Ich suche eine lebensfrohe und energiegeladene Frau, keine Altersgenossin: Mit fünfzig ist das einfach was anderes… Der 55-jährige Herr verheimlichte mir sieben Jahre und seinen Bauch, war aber beleidigt, als er mein Alter erfuhr…
Ich brauche eine Frau, die höchstens zweiundvierzig ist. Das ist das absolute Maximum. Und nur, wenn sie aussieht wie höchstens fünfunddreißig. Mit fünfzig, das ist doch nicht mehr das, was ich suche, Martin. Ich will Vitalität und Energie, keine Partnerin, die mein Spiegelbild ist.
Ich selbst bin vielleicht kein Til Schweiger, aber innerlich bin ich achtundzwanzig geblieben. Außerdem, Männer gewinnen mit dem Alter nur an Wert, Frauen… naja, du weißt schon.
Meine Freundin Heike und ich sitzen am Nachbartisch in einem kleinen Café in München und werden unfreiwillig Zeuginnen dieser einzigen männlichen Stand-up-Show. Nach dem Sport wollten wir eigentlich nur schnell etwas essen und über Heikes neue Diät sprechen, doch unser Gespräch wird unvermittelt durch das laute Plädoyer des Mannes unterbrochen.
Hörst du das? flüstert Heike spöttisch. Der schätzt sich wohl ziemlich hoch ein, oder glaubt er ist ein Hauptgewinn im Sonderangebot.
Pst, lache ich, lass uns weiter zuhören, es ist wie Kabarett.
Der Redefluss reißt nicht ab:
Also, ich esse zum Beispiel niemals Essen von gestern. Grundsätzlich! Eine Frau muss jeden Tag frisch kochen. Solange ich alleine bin, gibts auch mal Maultaschen, ich bin ja genügsam. Aber wenn es ernst wird, stelle ich mir schon eine richtige Beziehung vor: Rouladen, Schnitzel, Kuchen. Und sie muss schlank sein. Ich brauche Kontraste: ich stattlich, sie zierlich.
Und Kinder? fragt sein Freund vorsichtig und beäugt skeptisch den Stattlichen. Deine sind doch schon erwachsen, bald gibts wohl Enkel.
Nein danke, Nachkommen habe ich genug. Ich suche eine Begleiterin für die Seele. Und für den Körper. Jemand, der aktiv ist, gern wandert, ins Gebirge fährt. Oder wenigstens mit aufs Land fährt, aufs Wochenendhaus.
Ich muss mir das Lachen verkneifen. Ins Gebirge? Der gute Mann ist wahrscheinlich noch nie weiter als zum nächsten Bäcker gelaufen.
Heike, wetten, er spricht mich gleich an? flüstere ich und zwinkere ihr zu.
Im Ernst? Sie reißt die Augen auf. Eva, du bist doch gar keine Vierzig mehr.
Pssst, ich lege den Finger auf die Lippen. Das wird ein Selbstversuch. Ich will wissen, wie weit Männer sich selbst belügen.
Das Kennenlernen klappt übrigens wie geschmiert. Wir tauschen Nummern und schreiben am selben Abend noch, als wären wir alte Bekannte.
Online nennt er sich Macho48.
Sein Profilbild ist sicher zehn Jahre alt: Bauch eingezogen, ein dicker Mercedes im Hintergrund, und ein Blick, als hätte er schon alles erreicht.
Nach ein paar Tagen schlägt Johann ein Treffen vor.
Er erscheint im Ausgehanzug, dessen Knöpfe bedenklich spannen und sein Bauch stolz nach vorne drückt.
Eva, säuselt er mit einem Grinsen, das eine nicht ganz perfekte Zahnreihe entblößt. Heute siehst du einfach großartig aus.
Danke, Johann, antworte ich schüchtern und blicke zu Boden. Du bist auch ganz charmant.
Wir treffen uns noch ein paarmal.
Für mich ist das ein Spiel meine schauspielerische Prüfung. Ich höre aufmerksam seinen Erzählungen von seinem Unternehmen (ein kleiner Stand am Viktualienmarkt), von dem fast gekauften Neuwagen (das Geld hat er dann doch investiert) und wie wichtig für Männer ein gemütliches Heim ist.
Wenn wir im Park spazieren, gerät er nach hundert Metern schon ins Schnaufen, nennt das aber Atemtechnik.
Und dann kommt der große Moment.
Johann, satt und charmant von meinen Komplimenten, wagt den nächsten Schritt.
Eva, sagt er und hält meine Hand du bist perfekt: schlank, häuslich, jung. Übrigens… ich muss dir etwas gestehen ich bin keine achtundvierzig.
Ach ja? hebe ich erstaunt die Brauen. Wie alt bist du denn?
Fünfundfünfzig, flüstert er und wartet gespannt auf meine Reaktion. Aber ich habe mich echt gut gehalten, oder?
Absolut, Johann! rufe ich lebhaft. Höchstens vierundfünfzig. Ich stehe auf Männer mit Lebenserfahrung die bringen Weisheit.
Er blüht richtig auf.
Gott sei Dank. Das war mir schon unangenehm. Ich bin eben kompromisslos: Eine Frau über zweiundvierzig passt nicht. Die Energie ist dann anders. Aber du du bist richtig lebendig.
Danke, Liebling, sage ich und streichle sanft über seine Glatze. Übrigens, ich habe auch ein kleines Geheimnis.
Was denn? fragt er argwöhnisch. Kinder? Schulden?
Nein, Johann. Es geht um mein Alter.
Da spannt sich sein Gesicht.
Was meinst du? Du bist keine vierzig?
Na, fast.
Achtunddreißig? fragt er hoffnungsvoll.
Lächelnd hole ich meinen Ausweis aus der Tasche und reiche ihn ihm.
Schau selbst, Johann.
Er nimmt das Dokument, blättert, und starrt lange auf das Geburtsdatum und rechnet still.
1975.
Fünfzig…? haucht er und wird kreidebleich. Du bist fünfzig?
Genau, Johann. Habe vor zwei Monaten meinen runden Geburtstag gefeiert.
Der Ausweis rutscht ihm aus der Hand. Er blickt mich so erschüttert an, als hätte ich mich eben in eine Hexe verwandelt.
Aber wie geht das…? Du siehst aus wie…
… eine Frau, die auf sich achtet, Johann. Und keine Currywurst isst.
Aber das ist Betrug! ruft er aus. Ich habe doch klar gesagt: bis maximal zweiundvierzig. Das ist mir wichtig. Ich kann keine Gleichaltrige treffen.
Ich bin nicht deine Gleichaltrige, übrigens. Es hat doch alles gepasst, oder? Oder bröckele ich irgendwo schon auseinander?
Johann wird puterrot.
Nein, aber das Alter… fünfzig, das ist doch bald Rente.
Alter, Johann, sage ich ruhig beim Aufstehen das beginnt im Kopf. Ich bin eine Frau in bestem Alter. Und weißt du was? Mir ist auch was klar geworden.
Was denn? fragt er und schaut mich ausbleichend an.
Dass ich, eine fünfzigjährige Frau, wirklich einen Mann suche. Und keine Mischung aus Komplexen, Bauch und Gemüsestand. Meinen Feuer hältst du eh nicht aus. Da verbrennst du nach dem ersten Versuch mitzuziehen.
Ich nehme meinen Ausweis und gehe zur Tür.
Eva! ruft er. Warte! Und was ist mit uns?
Uns? drehe ich mich noch mal um. Nach deiner Logik sind wir gleich alt. Aber du wolltest doch eine Junge. Dann sucht mal weiter. Vielleicht findest du ja eine, deren Brille dick genug ist.
Draußen wartet Heike im Auto.
Und? fragt sie, als ich einsteige. Hat er sich offenbart?
Und wie! lache ich. Besonders als ich ihm meinen Ausweis gezeigt habe. Du hättest sein Gesicht sehen sollen. Fast als hätte er gerade erfahren, dass die Erde rund ist.
Und jetzt?
Jetzt sucht er weiter nach der Jüngeren und wird weiterleiden. Und wir gehen feiern. Ich habe heute ein Date mit einem ganz normalen Mann. Er ist fünfundvierzig und es ist ihm völlig egal, was in meinem Ausweis steht.
Johann sitzt währenddessen noch immer auf der Datingseite. Sein Profil aktualisiert Suche Frau bis maximal 40 Jahre. Ehrlich! Das Foto? Natürlich, das gleiche von vor zehn Jahren.
Warum haben eigentlich manche Männer so viel Angst vor Altersgenossinnen? Und lohnt es sich, das eigene Alter für eine Beziehung zu verschweigen oder ist Ehrlichkeit nicht doch besser?




