Heimkehr – Zurück zu den Wurzeln

Nach Hause zurückkehren

Oma, du glaubst es nicht! rief Klara und stürmte so atemlos in die Wohnung, dass sie fast Frau Schmitt von nebenan auf dem Treppenabsatz über den Haufen rannte. Mama hat angerufen! Sie will mich zu sich holen! Ich bin so glücklich! Ich habe sie so vermisst!

Brigitte Fuchs blieb wie angewurzelt stehen, als hätte der Boden unter ihren Füßen nachgegeben. Langsam, wie in Trance, ließ sie sich auf ihren alten, knarzenden Küchenstuhl sinken. Ihr Herz klopfte so wild, als wollte es einen Marathon direkt gegen ihre Rippen laufen. Sie wusste, dass dieser Tag eines Tages kommen würde! Sie wusste es aber irgendwie hatte sie trotzdem gehofft, dass die Enkelin noch eine Weile bei ihr bleiben würde…

Und was hast du ihr geantwortet? fragte sie, bemüht, dass ihre Stimme nicht zitterte, doch ein verräterisches Beben schlich sich doch durch den Satz.

Ich habe gesagt, dass ich zu ihr möchte! Klaras überschäumende Freude ließ sie durch das Wohnzimmer tanzen, die Arme ausgebreitet wie ein kleines Windrad. Stell dir vor, sie hat jetzt ein Baby. Und ich soll ihr helfen! Ich habe jetzt einen kleinen Bruder! Und ich werde bei Mama wohnen! Juchhu!

Die alte Dame zwang sich zu einem Lächeln, während es in ihr schmerzte wie nach einer Runde Zahnarzt ohne Betäubung. Natürlich, sie verstand es das Mädchen vermisste ihre Mutter. So sehr Brigitte auch versucht hatte, Vater und Mutter zu ersetzen es reichte eben nie ganz aus. Und wie weh das tat… Klara verstand einfach nicht, dass jeder ihrer Jubelschreie eine neue Kerbe in Brigittes Herz schlug.

Klara, noch immer beschwingt, bemerkte nicht den Schatten, der über das Gesicht der Oma huschte. Sie redete aufgeregt weiter: wie sie Mama mit dem Baby helfen würde, wie sie zusammen durch den Park schlendern würden, und wie sie am Sonntag Rouladen kochten… Brigitte Fuchs schaute stumm aus dem Fenster in den dämmernden Herbst, dachte daran, wie schnell die Zeit vorbei geflogen war und wie schwer es war, loszulassen, wenn man jemanden so sehr liebte.

An diesem trüben Novembertag ging bei der Familie Fuchs alles seinen gewohnten Gang. Brigitte hing frische Wäsche auf dem Balkon auf, als plötzlich die Türglocke schellte. Mit einer Wäscheklammer im Haar wischte sie sich die Hände an der Schürze ab und ging öffnen.

Vor der Tür stand Heike. Eigentlich hatte sie sich kaum verändert, nur der Blick huschte unsicher zur Seite, als wäre es ihr höchst unangenehm, hier zu stehen.

Darf ich reinkommen? fragte Heike leise, nestelte nervös am Riemen ihrer Tasche.

Brigitte trat wortlos zur Seite, ließ die Schwiegertochter passieren. Was wollte sie hier, und vor allem: Wo war Klara? Wer passte jetzt wohl auf das kleine Mädchen auf?

Setz dich ruhig, sagte Brigitte möglichst sachlich. Ich hätte nicht gedacht, dich hier zu sehen. Bei der Beerdigung von Rudi hast du noch beteuert, wir würden dich und Klara nie wieder sehen. Wo ist sie, übrigens?

Heike setzte sich vorsichtig auf die Sofakante, die Hände verkrampft im Schoß. Für Sekunden schien sie nach Worten zu suchen, ehe sie endlich hervorbrachte:

Brigitte, ich… ich muss Ihnen etwas sagen, murmelte Heike und blickte an der Schwiegermutter vorbei. Ich heirate. Kaum war der Satz raus, war es so still, dass man das leise Klingeln von Nachbars Kirchenglocke hören konnte.

Das ist doch schön, Heike. Freut mich für dich, antwortete Brigitte ehrlich, obwohl sie nicht recht wusste, warum Heike ihr das gerade jetzt erzählen wollte. Ich hoffe, ihr werdet glücklich und Klara bekommt einen tollen Stiefvater. Das kleine Mädchen hätte es verdient.

Doch Heike schien nicht wirklich in Feierlaune zu sein. Sie atmete tief durch, sammelte sich sichtbar.

Es gibt da… ein Problem, begann sie, und ihre Stimme zitterte. Mein zukünftiger Mann… er ist wirklich ein toller Mensch, ehrlich! Ich liebe ihn sehr. Aber… er will keine fremden Kinder großziehen. Eigentlich möchte er überhaupt noch keine Kinder.

Brigitte starrte wortlos auf die Schwiegertochter. Wie jetzt, keine fremden Kinder? Wusste er nicht, dass es Klara gibt? Das konnte doch nicht wahr sein!

Willst du mir ernsthaft sagen, begann Brigitte langsam und wählte ihre Worte wie beim Eierlauf, dass du Klara abgeben willst? Dein eigenes Kind? Hast du dir das wirklich gut überlegt?

Ja, brachte Heike leise hervor, sah Brigitte mutig an. Ich weiß, es klingt egoistisch, sogar grausam… Aber ich bin jung. Mein Leben liegt noch vor mir! Ich habe einen Mann gefunden, den ich liebe, und will eine neue Familie aufbauen! Und ja, er hat da bestimmte Prinzipien.

Kaum konnte Brigitte ihre Tränen zurückhalten. All die Jahre hatte sie Heike behandelt wie eine eigene Tochter, ihr geholfen, sie unterstützt, mit ihr gezittert und nun saß da eine fremde Frau, die Entscheidungen traf, die Brigitte einfach nicht nachvollziehen konnte.

Und was ist mit Klara? fragte sie kaum hörbar, jedes Wort schwer wie ein Sack Kartoffeln. Sie ist doch erst neun! Sie braucht ihre Mutter, deine Liebe, deine Fürsorge. Sie versteht noch nicht, warum man sie einfach weggeben will.

Ich weiß, Heikes Stimme zitterte nicht mehr und sie schien alles sorgsam durchdacht zu haben. Glauben Sie mir, die Entscheidung fällt mir schwer. Aber ich will mein Glück nicht aufgeben! Sie schaffen das doch mit Klara. Schließlich ist sie Ihre einzige Enkelin bleibt sie das auch.

Brigitte sagte nichts. Wie kann eine Mutter einfach so ihr Kind abgeben? Ein Kind, das sie neun Monate unter dem Herzen getragen hat? Für einen Kerl, der offenbar nicht kapiert hat, was Verantwortung bedeutet?

Ich lasse Ihnen alles Nötige da, sprach Heike unbeirrt weiter und tat dabei so, als würde sie die Übergabe eines Wellensittichs besprechen. Und monatlich bekommt Klara auch Unterhalt, versprochen, immer pünktlich, in Euro. Ich liebe meine Tochter, aber momentan… sie steht mir halt eher im Weg. Vielleicht hole ich sie später zurück.

Geld ist nicht alles, sagte Brigitte schließlich und merkte, wie es sie regelrecht schüttelte. Was sie braucht, ist Liebe und Geborgenheit, kein Kontoauszug. Kinder wollen Nähe. Geld ersetzt keine Mutter!

Für einen Moment herrschte bedrückendes Schweigen. Heike stand dann schließlich auf, offenbar froh, das unangenehme Gespräch hinter sich lassen zu können.

Ich verstehe Sie, wirklich. Aber es ist meine Entscheidung. Ich hoffe, Sie akzeptieren sie.

Und ehe Brigitte überhaupt antworten konnte, war Heike auch schon aus der Haustür verschwunden. Sie war sich sicher, dass Oma ja sowieso nicht nein sagen würde. Schließlich liebte sie ihre Enkelin so sehr.

Klara, die zu diesem Zeitpunkt selig in ihrer kleinen Holzbettchen lag, ahnte noch nichts davon, dass sich ihr Leben bald einmal so umkrempeln würde wie die Bettwäsche zur Sommerzeit. Sie wusste nicht, dass die Mama nun kaum noch da sein würde, und auch nicht, dass man eine Oma im Leben eben nicht austauschen kann.

Von da an lebten die beiden Frauen in einer kleinen, aber gemütlichen Zwei-Zimmer-Wohnung in Hannover. Brigitte lernte, für Klara alles zu sein: Mutter, Vater, Animateurin und Pfadfinderführerin zugleich. Jeden Morgen gab es duftenden Grießbrei oder Pfannkuchen zum Frühstück, dann gings in die Grundschule. Samstags wurde gemeinsam Apfelstrudel gebacken, der Duft erfüllte die ganze Wohnung und ließ sogar den Postboten sabbernd an der Tür verweilen.

Sonntags spazierten sie im Stadtpark, fütterten gierige Enten, drehten eine Runde auf dem Karussell und sammelten die schönsten Herbstblätter. Am Abend, wenn es draußen dämmerte, kuschelten sich beide auf die Couch. Brigitte las Märchen vor, während Klara sich eng an sie schmiegte.

Die Jahre vergingen wie im ICE. Klara wuchs in Brigittes Obhut zu einem aufgeweckten, glücklichen Mädchen heran vermisste nichts, was andere als Familie bezeichnen würden. Ihre Oma kannte sie besser als ihr eigenes Englischvokabular. Für Klara war die Welt in Ordnung.

Nun aber schien sich alles zu ändern. Klara würde ausziehen.

Oma, warum bist du denn plötzlich so traurig? setzte sie sich zu Brigitte und umarmte sie. Ich zieh doch nicht gleich ans andere Ende der Welt! Wir werden uns doch noch ganz oft sehen! Versprochen!

Ja, mein Schatz, antwortete Brigitte und strich der Enkelin übers Haar. Ich mach mir halt Sorgen, dass du dort vielleicht unglücklich wirst.

Wieso das denn? Klara runzelte die Stirn. Es ist doch MEINE Mama! Wie kann ich da unglücklich sein?

Brigitte zuckte mit den Schultern und sah in den düster werdenden Himmel hinaus. Sie konnte Klara unmöglich erzählen, wie wenig Mutterinstinkt Heike je an den Tag gelegt hatte, wie oft sie die Tochter einfach wegorganisierte, als wäre sie ein lästiges Paket. Oder wie prompt sie einen neuen Ehemann fand und sich ein neues Leben zusammenzimmerte als hätte das alte nie existiert.

Stattdessen drückte sie Klara noch fester.

Alles wird gut, Liebling, flüsterte sie. Es ist nur… manchmal fällt es Omas schwer zu begreifen, dass du jetzt groß bist.

Klara lächelte, verstand das ewige Drama der Erwachsenen aber nicht wirklich. Wer kann es ihr verübeln.

*********************

Die nächsten Tage waren für Brigitte ein echter Marathon aus Sorgen, Hirngespinsten und Zu-viel-Kaffee. Sie schlief kaum, wälzte sich nachts von links nach rechts und stellte sich alle möglichen Horror-Szenarien vor. Morgens war sie schon beim ersten Brötchen in Gedanken beim Abschied, abends wurde sie nicht schlauer.

Brigitte Fuchs rief jeden alten Bekannten an, der ihr noch eingefallen ist, holte sich bei Frau Schmitt kluge Ratschläge ab, redete mit dem Pfarrer und zündete sogar eine Kerze in der Kirche an aber am Ende war klar: Klara musste selbst entscheiden, was sie wollte. Es war schließlich ihr Leben, ihre Zukunft.

Eines Abends, beide saßen zusammmen am Küchentisch und nippten an Johannisbeertee, nahm Brigitte ihren ganzen Mut zusammen:

Weißt du, Klara, sagte sie, sah ihr in die blauen Augen, ich hab lange darüber nachgedacht. Und weißt du was? Ich werde dich nicht aufhalten. Wenn du zu deiner Mutter willst, dann darfst du ruhig gehen. Du bist alt genug, selbst zu entscheiden. Aber vergiss nie: Hier ist immer dein Zuhause. Wirklich immer, hörst du?

Klara, die bisher steif wie eine Eisenbahnschiene auf dem Stuhl saß, fiel ihrer Oma um den Hals, Tränen strömten, aber diesmal waren es Freudentränen.

Du bist die beste Oma der Welt! schluchzte sie. Ich wusste das schon immer!

In einer Woche sollte der große Umzug stattfinden. Brigitte bemühte sich sichtlich, ihre Nervosität zu kaschieren, doch manchmal zitterten die Hände beim Kofferpacken. Sie kaufte Klara noch einen besonders hübschen Koffer, wählte die praktischsten Sachen für das neue Leben aus und hoffte insgeheim, dass es nur eine auf Zeit-Sache war und die beiden sich oft sehen würden… oder Klara eines Tages sogar ganz zurückkehren würde.

Am Tag des Abschieds war Brigitte besonders aufgeregt. Heike erschien, nun im schicken Kombi aus Wolfsburg. Nebendran ihr neuer Ehemann, auf der Rückbank schlief das Baby, dick eingemummelt.

Heike sah zufrieden und putzmunter aus. Sie umarmte Klara, aber irgendwo fehlte die Herzenswärme es wirkte eher wie die Umarmung einer entfernten Tante. Sie trat nur leise auf, damit der Kleine nicht aufwachte, und Brigitte fragte sich, ob ihre Schwiegertochter die Tochter überhaupt noch wahrnahm.

Mama! rief Klara, warf sich ihrer Mutter lachend in die Arme. Ich hab dich so vermisst!

Ich dich auch, mein Schatz, Heike küsste sie flüchtig auf die Backe, als ticke die Mutteruhr, aber nur auf Sparmodus. Dann zeigte sie zum Kinderwagen: Schau mal, das ist dein Brüderchen, Jonas.

Klara wandte sich mit glänzenden Augen an Brigitte:

Oma… kommst du mit zu uns?

Nein, Liebling, Brigitte lächelte tapfer. Aber ich besuche dich ganz oft. Versprochen.

Der Kombi rollte langsam an, Klara winkte aus dem Fenster. Brigitte stand noch lange vor dem Haus, während das Rücklicht am Horizont langsam verschwand. Sie wusste, dass nun Monate voller Sorge und Sehnsucht vor ihr lagen. Und doch war sie sicher, alles erdenklich Mögliche für das Glück der Enkelin getan zu haben.

*****************

Die ersten Wochen nach dem Umzug waren für Klara ein einziger Mix aus Neugier und Chaos. Sie kümmerte sich rührend um Jonas, half beim Wickeln, Schaukeln und sogar beim Kochen der Babybreie. In der neuen Schule fiel ihr vieles schwer andere Lehrer, fremde Klassenkameraden, neue Sitten in Bayern. Doch langsam fand sie Anschluss…

Heike war wirklich auf Hilfe angewiesen ihr Mann schuftete bis spät, sie selbst jonglierte zwischen Babyspeck und Bürojob. Oft bemerkte Klara, wie geschafft ihre Mutter war, aber insgesamt hamonierte der neue Alltag halbwegs. Abends in ihrem neuen Zimmer dachte sie oft an Oma, an den Geruch von Hefezopf, an die Reihe Märchenbücher und die Enten am Parkteich. Sie stellte sich tapfer, immerhin hatte sie ja selbst diesen Lebensweg gewählt.

Doch je mehr die Wochen vergingen, desto klarer wurde ihr: So rosig war das alles nicht.

Morgens der übliche Trott: Schule, nach Hause rennen und dann Babysitter für Jonas auf unbegrenzte Zeit. Der kleine Bruder war launisch, schrie die Wohnung zusammen und raubte Klara den letzten Nerv. Hausaufgaben? Blieben oft auf der Strecke.

Die Verantwortung wuchs von Tag zu Tag, Mama war immer öfter außer Haus. Ich hab ein Meeting, muss länger bleiben oder Die Freundin hat zum Kaffee geladen, sei brav! Klaras Proteste prallten ab wie Regen auf dem Dackel.

Eines Abends war Klara gerade über Matheaufgaben gebeugt, da stürmte Heike herein Aktenmappe in der Hand, Mantel noch an:

Klara, fütter Jonas und bring ihn ins Bett, rief sie im Vorbeigehen. Ich hab einen Termin mit einem Mandanten.

Mama, nächste Woche schreib ich ne Mathearbeit, versuchte Klara zu protestieren. Ich hab zu wenig Zeit… Ich kann nicht immer alles alleine machen!

Das lernst du dann halt später, dafür bist du die Große! Ich muss schließlich auch zusehen, wie ich an Euro komm, oder meinst du, das fällt vom Himmel?

Klara blieb allein zurück, schaute der zufallenden Tür hinterher. Die Wut darüber, dass sie immer zurückstecken musste, brodelte in ihr. Warum konnte Mama nicht einfach mal eine Nanny bezahlen? Schließlich verdienten sie ja nicht schlecht!

Erst als Jonas schlief, versuchte Klara, sich wieder an die Hausaufgaben zu setzen. Aber alles tanzte vor ihren Augen Zahlen, Formeln, alles wirbelte im Kopf herum.

Mama kam erst nach Mitternacht. Sie war bester Laune, nickte Klara kurz zu, verschwand mit einem Tee als sei alles ganz normal.

Auch in der Schule wurde es nicht besser. Die neuen Mitschüler schauten komisch, weil Klara dauernd Babysitter war und nie zu Einladungen kommen konnte. Manchmal fühlte sie sich wie das fünfte Rad am Wagen.

Als eines Abends wieder alles zu viel wurde, setzte sich Klara aufs Bett, zog die Knie an und begann zu weinen. Heiße Tränen tropften wie Wasserhähne, das Kissen wurde nass. Noch nie hatte sie sich so allein gefühlt.

Da vibrierte das Handy eine Nachricht von Oma Brigitte:

Mein Herz, wenn du kommen möchtest hier ist immer Platz für dich. Dein Zuhause wartet.

Diese schlichten Worte waren wie ein wärmender Sonnenstrahl nach Wochen voller Regen. Klara las sie immer wieder und spürte, wie der Kummer langsam wich.

Am Morgen nach einer weiteren Horrornacht Jonas schrie bis tief in die Nacht, Heike und ihr Mann schliefen selig durch fasste Klara einen Entschluss. Nach dem Unterricht kramte sie ihr Handy hervor und wählte Omas Nummer.

Oma? Ihre Stimme zitterte, aber sie versuchte, ruhig zu klingen. Darf ich zu dir kommen?

Aber natürlich, mein Schatz! In Brigittes Stimme lag so viel Wärme, dass Klara fast aufatmen musste. Wann kommst du?

Heute, brachte Klara leise heraus, ein Kloß steckte ihr im Hals. Ich kann einfach nicht mehr.

Gut, sagte Brigitte erleichtert. Ich hole dich am Bahnhof ab. Keine Sorge, alles wird wieder gut.

Als Heike nach Hause kam, überraschte sie ihre Tochter beim Packen.

Was soll das werden? fragte sie verärgert.

Ich fahre zu Oma, sagte Klara, so ruhig sie konnte auch wenn es in ihr tobte.

Jetzt fang nicht mit Zicken an! Heike wurde laut. Mir wächst gerade alles über den Kopf, da brauche ich deine Hilfe! Warum kapierst du das nicht?

Mama, ich bin kein Klotz am Bein! Ich will einfach nur wieder glücklich sein. Ich dachte, hier finde ich die Liebe und Fürsorge, auf die ich als Kind so gehofft habe… Aber ich bin doch nur die Babysitterin für deinen Sohn. Du brauchst mich nur als Helferin, nicht als Tochter.

Heike schwieg, und Klara packte weiter, diesmal sicherer als je zuvor. Sie wusste, Oma wartete dort, wo Wärme, Geborgenheit und ein Stück Apfelstrudel auf sie warteten.

Bei Brigitte in Hannover war alles wie immer: Der leckere Duft aus der Küche, die vertrauten Hausschuhe, die liebevoll geordneten Bücher. Klara fühlte sich wirklich zu Hause.

So, mein Schatz, lächelte Brigitte, als sie gemeinsam durch den Flur gingen, nun sind wir wieder vereint! Und gemeinsam müssen wir keine Berge versetzen aber wir schaffens! Du kannst dich immer auf deine Oma verlassen.

Die ersten Tage waren angefüllt mit Liebe, Kuchen und guten Gesprächen. Brigitte half Klara mit den Hausaufgaben, versorgte sie mit tröstenden Worten und bestärkte sie in allem.

Heike rief ein paarmal an, bat sie zurückzukommen. Aber Klara blieb standhaft: Ihr Platz war bei Oma. Bald darauf wurde sie wieder an ihrer alten Schule angemeldet.

Einige Wochen später meldete sich Heike erneut dieses Mal klang sie ruhiger, überlegter, als hätte sie die Sache endlich verstanden.

Klara, sagte sie nach einer langen Pause, ich habe in der letzten Zeit viel verstanden. Vielleicht kannst du mir verzeihen?

Mama, sagte Klara leise, während Brigitte ihr aufmunternd zunickte, ich trage keinen Groll. Aber lass uns ehrlich sein: Ich bin hier zu Hause, und du bist das inzwischen auch ohne mich. Lass uns das einfach so akzeptierenIn diesem Moment, als Klara das ausgesprochen hatte, wich alle Schwere aus ihrem Herzen. Am anderen Ende der Leitung war lange Stille, dann ein leises Ich verstehe dich und ich will, dass du glücklich bist. Du kannst jederzeit anrufen. Das war vielleicht keine Versöhnung, aber immerhin ein Anfang. Und manchmal war ein Anfang genau das, was man brauchte.

Am selben Abend setzten sich Klara und Brigitte an den Küchentisch, zündeten die dicke gelbe Kerze an, die immer für besondere Anlässe reserviert gewesen war. Draußen schneite es leise; in der Stube war es warm und voller Geborgenheit. Gemeinsam knabberten sie an einer Stulle, unterhielten sich über Schule und Zukunft, lachten über Omas schräge Geschichten von früher.

Irgendwann holte Brigitte eine alte Blechdose hervor. Weißt du, was das ist?, fragte sie spitzbübisch. Klara schüttelte neugierig den Kopf, und Oma öffnete feierlich den Deckel. Darin verborgen lagen alte Fotografien Bilder aus Brigittes Kindheit, von Klaras Vater, und sogar eines, auf dem Heike als kleines Mädchen strahlte. Gemeinsam tauchten sie in Erinnerungen ein, bemerkten, wie sehr Trotz und Liebe, Schmerz und Hoffnung immer nebeneinander gestanden hatten.

Kurz vor dem Zubettgehen fragte Klara: Oma, warum tun Erwachsene sich oft so schwer, das Richtige zu tun?

Brigitte lächelte und zog Klara in eine feste Umarmung: Weil wir alle Angst haben, Fehler zu machen aber weißt du was? Manchmal wächst das Glück genau da, wo jemand mutig genug ist, sein Herz zu zeigen. Wie du.

Als Klara schließlich eingeschlafen war, geschützt durch die Wärme von Omas Umarmung und dem Klang der vertrauten alten Wanduhr, wusste sie, dass ihr Zuhause nicht einfach nur ein Ort war sondern überall da, wo Menschen sie so liebten, wie sie war.

Und in dieser Nacht, im Schein der kleinen Nachtlampe, ahnte sie zum ersten Mal: Vielleicht war das wahre Glück nichts anderes als ein gemeinsamer Apfelstrudel, ein Stapel Geschichten und die Gewissheit, dass jemand immer auf sie wartete, ganz gleich, wohin das Leben sie noch führen würde.

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Homy
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