Du bist meine ganze Welt

Du bist meine Welt

Friedrich saß am Kinderbett und konnte den Blick nicht von der schlafenden Anneliese abwenden. Das Mädchen lag auf der Seite, mit leicht geöffnetem Mund, ihr leises, gleichmäßiges Atmen war das Einzige, das die Stille im Zimmer durchbrach. Im Zwielicht warfen ihre feinen Wimpern zarte Schatten auf die Wangen, die flauschigen Haare hatten sich wie ein goldener Heiligenschein um ihr Köpfchen verteilt. Friedrich musste lächeln in solchen Momenten sah sie für ihn aus wie ein kleiner Engel, frisch vom Himmel gefallen.

Draußen senkte sich langsam die Dämmerung über das beschauliche Viertel in München. Der Tag machte Platz für die Nacht, und am dunkler werdenden Himmel blitzten die ersten Sterne auf zuerst schüchtern und kaum sichtbar, dann mutiger und immer zahlreicher.

Friedrichs Blick blieb an diesem Sternenzelt hängen und seine Gedanken wanderten zurück in die Vergangenheit. Vor drei Jahren war noch alles anders. Damals hallte noch das warme, perlende Lachen von Hildegard durch die Wohnung. Noch heute spürte er, wie sie, wenn sie hereinkam, Licht und Geborgenheit mitbrachte, wie ihre Hände sanft seine Schultern berührten, ihr Blick pure Fürsorge ausstrahlte. Von ihr blieben nur noch Erinnerungen und dieses kleine Mädchen im Bett, ihre gemeinsame Tochter, für die er jetzt durchhalten musste.

Die Krankheit war hereingeschlichen wie ein Dieb in der Nacht. Erst hatte Hildegard nur gemurmelt, sie sei müde, habe zu viel gearbeitet, müsse sich ausruhen. Dann kamen die Kopfschmerzen, die sie freundlich auf Stress und zu wenig Schlaf schob. Sie schleiften sich von Arzt zu Arzt, machten sich mit Blutwerten vertraut, ließen harmlos klingende Diagnosen über sich ergehen doch das Unwohlsein verschwand nicht. Im Gegenteil: Mit der Zeit wurde es schlimmer.

Als endlich Klarheit herrschte, war es schon zu spät. Friedrich brauchte keine Minute Bedenkzeit. Sofort kündigte er seinen guten Job in der Bank, den ihm alle Kollegen gern ausgeredet hätten. Du schaffst das schon, mach Teilzeit, ein bisschen Bezugsbetreuung und Homeoffice, das geht doch alles! himmelten sie. Aber für ihn war klar: Jetzt zählte nur noch, bei seiner Frau zu sein. Gut, dass sie zusammen fleißig für ein neues Auto gespart hatten die Rücklagen sorgten dafür, dass Geldsorgen erstmal kein Thema wurden.

Von da an bestand sein Leben aus Krankenhausfluren, Wartezimmern, Papierschlachten mit der Krankenkasse und ewigen Gesprächen mit Ärzten. Er fuhr Hildegard in die Klinik, saß neben ihr im Wartebereich und hielt ihre Hand, wenn sie nervös wurde. Daheim las er ihr Bücher vor, wenn sie nicht mehr aufstehen konnte. Manchmal saß er einfach nur schweigend neben ihr, hörte ihren Atem und hatte panische Angst, einen winzigen Wechsel in ihrem Rhythmus zu verpassen. Damals kapierte er: Liebe ist nicht nur das Prickeln, das Lachen, das gemeinsame Frühstück im Bett. Liebe ist, wenn man bleibt, auch wenn alles den Bach runtergeht. Wenn man weitermacht, obwohl man eigentlich schon keine Kraft mehr hat.

Nach Hildegards Tod war Friedrich wie in grauen Nebel getaucht. Die Tage zogen seicht und endlos vorbei, ein Strom aus schlaflosen Nächten und dampfenden Morgenstunden. Er nahm kaum etwas von der Welt wahr sein gesamter Fokus lag auf Anneliese, darauf, dass es ihr gutging, dass sie fühlte: Papa ist da, Papa bleibt.

Fast direkt nach der Beerdigung kam Hildegards Mutter, Frau Meier, vorbei. Sie betrat die Wohnung leise, sah sich mit advokatischem Blick um: Überall verteilte Spielsachen, Geschirr, das dringend gespült werden wollte, ein Berg wilder Kissen auf dem Sofa Frau Meier stellte ihre Handtasche fest entschlossen ab und sagte rigoros:

Friedrich, du musst dich erholen. Ich nehme Anneliese mit zu mir. Du schaffst das nicht allein.

Da saß Friedrich gerade am Bett, den Blick auf seine schlafende Tochter gerichtet. Er hob nicht einmal den Kopf, sondern krallte sich bloß an einer Ecke der Bettdecke fest. Seine Stimme war dumpf, aber felsenfest:

Nein. Anneliese bleibt bei mir.

Frau Meier machte einen Schritt näher. Ihr Gesicht war ein einziges Sorgenknäuel.

Schau dich doch mal an! Das ist doch kein Zustand! Du siehst aus wie dein eigener Onkel, der bei der Sparkasse alle Akten verliert. Und Anneliese braucht doch ein ordentliches Umfeld, eine richtige Routine, liebevolle Fürsorge jedenfalls mehr als einen Vater, der kaum noch stehen kann. Sie soll doch in Geborgenheit aufwachsen! Sie machte eine unspezifische Geste in Richtung Zimmer, als wolle sie die Unordnung für sich sprechen lassen.

Langsam richtete sich Friedrich auf und schaute ihr direkt in die Augen. Die Trauer hatte da tiefe Furchen gezogen, aber zugleich war da auch diese unerschütterliche Entschlossenheit. Frau Meier wich ungewollt einen Schritt zurück. Seine Stimme blieb leise, jedes Wort vorsichtig und klar:

Ich bin ihr Papa. Ich kümmere mich um sie. Das hätte Hildegard gewollt. Ich habe es ihr versprochen. Was auch passiert.

Frau Meier verstummte endgültig. Sie sah, wie seine Hände zitterten, wie dunkle Schatten unter den Augen lagen, doch sie merkte auch: Gegen diese Sturheit kam kein Wort der Welt an. Sie seufzte, zuckte mit den Schultern und sagte nur noch:

Wenn was ist ruf mich an. Ich helfe dir immer, egal wann. Du weißt das.

Noch ein letzter Blick, als wolle sie diese Szene einprägen, dann verließ sie mit leisen Schritten die altmodische Münchner Altbauwohnung. Die Tür klickte leise zu, Friedrich war wieder allein mit der schlafenden Anneliese.

Es kehrte wieder diese ehrwürdige Stille ein, nur unterbrochen vom ruhigen Atmen des Kindes. Friedrich ließ sich auf den Stuhl am Bett sinken, nahm die kleine Hand seiner Tochter in seine. Die Wärme ihrer Haut, ihr sanftes Gebrummel das war jetzt seine ganze Realität. Das gab ihm Kraft, überhaupt weiterzumachen. Er wusste: Da würde noch manches Dickicht warten, aber sein Ziel stand fest Anneliese sollte spüren, wieviel Liebe einmal da war. Und dass dieses Gefühl bleibt

Seitdem gab es in der Wohnung nur noch zwei Stimmen: Friedrich und Anneliese. Die ersten Wochen und Monate waren ein einziger Slalom-Parcours durch den Irrgarten des Elternseins. Friedrich wurde morgens wach und fühlte sich wie der erste Mensch auf dem Mond jeder Handgriff musste neu erlernt werden. Windeln wechseln, ohne dass sie heult? Utopisch! Ein Kind nachts beruhigen, wenn es plötzlich brüllt? Wissenschaft! Was anderes kochen als Rührei? Ein Mysterium!

Die Anfangszeit war eine Dauerschleife aus Irrungen und Wirrungen. Friedrich trieb sich andauernd auf Elternforen herum, las Erziehungstipps, schaute verzweifelt Youtube-Videos, wie man ein Baby badet, ohne dabei das Kind und den Badezimmerboden unter Wasser zu setzen. Ab und zu klingelte er bei Frau Meier durch aber immer heimlich, damit niemand merkt, wie überfordert er eigentlich war. Jeder kleine Sieg fühlte sich an wie eine bestandene Zwischenprüfung: als er zum ersten Mal das Wasser beim Baden richtig temperiert hatte, als ihm das Umziehen plötzlich flink und ohne Tränen gelang, als der Haferbrei weder anbrannte noch als Knetmasse endete.

Nach und nach erarbeitete er sich alles, was gebraucht wurde. Sortierte Babysachen, faltete winzige Strampler, mixte Fläschchen auf die perfekte Temperatur. Irgendwann wagte er sich sogar an Gemüsebrei, Suppen, Aufläufe alles zwar nach bayerischem Reinheitsgebot, aber dennoch essbar. Abends sang er Anneliese leise Schlaflieder, erfand Stimmen für Drachen und Feen, wenn er Märchen vorlas. Als sie größer wurde, übte er sich sogar im Zöpfe flechten und sammelte jedes Mal einen neuen Splitterpunkt für mühselig entwirrte Haargummis.

Heute, vier Jahre nach diesem Neuanfang, war Anneliese ein energiegeladenes, neugieriges Kind, das durch die Wohnung pesste, plapperte, mit Fragen um sich warf und alles sehen wollte. Ihr Lachen ansteckend, ehrlich, kristallklar war für Friedrich der schönste Klang der Welt. Wenn Anneliese kicherte, weil sie mit den Bauklötzchen Quatsch baute oder Papas Witz schlecht nachmachte, dann glühte Friedrichs Herz. In diesen Momenten spürte er: Er macht das ganz ordentlich Papa sein.

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An einem solchen Abend hockte Friedrich auf dem alten Ledersofa und war mal wieder tief in Erinnerungen versunken. Wie sie damals die Wickelkommode für Anneliese gekauft hatten, wie sie sich über ihre eigene Unfähigkeit beim Wickeln schlappgelacht hatten, wie Hildegard ständig Pläne für die Zukunft schmiedete und davon träumte, wie ihre Tochter wohl einmal würde. Friedrich driftete so dahin, bis eine fröhliche Stimme ihn zurückholte:

Papa! Anneliese stand aufrecht im Bett, grinste und streckte erwartungsvoll die Ärmchen aus. Spielen?

Friedrich schlich sich aus seinem Gedankenkeller, grinste und hob sie sanft aus dem Bett.

Natürlich, Sonnenschein! Er drückte ihr einen Kuss auf den blondgelockten Haarschopf. Was spielen wir denn?

Prinzessin! Ich bin die Prinzessin, du bist mein Ritter!

Friedrich lachte schallend. Er wirbelte Anneliese durch das Zimmer, ihr glockenhelles Lachen war wie Licht in der Abenddämmerung.

Dann brauchen wir ein Königreich! Wo machen wir das auf?

Anneliese überlegte kurz, dann zeigte sie energisch auf ihre Spielzeugecke.

Da drüben! Das ist mein Schloss!

So bauten sie auf dem bayerischen Berberteppich ein Schloss aus Bauklötzen. Friedrich formte akkurate Mauerreste, Anneliese stapelte fantasievolle Türme in Schiefwinkeln. Es gab Drachen (meistens Papas altmodischer Pantoffel), Zauberinnen mit donnernden Stimmen und kleine Feen, deren Flügel aus Servietten bestanden. Friedrich dachte sich Geschichten aus, die spannend, aber nicht zu gruselig waren, und Anneliese mischte sich begeistert ein: Nein, Papa, die Fee darf nicht in den Kerker!

Beim Blick auf Annelieses vergnügtes Gesicht ihre strahlenden Augen, das ständige Dazwischenrufen spürte Friedrich dieses stille, tiefe Glück.

Hildegard würde stolz auf uns sein, dachte er, und das wärmte ihn von innen. Ja, sie schafften das schon. Sie gingen weiter, auch wenn der Weg voller Schlaglöcher war. Gemeinsam.

Gegen Mittag begann Friedrich die übliche Ausrüstung für den Spielplatzbesuch zusammenzupacken. Nichts durfte fehlen: Lieblingspuppe Elsa, zwei Butterbrezen, Trinkflasche, Taschentücher und ein obligatorischer Ersatzstrampler (denn nach Murphys Gesetz passiert immer dann ein Unfall, wenn man keinen dabei hat).

Anneliese, die längst verstanden hatte, dass gleich ein Abenteuer bevorstand, hüpfte schon neben der Garderobe herum und zerrte wild am Reißverschluss des Kombis.

Allein machen!, deklamierte sie, während sie mit der Motorik eines Haferschleims an die Jacke ging.

Friedrich lachte, half ihr beim Einsteigen, schloss alle Knöpfe mit väterlicher Präzision und stülpte die Bommelmütze auf den Kopf.

Ready? fragte er, und streckte ihr die Hand hin.

Ready! rief Anneliese, und hüpfte wie ein Gummiball an seiner Seite die Treppe runter.

Bis zur Spielplatzwiese waren es nur ein paar Minuten. Ein paar Schaukeln, Sandkasten, ein kleiner Kletterturm und überall Kinder Münchner Familienidyll wie aus dem Bilderbuch! Friedrich kannte die Spielplatzgemeinschaft: Die einen nickten ihm freundlich zu, die anderen sahen mitleidig herüber (Der arme Mann, macht das alles allein), und ein paar wenige waren ziemlich neugierig, wer da der Alleinerziehende überhaupt war. Friedrich hatte gelernt, darüber zu stehen Hauptsache, Anneliese hatte ihren Spaß.

Kaum waren sie im Sandkasten, fingen zwei Mütter auf der Parkbank an zu tratschen. Zu leise für elegante Höflichkeit, laut genug, dass Friedrich jedes zweite Wort verstand:

Schon wieder allein hier , raunte die erste.

Armer Kerl, seufzte die zweite. Bestimmt hat ihn seine Frau verlassen

Nee, flüsterte die andere, die ist wohl gestorben. Das hat mir neulich die Frau Schuster erzählt

Friedrich drückte Annelieses Hand einen Hauch fester, ließ sich aber nichts anmerken. Stattdessen setzte er sich einfach ans andere Ende des Sandkastens.

Papa, ich will Sandkuchen machen!, erklärte Anneliese begeistert, als sie die bunten Förmchen entdeckte.

Viel Vergnügen, grinste Friedrich und kramte die Sandförmchen hervor. Ich beobachte den Chefkoch von hier aus.

Während er beobachtete, wie sie eifrig Sand formte, kleine Kuchen ausbesserte und mit festem Blick präsentierte, rief sie stolz: Schau, Papa! Ist der schön?

Wunderschön! Fast wie beim Konditor.

Gluckenlachen und der nächste Sandkuchen folgt sofort. In diesen Momenten hatte die Außenwelt Pause überall nur Annelieses Glück und warmes Seelenwetter.

Irgendwann setzte sich eine junge Frau mit einem etwa fünfjährigen Jungen zu Friedrich auf die Bank. Sie lächelte aufrichtig und stellte sich vor: Hallo! Ich bin Sabine. Wir sind immer wieder hier. Ihre Tochter ist so fröhlich Sandkasten ist ihr Element, oder?

Friedrich, antwortete er zurückhaltend. Stimmt, Anneliese ist ein Sandfan. Sie könnte hier Ziegelsteinfabriken betreiben.

Sabine lachte. Sind Sie immer allein hier?

Ja meine Frau ist vor drei Jahren gestorben, erklärte Friedrich, inzwischen routiniert im Umgang mit interessierten Fragen.

Ach, Sabine wurde verlegen. Das tut mir leid. Sie machen das super, ehrlich.

Naja, man macht halt, was man kann, brummte Friedrich. Für ihn war das nicht heldenhaft bloß Leben.

Viele Männer würden das nie packen, gab Sabine zu. Mein Ex weigert sich schon, am Wochenende mal den Kleinen zu nehmen: Zu anstrengend, quakt er dann. Aber bei Ihnen sieht man, dass Sie alles geben.

Friedrich schwieg kein Bedarf, Ehemänner zu vergleichen. Er schaute lieber zu Anneliese hinüber, die dem Jungen gerade erklärte, wie man Sand besonders fest klopft.

Wollen wir mal zusammen in den Park gehen?, bot Sabine großzügig an. Die beiden hätten bestimmt Spaß. Und wir könnten uns unterhalten, wenn Sie mal jemanden brauchen ist als Alleinerziehende manchmal nicht ohne.

Friedrich musterte sie; freundlich und sympathisch war sie allemal. Und sie schien wirklich ehrlich helfen zu wollen. Aber: Schon beim Gedanken an Neue Kontakte knüpfen zuckte er innerlich zurück. Nicht jetzt. Vielleicht nie.

Danke, wirklich. Aber im Moment ist mein Fokus Anneliese. Ich will ihr alles geben, was sie braucht. Der Rest läuft weg.

Verstehe ich total, sagte Sabine. Ich bin meist hier sagen Sie ruhig Bescheid, falls Sie mal Unterstützung brauchen.

Werd ich, nickte Friedrich höflich.

Sabine ging zurück zu ihrem Sohn, der schon wieder Seite an Seite mit Anneliese neue Sandkuchen zauberte. Sie verabschiedete sich mit einem freundlichen Winken.

Friedrich konzentrierte sich wieder ganz auf seine Tochter. Die zeigte ihm stolz eine ganze Parade von Sandkuchen: Extra für dich!

Er beäugte sie aufmerksam und lobte: Meine Liebe, das ist ja ein echtes Sandkuchenbuffet ich werde kugelrund!

Anneliese quietschte vor Vergnügen, machte gleich weiter und Friedrich dachte: Hildegard würde jetzt genauso lachen. Und uns beide loben. In Gedanken sah er sie neben sich sitzen, beide Eltern stolz und liebevoll eine Familie, nur eben ein bisschen anders.

Abends, als Anneliese schlief, blätterte Friedrich in einem alten Fotoalbum am Küchentisch. Während der Tee durchzog, blätterte er langsam Seite für Seite: Da war Anneliese als winziger Säugling, daneben Hildegard mit müden, aber glücklichen Augen; dann das erste Familienfoto im Englischen Garten alle drei umhüllt von Münchner Herbstwind. Auf einem Bild hält Hildegard die kleine Anneliese, beide schauen mit unterschiedlichen, aber gleichermaßen liebevollen Lächeln in die Kamera. Friedrich berührte das Bild mit der Fingerspitze und murmelte:

Wir schlagen uns ganz gut, Hildi. Echt jetzt. Du könntest ruhig ein bisschen stolz sein.

Draußen prasselte der Nieselregen träge ans Fenster, die Wohnung war gemütlich warm, roch nach Tee und selbstgebackenem Streuselkuchen. Friedrich klappte das Album zu, nahm einen Schluck Tee und schaute nach draußen, wo Lichter und Regentropfen miteinander um die Wette glitzerten. Morgen würde wieder ein neuer Tag kommen, mit Annelieses Lieblingsporridge und dem ewigen Gerangel an der Garderobe, mit Versteckspielen und fröhlichem Getrappel, mit ihrem Lachen, das sein Herz immer wieder aufblühen ließ. Und er wusste: Mehr wünschte er sich gar nicht. Nur Nähe. Nur Leben.

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Auch am nächsten Tag besuchten sie den Spielplatz. Anneliese rannte schnurstracks zu den Schaukeln schneller, Papa, höher! Friedrich hielt sie gut fest, schob sie an, und sie kreischte vor Glück, während ihre Locken im Wind flatterten.

Sabine war wieder da, strickte Gedankenverloren an einem Schal, den ihr Sohn in zehn Minuten ruiniert haben würde. Sie winkte Friedrich zu, aber dieses Mal ließ sie ihn einfach machen. Sie sah, wie Friedrich Anneliese liebevoll beibrachte, wie man sich an der Kette festhält, wie er lachte, wenn sie fast runterpurzelte, wie aufmerksam er sie immer im Blick behielt. Sie beobachtete auch, wie Anneliese sich immer wieder vergewisserte, ob Papa da war. Und in dem Moment verstand Sabine: Er braucht kein Mitleid. Keine Spaziergangsangebote oder Trost. Er und Anneliese das ist alles, was er wirklich braucht. Mehr nicht.

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Die Monate zogen weiter ins Land, still, heimlich, mit immer weniger Sonnenstunden. Warme goldene Septembertage wichen langsam einer nasskalten Oktoberstimmung, Blätter wurden von mutigen Kindern durch Pfützen gejagt, der erste Frost machte sich bemerkbar, und manchmal lag schon Raureif im Vorgarten.

Friedrich packte weiterhin morgens alles Nötige für die Spaziergänge zusammen jetzt, im bayrischen Herbst, statt Sommerschuhen eben in dicken Wollsocken und mit Bommelmütze. Spaziergänge wurden kürzer, aber im Spiel von Anneliese umso wichtiger sie liebte es, Laubberge aufzuwühlen, winzige Eiskristalle auf den Pfützen zu entdecken oder den allerersten Schneekrümel auf die Nase zu balancieren.

An einem besonders frostigen Tag kamen sie gerade zurück, als plötzlich Hildegards Mutter vor dem Wohnblock auftauchte. In dicker Wolljacke, mit selbstgestrickter Mütze, trug sie eine schwere Umhängetasche.

Hallo Friedrich!, rief sie außer Atem. Ich habe ein paar Sachen für Anneliese gebracht. Warme Pullis, dicke neue Socken, und im Buchladen hab ich das hier entdeckt neue Bilderbücher! Ach, und Apfelkuchen gabs auch, wie du ihn magst.

Friedrich nickte knapp. Er und Frau Meier hatten in letzter Zeit zwar einen Burgfrieden geschlossen herzlich war das Verhältnis aber weiterhin nicht. Sie war nie ganz mit seiner Art einverstanden, Anneliese großzuziehen, suchte in allem die Handschrift der verstorbenen Tochter, und biss sich öfter auf die Zunge, um nicht zu sehr zu kritisieren. Aber irgendwann hatte sie akzeptiert: Friedrich tut sein Möglichstes und liebt Anneliese, wie ein Papa es nun mal kann.

Danke, sagte Friedrich freundlich reserviert. Anneliese, wie sagt man?

Danke, Oma!, jauchzte Anneliese und kramte sofort in der Tasche. Papa, schau, ein Buch mit einem Hasen und Prinzessinnen!

Frau Meier lächelte, nahm die Pullis heraus, zeigte eine Mütze mit Riesenbommel. Das hier ist zum Wechseln. Und die Bücher extra mit großen bunten Bildern, so magst du das doch, oder?

Annelieses Augen strahlten schon beim Anblick.

Und der Kuchen in Folie eingepackt. Wollen wir zusammen Tee trinken?

Friedrich dachte an die leere Kaffee-Dose, nickte dann. Warum nicht. Komm, Anneliese, bring Oma die Bücher hoch.

Gemeinsam schleppten sie alles in die Wohnung, wo es nach Eintopf und Büchern roch. Während Anneliese auf dem Sofa verschwand, half Frau Meier beim Teetischdecken. Sie beobachtete Friedrich wie er gedankenverloren Teller zurechtrückte, wie automatisch die Tischdecke begradigte, wie er lauschend horchte, ob Anneliese im Nebenzimmer glücklich vor sich hin quasselte. Sie spürte: Trotz all ihrer Bedenken gibt Friedrich sein Bestes. Perfekt ist niemand, aber er gibt alles, was Papas zu geben haben.

Plötzlich, als sie Anneliese kichern hörte, wurde Frau Meier ganz unsicher und räusperte sich:

Friedrich Ich muss was sagen. Damals … nach der Beerdigung war ich hart zu dir. Ich hab gesagt, du würdest das nicht schaffen. Ich hatte Angst um Anneliese. Dachte, du würdest ihr nicht alles geben können. Aber du schaffst das. Besser, als ich mir vorstellen konnte.

Friedrich schwieg erst einen Moment, horchte ins Nebenzimmer, dann erwiderte er ruhig:

Ich mache einfach, was nötig ist. Und ich will, dass Anneliese immer weiß: Ihre Mama hat sie geliebt. Und ich sie auch. Alles andere ist Nebensache.

Frau Meier nickte, kämpfte kurz mit einer Träne, und bot plötzlich leise an:

Vielleicht sehen wir uns in Zukunft öfter? Ich könnte Anneliese am Wochenende zu mir holen für ein bisschen Extraportion Familie. Aber nur, wenn du einverstanden bist.

Friedrich warf einen Blick ins Zimmer, wo Anneliese ins Märchenbuch vertieft war. Die Last auf seinen Schultern wurde ein kleines bisschen leichter. Er wusste, dass Anneliese Zeit mit Oma guttun würde.

Versuchen wirs, meinte er. Aber nur, wenn Anneliese einverstanden ist.

Ich will!, schallte es sofort. Oma, du liest mir Märchen vor, oder? Du hast doch ganz viele!

Natürlich, Schatz, sagte Frau Meier und strich ihr sanft durchs Haar.

Es war ein warmer, fast neuer Anfang. Am Abend, als Anneliese schon träumte, saß Friedrich am Bett, die allererste Babyfoto in der Hand: Hildegard mit Anneliese auf dem Arm, beide unterschiedlich und doch gleich unbeschreiblich glücklich.

Mama ist immer bei uns, oder?, fragte Anneliese schläfrig.

Natürlich, flüsterte Friedrich. Du findest sie im Lachen, in deinen goldenen Haaren, in deinem Wunsch nach Märchen. Sie ist da.

Anneliese gähnte, kuschelte sich ins Kissen und murmelte: Ich hab Mama lieb.

Sie dich auch, antwortete Friedrich. Mehr als alle Brezen der Welt. Vergiss das nie.

Sie nickte, schloss die Augen, und war sofort weg. Friedrich blieb sitzen, versenkt in das friedliche Schnaufen, dann stellte er das Foto auf den Nachttisch und schaltete das Licht aus. In der Dunkelheit keimte eine ruhige Gewissheit auf: Es wird alles gut. Sie packen das. Zusammen.

Wenn Anneliese tief und fest schlief, ging Friedrich in die Küche. Teewasser kochen, Lieblingsbecher raus Routine. Im Schrank gammelte noch ein Lebkuchenherz vom letzten Volksfest, das musste reichen.

Er setzte sich ans Fenster. Draußen tanzten die ersten Schneeflocken schüchtern und unverbindlich. Auf den Ästen im Hof, auf dem Trottoir, auf dem alten Fahrradschuppen glitzerte schon ein Hauch Winter. Friedrich schaute dem Fallen zu und dachte: Wie vieles hatte sich verändert in diesen drei Jahren

Damals war er unsicher gewesen, hatte kaum gewusst, wie Windeln und Wärmefläschchen funktionieren. Hatte sich selbst nicht zugetraut, Anneliese beide Eltern zu ersetzen; zweifelte an Geduld, Kraft, Durchblick allem, was ein Kind braucht.

Im Tanz der Schneeflocken wurde ihm klar: Er muss niemanden ersetzen. Er ist einfach für sie da. Ihr Vater. Mal Koch, mal Bastler, mal Märchenerzähler, mal Tränentrockner, Lachen-Teiler, Fragen-Beantworter, Lebensbegleiter. Und das reicht. Es reicht wirklich.

Auf dem Küchentisch lag sein Lederbuch: Eselsohren, Kaffeeflecken, aber noch brauchbar. Friedrich schrieb kleine Eckdaten aus Annelieses Leben hinein: Laufversuche, ulkige Sätze, geniale Einfälle, große und kleine Triumphe. Heute schrieb er sorgfältig:

15. Oktober. Anneliese hat zum ersten Mal allein die Schnürsenkel gebunden. Zeigt mir voller Stolz das Ergebnis und sagt: Jetzt bin ich groß! Gibt mir dann einen Kuss und flüstert: Ich bin aber trotzdem noch deine kleine Tochter. Musste den ganzen Tag grinsen.

Er lachte leise, als die Erinnerung zurückkam: das kleine Mädchen im roten Strickpulli, das auf dem Fußabtreter hockte und die Bändel zähmte. Dann der Kuss, der innige Satz und das Herz wurde leicht wie Schnee.

Nach dem Tee räumte Friedrich alles weg, strich ein letztes Mal über das Notizbuch, dann aus dem Licht, lauschte im Halbdunkel den Geräuschen: Tickende Uhr, Windgeräusch, ferne Straßenbahnglocke.

Der nächste Tag würde kommen. Mit Knuspermüsli mit oder ohne Banane, Spaziergängen auf Schatzsuche, Lachen, Kissenburgen, ein paar Tränen, kleinen Katastrophen, großen Umarmungen und der Lieblingsworte: Hab dich lieb, Papa!

Mit Leben. Mit Liebe.

Mehr braucht es nicht.

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Homy
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