrzehntelang arbeiten gewesen, früh aufgestanden, mit vollen Bussen gefahren. Damals war das anders. Damals machte jeder sofort Platz, wenn ein älterer Mensch zustieg. Niemand schaute so genervt, als sei man schuld, sich überhaupt auf die Straße zu wagen.

Wann hatte sich das gewandelt? Hilde fragte sich das oft. Vielleicht, seit sie vor acht Jahren in Rente ging. Vielleicht, als beim Einkaufen plötzlich misstrauische Blicke kamen, in der Schlange vorbeigedrängelt wurde, im Bus offenes Missfallen spürbar war.

Heute früh wurde sie vom Wecker aus einem leichten Schlaf gerissen. Draußen wurde es gerade hell. Sie rang sich aus dem Bett, das Knie tat schon die ganze Nacht weh. Kaltes Wasser ins Gesicht, in der Hoffnung, etwas wacher zu werden. Ein schwacher Tee, halbes Brötchen. Mehr ging nicht, der Magen war vor Aufregung zugeschnürt.

Im Treppenhaus traf sie ihre Nachbarin, Frau Seifert, die ihre kleine, mittlerweile ergraute Dackeldame führte.

Wohin denn so zeitig, Hilde? fragte sie und zog den Hund zurück.

Zum Kardiologen. Hab um neun einen Termin.

Da quälst du dich aber, seufzte Frau Seifert. Im Bus ist jetzt die Hölle los! Wäre es nicht besser, später zu fahren?

Nützt nichts, Termin ist um neun. Sonst müssen sie mir wieder einen Monat warten lassen.

Dann pass auf dich auf. Die Leute sind heut so grob. Gestern habe ich gesehen, wie man eine alte Dame im Bus angebrüllt hat, weil sie sitzen wollte. Dabei konnte die kaum auf den Beinen stehen.

Die Worte ließen Hilde nicht mehr los. Ihre Angst wurde noch größer. Aber sie hatte keine Wahl. Die Gesundheit ging vor. Das Blutdruckgerät zeigte schon seit Tagen schlechte Werte, das Herz stolperte. Frau Dr. Müller wollte neue Untersuchungen machen, vielleicht auch die Therapie ändern.

An der Haltestelle wartete schon eine kleine Gruppe Leute alle ins Handy vertieft, Kopfhörer in den Ohren. Fast nur Jüngere, fünfzehn Leute. Der Bus kam voll an. Als die Türen aufgingen, drängten die Menschen nach vorn. Hilde war die Letzte. Sie quetschte sich irgendwie hinein, klammerte sich an die Stange.

Die Ausgrenzung der Alten im Nahverkehr beginnt mit diesen Blicken, dachte sie. Diese Art, wie sie angeschaut wird, als gehöre sie gar nicht hierher. Als sei ihr Mitfahren während der Rushhour eine persönliche Zumutung für die Werktätigen.

Der junge Typ mit Rucksack und Smartphone neben ihr. Kompletter Fokus auf das Display. Der Bus scherte aus, Hilde wurde in ihn hineingedrückt.

Vorsicht, grummelte er, ohne hinzuschauen.

Entschuldigung, flüsterte Hilde.

Oma, Sie sollten nicht um diese Zeit fahren, sagte er, diesmal lauter, und warf einem Mädchen gegenüber einen Blick zu. Stören den ganzen Laden.

Und plötzlich war alles in ihr wie zugeschnürt. Es lag nicht nur an den Worten. Sondern daran, wie gleichgültig sie gesagt wurden. Als spräche er von Dingen, nicht Menschen.

Eben!, rief das Mädchen. Auf ihrem Handy flackerte Instagram. Die Alten sollen daheimbleiben, wenn sie schon Vergünstigungen kriegen.

Hilde merkte, wie ihre Augen brannten. Zwei Tränen liefen einfach so die Wange hinab. Sie wandte sich zum Fenster, tat so, als würde sie die Häuser draußen beobachten. Doch sie sah etwas ganz anderes: sich selbst, jung, vor dreißig Jahren. Wie sie Senioren schon aus Prinzip ihren Platz anbot. Wie sie ihren Sohn zur Rücksicht erzog. Wie sie sich schämte, wenn ein Junger saß und eine Oma stehen musste.

Was ist nur los mit der Welt? Wann haben die Menschen verlernt, einander als Menschen zu sehen?

Bitte, nehmen Sies nicht zu Herzen, hörte sie plötzlich eine leise Stimme. Eine Frau um die vierzig mit müdem Gesicht stand neben ihr. Nicht alle sind so.

Hilde nickte, brachte aber kein Wort heraus. Dankbarkeit und Tränen steckten fest.

Der Bus quälte sich durch den Verkehr. Stau. Noch eine Haltestelle. Noch mehr Leute. Es wurde unerträglich eng und heiß. Hildes Kopf schwirrte. Sie drückte sich fester an die Stange.

Gleich kippt die auch noch um, murrte einer von hinten. Müssen die immer dann fahren, wenns am vollsten ist?

Sie schloss die Augen, zählte bis zehn, dann noch einmal. Atmete langsam, wie sie es in der Reha gelernt hatte. Durch die Nase ein, länger aus.

Busfahrten sind für Senioren nicht wegen Hitze so belastend sondern wegen dem Gefühl, unerwünscht zu sein. Eine Last zu sein, die eigentlich kein Recht mehr auf Platz in der Gesellschaft hat.

Drei Stopps noch bis zur Praxis. Hilde denkt an das, was sie Dr. Müller erzählen will: Blutdruck, das Herz zuletzt unruhig, die Atemnot sogar in der Wohnung.

Doch ihre Gedanken kehren immer wieder zu den Worten des jungen Mannes zurück. Oma!. Wann war sie für andere zur Oma geworden und nicht mehr einfach Hilde Brandt, ein Mensch mit Namen, einer Lebensgeschichte, einem Recht auf Respekt?

Sie dachte an ihre Mutter. Auch die musste mit dem Bus fahren. Damals gabs immer jemanden, der sagte: Setzen Sie sich ruhig. Es war eine Frage der Ehre, Älteren zu helfen.

Und heute? Heute schämt man sich, im Berufsverkehr einen Bus zu betreten, wenn man schon über sechzig ist.

Der Bus ruckte. Hilde wurde nach vorn gestoßen, jemandem in die Seite gerempelt.

Mann, können Sie nicht steht bleiben?, zischte eine Frau.

Hilde schwieg. Was sollte sie erklären: Dass das Gleichgewicht schwer fällt, wenn das Knie schmerzt? Dass jeder Ruck ein Risiko ist, zu stürzen?

Endlich ihre Haltestelle. Hilde schob sich langsam nach vorn, mühsam ließ man sie durch.

Beim nächsten Mal bitte rechtzeitig vorgehen, keifte eine Frau mit Plastiktüten.

Entschuldigung, flüsterte Hilde.

Der Ausstieg glich einem Hürdenlauf. Die hohe Stufe. Ihr Bein zitterte, sie fing sich am Geländer. Die Bustüren klappten sofort zu als wolle man sie schnell wieder loswerden.

Einen Moment stand sie auf dem Gehsteig, atmete schwer. Die Knie zitterten. Die Schläfen pochten. Eine Bank war keine da gespart vermutlich.

Noch fünf Minuten zur Praxis. Kurzstrecke, aber heute unbesiegbar weit. Hilde schleppte sich langsam dahin, stütze sich an Zäunen und Mauern.

Wie wir mit älteren Menschen im Alltag umgehen, spiegelt unser Denken über die älteren Generationen. Heute hatte sie das am eigenen Leib erfahren.

Im Wartebereich der Praxis viele Menschen. Hilde zog am Automaten ihre Nummer. Zwanzig Minuten noch bis zum Aufruf. Sie setzte sich ruhig ans Fenster, schloss die Augen. Ihre Hände zitterten.

Frau Brandt? Da war Dr. Müllers Stimme. Hilde öffnete die Augen. Die Ärztin stand mit einem Aktenordner vor ihr. Sie sehen blass aus, alles in Ordnung?

Nur ein bisschen fertig. Die Busfahrt war anstrengend, Hilde versuchte zu lächeln.

Rushhour? Ich weiß… Ich musste auch mal im Berufsverkehr fahren. Dr. Müller setzte sich neben sie. Haben Sie schon Blutdruck gemessen?

Noch nicht.

Kommen Sie gleich mit. Sie müssen nicht warten.

Im Sprechzimmer maß die Ärztin schnell nach und runzelte die Stirn.

Viel zu hoch. 170 zu 90. Was war denn los?

Und da brach es aus Hilde heraus. Die Tränen liefen, still und unaufhaltsam.

Im Bus… Sie sagten, ich solle nicht zu Stoßzeiten fahren. Ich würde nur alle stören. Ich solle daheim bleiben…

Dr. Müller seufzte und reichte ihr Taschentücher.

Das tut mir leid. Das höre ich leider oft. Es tut weh, ich weiß. Aber Sie haben jedes Recht, zu fahren, wann Sie wollen. Sie machen nichts falsch.

Vom Kopf her ist mir das klar, murmelte Hilde, aber das Herz leidet. Nach diesen Blicken, diesen Worten… als gehörte ich gar nicht mehr dazu.

Die Leute sind gereizt, müde, suchen Gründe für ihre eigenen Unbequemlichkeiten und schieben sie gerne älteren Menschen zu, sagte Dr. Müller ruhig. Aber nicht alle sind so. Das haben Sie ja erlebt.

Es war trotzdem schlimm, Hilde schüttelte den Kopf. Wie soll ich das aushalten? Ich muss doch immer wieder fahren: zum Kontrolltermin, ins Labor, in die Apotheke…

Ja, nickte Dr. Müller, aber lassen Sie sich von solchen Leuten nicht entmutigen. Sie haben ein Recht auf medizinische Versorgung, auf Mobilität. Das nimmt Ihnen niemand.

Sie besprachen die Untersuchungen, Dr. Müller passte die Medikamente an und versprach, nächstes Mal einen späteren Termin zu geben nach zehn Uhr, wenn es ruhiger ist.

Danke… Für alles, sagte Hilde leise.

Sie verließ die Praxis fast um elf. Die Sonne schien. Der Rückweg fiel leichter. Im Bus war Platz, sie fand sogar einen Platz am Fenster. Während Mannheim an ihr vorbeirollte, dachte sie: Dies ist meine Stadt. Hier habe ich gelebt, gearbeitet, meinen Sohn großgezogen.

Für viele ältere Menschen sind Arztbesuche mit dem Nahverkehr ein Kraftakt. Nicht nur körperlich, sondern auch seelisch, angesichts der Abwehr und Kälte.

Daheim kochte sie Tee, setzte sich an ihr Fenster und sah den Kindern beim Spielen zu, alte Bekannte auf der Bank. Alltag. Doch in ihr blieb die Angst vor der nächsten Busfahrt.

Am Abend klopfte Frau Seifert.

Und, wie wars? fragte sie in der Küche. Soll ich Tee machen?

Gern. Sag mal, hast du im Bus auch Angst?

Klar. Deshalb fahr ich lieber mittags oder ganz früh wobei, früher ist es für mich auch schwer. Aber mir fehlt das Geld für Taxis.

Und wenn man nicht wählen kann?

Dann bleibt nur durchhalten. Gestern im Bus: eine alte Frau mit Stock, die Jungen saßen vertieft ins Handy. Sie bat um einen Platz, die haben sie angeschrien, Sie haben doch ihre Rabatte. Jammern gilt nicht!

Hilde trank schweigend ihren Tee.

Heute auch bei mir…, sagte sie leise. Oma, Sie stören…

Das ist unfassbar! Was sollen wir denn machen? Wir sind auch Menschen. Wir haben feste Termine, müssen nüchtern zur Blutabnahme, Fachärzte gibts nur in der Stadt. Wie soll man da noch seine Rechte verteidigen, wenn selbst der Nahverkehr gegen einen ist?

Ich weiß es auch nicht, Hilde stellte die Tasse ab. Einerseits weiß ich, ich mache nichts falsch. Andererseits die Angst bleibt. Ich will das nicht noch mal durchstehen. Nicht diese Worte hören müssen.

Verstehe ich, meinte Frau Seifert. Ich war auch mal tagelang zu Hause nach so einer Szene. Aber dann dachte ich: Sollen die mich etwa raustreiben? Dann werden wir alle Einsiedlerinnen. Nein, ich bleibe dabei: Wir haben das Recht, uns frei zu bewegen.

Aber es ist schwer. Früher hatte man Respekt vor älteren Leuten. Heute nicht mehr.

Die Leute sind rauer geworden. Jeder ist gestresst. Aber das heißt nicht, dass wir uns verstecken müssen. Die soziale Isolation nimmt zu, wenn wir selber aufgeben.

Hast du keine Angst?

Doch, jedes Mal aber ich geh trotzdem raus. Wenn ich nicht mehr zum Arzt, nicht mehr einkaufen oder spazieren gehe was ist das dann noch für ein Leben?

Sie saßen still und der Tag wurde dunkel.

Weißt du, sagte Hilde, meine Ärztin hat mir Mut gemacht. Ich soll mich nicht von solchen Menschen brechen lassen. Dass ich ein Recht habe, zu fahren.

Sie hat recht. Wir haben unser Leben lang gearbeitet. Kinder großgezogen. Wir verdienen Respekt. Wer das nicht einsieht, hat ein Problem nicht wir.

Aber wie lebt man weiter mit dieser Angst? Die nächste Fahrt wird kommen.

Du fährst, sagte Frau Seifert entschlossen. Denn es bleibt uns keine Wahl. Fahr, wann die Stoßzeit vorbei ist, wenns geht. Du bist nicht allein, wir sind viele.

Nach dem Abschied saß Hilde noch lange da, dachte über die Worte im Bus nach, die Scham, die Hilflosigkeit.

Doch sie erinnerte sich auch an etwas anderes: an Frau Dr. Müller, an die Unterstützung von Frau Seifert. An ihr Recht, in der Stadt unterwegs zu sein, wann immer nötig.

Ihr wurde klar, dass sie nicht wegen fremder Unfreundlichkeit auf ihre Rechte verzichten darf. Ihr Arztbesuch war nicht weniger wichtig als Arbeit oder Schule für die anderen. Sie hat das gleiche Recht auf Mobilität.

Ihre Mutter hätte sich sicher nicht versteckt. Hätte geantwortet, ihr Würde bewahrt. Aber damals war das soziale Klima noch ein anderes.

Oder hat sie selbst sich verändert? Ist verletzlicher geworden? Früher hätte sie zurückgehalten, nicht geweint, eine Antwort gefunden.

Jetzt fehlen oft die Kräfte. Gesundheit, Nerven. Jeder Streit ist ein Stress für das Herz.

Sie schlief spät ein, grübelnd. Hätte sie dem Jungen antworten sollen? Sagen, dass sie krank ist, dass sie zum Arzt muss?

Doch im Innersten wusste sie: Das hätte nichts geändert. Menschen, die Alte im Bus so behandeln, wollen keine Erklärung hören. Es geht ihnen nur um ihr eigenes Wohl.

Erst am Morgen fand sie kurz Schlaf. Träumte von ihrer Jugend. Sie bot einer Seniorin im Straßenbahn ihren Platz an ein Lächeln, ein gutes Gefühl.

Beim Aufwachen blieb Wehmut. Im Traum war alles so viel einfacher.

Doch draußen wartete die Wirklichkeit. Bald wieder ein Arzttermin. Wieder Bus. Wieder das Risiko, Unmut zu spüren.

Trotzdem: Sie stand auf, kochte Tee, betrachtete sich im Spiegel. Achtundsechzig Jahre. Falten, graue Haare, müde Augen.

Aber in diesen Augen war auch Entschlossenheit. Und ein Funken Trotz.

Sie dachte an Frau Seiferts Worte: Wir lassen uns nicht vertreiben. Und Dr. Müllers Mahnung: Lassen Sie sich nicht brechen!

Sie wusste, die beiden hatten recht. Sie darf ihre Rechte nicht aufgeben, aus Angst vor Unfreundlichkeit. Sie hat Anspruch auf gesundheitliche Versorgung, auf Beweglichkeit, auf einen Platz im öffentlichen Leben. Ungeachtet ihres Alters.

Ja, es wird schwer. Ja, vielleicht muss sie nochmal etwas hören, das sie trifft. Aber sich einigeln? Das ist keine Alternative. Isolation ist Selbstaufgabe.

Sie schlug den Kalender auf, trug den nächsten Termin ein: 15. November, 10:00 Uhr. Aufbruch um 9:15. Mitnehmen: Versichertenkarte, Unterlagen, Medikamente.

Dann schrieb sie darunter: Wenn Angst kommt, erinnere dich: Du hast das Recht. Du tust nichts falsch. Deine Gesundheit zählt.

Sie legte den Zettel sichtbar hin. Für jeden Tag.

Die Woche verging mit Alltag: Haushalt, Kochen, Tagesschau am Abend. Frau Seifert kam auf einen Tee vorbei. Aber Hildes Gedanken wanderten immer wieder zum Bus, dem Jungen, dem eigenen Empfinden. Sie würde so gerne die Uhr zurückdrehen und kontern, sich besser schützen.

Würde Ich bin auf dem Weg zum Arzt helfen? Mir gehts nicht gut? Ich habe keine Wahl? Würde das bei denen ankommen?

Einmal rief ihr Sohn Thomas an, der in Köln lebte.

Wie gehts, Mama? Alles in Ordnung?

Es geht schon, war diese Woche beim Arzt, Hilde erzählte nichts von der Busfahrt. Wozu ihn belasten?

Gut. Fehlt dir was? Geld reicht?

Alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen.

Sie redeten noch etwas. Über seinen Job, die Enkel. Hilde dachte er fährt Auto, weiß nicht, was es heißt, im Alter auf den Nahverkehr angewiesen zu sein.

Nach dem Gespräch traf sie die Melancholie. Einsamkeit. Am Fenster betrachtete sie den leuchtenden Abend überall Menschen, die nach Hause wollten, jeder in seiner Welt. Und keiner, der sich fragte, wie es einer alten Frau im Bus geht.

So beginnt die Isolation, dachte sie. Erst meidet man stoßzeiten, dann den Einkauf, am Ende bleibt man zuhause.

Doch nein, das wollte sie nicht zulassen. Sie würde nicht freiwillig auf Lebensqualität verzichten. Sie gehört zu dieser Stadt.

Vor dem nächsten Termin bereitete sie wieder alles gewissenhaft vor. Medikamente, warme Kleidung.

In der Nacht schlief sie kaum. Immer wieder der Gedankenkreis: wieder Bus, wieder gedrängt, wieder Blicke.

Und wenn wieder einer etwas sagt? Sie entschied: Sie würde einfach schweigen. Nicht aus Schwäche, sondern weil Streiten nichts bringt. Wer so mit Älteren spricht, will keine Erklärungen.

Manchmal ist Schweigen auch Würde. Man kann schweigen und trotzdem für sich einstehen.

Am Morgen nahm sie Abschied von Frau Seifert, die sie zur Haltestelle begleitete. Gemeinsam gingen sie langsam, Hildes Knie schmerzte heute weniger oder der Trotz war stärker.

An der Haltestelle kaum Leute, der Bus kam pünktlich. Es gab sogar einen Sitzplatz am Fenster. Hilde atmete auf.

Frau Seifert winkte vom Bürgersteig. Der Bus fuhr los.

Sie blickte hinaus Mannheim, ihre Stadt. Hier gehört sie hin.

An der nächsten Haltestelle stieg ein junger Mann ein. Er saß ihr gegenüber und schaute aufs Handy. Hilde spannte sich innerlich an aber er war in seine Welt vertieft.

Der Bus füllte sich, aber es blieb auszuhalten. Niemand sagte ein böses Wort. Eine Fahrt wie viele.

Und mit jedem Meter ließ Hildes Angst nach. Sie merkte: Es geht. Es gibt auch normale Fahrten. Nicht alle sind unfreundlich.

In der Praxis begrüßte Dr. Müller sie warm.

Alles gut? Ging die Fahrt besser? fragte sie besorgt.

Viel besser. Weniger los, sagte Hilde und lächelte. Der Blutdruck war niedriger, die Untersuchungen besser.

Dr. Müller besprach mit ihr die nächsten Schritte, lobte ihren Mut.

Kommen Sie in zwei Wochen wieder. Sie machen das richtig: Bleiben Sie dran!

Hilde spürte Erleichterung. Der Rückweg verlief ebenso ruhig. Sie saß wieder am Fenster und wusste nun, dass sie es schaffen kann. Niederlagen gehören dazu, aber Aufgeben ist keine Option.

Daheim kochte sie Tee, schaute auf den Hof: Kinder, alte Nachbarinnen auf Bänken. Leben. Sie war ein Teil davon. Kein Störfaktor. Ein Mensch, dem Respekt gebührt.

Sie notierte den nächsten Termin: 29. November Arztbesuch Analysen mitbringen. Hat schon einmal gut geklappt, klappt wieder. Ich schaffe das.

Abends kam Frau Seifert zum Tee.

Alles gut gegangen?, fragte sie.

Ja, danke. Ohne dich hätte ich mich schwerer getan.

Du hast das allein geschafft. Ich hab dich nur zur Haltestelle gebracht.

Sie unterhielten sich lange. Und Hilde spürte Nachklang Dankbarkeit, nicht allein zu sein. Austausch, Verständnis.

Der Umgang mit Alten in der Öffentlichkeit ändert sich nur langsam. Aber jeder, der nicht aufgibt, bleibt sichtbar. Trägt zum Wandel bei einfach dadurch, dass er da ist. Dass er sich nicht versteckt oder einschüchtern lässt.

Vor dem Einschlafen betrachtete Hilde ihre Notiz: Ich schaffe das. Zwei kleine Worte, voller Mut nach Angst und Kränkung.

Aber sie hatte sie gesagt. Und sie würde es erneut tun. Weil sie keine andere Wahl hatte. Das Leben geht weiter. Und ihr Recht darauf kann ihr niemand nehmen, auch nicht die Unfreundlichen im Bus.

Das Problem der Altersdiskriminierung im Nahverkehr wird nicht schnell verschwinden. Erst wenn jeder Mensch egal wie alt als gleichwertig wahrgenommen wird, wird sich das ändern. Erst wenn verstanden wird, dass Arztfahrten keine Verzierung sind, sondern für viele die einzige Möglichkeit, Hilfe zu bekommen.

Bis dahin bleibt nur: nicht aufgeben. Leben. Und wissen: Man ist nicht allein. Es gibt andere, die durch das Gleiche gehen. Und manche, die einen verstehen werden.

Hilde Brandt ging an diesem Abend ruhig schlafen. Morgen beginnt ein neuer Tag. Bald wieder Praxis, wieder Bus. Und sie würde es schaffen. Weil es keine Alternative gibt. Weil selbst das schwere Leben besser ist, als zu Hause zu verkümmern.

Im Traum saß sie im Bus. Niemand starrte. Jemand lächelte sogar. Sie blickte aus dem Fenster, fühlte sich ruhig und akzeptiert.

Ein Traum nur. Doch vielleicht würde er irgendwann Realität. Vielleicht fährt eines Tages niemand mehr mit Angst im Bauch zum Arzt, egal wie alt. Vielleicht wird Rücksicht wieder zum normalen Ton.

Bis dahin bleibt: Hoffnung. Und jeden Tag erneut nicht nachgeben.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Ich muss zum Arzt, aber sie nennen mich immer nur „Oma“…
Fährst du ins Wochenendhaus? Dann wohn doch da!” – lachte die Tochter, als sie die Wohnung vermietete